Knapp eineinhalb Jahre nach dem Terrorangriff der Hamas befindet sich Israel, obwohl noch immer im Schockzustand, auf der Suche nach der Normalität.
Seit dem 7. Oktober 2023 ist in Israel nichts mehr, wie es vorher war. Der brutale Terrorangriff der Hamas hat nicht nur unzählige Leben gefordert, hauptsächlich Zivilisten, sondern auch das Sicherheitsgefühl der Menschen erschüttert. Und doch geht das Leben weiter – weil es weitergehen muss.
In Tel Aviv sitzen die Menschen in Straßencafés, Familien besuchen die Strände, in den Kibbuzim wird geerntet und produziert, in Jerusalem pilgern Gläubige zu den heiligen Stätten. Doch hinter der scheinbaren Normalität lauert überall die Erinnerung an den Schrecken jenes Tages. An die Morde, Vergewaltigungen, Verstümmelungen, an die Geiselnahmen. Die Straßen sind ungewohnt leer, die Touristen fehlen, die Stimmung ist gedämpft. Es ist eine Reise in ein Land, das zwischen Alltag und Ausnahmezustand schwankt – und das dennoch unbeirrt an seiner Zukunft festhält.

Jarden Bibas wurde am 1. Februar 2025 im Rahmen eines Geiselabkommens freigelassen. Am 20. Februar übergab die Hamas die Leichen von Kfir und Ariel an das Rote Kreuz, das sie anschließend nach Israel brachte. Nach Angaben der israelischen Armee waren die beiden Kinder bereits kurz nach ihrer Entführung ermordet worden. Am darauffolgenden Tag folgte die Übergabe der Leiche von Schiri Bibas. Eine am Vortag übergebene Leiche, die zunächst für die von Schiri gehalten wurde, konnte keiner bekannten Geisel zugeordnet werden. Fotos: Till Oliver Becker
Tel Aviv: Kontrast zwischen Moderne und Tradition
Tel Aviv, die pulsierende Metropole am Mittelmeer. Die Stadt ist ein Symbol für das moderne Israel, geprägt von kosmopolitischem Flair und knisternder Energie. Die lebendige Atmosphäre bietet einen Kontrast zu den politischen und sozialen Spannungen, die das Land prägen. Doch trotz der nach außen hin demonstrierten Fröhlichkeit dieser rasant wachsenden Stadt sind überall die Zeichen der Zeit sichtbar: gelbe Schleifen als Symbol der Solidarität und der Hoffnung auf die Rückkehr der nach Gaza verschleppten Geiseln. Fotowände mit Bildern der Entführten, mit Namen, Daten und dem Hinweis, ob die Menschen noch leben könnten. Verlässliche Informationen sind rar, die Hamas kooperiert auch hier nicht.

Die Kibbuzim: Ein Stück israelische Geschichte
Kaum etwas ist so tief mit der Geschichte des modernen Staats Israels verwoben wie die Kibbuzim. Ursprünglich oftmals gegründet worden als ein sozialistisches Experiment sind die Siedlungen längst zu Ortschaften gewachsen. Vom Sozialismus hat man sich mittlerweile fast überall verabschiedet, stattdessen werden oft Spezialitäten und Besonderheiten produziert und vermarktet. Ein erster Halt im Kibbuz Hatzerim zeigt diese Entwicklung. Hier wurde vor über 60 Jahren die Tropfbewässerung entwickelt, die die Landwirtschaft in Israel revolutionierte und zum Exportschlager wurde. Lange Reihen von Jojoba-Büschen, tausende, wachsen und gedeihen hier, mitten in der Wüste auf knochentrockenem Boden. „Wir müssen mit dem auskommen, was wir haben“, sagt ein Mitarbeiter der Plantage, „es bringt nichts, nach dem Staat zu rufen.“ Diese Einstellung, das zeigt sich in Gesprächen immer wieder, ist typisch für viele Menschen in Israel. Nachhaltiger Umgang mit Ressourcen, optimierte Abläufe – das ist in diesem Land seit vielen Jahren nicht nur Notwendigkeit, sondern gelebtes Credo.

Kontrast: Begegnung mit Terroropfern
Wie viel Grauen kann ein Mensch aushalten? Eindrucksvolle und bewegende Begegnungen geben darüber Auskunft. Zwei Opfer der Terrorwelle der Hamas am 7. Oktober 2023 teilen ihre Erinnerungen, und die Erzählungen machen sprachlos. Doch es sind nicht nur die dramatischen Details des Terrors, die hier im Vordergrund stehen, sondern auch die bemerkenswerte Stärke, mit der die Opfer ihr Leben weiterführen.
Reut Karp, die heute ein Café in Tel Aviv betreibt, erzählt, wie sie hilflos am Telefon verfolgen musste, wie ihr Ex-Mann Dvir und dessen Partnerin ermordet wurden, während sich ihre Tochter Daria, damals 10 Jahre alt, im Kibbuz Re’im versteckte. Das Kind verbrachte das Wochenende bei ihrem Vater, als der Alarm ertönte. Sie rannte mit ihrem kleinen Bruder in den Schutzraum, wo Dvir eine Axt und ein Messer mitnahm, „für den Fall, dass etwas passiert“. Daria schlief ein, doch als sie aufwachte, sah sie Terroristen in der Tür. Sie erlebte, wie ihr Vater und dessen Freundin Stav vor ihren Augen erschossen wurden. Sie blieb mit ihrem Bruder versteckt, als die Mörder weiterzogen. Drei Stunden lang konnte sie nur über das Handy mit ihrer Mutter in Kontakt bleiben. Schließlich wurden sie gerettet, doch das Erlebte wird Daria und ihrer Familie für immer nachhängen.
Die zweite Geschichte ist die von Ella Haimi, der Witwe von Tal Haimi, der am 7. Oktober 2023 als Geisel genommen und später ermordet wurde. Tal kämpfte im heimischen Kibbuz Nir Yitzhak gegen die Terroristen, bevor er nach Gaza verschleppt wurde. Nach 68 Tagen erhielt die Familie die Nachricht von seinem Tod. Ella, damals schwanger, brachte im Mai 2024 ihr viertes Kind zur Welt, einen Sohn, der seinen Vater nie kennenlernen wird. Ihr Kampf, seinen Leichnam zurückzubekommen und in Würde zu beerdigen, ist ebenso Teil des Traumas, das die israelische Gesellschaft durchlebt.
Und doch, trotz des erlebten Grauens und der physischen und psychischen Wunden, die der Terror hinterließ, blicken diese Menschen nicht nur auf das erlebte Trauma zurück, sondern engagieren sich weiterhin für ihre Gemeinschaften und tragen zur Entwicklung des Landes bei. Diese Haltung, der Wille, trotz allem nicht aufzugeben, ist typisch für viele Israelis, die immer wieder mit dem Unvorstellbaren konfrontiert sind.

Wo sonst Menschen gedrängt stehen, ist es jetzt leer
Am Toten Meer wird der Kontrast zwischen Vergangenheit und Gegenwart besonders deutlich. Die Bergfestung Masada, Symbol für den Widerstand gegen die Römer, und das Wanderparadies Ein Gedi, geprägt von atemberaubender Natur, spiegeln die Vielseitigkeit Israels wider. Beide Orte zeigen auf ihre Weise die Kraft der Menschen, ihre Umgebung zu formen und zu prägen.
Jerusalem, das spirituelle Herz des Landes, trägt sowohl religiöse Bedeutung als auch politische Spannungen in sich. Der Besuch der Altstadt und der heiligen Stätten ist eine stille und ergreifende Erfahrung. Die Geschichte dieser Stadt, von Konflikten geprägt, hat eine immense Bedeutung für die drei monotheistischen Weltreligionen. Besonders erschreckend ist es jedoch, die sonst überfüllten touristischen Hotspots, wie das Grab Christi, nahezu menschenleer vorzufinden. Inmitten dieser gespenstischen Stille, die an den heiligen Orten herrscht, spiegelt sich die tiefe Zerrissenheit der Gesellschaft wider, die durch den Terror gezeichnet ist.
Es habe sich vieles verändert seit dem Terroranschlag am 7. Oktober, verrät der Fremdenführer. Claude, ausgebildeter Schauspieler und Acting Coach, spricht fließend Deutsch. Mit Leidenschaft erzählt und erklärt er und ermöglicht es so, dieses Land zu verstehen. Dabei ist ihm anzumerken, wie ihn die Situation beschäftigt, wie die Gedanken sich immer neu zusammenfinden und auch bei diesem Mann Ängste und Sorgen auslösen. Aber davon lässt er andere, besonders die wenigen Touristen, nichts spüren. Hier ist er dann tatsächlich nicht nur Fremdenführer, sondern auch Schauspieler. Ein sehr guter sogar. Aber viele seiner Landsleute sind in diesen Tagen Schauspieler – sie spielen sich selbst und anderen eine Normalität vor, die es derzeit so nicht geben kann. Vielleicht muss man das machen, um nicht zu verzweifeln.
