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Drei Tage in Lwiw in Zeiten des Krieges – Ein fragmentarisches Tagebuch

Liane Bednarz ist mit dem Mediennetzwerk „Freedom Today“ und dessen CEO Andreas Jürgens in der Ukraine unterwegs. Dort haben sie sich mit Christian Gruber getroffen, der dort als Volunteer und zudem als Kriegsreporter tätig ist. Gemeinsam reisen sie durch das Land und führen mit Ukrainern Gespräche vor Ort. Hier schildert Liane Bednarz ihre persönlichen Eindrücke während der ersten drei Tage der Reise in Lwiw in der Westukraine. Die englischsprachige Fassung wird auf der Homepage von „Freedom Today“ erscheinen.

Ankunft in der Ukraine

Jetzt ist es also wirklich so weit. Wir fahren in die Ukraine. Die blau-gelbe Flagge am Grenzübergang bereitet mir Gänsehaut. Wie wird es sein, die Menschen dieses Landes zu treffen, die aus der Ferne so tapfer und entschlossen wirken, die Putin und seinen Schergen seit nunmehr bereits drei Monaten heroisch die Stirn bieten? Zugleich kann ich eine gewisse innere Unruhe nicht verhehlen. Wir sind jetzt wirklich im Kriegsgebiet.

Der Weg über Land führt durch Wälder, Dörfer und kleine Städte. Am Straßenrand finden sich immer wieder kleine, auffällig schön verzierte Kapellen, aber auch an vielen Kirchen kommen wir vorbei. Noch könnte man meinen, es gebe keinen Krieg. Doch irgendwann passieren wir eine Straßensperre, zeigen den Soldaten unsere Papiere und ich erlebe nun erstmals auch optisch, wie es ist, in einem Land im Kriegszustand zu sein. Wenig später im Hotel in Lwiw, unserer ersten Station der Reise, schalte ich den Fernseher an. Es gibt viele Sender hier im Land. Und auf fast allen geht es um den Krieg.

Tag 1 in Lwiw, 24. Mai 2022, auf den Tag genau drei Monate nach Kriegsausbruch

Am Mittag des nächsten Tages spreche ich erstmals mit Ukrainern vor Ort, also hier in der Ukraine. Die Verständigung auf Englisch klappt gut. Sie erklären mir die aktuelle militärische Lage im Süden bei Odessa und der östlich davon gelegenen und strategisch wichtigen Stadt Mykolajiw. Ganz präzise, aber alles andere als verzweifelt. Sie sind unglaublich herzlich und optimistisch. Ich bekomme eine erste Ahnung von der ukrainischen Mentalität und beginne zu verstehen, woher die so bemerkenswerte Resilienz und Widerstandskraft der Menschen hier gegen Putin kommt. Tief aus der ukrainischen Seele offenbar. Keine Spur von Missmut, von Verzweiflung schon gar nicht. Hier im Land mit Ukrainern über die militärische Lage zu reden, geht unter Haut.

Wenn sie untereinander Ukrainisch sprechen, bin ich, was sich auch in den nächsten Tagen zeigen sollte, immer wieder erstaunt, wie viele Worte ich erkenne, weil sie ihren polnischen Pendants so ähnlich sind. Und bei Ukrainern, die kein Englisch sprechen, hilft bisweilen auch das bisschen Polnisch, das ich inzwischen kann. Die Ähnlichkeit der beiden Sprachen, die – so erzählen es mir die Ukrainer – viel ausgeprägter als die zum Russischen ist, hat etwas Sinnbildliches. Denn Polen erweist sich seit Kriegsbeginn als loyaler und absolut verlässlicher Freund des geschundenen Landes. Hat über drei Millionen Flüchtlinge aufgenommen und unterstützt die Ukraine auch militärisch mit einer beeindruckenden Entschlossenheit. Unter anderem mit rund 240 Kampfpanzern russisch-sowjetischer Bauart. Dafür sollte es aus Deutschland Ersatz geben. Aber auch das hakt wie so ziemlich alles in Deutschland, wenn es darum geht, schwere Waffen an die Ukraine zu liefern. Der polnische Präsident Andrzej Duda hat der deutschen Regierung sogar „Wortbruch“ vorgeworfen.

Scham über die Haltung der Briefschreiber rund um Alice Schwarzer

Es fühlt sich dieser Tage nicht gut an, deutsch zu sein. Diese Mischung aus Zögern und Zaudern und Feigheit der Bundesregierung beschämt nicht nur mich seit Wochen. Gleiches gilt für die trotzige Weigerung von Bundeskanzler Olaf Scholz, nach Kiew zu fahren. Und für die Hybris und Egozentrik der Schreiber des offenen Briefs rund um Alice Schwarzer. Ausgerechnet Deutsche, deren Land einst durch entschlossene Alliierte von Hitler befreit wurde, denken nun vornehmlich an sich selbst.

Ihre Priorität ist nicht die Unterstützung eines Landes, in dem ein Massenmörder und Kriegsverbrecher tobt, sondern, dass Deutschland nicht selbst Kriegspartei wird. Alles soll möglichst schnell vorbei sein. Der Preis, den die Ukraine dafür zu zahlen hat, ist ihnen augenscheinlich egal. In einem großen Akt der Anmaßung gehen diese Briefschreiber sogar so weit, zu behaupten, dass es ein Irrtum sei, anzunehmen, „dass die Entscheidung über die moralische Verantwortbarkeit der weiteren ‚Kosten‘ an Menschenleben unter der ukrainischen Zivilbevölkerung ausschließlich in die Zuständigkeit ihrer Regierung falle“, denn „die moralisch verbindlichen Normen“ seien „universaler Natur“. Welche moralische Norm es geben soll, die dem Opfer eines Aggressors empfiehlt, sich möglichst bald zu ergeben, statt dem Opfer bestmöglich zu helfen, bleibt das Geheimnis der Briefschreiber.

Mein zunehmendes Entsetzen über das Handeln oder besser Nichthandeln der Bundesregierung sowie über den Verlauf der deutschen Debatte hat in mir Mitte April den Entschluss ausgelöst, selbst in die Ukraine zu reisen. Zum einen, um den Ukrainern in meinem kleinen Rahmen zumindest meine persönliche Solidarität vor Ort zu zeigen. Zum zweiten, um selbst zu erleben und damit besser zu verstehen, wie die Situation im Land ist und wie die Menschen, die anders als die Briefschreiber dem Krieg unmittelbar ausgesetzt sind, damit umgehen. Und schließlich in der Hoffnung, ihnen eine Stimme zu geben, damit in Deutschland besser verstanden wird, wie irreal der Debattenverlauf ist und wie sehr er an der Lebensrealität der Ukrainer in Kriegszeiten vorbeigeht.

Luftalarm – plötzlich ist der Krieg ganz nahe

Kaum haben wir uns von den Ukrainern, mit denen wir über den Kriegsverlauf im Süden sprachen, verabschiedet, höre ich um 12.43 Uhr erstmalig die Sirene. Zuerst auf der Warn-App auf dem Smartphone, wenige Sekunden später auch draußen. Luftalarm. Ein Wort wie aus anderen Zeiten. Und doch ganz real jetzt und hier in Lwiw, nicht einmal 800 km Luftlinie von Berlin entfernt. Das Hotel hat einen Schutzraum. Ruhig und besonnen suchen ihn die Gäste auf. Ich setze mich auf einen Stuhl, eine innere Angst kommt hoch. Ich versuche, sie zurückzudrängen und bilde mir ein, dass mir das gelingt. Aber Andreas, der neben mir sitzt, sagt mir später, meine Hände hätten gezittert. Diese Mal ist alles schnell vorbei. Um 13.04 Uhr geben die App und die Sirene mit einem anderen, positiv klingenden Ton Entwarnung. Die App ist praktisch. Man stellt sie auf den jeweiligen Oblast ein, in dem man sich befindet. Oblaste sind die regionalen Verwaltungseinheiten der Ukraine, also so eine Art Bundesländer. Wir sind im Oblast Lwiw.

Der „Bayraktar“-Song und die entschlossen-optimistische ukrainische Seele

Ich habe einen Ohrwurm: „Bayraktar“. Ein Anfang März veröffentlichter Song des ukrainischen Sängers und Gitarristen Taras Borovok, der die türkische Kampfdrohne „Bayraktar“ feiert, mit der sich die ukrainischen Streitkräfte bereits zu Beginn des Krieges so erfolgreich der Angriffe auf Kiew erwehren konnten. Später, im April gelang es den Ukrainern zudem, mit Bayraktar-Drohnen die Flugabwehr des russischen Schwarzmeerflotten-Flagschiffs „Moskva“ abzulenken, so dass sie dieses kurz darauf erfolgreich mit Neptun-Raketen zum Sinken bringen konnten. Der Songtext ist ein beißender Spott auf die Russen, die slawische Melodie mitreißend. Es gibt inzwischen unzählige Versionen davon, etwa eine mit ukrainischen Soldaten vor zerschossenen russischen Panzern; das Video dazu zeigt sie gut gelaunt, belustigt, mit Instrumenten und entschlossen. Es sagt viel aus über den „Spirit“ der Truppe, ihre Moral und warum sie so erfolgreich in der Abwehr der russischen Invasion ist. Die Version, die ich zuerst hörte, ist ein House-Remix. Popkultur kann also auch im Krieg eine wichtige Rolle spielen.

Am frühen Nachmittag zeigen Andreas und Chris mir die wunderschöne und sehr gepflegte Altstadt von Lwiw. Sie, die Wikipedia treffend als „herausragendes Beispiel für die Verschmelzung der architektonischen und künstlerischen Traditionen Ost- und Westeuropas mit denen Italiens“ beschreibt, ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Und in ihr pulsiert das Leben. Mitten im Krieg. Die Außenbereiche der Restaurants sind voll, die Geschäfte geöffnet. Keine Frage: auch hier zeigt sich die Resilienz der ukrainischen Seele. Die Menschen lassen sich von Putin ihre Lebensfreude nicht nehmen. Sie trotzen ihm demonstrativ. Aber zeigen auch ihre Trauer.

Die Wand der Erinnerung am Soborna-Platz

Den Opfern des Krieges wird an einer großen Wand, der „Wand der Erinnerung“ am Soborna Platz gedacht. Es handelt sich um einen Zaun, den der in Miami ansässige US-amerikanische Student Leo Soto Ende April in Eigeninitiative aufgestellt hat. Dort hängen laminierte Fotos von toten Ukrainern aus dem ganzen Land, umringt von einer Fülle von sowohl künstlichen als auch frischen Blumen in leuchtenden Farben.

Blumen, so erzählt uns später jemand, haben eine große Bedeutung im Land. So sind auch in der Altstadt viele Gebäude mit Blumen verziert.

Es tut weh, vor der „Wand der Erinnerung“ zu stehen. Viele junge Leute sind auf den Fotos zu sehen. Sinnlos aus dem Leben gerissen. Sinnlos gestorben aufgrund des imperialen Wahns eines einzelnen Mannes. Mitten in Europa.

Wir besuchen eine gute Freundin von Andreas, die beruflich sehr erfolgreich auf internationalem Level in der Wirtschaft tätig ist. Wie so viele Ukrainer ist sie nun zusätzlich als „Volunteer“ bei einer der vielen Organisationen bzw. Initiativen tätig, die sich darum kümmern, dass Hilfsgüter an die Front und in die angegriffenen Orte gelangen. Auch sie hat diese besondere Mischung aus eindeutiger Entschlossen- und Herzlichkeit, die mir bereits nach wenigen Stunden im Land immer vertrauter wird. Sie erzählt uns, wie sie ihr berufliches Leben und ihren Hilfsdienst koordiniert.

Lebensfreude in Zeiten des Krieges im Park entlang des „Freiheits-Boulevards“

Zurück in der City schaue ich mir das ebenfalls zum Niederknien schöne, im Jahr 1900 eröffnete Opernhaus von außen an. Wie auch sonst in der Stadt, sind hier Jugendstil, Neo-Renaissance und Neo-Barock eine faszinierende Symbiose eingegangen. Bald wird dort sogar wieder gespielt. Der Spielplan ist draußen schon aufgestellt.

Im langgestreckten kleinen Park vor der Oper, der parallel zum Svobody – Prospekt verläuft, stellt sich wie auch in der Altstadt ein fast mediterranes Lebensgefühl ein. „Svobody-Prospekt“ heißt übersetzt „Freiheits-Boulevard“. Der Name könnte kaum sinnbildlicher für den Freiheitskampf der Ukrainer sein, die sich Putin nicht unterwerfen. Obwohl jederzeit mit Luftalarm zu rechnen ist, flanieren vor allem jetzt, am späteren Nachmittag Menschen durch den Park. Ihre Gesichter sehen nicht missmutig aus. Auf den Bänken sitzen kleine Grüppchen von Männern, die intensiv Karten, Schach oder Mühle spielen. Die Fontänen der Brunneninstallation direkt vor der Nationaloper springen hoch und runter. Kinder erfreuen sich daran. Eine Gruppe Jugendlicher zeigt Kunststücke auf ihren Skateboards.

Es wirkt surreal, wie man ein Land wie die Ukraine überfallen kann.

Die Jugend begehrt auf und sing laut inklusive E-Gitarre „Slava Ukraini“ in der Altstadt

Je später der Abend wird, umso mehr Soldaten patrouillieren auf den Straßen. Ab 23 Uhr ist Sperrstunde. Andreas und ich laufen durch die Altstadt und hören plötzlich laute Musik. Junge Straßenmusiker singen, begleitet von einer E-Gitarre mit Lautsprecher, „Slava Ukraini“, den Kriegssong dieser Tage, der zugleich eine Freiheitshymne ist. „Ruhm der Ukraine“ heißt der Titel übersetzt. In der Straße gibt es einige Bars und viele junge Leute stehen davor, sind ausgelassen. Rund um die Straßenmusiker haben sich weitere Menschen gruppiert und singen laut mit. Die junge Generation könnte Putin kaum stärker zeigen, wie sehr sie ihm trotzt und den Rücken zukehrt. Wir kommen mit einigen von ihnen ins Gespräch und auf den „Bayraktar“-Song zu sprechen. Andreas ruft das Video der House-Version auf dem Smartphone auf und wir singen alle gemeinsam mit. Die Briefschreiber sind in diesem Moment ganz weit weg.

Begegnung mit jungen Leuten aus Kharkiv

Kurz darauf treffen wir in einer Art Mischung aus Imbiss und Bäckerei, in der Andreas, der oft in der Ukraine weilt, gewissermaßen Stammgast ist, nicht nur auf die herzlichen Mitarbeiter, sondern kurz darauf auch auf eine Gruppe junger Männer aus Kharkiv. Kharkiv liegt an der Grenze zu Russland in der Nordost-Ukraine und ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig man im Westen von der Ukraine weiß. Ich nehme mich davon nicht aus. Bis zu Beginn des Krieges wusste ich nicht einmal von der Existenz dieser Stadt. Ein befreundeter Journalist, der sich in Osteuropa und Russland profund auskennt, erzählte mir jedoch bereits Ende Februar, dass die russischsprachige Metropole mit ihren rund 1,5 Millionen Einwohnern eine blühende Studentenstadt mit über 50 Universitäten gewesen sei. Mit vielen Studenten aus Indien und China.

Die jungen Leute in der Imbiss-Bäckerei bestätigen das. Und ergänzen, dass auch viele Marokkaner dort studiert hätten. Sie selbst sind vor ca. zwei Monaten vor dem Krieg in den Westen nach Lwiw geflohen. Denn Kharkiv stand schwer unter Beschuss und wurde von Russen eingenommen. Inzwischen konnten jedoch zumindest die Innenstadt und ein paar strategische Dörfer rund um die Stadt zurückerobert werden, so dass die russische Artillerie die Stadt nicht mehr erreichen kann. Das ist jedenfalls der Stand an diesem Abend.

Die jungen Männer sind ca. Ende zwanzig, haben ihr Studium beendet und hatten inzwischen im Erwerbsleben Fuß gefasst. Vor dem Krieg. Mir einem von ihnen, der Ökonomie studiert, sodann sein eigenes Unternehmen gegründet hat und fließend Englisch spricht, komme ich näher ins Gespräch. Manchmal gibt es solche Begegnungen, die einen nicht mehr loslassen. An diesem Abend habe ich wirklich verstanden, wie die ukrainische Seele tickt und wie sehr die deutsche Debatte an dieser vorbeiläuft. Auch dieser Mann aus Kharkiv strahlt diese besondere Mischung aus Entschlossenheit und Optimismus aus. Und erzählt mir davon, wie wichtig den Ukrainern ihre Freiheit ist. Aufgeben und sich damit Putin zu ergeben, ist gar keine Option.

Mehr noch als um die territoriale Integrität geht es um die Freiheit. Für den geflüchteten Jungunternehmer aus Kharkiv, aber auch für viele andere Ukrainer, mit denen ich sprach, ist die Vorstellung, dass Teile ihrer Landsleute, die bisher ein freies Leben führten, nunmehr Bewohner der russischen Diktatur werden könnten, unerträglich. Er erklärt mir, wie sehr es gerade darum gehe, die Werte der Freiheit zu verteidigen und bestätigt das, was ich zuvor schon gehört hatte. Es ist anders als so manche in Deutschland offenbar glauben, keineswegs so, das russischsprachige Ukrainer sich eher zu Russland gehörig fühlen. Auf einen Teil von ihnen trifft das zwar zu. Die große Mehrheit aber fühlt sich als Ukrainer. Deutschen mit den Nachbarländern Schweiz und Österreich sollte das eigentlich schnell einleuchten. Stolz erzählt er mir, wie sehr er sich, seit er in Lwiw ist, nun bemüht, Ukrainisch zu sprechen. Auch das berichtet mir man in den nächsten Tagen immer wieder. Eigentlich russischsprachige Ukrainer sind nun bestrebt, nicht mehr Russisch, sondern Ukrainisch zu sprechen.

Ich neige zu keinem übermäßigen Pathos, aber kurz bevor wir die Imbiss-Bäckerei verlassen, geht mein Herz auf. Einer der Mitarbeiter schenkt mir Erdbeeren. Sie schmecken fantastisch. Er sieht, dass ich mich freue und schenkt mir daraufhin eine ganze Schale zum Mitnehmen. Ich bin sehr gerührt von dieser Herzlichkeit.

 Ukrainer sehen sich und die Russen nicht als slawische Brüdervölker

Überhaupt fehlt jede Form von Russland-Verklärung in der Ukraine. Im Gegenteil. Alle Menschen, mit denen ich in Lwiw und auch später in anderen Landesteilen sprechen sollte, verabscheuen die Russen. Die westliche Vorstellung von zwei slawischen „Brüdervölkern“ sei völlig falsch. Die Russen seien immer bestrebt gewesen, die Ukrainer und ihre Kultur und Sprache zu unterdrücken. Gar nicht erst zu reden vom „Holodomur“, mit dem Stalin die Ukrainer von 1932 bis 1933 gezielt künstlich aushungerte. Ukrainer halten Russen für Lügner und Banditen. Auch im „Bayraktar“-Song kommt der Passus „rosiysʹkyy bandyty“ vor. Und Ukrainer halten Russland für eine Gesellschaft, in der das menschliche Leben nichts zählt. Wie sehr das stimmt, zeigt Putin seit nunmehr drei Monaten in besonders bestialischer Form. Auch das Banditentum ist in der Tat erschütternd, denkt man an die vielen Bilder und Berichte darüber, was Russen alles aus eroberten ukrainischen Städten und Dörfern mitnehmen, bis hin sogar zu Bratpfannen. Die Ukrainer, mit denen ich rede, sind stolz darauf, wie positiv sich ihr Land in den letzten zehn Jahren trotz der Korruption (die inzwischen aber auch bekämpft wird) wirtschaftlich entwickelt und immer mehr dem Westen zugewendet hat.

Ukrainisches Unverständnis für die Briefschreiber um Alice Schwarzer

Wenn ich Ukrainern von der deutschen Diskussion rund um die Briefschreiber um Alice Schwarzer bzw. auf politischer Seite um die beiden SPD-Politiker Ralf Stegner und Rolf Mützenich erzähle, schauen sie mich mit Unverständnis an. Es ist gar nicht so leicht, ihnen das Mindset jener Leute zu erklären. Denn mit der Realität der tapfer optimistischen Ukrainer hat dieses schlichtweg nichts zu tun. Ich frage mich, ob auch nur einer der Briefschreiber jemals in der Ukraine war. Hier vor Ort erweist sich das Mantra „Schwere Waffen verlängern den Krieg“ als Formel aus Wolkenkuckucksheim. Sollte Putin militärisch nicht entscheidend zurückgedrängt werden, war es das mit der Ukraine. Selbst bei einem Waffenstillstand droht jederzeit neues Ungemach. Das sieht man hier seit 2014 völlig illusionslos.

Der damalige Verlust der Krim ist für viele Ukrainer schmerzhaft. Manche waren jeden Sommer dort. Einer erzählt mir, dass ein Familienmitglied dort ein Ferienhaus hatte. Er wurde vor die Wahl gestellt, den russischen Pass anzunehmen oder das Haus für einen Spottpreis an die Russen zu verkaufen. Er entschied sich für Letzteres.

Tag 2, 25. Mai

4.58 Uhr. Mein zweiter Luftalarm. Es stimmt also, dass Putin gerne früh morgens angreift und die Menschen so mindestens durch den lauten Sirenenton terrorisiert. Wir gehen wieder in den Schutzraum. Dieses Mal zittern meine Hände nicht. Ich bin so müde, dass ich sogar einschlafe und von der Entwarnung um 6.24 geweckt werde. Dieses Mal also dauerte der Alarm fast anderthalb Stunden.

Bei einem Gang spätnachmittags durch die Stadt komme ich an der prächtigen Dominikanerkirche (St. Eucharistie Kirche) auf dem Stawropihijska-Platz vorbei. Ich gehe hinein. Ein Gottesdienst findet gerade statt. Fasziniert setze ich mich auf eine Bank und wohne ihm eine Weile bei. Gestern hatte uns eine Gesprächspartnerin bereits erzählt, dass es hier im Westen der Ukraine eine griechisch-katholische Kirche gebe. Ihr offizieller Name lautet „Griechisch-katholische Kirche der Heiligen Eucharistie“. Der Gottesdienst – oder muss man „Messe“ sagen?  – ist deutlich anders als eine katholische Messe. Zum Beispiel wechselt der Priester auf einmal den Standort und geht vom Hauptalter in eine Anbetungsausbuchtung links in der Kirche. Dort zelebriert er zunächst mit Blick zum Altar und sodann mit Blick zur Gemeinde, die sich um 90 Grad in seine Blickrichtung gedreht hat, weiter.

Im Netz stoße ich auf einen Artikel aus der Washington Post, der mir aus der Seele spricht:   “it is the height of inhumanity to insist that Ukraine turn over any of its people to indefinite Russian occupation.”

In Deutschland wird nach Oberst Roderich Kiesewetter nun ein weiterer CDU-Abgeordneter mehr als deutlich. Mit Johann Wadephul sogar einer der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden. Er droht der Bundesregierung mit einem Untersuchungsausschuss wegen der ausbleibenden Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine . Immerhin gibt es seit Ende April einen entsprechenden Bundestagsbeschluss. Wadephul spricht von „Unfähigkeit, Schlamperei, Totalausfall“.

Erneuter Luftalarm kurz nach 20 Uhr

Um 20.03 Uhr geht die Sirene wieder an. Erneuter Luftalarm. Man gewöhnt sich irgendwie daran. Der Mensch kann sehr resilient sein. Ich sitze in einem Restaurant gegenüber des Hotels und esse ukrainische Rote-Beete-Suppe. Oder besser aß. Hatte gerade gezahlt. Dann kam die Sirene. Die Bedienung zeigt auf die Tür zum Schutzraum. Ich entscheide mich stattdessen, schnell ins Hotel zu sprinten. Definitiv die richtige Entscheidung. Im dortigen Schutzraum – Andreas und Chris sind kurz darauf auch da – lernen wir ausländische Journalisten kennen und kommen schnell auf die aktuelle militärische Lage zu sprechen. Ich erfahre Neues.

Bisher hieß es immer, man habe in Lwiw ca. 15 Minuten Zeit, in den Schutzraum zu gehen. Denn bisher im Krieg haben die Russen konventionelle KH-555 Missiles vom Schwarzen Meer aus auf Lwiw abgefeuert, daher stammt die Zeitangabe. Nunmehr aber, und das erklären mir die ausländischen Journalisten sehr genau, hat Russland seit wenigen Tagen Hyperschallraketen des Typs „Iskander“ gerade einmal 50 km entfernt von der belarussischen Grenze stationieren lassen. Diese wären in zweieinhalb Minuten in Lwiw. Allerdings glauben fast alle Experten, dass es Putin hierbei eher nur um Abschreckung einerseits und der Bindung ukrainischer Truppen andererseits gehe, die dann im Osten im Donbass nicht unterstützen können. Wir sehen also erst einmal keine erhöhte Gefahr für Lwiw. Auch die Stationierung eines neuen militärischen Kommandos belarussischer Soldaten, das quasi zeitgleich angekündigt wurde, erscheint uns als wohl aus denselben Motiven angeordnet worden zu sein.

Außerdem berichten uns die ausländischen Journalisten, dass es – nachdem ich davon erzählte und nachfragte – diese weltfremden Diskurse und Briefschreiber wie in Deutschland in ihren Ländern nicht gebe. Im Gegenteil stößt das, was ich besonders von den Briefschreibern berichte, bei den Journalisten auf großes Unverständnis.

Die ESC-Gewinner sind in der Hotel-Lobby – ausgelassene Stimmung

Der Luftalarm dauert nervig lange. Um 21.49 Uhr kommt endlich die Entwarnung. Ich sitze noch ein paar Minuten länger unten, da ich in die Lektüre von Artikeln auf dem iPhone vertieft bin. Dann gehe die Stufen zur Lobby hoch und bin verblüfft. Ein großer Auflauf, strahlende Gesichter. Andreas, der schon oben war, kommt auf mich zu: „Liane, die ESC-Gewinner sind hier“. Und tatsächlich. Auf einer Couch sitzen drei Mitglieder von Kalush Orchestra, darunter der Sänger mit seinem pinken Hut. Einer der Tänzer ist an der Front.  Die Stimmung ist ausgelassen. Wie im Bäumchen-Wechsel-Dich nehmen immer wieder neue Fans auf der Couch Platz. Selfie-Time. Die Band stimmt mit lässig-coolen Hip-Hop-Gesten ihren ESC-Sieg-Song „Stefania“ zu Hintergrundmusik vom Band an, und alle singen begeistert mit. Die ukrainische Seele wieder. Eine Party kurz nach dem Luftalarm.

Abendliche Gespräche über die kaputtgesparte Bundeswehr, den Eurofighter und die Lage in Kharkiv

Später abends sitzen wir noch lange mit den anderen Journalisten aus dem Ausland, die wir im Schutzraum kennengelernt haben, zusammen. Militärexperten. Ich höre Ihren Ausführungen gebannt zu, besonders denen über US-, UK- und russische Waffensysteme.

Irgendwie kommen wir auf die Bundeswehr und den Eurofighter zu sprechen. Ich gehe hoch auf mein Zimmer und hole das gleichermaßen profunde wie amüsant geschriebene Buch „Bedingt einsatzbereit: Wie die Bundeswehr zur Schrottarmee wurde“ (2019) von Constantin Wißmann hervor, das ich Anfang Mai gelesen habe, und gehe wieder zurück in die Lobby. Sodann lese ich eine Passage zum Eurofighter vor, in der beschrieben wird, dass sich die ursprünglich geplante Nutzung als sogenanntes „Mehrrollenflugzeug“, das sowohl im Luftkampf mit anderen Kampfflugzeugen Lenkflugkörper abfeuern als auch lasergelenkte Bomben für den Bodenbeschuss fallen lassen kann, als Illusion erwies. Denn die Konstruktion macht das nicht mit. Grund hierfür ist, dass die Lenkflugkörperrakete beim Abschuss der Hauptwaffe für den Bodenbeschuss zu nahe kommen und mit dieser zusammenstoßen kann. Wißmann fasst diese Fehlkonstruktion in seinem typisch-witzigen Stil wie folgt zusammen:

Die Geschichte des Eurofighters, des, wie gesagt mit Abstand teuersten Rüstungsprojekts der Bundesregierung, lässt sich also so zusammenfassen: Man wollte ein Flugzeug, das andere Flugzeuge jagen kann. Dann sollte es gleichzeitig auch Bomben werfen können. Nun ist daraus ein Flugzeug geworden, das entweder Jäger oder Bomber sein kann, aber nicht beides auf einmal.“

Wir alle müssen lachen.

Kurz darauf sagt mir einer der Journalisten, dass manche in der westlichen Welt einfach nicht verstehen, dass die Ukraine gerade die Werte des liberalen Westens verteidige. Die Ukrainer würden das weitaus besser begreifen und auch äußern. Wer ernsthaft immer noch Appeasement gegenüber Putin praktiziere, habe nichts verstanden. Jetzt entscheide sich, ob der Westen seine Werte nur ostentativ, aber unausgefüllt vor sich herträgt oder aber wirklich lebt. Ich stimme ihm vollkommen zu und bin noch beschämter über die deutsche Bundesregierung und ihre mehr als defizitäre Unterstützung des geschundenen, aber immer noch so tapfer-optimistischen Landes hier.

Wir sprechen zudem über Kharkiv und die Frage, ob und wie sicher es dort mittlerweile sei. Der ukrainischen Armee ist es gelungen, die für die russische Artillerie entscheidenden Dörfer rund um die Stadt zurückzuerobern, so dass die Artillerie die Stadt nicht mehr erreichen kann. Doch die Menschen aus Kharkiv, die wir am Vorabend getroffen hatten, haben uns auf den „Grad“ hingewiesen, der eine größere Schussreichweite als die normale russische Artillerie habe. „Grad“ ist der russische Begriff für „Hagel“ und meint hier den Mehrfachraketenwerfer BM-21. Am Ende überwiegt die Einschätzung, Kharkiv sei recht sicher, auch wenn wir uns dessen irgendwie auch wieder nicht sicher sind.

Tag 3, 26. Mai

Meine morgendlichen Gedanken poste ich auf Facebook:

Die Forderungen mancher „Friedensbewegter“ nach „Realpolitik“ über die grausame Realität der Ukrainer hinweg heißt, Putin Territorium in den Rachen zu werfen. Alle Ukrainer, mit denen ich bisher sprach, wollen aber nicht, dass Regionen Teil von Putins Diktatur werden und die Menschen dort all ihre Freiheiten aufgeben müssen.

Die Angst davor, dass ihre Landsleute im Osten und Süden ihre Freiheit verlieren und von Putin unterjocht werden, ist das, was die Ukrainer ganz besonders antreibt. Mehr noch als territoriale Integrität an sich. Besonders eindringlich sagten mir das junge studierte Leute, die aus der Universitätsstadt Kharkiv nahe der Grenze zu Russland geflohen sind.“

Der ukrainische Spirit: Der Humor des Außenministers Kuleba in Davos

Die Ukrainer sind nicht nur tapfer, sie haben auch viel Humor, selbst jetzt in Kriegszeiten. Ich sehe auf Twitter, was der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba in Davos gesagt hat und muss erneut lachen: „‘Und dann gibt es noch die Saga um den Gepard-Panzer, um das bis zum Ende zu verfolgen, brauche ich Popcorn‘, scherzt der Minister.“ Wieder bin ich der ukrainischen Seele, dem ukrainischen Spirit etwas näher gekommen.

Früh am Nachmittag gibt es furchtbare Nachrichten. Kharkiv ist wieder unter Beschuss. Im Zentrum sogar. Sieben Tote. Wir waren gestern Abend also eindeutig zu optimistisch.

#MLRSforUkraineNow ist der Top-Trend hier auf Twitter. MLRS steht für „Multi Launch Rocket Systems“, also für Mehrfachraketenwerfer, die schwere Artillerie sind. Ich poste genau das ebenfalls auf Facebook und Twitter. Ich teile einen Tweet:

Ukraine’s Commander-in-chief says the price of delayed arms deliveries measured by the lives of the Ukrainians who have defended the world against ruscism. #Ukraine needs weapons to hit Russian troops at long distances, General Zaluzhny said.

#MLRSforUkraineNow #ArmUkraineNow

Zufällig komme ich mit einer Frau und ihrer kleinen Tochter ins Gespräch. Ich frage sie, wo sie herkommen. Aus Kharkiv, sagt die Mutter mir. Ausgerechnet. Der Mann und Vater müsse leider dort bleiben. Er sei aber in Sicherheit. Sie berichten mir auch von dem Beschuss heute. Aber unverzagt. Alles werde schon wieder gut werden.

Pragmatismus auf dem Weg in den Schutzraum

20.39 Uhr Lwiw. Ein schöner sommerlicher Abend. Draußen pulsiert das Leben. Ich bin im Hotel, wollte gerade anfangen zu schreiben. Da geht die Sirene wieder an, erst auf der App, kurz darauf draußen. Man lernt dazu. Ich laufe nicht mehr einfach los, sondern überlege, was ich mit runter in den Schutzraum nehme. Schnappe wie üblich schnell die Tasche mit den Papieren und wichtigsten Dingen. Dieses Mal aber denke ich zusätzlich an das iPhone-Ladekabel. Es gibt dort unten Steckdosen. So muss ich nicht wieder andere Leute nach einer Powerbank fragen. Ich habe meine in Hamburg vergessen.

Ich dokumentiere jeden Luftalarm in den sozialen Medien, damit in Deutschland besser verstanden wird, wie schwierig die Situation der Ukraine ist. Zwar gehen die Ukrainer beeindruckend gelassen mit ihm um, aber dennoch terrorisiert der Luftalarm, besonders wenn er früh am Morgen gegen fünf Uhr losschlägt, die Menschen aus dem Schlaf reißt und ihnen Übermüdung beschert.

22.38 Uhr. Der Luftalarm ist aufgehoben. Mit zwei Stunden war er der für mich bisher längste.

Morgen geht es weiter gen Südosten in die Karpaten. Von dort aus wollen wir sodann mit einem kleinen Stopp in Winnyzja weiter nach Kiew fahren.

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7 Gedanken zu “Drei Tage in Lwiw in Zeiten des Krieges – Ein fragmentarisches Tagebuch;”

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    Danke für die Reise und die behutsamen und einfühlsamen und genauen Beobachtungen!
    und Anteilnahme auch durch ein gutes Tagebuch!! Eva Quistorp

  2. avatar

    Danke für diesen sehr eindringlichen Artikel, der einen ausführlichen Einblick in die Situation eines Landes gibt, das brutal überfallen wurde. Und dennoch nicht die Menschlichkeit verliert.

  3. avatar

    L.B.: ‚Die Russen seien immer bestrebt gewesen, die Ukrainer und ihre Kultur und Sprache zu unterdrücken. Gar nicht erst zu reden vom „Holodomur“, mit dem Stalin die Ukrainer von 1932 bis 1933 gezielt künstlich aushungerte. Ukrainer halten Russen für Lügner und Banditen.

    … die ’sozialistische Ideologie‘ unterdrückt, wo auch immer, Kultur und Sprache … Stalin, ein Georgier, und seine Genossen von der KPdSU, hier insbesondere Lasar Moissejewitsch Kaganowitsch, ein Ukrainer, sind verantwortlich für den Holodomor. Niemand anders sonst.

    ‚Mit Molotow nahm er an der all-ukrainischen Parteikonferenz 1930 teil und unterstützte die Kollektivierungspolitik, die nach Meinung vieler Historiker zu der katastrophalen Hungersnot von 1932 bis 1933, dem Holodomor in der Ukraine führte. Im Sommer 1932 reiste Kaganowitsch als Leiter einer großen Regierungsdelegation in den Nordkaukasus, wo er die angebliche „Sabotage“ in der Belieferung des Staates mit Weizen und Roggen bekämpfte. Die Bevölkerung ganzer Kosakendörfer wurde nach Sibirien deportiert und Tausende Menschen verhaftet. Mitte Dezember 1932 verschärfte er in der Ukraine den Terror. Durch Hungersnot kamen in dieser Zeit mehrere Millionen Menschen um.‘

    Fr. Bednarz, Sie schüren ‚Russophobie‘.

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