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Freya Klier und die „deutsche Einheit“

Nationale Identität, ausgeblendete Geschichten und ausgeschlossene Menschen

Das neue Buch der Autorin, Regisseurin und früheren DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier zum 30. Jahrestag der Vereinigung der beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 enttäuscht. Zwar gehört Klier nicht zu der Gruppe jener DDR-Bürgerrechtler, die wie Vera Lengsfeld, Siegmar Faust u. a. und begonnen haben sich politisch im Umfeld von rechten Publikationsorganen zu betätigen.[1] Ihr neues Buch liest sich dennoch vor allem als Bekenntnis zu einer nationalen Identitätspolitik, die dem Konzept einer „Kulturnation“ folgt und nicht dem einer „Staatsbürgernation“.[2] Ein offener Blick auf die Gefährdungen der demokratischen Kultur, der Bürger- und Menschenrechte in der vereinigten Bundesrepublik fehlt deshalb.

In dem in drei Kapitel untergliederten Sammelband platziert Freya Klier jeweils zu Anfang Äußerungen von Reiner Kunze. Im ersten Kapitel („Das Ausatmen beginnt“) folgt einem Gedicht Kunzes („Wo das Manuskript lag“) ein autobiografischer Essay von Jörg Bernhard Bilke, dem langjährigen Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz (KK) des Ostdeutschen Kulturrats (OKR)[3] und ein Lebensbild der Ex-DDR-Bürgerrechtlerin Heidi Bohley, mit der gemeinsam Klier aus dem Stiftungsbeirat der Gedenkstätte Hohenschönhausen zurücktrat, weil deren Leiter, der Historiker Hubertus Knabe, entlassen wurde. Außerdem enthält der Band einen Erfahrungsbericht des Lehrers Andreas Dürr, der wegen seines Antrags, die DDR zu verlassen, schwersten Maßregelungen ausgesetzt wurde sowie Reflektionen der Publizistin Doris Liebermann – die 1977 wegen einer Unterschriftensammlung gegen die Ausbürgerung Biermanns festgenommen und ausgebürgert wurde – über die ganz selbstverständlich nationale Orientierung von Dissidenten, die sie in Osteuropa kennen lernte.

Der Band enthält in seinem zweiten Kapitel („Erstes Kennenlernen“) nach dichterlicher Einleitung („Die Mauer“) von Reiner Kunze einen Rückblick von Peter Tauber, dem Generalsekretär der CDU von 2013 bis 2018, auf seine politische Sozialisation im „Fulda Gap“, sowie einen Lebensbericht der Mutter Freya Kliers, Editha Krummreich, über den Untergang des DDR-Betriebes, in dem sie es von der Hofarbeiterin bis zur Leitung der Abteilung „Wissenschaftliche Arbeitsorganisation“ gebracht hatte. Außerdem findet sich ein Bericht zur politischen Sozialisation der in Wuppertal geborenen, aber heute in den USA lehrenden Sozialwissenschaftlerin Helga Druxes, die ein Buch über PEGIDA veröffentlicht hat. sowie autobiografische Reflektionen der Gründerin einer freien Schauspielschule in Stuttgart, Gesine Keller, über ihre Entwicklung als „Kind der deutsch-deutschen Geschichte“.[4]

Das Buch enthält in diesem Kapitel weiterhin einen Text des früheren Lebensgefährten Kliers, Stephan Krawczyk, über seinen früheren Rechtsanwalt und gleichzeitigen Stasi-Informanten Wolfgang Schnur sowie eine ironisch getönte politische Kurzbiografie des in Erfurt geborenen Maschinenbauers und Theologen Lothar Tautz, der es bis in die letzte DDR-Regierung und später ins Bundeswirtschaftsministerium und die Magdeburger Staatskanzlei brachte. Das Kapitel schließt außerdem zwei Kurzessays des in Neustrelitz geborenen langjährigen Oberbürgermeisters von Dresden, Herbert Wagner, und von Wolfgang Thierse, des in Breslau geborenen langjährigen Bundestagspräsidenten und Bundestagsvizepräsidenten ein.

Im dritten Kapitel („Die Teilung überwinden heißt teilen lernen“) findet sich nach einem Interview mit Kunze vom 4. Oktober 1990 („3. Oktober 1990“) ein Essay des langjährigen Spiegel-Redakteurs und Honecker-Biografen Norbert F. Pötzel über die Treuhand als Sündenbock, sowie ein Erfahrungsbericht der heutigen TV-Redakteurin Monika Fabricius über ihre Tätigkeit bei der Treuhand. Außerdem liest man einen Erfahrungsbericht des in Dorsten geborenen Rainer Seidel über seine nicht sehr aufmunternden Erfahrungen in der Arbeit als Lehrer mit „Ostkollegen“[5] sowie ein Kurzbiogramm von Friedhelm Schülke, der 1990 in Anklam den Bund der Vertriebenen neu gründete und das „Ostpreußenblatt/Preußische Allgemeine Zeitung“ in den fünf neuen Bundesländern vertreibt.[6] Der Band schließt mit einer autobiografischen Lebensschilderung der in Zwickau geborenen Historikerin Katharina Oguntoye, die Gründungsmitglied der „Initiative Schwarze Menschen“ in Deutschland ist und mit einem Plädoyer des Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung, Norbert Lammer, für einen „aufgeklärten Patriotismus“[7].      

In Freya Kliers Sammlung zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten und dem Rückblick auf ihre Teilungsgeschichte fehlen sehr viele Geschichten und Autoren. Einige seien hier nur kurz angedeutet. Die ganze nationalsozialistische Vorgeschichte der beiden deutschen Gesellschaften ist im Buch nicht präsent. Die versammelten Autoren, der jüngste wurde 1974, der älteste 1929 geboren, streifen sie, wenn überhaupt nur kurz. Editha Krummreich, etwa formuliert dazu nur einen Satz: „Unseren BDM-Schwung hat die Partei problemlos in einen FDJ-Schwung verwandelt.“ Das war es.

Das Gros der Beiträge haben Menschen verfasst, die in den 40er und 50er Jahren in West- oder Ostdeutschland geboren wurden. Freya Klier selbst, die den Band mit einem Essay mit der Überschrift „Mein 11. Gebot: Du sollst Dich erinnern“ eröffnet, streift weder die nationalsozialistischen Verbrechen, noch die Geschichte ihrer jüdischen, polnischen, russischen und anderen Opfer und Widerständler. Auch jeder Hinweis auf die Geschichten der amerikanischen, polnischen, sowjetischen und jüdischen Soldaten, die Europa vom Nationalsozialismus befreiten – und die Deutschen meist gegen ihren Willen gleich mit dazu – fehlt.

In den Band hätten sicher auch Erzählungen von unbestraft integrierten Nazi-Tätern sowie unentschädigten Shoah-Überlebenden in beiden deutschen Gesellschaften, eingewanderten „Gastarbeitern“, oder „Vertragsarbeitern“ Platz gehabt, oder etwa die Vertreibung der Juden aus der DDR im Winter 1952/53, der Beginn der deutsch-israelischen Beziehungen mit dem „Luxemburger Abkommen“ 1953, oder die Revolte der West-68er. Auch Geschichten der Befreier, die als Ehemänner blieben, oder nur weiter als „Besatzer“ in sowjetischen Kasernen geduldet wurden, hätten hier Platz gehabt.

Seit die Mauer sich geöffnet hat und viele verschiedene Menschen aus Ost und West sich kennen gelernt haben, werden von West nach Ost und umgekehrt sehr viele Geschichten erzählt. Der Band reduziert ihre Auswahl nach einem im Vorwort ausgegebenen Prinzip. Sich selbst aus einem Aufsatz vom Februar 1990 zitierend, formuliert Freya Klier: „Sie besinnen sich darauf ein Volk zu sein, verweisen auf ihre Verwandtschaft, auf eine fernere, doch gemeinsame Vergangenheit, die gleiche Sprache. Doch schon im Akt des Wiedererkennens spüren sie auch die Fremde, das zwischen Ihnen steht.“[8]    

Dieses nationalisierende Konzept des Sammelbandes wird natürlich nicht von allen Autorinnen und Autoren getragen. Norbert Lammert plädiert – wie zitiert – sogar ausdrücklich für einen „aufgeklärten Patriotismus“ und kritisiert „ein starres, von nationaler Homogenität geprägtes Deutschlandbild.“[9] Da jedoch Einwanderer, Flüchtlinge, jüdische Überlebende, amerikanische Befreier, Opfer rassistischer Anschläge und die vielen anderen Bewohner der „Bunten Republik Deutschland“ (Udo Lindenberg) mit ihren Geschichten und Erlebnissen zum Fall der Mauer und was davor und danach passierte, überhaupt nicht präsent sind, bleibt dieser Band ein Unterfangen nationaler Identitätspolitik, dass das Kernproblem der neu vereinigten Republik 30 Jahre nach ihrer Neugründung, ihre Ablehnung durch breite Teile der Gesellschaft aus den unterschiedlichsten Gründen, nicht wirklich zur Sprache bringen kann.

Für einen Moment jedoch schien es so, als ob die Herausgeberin den Reduktionismus ihrer Zusammenstellung erkannt hätte. Sie nahm den Beitrag von Katharina Oguntoye auf, die ihre Lebensgeschichte´- von Zwickau über Leipzig, Nigeria, Heidelberg nach Berlin-Kreuzberg – aufblättert. Oguntoye, die 1989/90 von einer Freundin fälschlicherweise für eine Gegnerin der Vereinigung der beiden deutschen Staaten gehalten wurde, weist wenigstens auf eines der wesentlichen Defizite der Vereinigung präzise hin: „Jetzt gab es keine Angebote, die Menschen der ehemaligen DDR mit den Regeln und Funktionsweisen der Demokratie bekannt zu machen.“[10]

Freya Klier fasst mit ihrem Band den Zustand der neu vereinigten Republik nicht. Statt die Defizite der Demokratie, die Ablehnung der Republik durch breite Teile der Gesellschaft in den Blick zu nehmen, malt sie in dieser Publikation, allein schon durch die Zusammenstellung der Autorinnen und Autoren, am Drama einer vereinten und dennoch uneinigen deutschen Nation.

Unfreiwillig lehrreich ist der Band trotzdem. Er zeigt, dass Autorinnen und Autoren, der größte Teil von ihnen in den 40er und 50er Jahren in der SBZ/DDR oder der BRD geboren, über die Vereinigung der beiden deutschen Staaten schreiben, reflektieren und politisch agieren können, ganz so als ob es die Shoah und die anderen deutschen Verbrechen nie gegeben hätte und so als ob das Ende der DDR und der alten BRD wie der Zustand der Republik heute ohne diese Kontexte überhaupt diskutiert werden könnte.

Freya Klier (Hg.): Wir sind ein Volk! Oder? Die Deutschen und die deutsche Einheit. 220 Seiten. 20.- €uro. Freiburg: Verlag Herder GmbH. ISBN 978-3-451-38837-8


[1] Über die Rechtswende vieler DDR-Bürgerrechtler siehe: Konstantin von Hammerstein (2018): Warum DDR-Bürgerrechtler sich bei der AfD engagieren (https://www.spiegel.de/spiegel/warum-ddr-buergerrechtler-sich-bei-der-afd-engagieren-a-1186288.html – abgerufen am 20.09.2020). Über das offene Bekenntnis zu dieser Rechtswende bei Vera Lengsfeld und Siegmar Faust siehe ihre Aufsätze in: Claus-M. Wolfschlag (1998) (Hg.): Bye-Bye ´68… Renegaten der Linken, APO-Abweichler und allerlei Querdenker berichten. Graz: Leopold Stocker Verlag.   

[2] Zur Unterscheidung der Begriffe von Volksnation (ethnische Abstammungsgemeinschaft), Kulturnation (gleiche kulturelle Gemeinsamkeiten), Staatsbürgernation (freie und gleiche Bürger in einem demokratischen Staatswesen) und Klassennation (Zugehörigkeit zu einer Klasse als nationale Gemeinschaft) siehe: M. Rainer Lepsius (1982): Nation und Nationalismus in Deutschland. In: Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 8: Nationalismus in der Welt von heute (1982), S. 12–27.

[3] Der „Ostdeutsche Kulturrat“ (OKR) wurde 1950 im Kontext anderer Vertriebenenorganisationen in der alten Bundesrepublik gegründet. Den Internetauftritt des heute immer noch existierenden OKR findet man hier: https://kulturportal-west-ost.eu/okr – abgerufen am 20.09.2020. Den Zusammenhang des OKR zu anderen Vertriebenenorganisationen, erläutert das „Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“: https://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/begriffe/vertriebenenorganisationen – abgerufen am 20.09.2020.

[4] Zitiert nach: Gesine Keller (2020): Werkzeuge nach Erfurt. In: Freya Klier (Hg.): Wir sind ein Volk! Oder? Die Deutschen und die deutsche Einheit. Freiburg: Herder Verlag, S. 98. 

[5] Zitiert nach: Rainer Seidel (2020): Meine kleine West-Ost-Geschichte. In: Ebenda., S. 188.

[6] Die Publikation wird die von den meisten Sozialwissenschaftlern als Organ der „Neuen Rechten“ beurteilt. Siehe dazu den Artikel bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Preußische_Allgemeine_Zeitung – abgerufen am 20.09.2020.

[7] Zitiert nach: Norbert Lammert (2020): Auferstanden aus Ruinen: Einigkeit. Und Recht. Und Freiheit. In: Freya Klier (Hg.): Wir sind ein Volk! Oder? Die Deutschen und die deutsche Einheit. Freiburg: Herder Verlag, S. 218.

[8] Freya Klier (2020): Mein 11. Gebot: Du sollst dich erinnern! In: Ebenda., S. 10.

[9] Zitiert nach: Norbert Lammert (2020): Auferstanden aus Ruinen: Einigkeit. Und Recht. Und Freiheit. In: Ebenda., S. 219.

[10] Katharina Oguntoye (2020): 1990 – Eindrücke einer Afrodeutschen. In: Ebenda., S. 205.

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