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Sind Sie müde?

Geht es Ihnen in den vergangenen zehn Tagen auch so: Sie sind ständig zu spät dran, haben tagsüber ungewohnt heftige Schläfrigkeitsattacken, kommen morgens kaum aus den Federn, können aber abends nicht so gut einschlafen wie sonst? Haben Sie womöglich gerade diese Woche eine Erkältung bekommen oder einen Autounfall gebaut? Das kann natürlich alles zufällig geschehen sein, aber sehr viel wahrscheinlicher ist: Sie stehen nun schon seit ein paar Tagen viel zu früh auf! Denn wir mussten ja die Uhren umstellen und seitdem klingelt der Wecker eine Stunde früher – immer wieder und immer wieder. Wer das anders sieht und tatsächlich glaubt, wir hätten die Macht, die Zeit zu verstellen, verar…t sich selbst – oder lässt sich seit 1980 von den Politikern vera…n, die damals die Umstellung auf die so genannte Mitteleuropäische Sommerzeit eingeführt haben.

Und nun die noch schlechtere Nachricht: Sie mögen sich ja in den kommenden Wochen allmählich etwas an diesen Zustand gewöhnen, vor allem weil Ihr Schlafdefizit irgendwann so groß geworden ist, dass Sie abends trotz der zu frühen inneren (oder biologischen oder gefühlten) Uhrzeit völlig schläfrig und erschöpft ins Bett fallen. Doch wirklich besser wird es erst wieder in sieben Monaten, Ende Oktober, wenn wir endlich wieder in die Normalzeit zurückkehren dürfen. (Also in jene Zeit, bei der die Sonne ungefähr um 12 Uhr mittags am Zenit steht, wie es für die biologischen, inneren Uhren der großen Mehrheit der Menschen am verträglichsten ist.)

Und noch etwas: Bevor jetzt diejenigen – grob geschätzt ein Fünftel bis ein Drittel der Bevölkerung – zu meckern beginnen, die sogar in der so genannten Sommerzeit morgens keinen Wecker zum Aufstehen benötigen: Sie, liebe Frühaufsteherin, lieber Frühaufsteher, sind chronobiologisch betrachtet eine „Lerche“. Ich weiß, Sie freuen sich riesig darüber, dass Sie nun abends vermeintlich länger wach bleiben. Aber seien Sie aufrichtig: Wiegt das wirklich schwerer, als der chronische Schlafentzug der Mehrheit der Bevölkerung mit all seinen gesundheitsgefährdenden Folgen? Ihnen als Lerche würde kein Schlaf entzogen, bliebe es ganzjährig bei der Normalzeit, wie es laut derzeitigem Stand der Wissenschaft als einzig sinnvolle Maßnahme erscheint.

Ich schlage Ihnen stattdessen einfach vor, freiwillig eine Stunde früher aufzustehen, und entweder einen Teil Ihrer Freizeit in die Zeit vor dem Arbeiten zu verlegen oder eine Stunde früher mit der Arbeit zu beginnen. Auch dann haben Sie einen längeren, hellen Feierabend, und das sogar ohne dass die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Mehrheit der Bevölkerung in Mitleidenschaft gezogen werden würde.

Der CDU-Politiker Herbert Reul, Leiter der CDU/CSU-Landesgruppe im Europaparlament weist schon seit Jahren darauf hin, dass der eigentliche Zweck der Uhrenumstellung nie erreicht wurde: Wenn überhaupt durch eine bessere Nutzung des Lichts etwas Energie eingespart wird, so gleichen dies steigende Heizkosten und der Aufwand durch die Umstellung von Uhren, Fahrplänen und Arbeitsabläufen mehr als aus. Dass die Politiker dennoch nicht handeln, erklärt sich Reul mit der Schwierigkeit der Entscheidungsträger, Fehler einzuräumen: „Die Zeitumstellung ist ein Beispiel dafür, dass politische Beschlüsse, die ihrem Ziel nie gerecht geworden sind, nicht zurückgenommen werden.“

Immerhin war der Zwang zur Rückkehr zur dauerhaften Normalzeit bislang nicht allzu groß, da vor allem die wirtschaftlichen Folgen der Uhrenumstellung im Fokus standen. Derzeit rückt aber die Beeinträchtigung der Gesundheit der Bevölkerung in den Mittelpunkt. Und hier zeigen immer mehr Resultate aus der Schlafforschung und der Wissenschaft von den inneren Uhren (Chronobiologie): Die so genannte Sommerzeit vergrößert den sozialen Jetlag großer Teile der Bevölkerung, das heißt, zwei Drittel bis vier Fünftel der Bürger bekommen über einen mehrmonatigen Zeitraum weniger Schlaf, da ihre inneren, biologischen Rhythmen und die von außen vorgegebenen sozialen Rhythmen (vor allem Arbeits- und Schulzeiten), eine Stunde weiter auseinanderklaffen. Hinzu kommen die direkten Folgen der Uhrenumstellung Ende März, wie ein Anstieg von Herzinfarkten und Schlaganfällen sowie Verkehrsunfällen, auf die ich hier gar nicht weiter eingehen möchte. (Nur ein kleiner Schlenker vielleicht: Wussten Sie, dass es nach der verlängerten Nacht Ende Oktober über die Gesamtbevölkerung gemessen fast so viele Herzinfarkte weniger gibt, wie Ende März mehr auftreten, nämlich 21 beziehungsweise 25 Prozent?)

Ich glaube, den meisten Politikern ist noch gar nicht klar, dass sie mit einer simplen Entscheidung  sehr viel Geld sparen könnten und gleichzeitig, eine gigantisch erfolgreiche Maßnahme zur Krankheitsprävention starten würden. Die Kosten der Uhrenumstellung fielen weg, gleichzeitig würden sehr, sehr viele Menschen über Monate hinweg mehr Schlaf bekommen. Deutschland wäre auf einen Schlag gesünder, kreativer und vor allem: sehr viel freundlicher, offener und besser gelaunt. Das beste dabei: Anders als bei vielen ähnlichen Maßnahmen, etwa einer zunehmenden Flexibilisierung von Arbeitszeiten, einem späteren Schulbeginn für Jugendliche oder einer Eindämmung von Nacht- und Schichtarbeit, müsste außer der Kleinigkeit, dass man eine unsinnige Maßnahme einfach sein lässt, nichts, aber auch gar nichts geändert werden.

Wenn die Politiker das erst mal begriffen haben, dann handeln sie sofort. Garantiert!

Mehr Details in der 40-minütigen Radiosendung SWR2 Tandem vom 23. März, in der ich unter anderem mit Hörern diskutiere, oder in meinem Buch „Wake up! Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft“.

8 thoughts on “Sind Sie müde?

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    Lieber Oleander,
    was sollte in diesem Fall eine Volksbefragung bringen? Wir haben kein Sinnesorgan für chronischen Schlafmangel, weil unsere Schlaf- und Chronobiologie noch in der Steinzeit feststeckt. Gleichzeitig haben wir aber eine große Sehnsucht nach Licht, die auf unser Leben in dämmrigen Büros oder Klassenzimmern zurückzuführen ist, und die wir aus kulturellen Gründen überwiegend am Spätnachmittag oder Abend befriedigen. Was daraus folgt, ist eine paradoxe Reaktion (wir lieben lange Abende mit viel Tageslicht, schlafen aber weniger, damit wir sie ausnutzen können), die uns nicht nur das Kreuzchen bei der Befragung an der falschen Stelle machen lassen würde sondern uns kränker machte: Weil abendliches Tageslicht biologisch gegensätzlich wirkt wie morgendliches Licht leben schon in der Normalzeit etwa zwei Drittel der Bevölkerung in einem sozialen Jetlag. Dieser raubt ihnen werktags Schlaf und bringt ihre inneren Rhythmen durcheinander. Die so genannte Sommerzeit vergrößert diesen Jetlag und verschärft die Situation.
    Warum verstellen Sie denn die Uhr, wenn Sie nach New York fliegen? Damit die Sonne ungefähr wieder mittags im Zenit steht und ihre biologischen Rhythmen nach einer gewissen Anpassungszeit ungefähr mit den sozialen Rhythmen übereinstimmen. Was wir bei der Umstellung der Uhren auf die Sommerzeit machen, ist das Gegenteil: Dadurch, dass wir die soziale Zeit (die Uhren) ändern, ohne dass sich der Zeitpunkt des höchsten Sonnenstands ändert, ist es so, als würden wir in eine andere Zeitzone reisen, OHNE die Uhren umzustellen. Deshalb haben auch so viele Menschen nicht nur in den ersten Tagen nach der Umstellugn ein Problem, sondern die verbleibenden sieben Monate bis zur Rückkehr in die Normalzeit.
    Und als leztes Argument: Russland hatte es ausprobiert. Man war drei Jahre in die ganzjährige Sommerzeit gewechselt. Es resultierten eine erhöhte Depressions- und Suizidrate sowie eine verringerte Geburtenrate. Also entschied das Land im Herbst 2014 in die ganzjährige Normalzeit zu wechseln. Und es erscheinen nun die ersten wissenschaftlichen Studien, die darauf hinweisen, dass es den Menschen nun wieder besser geht.
    Ihnen empfehle ich, entweder ihre Uhr ganz individuell zwei Stunden vorzustellen oder aber einfach zwei Stunden früher aufzustehen und ins Bett zu gehen. Vermutlich sind Sie eine Lerche, eventuell sogar bereits etwas älter (was einen lerchenhafter macht) und im Ruhestand, so dass sie sich nicht an vorgegebene Arbeitszeiten halten müssen. Auch dann werden sie das Licht am Abend genießen (wenngleich morgendliches Licht ihre Lerchenhaftigkeit etwas vertreiben würde), es muss aber nicht die Mehrheit der Bevölkerung darunter leiden.
    Beste Grüße, Ihr Peter Spork (http://www.peter-spork.de)

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      Vielen Dank für Ihre sehr ausführliche und logische Antwort.
      Dennoch finde ich, etwas mehr Gleitzeit (flexible Arbeitszeiten, anderes Thema) und dadurch Mitbestimmung beim Tagesablauf täte allen gut, kann mir aber Änderungen in unserem unflexiblen Beamtenstaat schwer vorstellen.
      Interessant fände ich, wenn Sie auch mal darauf eingehen würden, dass bekanntermaßen Schulkinder mindestens in der ersten Schulstunde weniger leistungsfreudig sind, was übrigens meinem unten angeführten Vorschlag auch widerspricht. Für Schulkinder wäre der eine Katastrophe.
      Schönes Wochenende!

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        Lieber Oleander,

        all das und noch viel mehr tue ich, bzw. habe ich getan, und zwar in meinem 2014 erschienenen Buch „Wake up! Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft“ (Hanser Verlag). Es entwirtft in acht Kapiteln einen Plan für eine neue Zeitkultur, die unter anderem zwangsläufig mit sich bringen würde, dass wir als Gesellschaft wieder mehr Schlaf finden. Felxibilisierung von Arbeitszeiten, späterer Schulbeginn und Abschaffung der so genannten Sommerzeit sind nur drei von vielen zusätzlichen Maßnahmen. Bitte schauen Sie sich die Infos zum Buch an: http://www.wake-up-das-buch.de
        Auch Ihnen ein schönes Wochenende, PS

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        Natürlich ist die Mitbestimmung am Tagesablauf das A&O für die eigene Gesundheit, würde ich sagen, aber die Frage ist doch: Wo soll die Politik eingreifen, wenn die einen ‚Lerchen‘ und die anderen (ich z.B.) ‚Eulen‘ sind, die abends nicht ins Bett kommen und morgens nicht ‚raus (?). (Letztlich geht es immer um den Umgang der Politik mit dem Individualismus.) Der Hinweis auf den höchsten Sonnenstand und den Sonnenaufgang als ‚trigger‘ für eine biologische Uhr scheint mir plausibel. Wer z.B. einen Hund hat, wird das bestätigen. Also denke ich auch, die Politik, sollte erst mal damit beginnen, Fehler der Vergangenheit rückgängig zu machen und dann sehen wir weiter. Noch haben wir die Zeit. (Und wenn mir dann noch – wo wir gerade so schön individuell – biologistisch sind, das Thema ‚gender-mainstreaming‘ einfällt bzw.: wie muss der neue Mann‘, also das flexible Ergebnis von feministischen Erziehungsprojekten sein, nicht wahr?, dann fällt mir nur die Gegenfrage ein: Wieso ‚muss‘?)
        => Ich plädiere auch für die Abschaffung der Zeitumstellung als einem der ersten weiteren Schritte zur Verbesserung der Lebensbedingungen.

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        … gute Idee, werter P.S.. Jetzt müssen Sie nur noch die Lebenswirklichkeit, also etwa Unfall, Krankheit, Kriminalität, Energiebedarf, usw., usf., verpflichten, sich an festgelegte Zeiten zu halten. Am Besten zwischen 10:00 und 15:30 Uhr, damit Krankenschwester, Polizei, Feuerwehr, … oder die Versorgungsunternehmen, beispielsweise, ausgeschlafen ihr Tageswerk verrichten können.

        Wirklich, mir gefällt Glenn Millers Moonlight Serenade für alle.

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        Der Hinweis von hans ist schon richtig, der von Peter Spork aber immer noch. Ich denke, jeder von uns hat schon eine Menge Zeit seines (Erwerbs-)lebens aus eigenem Willen gegen die eigene biologische Uhr gelebt. (Und was sollen junge Eltern sagen..) Wenn wir uns also beim Thematisieren dieser Problematik ‚innere Uhr‘ (und bei so vielem anderen Wünschenswertem) nicht lächerlich machen wollen, müssen wir die Prioritäten sehen, will sagen: Wer Polizist, Arzt, Pilot oder Feuerwehrmann werden will, sollte da stabil sein und zwischen Zulage und mehr Freizeit wählen dürfen. Daß es für Nachtarbeit Zulagen gibt – ja , dank der Gewerkschaften – hat mir bei Jobs im Studium einige Zulagen gebracht. Wenn die Wissenschaft also sagt, daß die biologische Uhr ein schützenswertes Gut ist, dann muss es eben im Kapitalismus dafür Kompensation geben. Und das ist etwas anders, als Vorschriften zu machen, wie jemand zu arbeiten hat (und zu Leben hat, @liebe Gesundheitsfanatiker, Anschnallpflichbefürworter, Fahrradhelmträger und militante Nichtraucher).
        Die Politik soll endlich diese Sommerzeit abschaffen, nicht weil das irgendwie ‚Leben rettet‘ sondern, weil es einfach eine Regelung weniger ist. Das ist in Zeiten von Überregulierung, Ratgeber-Inflation und andauernd penetranter gegenseitiger Belehrung im Alltag schon ein Wert an sich.
        Die Partei, die das macht, wähle ich.

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        … mhmm, mit Kapitalismus hat die biologische Uhr nur bedingt was zu tun. Meine ich. Eine innere Uhr aber kann, mit Disziplin oder von außen, gestellt werden. Windstärke 12 und Seegang 11 fragen nicht nach der Zeit. Ich habe jahrelang damit leben müssen und mich bei 4 Stunden Arbeit, 8 Stunden frei, rund um den Tag, beispielsweise 4/8 und 16/20 Uhr Wache, ’sauwohl‘ gefühlt. Trotzdem halte ich den Sonntag für heilig.

        Und mit Hinweis auf die Karwoche, schon vor 2’000 Jahren hat die – notwendige – Arbeit am Sonntag (damals Sabbat) nicht gepasst. Nun, wir kennen die Historie.

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    Sollte man einer Volksbefragung überlassen. Ich persönlich fände es großartig, wenn wir die Sommerzeit das ganze Jahr über hätten und auch im Winter abends etwas mehr Licht. Von mir aus könnte man auch zwei Stunden ganzjährig vorstellen. Am Abend leben wir und manche dann nach der Arbeit. Nichts macht so entsetzlich müde wie aus dem Büro ins Dunkle treten im Winter.

    In den Firmen bräuchte man morgens mehr Licht, abends aber gar keins mehr. Die Heizkosten würden evtl. sinken, weil Nachtspeicher billiger ist. Schulkinder, die oft nachmittags noch zu Veranstaltungen, auch Sport- oder Musikunterricht müssen, kämen gerade noch im Hellen nach Hause. Und im Hellen zu Abend essen kann schöner sein.

    Somit verteidige ich die Sommerzeit, aber ganzjährig und evtl. sogar verdoppelt.
    Die Tageszeit, die ja von Menschen eingerichtet wurde, bezog sich auf den Ablauf des Landlebens. Sie ist artifiziell. Und, nebenbei bemerkt, die Bauern müssen den ganzen Sommer extrem müde gewesen sein, weil die Tiere sie eher weckten.

    Daher halte ich Ihre Argumentation für unhaltbar, zumal ich in den vergangenen Wochen wenig müde Menschen sah, dagegen sehr viele im Herbst. Das gute Wetter der letzten Zeit machte jeden munter, und abends konnte man schon mit Decke draußen sitzen. Sie versuchen hier, die Frühjahrsmüdigkeit vergangener Zeiten, die vermutlich eine Folge von Vit. C-Mangel vor künstlichem Vit. C und Orangenimport war, umzudeuten in einen Jet-Lag. Für Leute, die viel nach Übersee reisen müssen, vermutlich eine Lachnummer.

    Hoffe, dass dazu hier mal mehr Leute schreiben.

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