avatar

Advocatus Dei?

Zugegeben, ich bin Atheist. Anglikanischer Atheist jüdischer Herkunft, sollte ich hinzufügen, denn es gibt so viele Sorten Atheisten, wie es verschiedene Arten gibt, Christ, Jude oder Moslem zu sein, was allzu oft vergessen wird. Hier möchte ich – sozusagen als Advocatus Dei – zwei Einwände gegen den Atheismus vorbringen. Und zwar auch deshalb, weil mir eine bestimmte Sorte Atheismus gehörig auf den Wecker geht: Der Atheismus aus Ignoranz. Der Atheismus, der nicht begreifen kann oder will, dass der Glaube an Gott – oder an Götter – nicht bloß Ausdruck unaufgeklärter Dummheit ist.


Der erste Einwand ist der Einwand aus dem Totalitarismus.
Hat nicht das 20. Jahrhundert gezeigt, dass explizit atheistische Regimes wie Nationalsozialismus und Kommunismus viel schlimmere Verbrechen begehen, als wir es selbst von den Inquisitoren, Kreuzzüglern und Dschihadisten kennen? Besteht zwischen ihrem Atheismus und ihren Verbrechen eine Verbindung? Ist der Mensch, der keine höhere Autorität kennt als den Menschen, nicht zu jeder Untat bereit, während der religiöse Mensch selbst bei seinem schlimmsten Wüten immerhin begreift, dass er sich dafür vor einer höheren moralischen Autorität zu verantworten haben wird? Ist die Religion nicht also zur moralischen Mäßigung des Menschen nötig?
Der zweite Einwand ist der aus der Schönheit.
Wie viele wunderbare Werke hat der Glaube hervorgebracht! Literarische Meisterwerke wie die Ilias und die Odyssee, die Geschichten um König David, Hiob, Jesus aus Nazareth, Mohammed; gotische Altarbilder und hinduistische Götterstatuen; Bauwerke wie Notre Dame in Paris, die Blaue Moschee in Istanbul, die Tempelanlage von Angkor Wat; Musik wie Bachs Weihnachtsoratorium, die Gospelmusik von Elvis Presley, die Gesänge der Muezzin, die Reggae-Musik des Rasta-Kults – die Liste ist schier endlos. Denkt man den Beitrag der Religionen zur Verschönerung des Lebens weg, müsste man sich unser Dasein nicht so vorstellen wie in einer riesigen Plattenbausiedlung, bei der aus jeder Wohnung das Geräusch von Dudelradio und Killerspielen drängt? Wer will in einer solchen hässlichen neuen Welt leben?
Beide Argumente berühren freilich nicht die wissenschaftliche Frage, ob es Götter oder Göttinnen gibt; also nicht die Wahrheitsfrage. Es könnte ja sein, selbst wenn man anerkannt, dass die Religionen unser Leben vor der Hässlichkeit und dem Totalitarismus retten, dass sie lediglich eine kulturell nützliche, vielleicht sogar notwendige Fiktion sind.
Aber sind sie das?
Nehmen wir den Einwand aus dem Totalitarismus – ein Einwand, der interessanterweise seit 9/11 häufiger zu hören ist als früher, als wollten die Religionen lautstark die Erkenntnis übertönen, dass die monotheistische Religion selbst das Urbild des Totalitarismus ist.
Die erste Antwort auf diesen Einwand ist, dass in der Tat nicht nur die Religion gefährlich ist, sondern auch der Religionsersatz. Kommunismus und Nationalsozialismus sind nämlich atheistisch zwar, aber nicht areligiös. Im Gegenteil. Niemand kann leugnen, dass der Kommunismus des aus einer Rabbinerfamilie stammenden Christen Karl Marx seine ganze Struktur dem Christentum verdankt – paradiesische Zustände im Urkommunismus, der Fall des Menschen durch die Erfindung des Privateigentums, die Ankunft des Messias mit einer Heiligen Schrift, der Endkampf zwischen Gut und Böse in der Weltrevolution und die Wiedergewinnung des Paradieses im Kommunismus. Auch der Nationalsozialismus ist in seinem Kern eine Religion, und zwar eine gnostische, bei der die arischen Lichtmenschen gegen die Kräfte der Finsternis, angeführt durch die ganz und gar materialistischen Juden, um die Rettung der Erde ringen.
Mit anderen Religionen teilen diese Ersatzreligionen den Zug der Nichtwiderlegbarkeit. Wenn es kein Leben nach dem Tod gibt, werden wir es erst nach dem Tod erfahren – oder vielmehr: eben nicht erfahren. Wenn die Massen nicht für den Kommunismus kämpfen, dann leiden sie eben unter falschem Bewusstsein. Wenn die Arier unterliegen, dann beweist das ja nur, wie gefährlich das Weltjudentum ist. So sehr sich der marxistische Sozialdarwinismus und der moderne Antisemitismus einen wissenschaftlichen Anstrich geben: ihnen fehlt das entscheidende Kriterium der Wissenschaftlichkeit – die Überprüfbarkeit im Experiment, die Widerlegbarkeit durch die Praxis.
Gegen wissenschaftliche – also praktische – Einwände haben sich die Ersatzreligionen haben sie sich – von den Religionen lernend – immunisiert. Als Hiob von Gott mit allerlei Plagen heimgesucht wird, meinen die Freunde, er müsse etwas getan haben, um diese Strafen zu verdienen. Aber Hiob besteht darauf, dass es keine Kausalität zwischen seinem Verhalten und seinem Leiden gibt. Das Leid der Unschuldigen ist also kein Einwand gegen die Existenz Gottes, dessen Ratschluss „unerforschlich“ ist. Als Jesus in der Wüste weilt, schlägt ihm Satan ein wissenschaftliches Experiment vor: er soll sich von einem hohen Turm werfen. Wenn er Gottes Sohn ist, werden ihn die Engel schon auffangen. Jesus antwortet: Du sollst Gott nicht versuchen. Sprich: allein schon der Gedanke daran, die Aussagen der Religion einer Überprüfung zu unterziehen, ist Sünde. Bei den Nazis hieß der entsprechende immunisierende Gedanke: Unsere Ehre heißt Treue. Gehorsam also statt Denken. Ähnlich geht es bei den Kommunisten zu, etwa in Bertolt Brechts „Lob der Partei“: Der Einzelne hat zwei Augen, / Die Partei hat tausend Augen. / Die Partei sieht sieben Staaten, / Der Einzelne sieht eine Stadt. / Der Einzelne hat seine Stunde, / Aber die Partei hat viele Stunden. Der Einzelne kann vernichtet werden, / Aber die Partei kann nicht vernichtet werden. / Denn sie ist der Vortrupp der Massen / Und führt ihren Kampf / Mit den Methoden der Klassiker, welche geschöpft sind / Aus der Kenntnis der Wirklichkeit. Amen, möchte man sagen, und wenn man das Wort „Partei“ durch „Kirche“, „Klassiker“ durch „Kirchenväter“ und „Wirklichkeit“ durch „Wahrheit“ ersetzt, hätte Papst Benedikt XVI. vermutlich wenig an dem Gedicht auszusetzen haben.
Apropos Joseph Ratzinger: Er hat sein Pontifikat unter das Zeichen des Kampfs gegen die „Diktatur des Relativismus“ gestellt. Also für die Herrschaft der Wahrheit. Aber nur der Relativismus – die Bereitschaft, die Möglichkeit ins Auge zu fassen, dass man selbst mit dem, was man am tiefsten glaubt, Unrecht haben kann – bewahrt uns vor den Gefahren, die im angeblichen Wissen um die Wahrheit liegen. Dies ist nämlich das schlimmste Erbe der monotheistischen Religion: die Offenbarung der Wahrheit. Übrigens immer so, dass andere Menschen an der Offenbarung nicht teilnehmen können: Auf dem Berg Sinai, in der Wüste Judäas, in der Höhle bei Mekka. Selbst auf dem Weg nach Damaskus sah nur Paulus das Licht, hörte nur Paulus die Stimme. Seine Begleiter sahen einen Mann, der einen epileptischen Anfall hatte.
Und dies ist die zweite Antwort gegen den Einwand aus dem Totalitarismus: Gegen die letzten Wahrheiten der Diktatoren brauchen wir nicht die letzten Wahrheiten der Päpste. Wir brauchen den Dialog über vorübergehende Regelungen. Wir brauchen die Anerkennung, dass die Gegenseite Recht haben könnte. Das ist die Essenz der Demokratie.
Man komme mir nicht mit dem Einwand, dann sei alles möglich, das sei eine Philosophie des „Anything Goes“. Man komme mir nicht mit jener dummen Parole, mit der die Kirchen vor zwei Jahren versuchten, die Freiwilligkeit des Religionsunterrichts in Berlin aufzuheben: „Werte brauchen Gott“. Quatsch. Und das ist die dritte Antwort auf den Einwand aus dem Totalitarismus: Fast all die Werte, die uns heute wichtig sind – individuelle Freiheit, Demokratie, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Gleichberechtigung der Rassen (und auch der Religionen), Anerkennung des Werts der Sexualität einschließlich aller möglichen so genannten Perversionen – : Das alles ist gegen die Religionen erkämpft worden und wird noch gegen die Religionen erkämpft. Die öffentliche Moral, die von den Religionen gepredigt wurde und wird, entspricht eher den Moralvorstellungen der Diktatoren als der heutigen Demokratie. Und was die private Moral angeht: Eheliche Treue? Man betrachte den christlichen Politiker Seehofer. Aufrichtigkeit? Guttenberg. Schutz der Kinder? Man nehme katholische Priesterseminare, Sakristeien, Kinderheime, Internate. Von Madrassen und Kinderehen in der islamischen Welt ganz zu schweigen.
Ansonsten, und dies ist die vierte Antwort: Dass man Leute nicht totschlagen, berauben, belügen und betrügen soll, das sagt einem der gesunde Menschenverstand. Die goldene Regel, der zufolge man lieber anderen nicht antun soll, was man selbst nicht von anderen erleiden möchte, leuchtet jedem ein, der sich darüber klar wird, dass er einmal der Schwache, der Unterlegene sein könnte. Um diese Alltagsweisheit aufzuheben, braucht es eine religiöse Einstellung, die einem für den Massenmord 72 Jungfrauen oder die Seligkeit des Kommunismus verspricht.
Auf den zweiten Einwand gegen den Atheismus, den aus der Schönheit, möchte ich antworten: dass die Kunst in der Vergangenheit an den Kultus gebunden war, ist unstreitig. Dass sie es nicht sein muss, haben die letzten 400 Jahre bewiesen. Im Amsterdamer Rijksmuseum bewunderte ich neulich die Malerei des holländischen Goldenen Zeitalters. Als mit der Lossagung von Spanien und dem Katholizismus die Kirche als Patronin wegfiel, widmeten sich die Maler bürgerlichen Sujets – dem Porträt, dem Stillleben, Stadtansichten, Landschaften usw. Und was sind das für herrliche Bilder! Die fast völlig areligiöse Kunst, Musik und Literatur des 20. Jahrhunderts braucht den Vergleich mit keinem anderen Jahrhundert zu scheuen. In der Musik hat das säkulare Europa die Oper und die Symphonie, das säkulare Amerika den Jazz, den Blues und den Rock’n’Roll hervorgebracht. Die viel geschmähte moderne Architektur hat Häuser und Räume geschaffen, vom Chrysler Building in New York über die Weißenhof-Siedlung in Stuttgart bis Zaha Hadids Museum für zeitgenössische Kunst in Rom, die einem den Atem so gut rauben wie irgendeine gotische Kathedrale.
Übrigens vergesse ich bei der Kathedrale nicht, dass dieses Bauwerk auch der Einschüchterung und der Demonstration von Macht diente: Shock and awe. Aber ihre Wirkung ist Menschenwerk, das Produkt menschlicher Berechnung und menschlicher Inspiration. Das Chrysler Building beweist nicht die Notwendigkeit von Chrysler, ja wird den Untergang der Autofirma überleben. Es beweist nur, dass Menschen fähig sind, auch für die banalsten Zwecke – in diesem Fall ein Bürogebäude – die erhabensten Formen zu finden. Übrigens gibt es auch hässliche Kirchen, Synagogen und Moscheen. Deren Hässlichkeit sagt ja auch nichts aus über die Wahrheit der in ihnen praktizierten Religion.
Wir können die Schönheit der religiösen Kunst bewundern – müssen das aber nicht: so mancher Barockaltar ist einfach hässlich. Wir können die Gefühle respektieren, die Gläubige für ihre Götter hegen – müssen das aber nicht: wir können es auch reichlich albern oder zutiefst vermessen finden, dass der Schöpfer des Universums sich ärgert, wenn ich Schweinefleisch esse oder mit einem gleichgeschlechtlichen Partner Sex habe. Wir können anerkennen, dass im Kampf gegen die moderne Barbarei zwar nicht viele, aber doch eine Reihe religiös motivierter Menschen sich bewährt haben, während viele Barbaren sich als Atheisten verstanden – sollten darüber aber nicht vergessen, dass die meisten religiösen Menschen sich, als es darauf ankam, nicht tapferer oder moralischer verhalten haben als nichtreligiöse.
Aber wir müssen entschieden den Anspruch jeder Religion – und erst recht jeder Ersatzreligion – zurückweisen, im Namen der Wahrheit zu sagen, was richtig und was falsch ist, was schön und nicht schön ist. Wir sind alt genug, das selber zu wissen und aus unseren Fehlern selbst zu lernen. Jeder von uns wäre ein besserer Mensch, wenn er sich vornehmen würde, so zu leben, als ob es auf ihn selbst ankäme, also ohne die Krücke, die einem die Religion bietet.

 

Shares

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Shares
Scroll To Top