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Ist der Osten „zu rechts“? Und wenn ja, warum ?

Vaclav Havel 2009 (aus Wikipedia)

Und: Wer machte eigentlich in den Westen aus der DDR?

Liegt es nicht auf der Hand, warum im Osten Deutschlands nach 40 Jahren DDR-Diktatur das Wort LINKS nicht für Freiheit und Fortschritt steht? Sondern dass eher die „andere Hälfte“ des in den linken und rechten Teil zerschnittenen Gemeinwesens für Freiheit und Fortschritt stünde?

Und dann gar noch das Wort „Sozialismus“!

„Seltsame Schicksale können Worte haben!“ schrieb Vaclav Havel im Frühjahr 1989 in seinem Essay „Ein Wort über das Wort“, einer Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an ihn. Und:

„Worte haben auch ihre Geschichte: Es gab zum Beispiel Zeiten, in denen das Wort Sozialismus für ganze Generationen Erniedrigter und Unterdrückter ein magnetisches Synonym für eine gerechtere Welt war, und als für die Ideale, die mit diesem Wort ausgedrückt werden, Menschen fähig waren, lange Jahre ihres Lebens zu opfern und vielleicht gar das Leben selbst.

Ich weiß nicht, wie es sich in Ihrem Land verhält, doch in meiner Heimat ist aus demselben Wort – also aus dem Wort Sozialismus – schon längst ein ganz gewöhnlicher Gummiknüppel geworden, mit dem irgendwelche reich gewordenen und an nichts glaubenden Bürokraten alle ihre frei denkenden Mitbürger in den Rücken schlagen, wobei sie sie »Feinde des Sozialismus« und »antisozialistische Kräfte« nennen. Wirklich: In meinem Land ist dieses Wort schon längst eine gottlose Beschwörung, der man am besten ausweicht, will man nicht verdächtig werden.

Ich war kürzlich auf einer ganz spontanen und von keinerlei Dissidenten organisierten Demonstration, auf der gegen den Ausverkauf der schönsten Teile Prags an irgendwelche australischen Millionäre protestiert wurde. Und als da ein Redner, der stürmisch gegen dieses Projekt auftrat, seinen Appell an die Regierung durch die Betonung dessen stärken wollte, daß er für die Rettung seiner Heimat im Namen des Sozialismus kämpft, begann die versammelte Menge zu lachen. Nicht, weil sie gegen eine sozial gerechte Gesellschaftsordnung gewesen wäre. Sondern einfach, weil sie ein Wort hörte, welches über lange Jahre hinweg und in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen von einem Regime beschworen wurde, das nur imstande ist, die Menschen zu manipulieren und zu erniedrigen.“

Wer verschwand aus solch einem Land ?

Manche glauben, der Osten Deutschlands sei „rechts“, weil „die Besten den Osten verlassen“ hätten. Und die Schlechtesten dort kleben geblieben seien. Daran mag richtig sein, dass es in einer Situation offener Grenzen eher die sozial Stärkeren sind, die dorthin gehen, wo sie sich eine bessere Zukunft versprechen.

Hat das aber etwas mit Besten zu tun, gar noch mit RECHTS oder LINKS?

1989 war ein Jahr, für das die Demoskopen im Westen das Ende der politischen Mehrheiten für Helmut Kohl und die CDU voraussagten. Oskar Lafontaine wurde als nächster Kanzler gehandelt. Befragungen von Infratest und Emnid unter den „DDR-Flüchtlingen“ am Ende des Jahres im Aufnahmelager Gießen zeigten allerdings klare Präferenzen dieses Personenkreises für Kohl und die CDU. Ein Menetekel auf die Volkskammerwahlen am 18. März 1990.

Sind also auch die, welche aus dem Osten nach dem Westen machten und machen, „eher rechts“?

Bei meinem Lieblingshistoriker fand ich mal auf facebook seine Vermutung, AfD-Wähler im Westen seien dorthin rübergemachte Ossis. Und natürlich nicht „die Besten“. Was ich angesichts des Aufstiegs der Republikaner im Westen, bereits im April 1989, also noch vor der großen Fluchtwelle aus der DDR, für nicht besonders schlüssig halte.

Wer wollte über die Mauer ?

Und wie war das in der Zeit, als die Mauer noch stand, die Grenzen also keineswegs offen waren? Machten da „die Besten“ rüber?

„Wir kennen Sie nicht, Herr Walther,“ sagte mir der Beamte des Bundeskriminalamtes im Aufnahmelager Gießen, der nach meinem Freikauf aus der DDR – Haft von mir ein Profilfoto und Fingerabdrücke begehrte.

„Wir kennen nur unsere Statistiken. Nach diesen wird jeder zehnte aus der DDR-Haft Freigekaufte innerhalb der ersten 12 Monate nach Eintreffen im Bundesgebiet straffällig.“ 

Heino Falcke predigte in Erfurt in Thüringen noch 1984 und noch langen nach 1990, auch veröffentlicht in diesem Buch:

„Ich habe die Beobachtung gemacht, dass es nicht so sehr die politischen Umstände sind, die man hinter sich lassen will bei einem Ausreiseantrag, sondern eher Beziehungskonflikte, denen man entfliehen will und doch überall hin mitnimmt.“

Heute, als alter Mann, will ich das gar nicht nur abtun als Ausfluss eines Reisekaders ins Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet, NSW, der sich „nach oben“ absichern wollte.

Es war ja tatsächlich so, dass die Mauer die DDR-Bürger vor die Alternative stellte:

– entweder eingesperrt zu sein

– oder ausgesperrt zu sein.

Also im letztere Falle dann im Westen nicht mehr in die DDR fahren zu dürfen. Gegen das Aussperren sprachen Bindungen zu allen, die man leiden konnte, Bindungen in die Familie. Ein Ausreiseantrag aus der DDR vor 40 Jahren war vergleichbar mit einer Auswanderung vor 200 Jahren nach Amerika: Das hatte die Perspektive einer Nimmerwiederkehr. Es ist ein ausgewählter Menschenschlag, der sich in dieses Abenteuer stürzt.

Aber das Narrativ

Teile ich einen Apfel in eine „rechte Hälfte“ und eine „linke Hälfte“, sind die beiden Hälften denknotwendigerweise hälftig. Warum sollte LINKS wohlschmeckender sein?

Und warum ausgerechnet auf dem Gebiet der ehemaligen sozialistischen DDR?

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Über Bodo Walther

Bodo Walther, geboren 1960 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt, studierte 1985 bis 1991 Rechtswissenschaften in Tübingen und Bonn. Er war aktiver Landes- und Kommunalbeamter in Sachsen-Anhalt, ist heute im Ruhestand und Anwalt in der Nähe von Leipzig.

Ein Gedanke zu “Ist der Osten „zu rechts“? Und wenn ja, warum ?

  1. avatar

    … es wird immer abstruser in der ‚BRD‘, nicht nur das andersdenkende als ‚Nazi‘ oder ‚Rechts‘ beschimpft werden, nein, nun wird auch noch die Herkunft, der Geburtsort von den Sozialisten diffamiert.

    … aaaber, nix für ungut, werter Hr. Walther, Sie, andere und ich müssen sich nicht für unsere Heimat rechtfertigen. Erst recht nicht gegenüber unbelehrbar, sozialistischen ‚BRD/DDR‘-Kader-Ideologen und sonst welch‘ Blockflöten. Das hat für uns bis 1990 Art. 23 GG getan.

    yabadabadoo!

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