avatar

Was die deutsche Politik von Donald Trump lernen kann

Deutschland ist richtig gut darin, den US-Präsident als das Böse zu markieren. Ansonsten schon bald in nichts mehr, wenn wir nicht aufpassen. Bild von kirill_makes_pics auf Pixabay

Spielräume schaffen. Das kann der amerikanische Präsident. Man wacht morgens auf und liest, dass sich die USA von der Klimapolitik verabschieden. Einfach so. Egal, wie man inhaltlich zur Politik von Donald Trump steht – in der deutschen Politiklandschaft kann das niemand. In Berlin können wir nicht mal Salz auf die glatten Straßen streuen, wenn der Winter kommt. In Deutschland wird vor allem abgewickelt, fantasielos vollzogen und argwöhnisch auf Leute geschaut, die das entschlossene Handeln noch nicht verlernt haben. 

Ich bin Gast in einem mittelgroßen und mitteltollen Kettenhotel. Beruflich. Das Zimmer wurde über eine Online-Plattform gebucht. An der Rezeption frage ich nach einem Zimmer mit Meerblick. Wenn ich schon mal in Italien bin. Die Mitarbeiterin an der Rezeption ist nett und schaut in ihren Computer. „Sorry. Es wäre noch etwas frei. Aber unser System sieht für Ihre Buchungskategorie keine Upgrade-Möglichkeit vor.“ Ich sage: „Ok, ich zahle das natürlich auch.“ „Hm. Es gibt leider keine Option, das manuell freizugeben.“ Grazie, ciao. So ähnlich funktioniert die Politik in Deutschland.

Es gibt so viele schöne Dinge, die unsere Politik gerne gestalten würden. Die Modernisierung der deutschen Wirtschaft, die neue Weltordnung, das Klima, Zucker im Essen oder Inhalte in Social Media. Gerne wird die große Offensive, der große Umbruch, der Aufbruch oder Durchbruch angekündigt. Aber es gibt dann leider sehr viele Umstände, die das entschlossene und richtige Handeln verzögern, verkomplizieren oder verhindern: Gesetze, die EU, die eigene Partei, die Brandmauer, die alleinerziehende Mutter in Kreuzberg, die Medien oder der Wahlkampf irgendwo in Sachsen-Anhalt. Schade. Wir würden ja gerne. Aber wie sagte die Hotel-Angestellte so hellsichtig: „Es gibt leider kein Option, das manuell freizugeben.“

Unüberwindliche Hindernisse im System

Noch bevor Politik in Deutschland überlegt, was sie eigentlich will, was jetzt richtig für das Land wäre oder was der Wähler will, stößt sie schon auf scheinbar unüberwindliche Hindernisse im System. „Selbst wenn ich es wollte, könnten wir das gar nicht. Das verstieße gegen EU-Recht.“ Das hörte ich vergangenen Wahlkampf in Berlin aus dem Mund eines hochrangigen FDP-Politikers als es um Zuwanderung ging. Ein Stöhnen ging durch das Publikum. So wird das nichts mit dem Meerblick.

Donald Trump kehrt diesen lähmenden Mechanismus um. Erst kommt das Handeln. Möglichst vor den Augen der Öffentlichkeit. Um den Rest im Kleingedruckten wird sich anschließend gekümmert. Atemlos schauen deutsche Wähler auf den Mann im Oval Office, der einfach mal Sachen durchzieht. Dekrete werden unterschrieben und anschließend in die Tat umgesetzt. Wir reden hier nicht über die Inhalte. Sondern über jemand, der sich Spielräume verschafft, von denen wir uns schon lange verabschiedet haben. Schade. Aber das ginge leider nicht in Deutschland, hören wir kleinlaut von unseren Politikern. Selbst wenn wir wollten. Ja, den Sound kennen wir. Und viele Wähler haben genug davon. Sie wollen, dass etwas geschieht. Und keine wortreichen Erklärungen, warum all die guten Ideen gerade jetzt nicht in die Tat umzusetzen sind.

Angst vor dem Lars von der SPD

Mit „Make America Great Again“ hat Trump eine klare und einfache Vision für sein Land. Haben wir das auch? Was will Deutschland? Führungsanspruch in Europa? Industrielle Zukunftsnation sein? Das Klima retten? Vielleicht mal wieder Wirtschaftswunder-Nation werden? Wir wanken von Krise zu Krise. Ohne richtiges Ziel. Stattdessen regiert in Deutschland die Angst. Angst vor der AfD, Angst vor dem Verlust „unserer“ Demokratie, des Wohlstands, der Autoindustrie, Angst vor den Russen, Angst vor dem Lars von der SPD, vor Bayern München und dem Internet.

Trump benutzt keine Computer. Er lehnt es ab, irgendein System zu bedienen. Er ist selber das System, das bedient werden muss. Er weigert sich, Dinge abzuarbeiten, irgendwelche vorgegeben Felder auszufüllen oder Erwartungen zu erfüllen. Er ist selbst das Feld, das ausgefüllt werden muss. Er vollzieht nicht sondern handelt. Das macht ihn so fremd, unberechenbar und angreifbar. Angegriffen wird er jeden Tag. Oft mit Recht. Von allen Seiten. Vor allem von Menschen in unserer modernen Welt, die ihr Leben vollziehen, statt sich Spielräume zu schaffen und frei zu handeln. So beschreibt es der Soziologe Hartmut Rosa.

Musk klaut uns das Wasser!

Wir haben das Handeln verlernt und erschrecken, wenn wir auf jemand treffen, der es noch kann. Oder einfach macht. Das gilt nicht nur für Donald Trump. Wir erschrecken auch über Elon Musk. Der will zum Mars, baut Raketen und eine große Autofabrik. Ausgerechnet in der Pampa irgendwo in Brandenburg. Das darf aus deutscher Apparatschik-Sicht nicht sein. Irgendwas muss da doch schief gelaufen sein. Musk klaut uns das Wasser! Musk quält seine Mitarbeiter! Musk ist rechtsradikal! Emsig wird nach Vorwürfen gesucht, die die eigene Taten- und Visionslosigkeit entschuldigen könnten.

Wir Deutsche und die deutsche Politik sind seltsam gelähmt. Wir starren mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination auf die wenigen Macher, die ihren eigenen Weg gehen. Die Umstände, das System haben uns unbeweglich gemacht. Was hilft uns aus der Erstarrung?

Wir sind nicht frei im Denken

Auf seine gewalttätige Art setzt Trump viele Dinge in Bewegung, sagt Hartmut Rosa, der nicht gerade als Konservativer bekannt ist. Plötzlich besinnt sich Europa nicht mehr auf fixierte Flaschendeckel, sondern auf Verteidigungsfähigkeit und Militär. Man sucht sich neue Verbündete und neue Absatzmärkte. Sogar die sakrosankte Klimapolitik steht plötzlich wieder auf der Tagesordnung und wird diskutabel. Trump zwingt die Politik weltweit zum Nachdenken und zum Handeln.

Warum machen wir das nicht selber? Ohne Zwang. Ganz einfach. Weil wir nicht wirklich so mutig, klug und frei sind, wie wir denken. Wir stecken in unseren Excel-Tabellen und Routinen fest. Wir sind nicht frei im Denken. Im Gegenteil. Wer mal irgendetwas anderes denkt, macht sich verdächtig. So richtig stark sind wir derzeit nur darin, Trump oder Musk als Gegner zu markieren. Mein Deal: Wenn die deutsche Politik verspricht, dass sie mal eine Minute darüber nachdenkt, wo wir eigentlich hinwollen, sich mutig und kraftvoll Handlungsspielräume schafft und sie anschließend nutzt, spendiere ich das Zimmer mit Meerblick. Ohne Aufpreis. Grazie, ciao.

Frank Schmiechen ist Journalist und Musiker. Er startete als Reporter bei der Bergedorfer Zeitung, war später unter anderem Stellv. Chefredakteur der WELT und Chefredakteur des Online-Mediums Gründerszene. Seit einigen Jahren arbeitet er als Kommunikationsberater. In den 70er Jahren begann er seine Musiker-Karriere als Songschreiber, Bassist, Gitarrist und Pianist. Sein Herz schlägt auch für guten Wein und den HSV. Frank Schmiechen lebt in Berlin und hat vier Töchter.

Folge uns und like uns:

Ein Gedanke zu “Was die deutsche Politik von Donald Trump lernen kann

  1. avatar

    Lieber Frank Schmiechen,

    Musk „klaut uns“ tatsächlich das Wasser. Das Grundwasser. Mein Bruder, der dort sein Haus hat, hat damit seine Probleme. Auch mit seiner Firma.

    Er macht aber nicht Musk dafür verantwortlich, sondern das Landratsamt, welches so was durchgewunken hatte.

    Wechens „schafft Arbeitsplätze“ und so.

    Trotz aller vorherigen Einwendungen derer, denen dann dieses Wasser fehlt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll To Top