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Das Phänomen Beatles – Vier Gründe

Das Phänomen Beatles ist ungebrochen. Dafür ging es im Wesentlichen vier Gründe.

Fragen wir ChatGPT: Wie viele Ergebnisse liefern soziale Plattformen zum Hashtag #Beatles?  Antwort: Trotz Auswertung unterschiedlicher Datenquellen sind nur Schätzungen möglich. TikTok zeigt rund 430.000 Beiträge mit etwa 3,6 Milliarden Views; Instagram bietet ca. 4,35 Millionen Posts; der offizielle YouTube-Kanal der Beatles zählt aktuell ca. 9,28 Mio. Abonnenten. Auch Googles AI-Assistent Gemini nennt ähnliche (geschätzte) Werte.

Was lässt sich daraus ablesen? Obwohl die Beatles seit mehr als fünf Jahrzehnten als Band nicht mehr existieren, sind sie weltweit weiterhin präsent und generationenübergreifend gefragt – je nach Sichtweise sprechen wir inzwischen von drei oder vier Generationen. Warum ist das so? Dafür sprechen im Wesentlichen vier Gründe.

Die andauernde Präsenz des Phänomen Beatles – Vier Gründe

In der gemeinsamen Firma Apple Corps kontrollieren Paul McCartney und Ringo Starr zusammen mit den Erben von John Lennon und George Harrison bis heute den Umgang mit dem Œuvre der Beatles. Ein zentraler Unternehmensbereich ist das Tochterunternehmen Apple Records, das die Vermarktung des Beatles-Katalogs steuert. Die Manager von Apple Records beweisen dabei seit Jahrzehnten eine ausgesprochen glückliche Hand. Kern ihres Marketings ist ein schier endloses Wiederaufbereitungssystem bereits veröffentlichter und unveröffentlichter Tondokumente der Band, das bis heute läuft.

Alles beginnt 1973 mit der Herausgabe zweier Doppelalben: The Beatles 1962–1966 (das sogenannte Rote Album) und The Beatles 1967–1970 (das sogenannte Blaue Album). Zielgruppe dieser Retrospektive ist eine neue Generation, die in der aktiven Zeit der Band zu jung war, um sie bewusst mitzuerleben. Fünfzig Jahre später, 2023, erleben beide Doppelalben eine Neuauflage in moderner digitaler Technik.

Neue digitale Studiotechnik und geschickte Veröffentlichungspolitik von remasterten Alben 

Neue Studiotechnik ermöglicht es 1977, das ohrenbetäubende Geschrei auf den Mitschnitten der Beatles-Konzerte zu dämpfen und der Musik zu ihrem Recht zu verhelfen. Zeit für Apple Records, die erste Live-LP der Band auf den Markt zu bringen: The Beatles at the Hollywood Bowl. Fast vierzig Jahre später erhält auch diese LP eine erweiterte digitale Neuauflage unter dem Titel Live at the Hollywood Bowl.

Bis Mitte 1965 treten die Beatles unzählige Male live in Radiosendungen der BBC auf. Die Tonbänder dieser Auftritte verstauben über Jahre in den Archiven der BBC – bis Apple 1994 ein digital remastertes Doppelalbum Live at the BBC mit insgesamt 71 Stücken lizensiert. Mitnichten ist das BBC-Beatles-Archiv damit ausgeschöpft. Keine zwanzig Jahre später erscheint 2013 eine Fortsetzung mit 63 weiteren Stücken unter dem Titel On Air – Live at the BBC Volume 2.

Im Jahr 2000 erreicht die Veröffentlichungspolitik von Apple mit einem Geniestreich einen phänomenalen Höhepunkt. Unter dem schlichten Titel 1 schickt Apple weltweit ein Album mit 27 chronologisch geordneten Nummer-1-Hits der Beatles in die Läden. Der Erfolg des Albums übertrifft alles bisher Dagewesene: Das Album 1 selbst wird zum Nummer-1-Hit und zählt weltweit zu den meistverkauften Musikalben der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts.

2004 und 2006 folgen unter dem Titel The Capitol Albums, Vol. 1 und Vol. 2 zwei Boxsets mit den US-amerikanischen Versionen der frühen Beatles-Alben in Mono und Stereo. Doch die Reihe der Wiederveröffentlichungen ist damit längst nicht beendet. 2009 veröffentlicht Apple einen Schuber mit dem gesamten Werkkatalog der Beatles; in vier Varianten werden alle Studioalben digital aufbereitet auf LP bzw. CD in Mono und Stereo angeboten.

Das Wiederaufbereitungssystem mit Beatles-Titeln läuft bis in die Gegenwart wie geschmiert weiter. Aktuell erleben wir die Wiederauferstehung des Multimedia-Projekts Anthology. 1995 aus der Taufe gehoben, umfasst dieses Mammutprojekt einen opulenten großformatigen, drei Kilogramm schweren Bildband, eine zehnstündige TV-Dokumentation, eine fünfteilige DVD-Box sowie drei Dreifach-LPs bzw. Doppel-CDs mit Demos, Probeaufnahmen, Live-Mitschnitten und einigen unveröffentlichten Stücken. 2025 nun – 30 Jahre später – wird das gleiche multimediale Großereignis erneut auf die Welt losgelassen, ergänzt um eine weitere Doppel-CD bzw. Dreifach-LP mit dem Titel Anthology 4.

Diese Aufzählung ließe sich mühelos erweitern: um die aufwendigen sogenannten Deluxe-Editionen zum jeweiligen 50-jährigen Jubiläum verschiedener Alben und überhaupt um allerlei weitere Kompilationen unter allerlei Vorwänden. Die massiven Neu- und Wiederveröffentlichungen über die Jahre dürften die anhaltende Popularität der Beatles ebenso massiv gefördert haben. Und nicht nur diese. Hinzu kommen restaurierte Spielfilme der Beatles und nicht zu vergessen, eine kaum noch überschaubare Beatles-Literatur. Alle zusammen tragen erheblich dazu bei, das kulturelle Nachleben der Fab Four bis heute zu nähren.

Paul McCartney und Ringo Starr halten ihr Erbe musikalisch lebendig

Wir sprachen anfangs jedoch von vier Gründen, die das Nachleben der Beatles bis heute wachhalten. Der zweite Faktor sind Ringo Starr und – noch stärker – Paul McCartney selbst, die ihr Erbe musikalisch lebendig halten. In unzähligen Tourneen über die Jahrzehnte bietet Paul McCartney seinem Publikum das, was es bis heute verlangt: Beatles-Songs. Zunächst in den siebziger Jahren noch zögerlich, besteht die Setlist seiner Konzerte inzwischen seit vielen Jahren zu mehr als der Hälfte aus von ihm geschriebenen Beatles-Titeln. Und das Publikum liebt es. Bei Ringo Starr verhält es sich ähnlich – natürlich in deutlich geringerem Umfang.

Ein weiterer Grund für ihre anhaltende Popularität mag paradox klingen: Die Beatles haben allen Angeboten widerstanden, sich für sehr, sehr viel Geld wieder zu vereinen Hätten sie es getan, wären sie zweifellos für kurze Zeit erneut ins Zentrum der Popkultur gerückt. Doch der Preis wäre hoch gewesen: À la longue hätten sie ihren Nimbus zerstört, ihre unerhörte Einmaligkeit entzaubert. Wie wir wissen, haben sie es nicht getan. Dass sie diesen Weg nicht gegangen sind, spricht für ihre Klugheit – auch jenseits ihres musikalischen Genies.

Doch all das wäre nichts ohne die Musik der Beatles. Und selbst die wäre nicht bis heute durchschlagend, hätte sich die Band nach dem Abklingen der irren Beatlemania einfach aufgelöst. Zum Klassiker der Moderne werden sie erst durch die Alben ihrer Meisterphase Rubber Soul, Revolver und Sgt. Pepper. Und nicht zu vergessen ihr finales Werk: das zeitlos schöne Album Abbey Road, die Apotheose ihres Schaffens.

Kurzvita: Geboren 1951 in Bonn und aufgewachsen in der Blütezeit des sogenannten Wirtschaftswunders, lebe ich bis heute dort. Ein wichtiger Halt in meinem Leben ist die Musik der sechziger Jahre aus England und den USA. Beruflich fand ich meine Erfüllung in der Verlagsbranche – unter anderem im Handelsblatt-Verlag, im Europa Union Verlag sowie als Verlagsleiter der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung (heute: „Jüdische Allgemeine“).

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Ein Gedanke zu “Das Phänomen Beatles – Vier Gründe

  1. avatar

    Ein sehr schön geschriebener und gut nachvollziehbarer Beitrag. Die vier genannten Gründe sind überzeugend und schlüssig dargestellt. Obwohl ich Anfang der 1970er Jahre geboren bin und die Beatles nicht bewusst erlebt habe, weiß ich ihre Musik sehr zu schätzen. Auch in meiner Generation spielten ihre Songs immer wieder eine Rolle, nicht zuletzt wegen ihrer ausgeprägten Melodik und dieser zeitlosen, mitreißenden Wirkung, die altersunabhängig funktioniert. Genau darin liegt für mich ein wesentlicher Teil ihres bis heute anhaltenden Nachlebens.

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