Ihre Texte wirken wie Storyboards zu expressionistischen Kurzfilmen: anarchisch, temporeich und von psychologischer Tiefe. Nach aufwändigen Recherchen ist nun das Rätsel ihrer Identität gelöst: Mit der Edition „Streichhölzer“ bekommt das deutschsprachige Feuilleton der Zwischenkriegszeit nun eine seiner faszinierendsten Stimmen zurück.
Die Prager Presse bestach in den 20er Jahren durch ein herausragendes Feuilleton. Allein Robert Walser steuerte rund 200 Artikel zu diesem Leuchtturm deutschsprachiger Feuilleton-Kultur bei. Mit ähnlich namhaften Stars warb seinerzeit das Prager Tagblatt: Über zwanzig Jahre hinweg – von 1917-1937 – schrieb Joseph Roth ungezählte Beiträge, die dem stets in Geldnot lebenden Literaten sich über Wasser zu halten halfen. Der Wallstein Verlag konnte im Jahre 2012 mit einer kritisch edierten Erstausgabe aufwarten. Das Publikumsinteresse war so erfreulich, dass Diogenes nur drei Jahre später eine Taschenbuch-Ausgabe eben jener Texte nachlegte.
Nun, zehn Jahre nach Wallsteins Joseph-Roth-Ausgabe, folgt ein Band beim Traditionshaus C. W. Leske, der eine publizistische Kollegin Roths und Walsers ins verdiente Spotlight rückt: Else Onno, L. v. Böheim, El Hor, El Ha – eine Stimme mit vielen Namen präsentiert uns der nun vom Stuttgarter Literaturwissenschaftler Claus Zittel herausgegebene Band „Streichhölzer“. Streichhölzer ruhen in ihrem kleinen Schächtelchen, bevor sie unvermittelt ein Schlaglicht auf ihre Umgebung werfen, sich verzehren und wie ein Lagerfeuer wieder verglimmen. In dieser Weise werfen auch die literarischen Miniaturen Else Onnos ein Schlaglicht auf die Zeit ihre Entstehung – und nicht zuletzt auf sie selbst als Autorin:
Sensationell ist das, denn nun erst wird klar, dass diese vier Namen als Masken derselben Dichterin zusammengehören – und zum anderen: Welche weiblichen Namen des literarischen Expressionismus neben Else Lasker-Schüler sind uns überhaupt geläufig? Sylvia von Harden, Emmy Ball-Hennings, Henriette Hardenberg, Claire Goll, Maria Lazar: Schon mal gehört? Mit der „Sondernummer Frauendichtung“ der Zeitschrift Die Sichel lag immerhin bereits im Jahr 1920 der Versuch einer kleinen Anthologie vor.
In aufwändigen Archiv-Recherchen in Berlin, Prag und Wien haben Claus Zittel und Lea Schober eine umfassende Werkausgabe zusammengefügt, sodass erstmals nun ein Überblick über das Œuvre der Autorin präsentiert wird, die in den Jahren 1908 – 1923 publizistisch aktiv war und hernach der unverdienten Vergessenheit anheimfiel.
Das Prager Tagblatt und Siegfried Jacobsohns Schaubühne, ab 1918 als Weltbühne fortgeführt – erst von Jacobsohn, hernach von Carl von Ossietzky – sind noch die geläufigsten Periodika, für die Else Onno schrieb. Herausragend ist diese Novität insofern als mit dieser eine Autorin der Vergessenheit entrissen wird, die unter dem Schirm ihrer Pseudonyme in den Feuilletons vor hundert Jahren für Furore sorgte. Sie war bekannt mit den bedeutendsten Publizisten ihrer Epoche – einige protegierten sie als neuen Star: so Alfred Kerr, Paul Leppin und Siegfried Jacobsohn. 1923 bricht der Fluss ihrer Publikationen jäh ab. Durch die Zäsur des Weltkriegs gerät sie vollends in Vergessenheit. Welche Gründe mag sie gehabt haben, sich zunächst als Autorin hinter Pseudonymen zu verbergen, um dann auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs ihre Stimme verstummen zu lassen?
Wie Storyboards zu Kurzfilmen erscheinen uns diese Prosaskizzen heute. Ironisch bis anarchisch wirken ihre Reise-Impressionen aus Metropolen wie Berlin, Wien und Kopenhagen. Da sind temporeiche Miniaturen, die im Montagestil das Großstadtgetriebe hörbar machen, wie etwa in den Erinnerungen an Triest von 1910:
„Triest nimmt man zuerst mit den Ohren wahr. Nirgend anderswo hört man so intensiv und so unmittelbar die phantastische Melodie des Handels. Alle Sprachen der Erde brausen durcheinander, dazwischen kurze, scharfe Aufschreie, Lachen, Schimpfen, Dampfpfeifen, rasselnde Ketten, niederfallende Kisten, Axthiebe, landende Schiffe, zischendes Wasser, langgezogene prahlerische Rufe, Geschrei und Gezeter, hallende Steine, knarrende Räder, dröhnendes Eisen, polternde Balken.“
Neben den Reise-Beobachtungen stehen Miniaturen des Zwischenmenschlichen. Diese etablieren einen Diskurs, der ins Innere der Protagonistin führt: Fragmente einer Sprache der Psyche, in denen sich Sehnsucht nach Nähe ausdrückt wie zugleich die Angst davor angesichts toxischer Liebesverhältnisse, der Wunsch nach Hingabe, wie die Angst vor weiblicher Selbstaufgabe:
Ihre „seltsame Liebe lag auf ihren Händen, die einander in verstohlenem Mutwillen berührten, sie war überall, gleitend, suchend, streifend, mit einem inbrünstigen Locken und mit einer Warnung. Auf einmal bleiben sie stehen und küssten sich. Lange küssten sie sich. Ein Aufruhr kam in die Einsamkeit und wachte da die ganze Nacht. Geflüster quoll aus dampfenden Mündern. Wünsche schwirrten auf wie gescheuchte Fledermäuse. Sehnsüchtige Rufe wanden sich zwischen suchenden Lippen.“
Mit ihren Texten erwarb sich Else Onno in ihrer Zeit den Ruf eines „Genies der Skizze“: Ein Genie, das es jetzt neu zu entdecken gilt!
El Hor / El Ha: Streichhölzer. Prosaskizzen, Erzählungen und andere Texte. Herausgegeben von Claus Zittel unter Mitarbeit von Lea Schober. C. W. Leske Verlag. Düsseldorf 2025. 367 Seiten. 24.-€
https://cwleske.de/buecher/el-hor_el-ha_streichhoelzer/