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Von Wahrheiten, Glaubenswahrheiten und Propheten …

„Brother, please help me!“

Es ist im August 1985, brütend heiß am Fuße des Berges Tabor in Galiläa und deshalb gehe ich dort in die nächstgelegene angenehm kühlere Kirche. Und der Pater kommt auf mich zugestürmt:

„Brother, please help me!“

Gräulich ist sein Englisch. Noch gräulicher als meines. Ein Italiener, schätze ich.

Er nimmt mich am Arm und führt mich an den Hang hinter seine Kirche:

„These poor missis chicken!“

Die Höhle, die ihm wohl als Hühnerstall diente, ist eingestürzt. Und nun drückt er mir einen Spaten in die Hand:

„Brother, please help me!“

Ich bekäme dafür ein Abendbrot bei ihm und ein Bett.

Ja, das ist ein Deal.

„Pater,“ so frage ich später, während ich meine Hühnersuppe löffele, „Pater, woher wissen wir, dass Jesus auf dem Berg Tabor verklärt wurde?“

„Eigentlich,“ sagt er, „Eigentlich wissen wir, dass Jesus gewiss nicht auf diesem Berg meditiert hat. Zu seinen Zeiten war dort eine römische Garnision.“

„Aber,“ So fährt er fort. „Aber dieser Berg stärkt den Glauben.“
Eine Glaubenswahrheit, gewissermaßen.

Die Hühnersuppe ist schonender für diese provisorische Brücke auf meiner oberen Kauleiste. Die ist mir hier in Israel schon mal rausgefallen. Die richtige ist noch nicht fertig, hat mein Zahnarzt gesagt. Vor vier Monaten erst bin ich ja aus der DDR-Haft abgeschoben worden und er hat mir die Zähne gerichtet.

Die Materialkosten hat das Stuttgarter Versorgungsamt übernommen. Als Haftfolgeschaden. Schlechte Zähne sind eine Folge einer Haft im Unrechtsstaat, das ist auch so eine Glaubenswahrheit.

Mit den Linienbussen bin ich unterwegs. Die israelischen fahren einigermaßen nach Plan.

Die arabischen nicht.

Das will mir wohl der Soldat der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte erklären, den ich später am Stadtrand von Jericho treffe.  An der Bushaltestelle.

Sein Englisch ist noch katastrophaler als das des italienischen Paters.

Es klappt ….

Auf RUSSISCH.

„Aus Odessa?“ So frage ich. „Hat Euch der Pharao gehen lassen?“

Und ich erzähle, dass ich vor vier Monaten noch in einem Gefängnis in der DDR saß.

„Der Pharao hat Dich und auch mich eher aus dem Lande gejagt!“ Lacht er.

Ja, und so ist ja auch die Geschichte von Passah.

Einmal, in baldiger Zeit, so erzählt er mir aufgeregt, werde der Pharao das ganze Volk Israel aus der Sowjetunion gehen lassen. Das hat ihm sein Rabbi prophezeit und er und seinesgleichen bereiteten sich darauf vor.

Jetzt verstehen wir einander gar nicht mehr.

„Der Pharao kann nicht das ganze Volk Israel ziehen lassen.“ Sage ich. Und:

„Ihr Juden seid da in seinem Käfig wie alle anderen Völker:

  • Er lässt entweder alle Völker gehen, aber dann wäre er nicht mehr der Pharao oder
  • er lässt kein Volk gehen.“

Nein, darüber diskutiert er jetzt nicht mehr mit mir. Der Rabbi hat gesagt und sein Wort ist wahr. Schluss, Aus, Ende.

Wohingegen ich noch weiter diskutieren will:

„Wenn der Pharao das Volk Israel gehen lassen sollte, dann müsste in Berlin die Mauer fallen.“

„Dein Bus!“ Entgegnet er nur und weist auf das Gefährt, dass nun tatsächlich heranrollt.

Ja, auch Propheten versteht man immer erst im Nachhinein.

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Über Bodo Walther

Bodo Walther, geboren 1960 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt, studierte 1985 bis 1991 Rechtswissenschaften in Tübingen und Bonn. Er war aktiver Landes- und Kommunalbeamter in Sachsen-Anhalt, ist heute im Ruhestand und Anwalt in der Nähe von Leipzig.

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