
Es war nur eine Zeile im Gemeindebrief, die all die Erinnerungen wieder hochkommen ließ. In der Liste der Verstorbenen sprang mir sein Name sofort ins Auge. Nennen wir ihn André. Dort standen sein Geburtsdatum und sein Sterbedatum, mehr nicht. Ich versuchte mehr herauszufinden, doch durfte mir aus Gründen des „Datenschutzes“ niemand etwas sagen, nicht einmal, ob er nahe Verwandte hinterlassen habe, die ich kontaktieren könnte. Jetzt, da er tot war, wollten ihn alle beschützen. Aber ich wusste, dass ihn niemand beschützt hatte, als er noch lebte.
Viele betrachten König David als Helden. Er mag zwar ein bedeutender politischer und militärischer Führer gewesen sein – aber er war kein netter Mensch. Selbst die Bibel macht dies deutlich. Er mag einige gute Gedichte verfasst haben oder auch nicht, aber er liebte Intrigen und Gewalt, war ein Kontrollfreak und völlig amoralisch. Er lebte, sowohl als Milizführer als auch später als König, nach dem Prinzip, dass ein Mann viele Ehefrauen haben darf, von denen nur eine seine eigene sein muss.
Im Zweiten Buch Samuel wird uns erzählt, wie David sich in eine Frau verliebte, die er eines Tages nackt beim Baden auf einem Dach sah. Es gab jedoch ein kleines, ärgerliches, rechtliches Problem, nämlich dass diese nackte (aber saubere) Schönheit verheiratet war. Mit einem Hethiter, einem Ausländer, der als Offizier im Dienst des Königs stand. Ihr Name war Bat-Sheva, „die Tochter eines Eides“. Sein Name war Uriah.

Nachdem er sich an dieser verheirateten Frau vergangen hatte, will David sicherstellen, dass Uriah die Schwangerschaft seiner Frau als Ergebnis seiner eigenen Aktivitäten ansehen würde. Er lässt den Offizier in die Hauptstadt zurückkehren, um Bericht zu erstatten. Der treue Offizier tut dies, stellt jedoch zu Davids Leidwesen seine Loyalität gegenüber seinem König über sein eigenes häusliches Glück. David muss ihn also beseitigen, damit Batseba eine arme, schwangere Witwe wird und nicht eine ehebrecherische Ehefrau. Uriah wird an die Front zurückgeschickt, ohne zu wissen, dass seinem Vorgesetzten Anweisung erteilt wurde, ihn auf eine gefährliche Mission zu schicken, ein „Himmelfahrtskommando“. Der unschuldige, treue, aufopferungsvolle Uriah fällt im Kampf.
André war ein moderner Uriah. Kein Soldat zwar, doch ein Ehemann, dessen Frau ihn betrog und die – als Folge davon – schwanger wurde. Von einem Mann mit wenig Moral, aber mächtigen familiären Verbindungen. Diejenigen, die direkt oder indirekt an dieser außerehelichen Befruchtung beteiligt waren, mussten schnell reagieren. Die erste Option wäre, den treuen, liebenden Ehemann davon zu überzeugen, dass er (wieder) Vater werden würde. Doch André war kein Dummkopf und konnte rückwärts zählen, bis zum letzten Mal, als seine Bat-Sheva Zeit gefunden hatte mit ihm zu schlafen. Also musste eine andere Option gesucht werden, und diese bestand in dem brillanten, aber hinterhältigen Schachzug, zu erklären, dass diese Frau – nennen wir sie Rebecca – gar nicht mit Andé verheiratet war. Wenn bewiesen werden könnte, dass ihre Ehe von Anfang an nichtig gewesen war, dann wären zwar ihre anderen (bisher ehelichen) Kinder dadurch als unehelich eingestuft, doch wäre das neue Kind nicht das Ergebnis einer verbotenen Beziehung – etwas, das im jüdischen Recht als „Mamser“ bezeichnet wird.
Was nicht hätte sein dürfen
Ein Mamser ist eine Person, die nicht hätte gezeugt und geboren werden dürfen. Ein Mamser ist nicht dasselbe wie ein uneheliches Kind, selbst wenn dieses das Ergebnis einer Vergewaltigung oder einer nicht einvernehmlichen Beziehung ist; nein, ein Mamser ist ein Kind, das entweder als Folge von Inzest oder aus Ehebruch geboren wurde, einer Beziehung, in der der Vater nicht der Vater hätte sein dürfen, da er die Mutter rechtlich gesehen nicht hätte heiraten dürfen. Die Bibel ist sehr streng, was Abstammungslinien und Erbfolgen betrifft, welchen Namen ein Kind trägt und in welchen Stamm es hineingeboren wird.
André war in Mitteleuropa in jener Zeit geboren worden, in der ein Drittel der Bevölkerung mehrere Jahre lang Völkermord an einem anderen Drittel verübte – weil sie Juden, Roma, Slawen oder was auch immer waren –, bis es dem verbliebenen Drittel schließlich gelang, sie aufzuhalten – und zwar nicht auf sanfte Weise. Viele Menschen starben. Ich weiß nicht, ob er seinen Vater jemals gekannt hatte. Er war von seiner Mutter aufgezogen worden und war mit ihr in ein neu entstandenes Land am östlichen Ende des Mittelmeers geflohen, das den jüdischen Opfern der europäischen „Zivilisation“ einen gewissen Schutz versprach.
Hier war er aufgewachsen, hatte beim Militär gedient, um diesen Staat zu verteidigen, hatte ein Mädchen gefunden, in das er sich verliebte, hatte geheiratet und eine Familie gegründet. Es sah fast so aus, als hätte man einen Weg gefunden, die Wunden der Vergangenheit zu heilen. Bis sie beschlossen, nach Deutschland zu ziehen, und eines Tages eine mächtige Persönlichkeit ein Auge auf seine Frau warf.
Eine Shoa-Überlebende wird ihrer jüdischen Identität beraubt
Wie ich hörte, wurde eine Frau gefunden, die bereit war vor einem rabbinischen Gericht in Israel auszusagen, dass sich Andrés Mutter in jener schrecklichen Zeit hatte taufen lassen, um ihr Leben zu retten. Viele Menschen besorgten sich in dieser Zeit Papiere, fälschten neue Papiere oder „verloren“ belastende Papiere. Andrés Mutter war eine von Hunderttausenden, die versucht hatten, ihre Identität neu zu erfinden, in der Hoffnung zu überleben. Doch ein rabbinisches Gericht war bereit, in ihrer Abwesenheit und ohne sie zu konsultieren, zu erklären, dass sie nicht jüdisch sei, ihr also ihre Legitimität als Jüdin zu entziehen.
Wer war die Frau, die gegen Andrés Mutter aussagte? Wer hatte sie dazu aufgefordert oder dafür bezahlt? Was hatte sie davon? War ihre Aussage überhaupt wahr? Wie kam sie mit ihrem Gewissen zurecht, vorausgesetzt, sie hatte eines? Was empfand Andrés Mutter, als ihr eines Tages mitgeteilt wurde, dass ihre Rechte als Jüdin, überhaupt in diesem Staat zu leben, nun in Frage gestellt wurden? Ach, wo ist ein Bibelautor, wenn man einen wirklich braucht?
Denn die Konsequenz war, dass André von einer rückwirkend nicht jüdischen Mutter geboren worden und daher selbst nicht jüdisch war. Zumindest nicht auf dem Papier. (Einer der widerwärtigeren Aspekte dieser Geschichte war, dass ihm dennoch erlaubt wurde, bis zu seinem Tod als zahlendes Mitglied der jüdischen Gemeinde zu verbleiben, weshalb er überhaupt im Gemeindebrief erwähnt wurde.) Dies wiederum bedeutete, dass seine (jüdische) Ehe rückwirkend für ungültig erklärt werden konnte. Eine Scheidung war nicht erforderlich, seine Unterschrift auf der Ketubah (Heiratsvertrag) wurde einfach für ungültig erklärt. Sein Tag der Freude mit seiner Braut hatte offiziell nie stattgefunden.
Das bedeutete, dass seine Kinder offiziell außerhalb einer rechtmäßigen Ehe geboren worden waren, seine (Ex-)Frau offiziell noch immer ledig war und ihr nächstes Kind zur Welt bringen konnte, ohne befürchten zu müssen, des Ehebruchs bezichtigt zu werden.
Das Kind wuchs heran, der Vater des Kindes entledigte sich seiner bestehenden Ehefrau, und heiratete seine Bat-Sheva und alle waren glücklich. Zumindest alle die zählten, alle, die Macht hatten oder Zugang zu den Mächtigen. Der verschmähte Ehemann, die zerstörte Mutter und Großmutter, denen nun der Zugang zu den vorhandenen Kindern und Enkeln verwehrt wurde, die zerschlagenen Lebensgeschichten derer, die die Shoah unter unvorstellbaren Umständen überlebt hatten – sie zählten nicht. Den Kindern wurde sogar ein neuer Nachname gegeben. Das jüdische Gesetz, die Halacha, war so angewendet worden, dass das Leben der Lebenden zerstört wurde, um demjenigen, der bald zur Welt kommen sollte (und der natürlich an all dem völlig unschuldig war) eine halbwegs respektable Geburt zu sichern.
Eine „ehrenwerte“ Frau
All dies war vor vielen Jahren geschehen. Lange bevor ich Rabbiner dieser Gemeinde wurde. Nachdem ich die Geschichte von André gehört hatte, der eines Tages zu mir kam, um mir sein gebrochenes Herz auszuschütten und mir einige Dokumente zu zeigen – Beweise dafür, wie er darum gekämpft hatte, seine eigenen Kinder zu behalten und seine Identität zu verteidigen –, stellte ich einige diskrete Nachforschungen an und erfuhr, dass mehrere führende Persönlichkeiten der Gemeinde zumindest Teile der Geschichte kannten, dass die Details zusammenpassten, dass die Geschichte echt war und nicht nur die Fantasie eines Mannes mit einem Groll. Die verstoßene Ehefrau war noch da, Mitglied der Gemeinde. Die moderne Bat-Sheva hatte – genau wie die ursprüngliche – daran gearbeitet, Einfluss am modernen Äquivalent des Königshofs zu gewinnen und eine gute Karriere für ihr eigenes Kind zu sichern. André, machtlos, konnte nichts tun, als von der Seitenlinie aus zuzusehen – und dem neuen Rabbiner seine Lebensgeschichte zu erzählen.
Um die Sache noch schlimmer zu machen, schien es, als habe einer meiner Vorgänger aktiv daran mitgewirkt diese Farce rechtlicher Seriosität durchzusetzen, sie vielleicht sogar vorgeschlagen und die Kontakte in Israel geknüpft. Das war ein Mann, der mir einst stolz gesagt hatte: „MIR können sie nichts anhaben. Denn ich weiß, wo die Leichen begraben sind. Und das meine ich nicht im übertragenen Sinne!“
Das war nicht die Art von Kollegen, die ich mir als Vorbild nehmen würde. Ich ziehe die Figur des Nathan vor, des Propheten am Hof, der ein großes Risiko eingeht, als er König David warnt, dass er zwar König sein möge, aber nicht Gott, und dass es eine Macht gibt, die sogar über ihm steht … dass er sich nicht einfach jedes Lamm nehmen darf, das ihm gerade gefällt …
André ist von uns gegangen, und niemand im Gemeindebüro wird es wagen, mir irgendwelche Angaben zu Hinterbliebenen zu machen, die ich kontaktieren könnte. Möge er in Frieden ruhen. Ich vermute, er war am Ende sehr allein. Der einzige Trost ist, dass eines Tages ALLE Beteiligten vor einem himmlischen Gericht stehen werden und erklären müssen, was sie getan haben und warum sie es getan haben.
Der Text von Rabbi Dr. Walter Rothschild ist die gekürzte Fassung einer Erzählung, die in seiner Reihe „Tales from the Rabbi’s Desk“ in englischer Sprache erschienen ist. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen wäre rein zufällig.