Eine Kleinstadt in der badischen Provinz. Eine Schulaula, in der auch schon „große Namen“ wie Dieter Hildebrandt und Georg Schramm aufgetreten sind. Hier sitze ich als Humorkritiker mit gespitztem Stift und warte und höre unfreiwillig den Dialog zweier Damen in der Reihe hinter mir: „Du, sag mal, was gibt’s denn heute Abend hier?“ „Ich glaube, es ist ein Kabarettist“.
Wohlgemerkt, die Damen haben ihre Tickets vermutlich vor Wochen gekauft und sind nicht zufällig über ihrem Sitzplatz abgeworfen worden. Den Dialog nach der Veranstaltung imaginiere ich mir jetzt einfach mal dazu: „Und, wie fandest Du es so?“ „Ja, das war mal was Anderes“. Sollte das repräsentativ für die Wirkmacht es des Kabaretts im 21 Jahrhundert sein, so lasset denn fahren alle Hoffnung. „Die sitzen da wie ein Autistenkongress“ hat der österreichische Großmeister Josef Hader dem Publikum vor einigen Jahren vorgehalten.
Nun habe ich so ziemlich alle Leuchttürme und trüben Funzeln der Satire auf der Bühne erlebt und wegrezensiert, damit Ihr das nicht tun müsst. Dabei immer wieder mal überlegt, ob Kabarett mehr sein kann als „preaching to the converted“, und bin – oh Wunder – zu keinem Ergebnis gekommen. Was mich nicht davon abhält, es mir immer weder anzutun.
Drum hier und jetzt eine vorläufige Bestandsaufnahme anhand einiger Beispiele. Kaum jemand verfügt heute über die Schlagfertigkeit und die Improvisationsgabe eines Dieter Hildebrandt, der in jener Schulaula einen spontane Rede über diesen seinen Auftrittsort hielt, die als „Architekturkritik für Fortgeschrittene“ durchgehen konnte und eine Sternstunde des Kabaretts war. Kaum jemand hat den Mut eines Florian Schroeder, der sich auf eine Querdenker-Bühne stellte und das verblödete Volk minutenlang glauben ließ, er sei einer der Ihren. Kaum einer entlarvte Verschwörungsideologien so kurz und bündig wie Josef Hader, der in einem Facebook-Video im Mai 2020 in Anspielung auf die Lüge vom „Bevölkerungsaustausch“ sinngemäß im Schwurbelton raunte: „Wussten Sie, dass es alle hundert Jahre völlig neue Menschen gibt?“ Und kaum einer spaltet sich auf der Bühne in drei Personen mit unterschiedlicher Meinung und diskutiert mit sich selbst: Das können nur Christian und Ehring. Wer war nochmal der Dritte?
Soviel zum Positiven.
Zwischen Langeweile und Provokation
Nun zum eher Erwartbaren, tendenziell Langweiligen: Kaum jemand schafft es, dem Publikum das Parteiprogramm der Linkspartei als Kabarett-Abend zu verkaufen, wie es Volker Pispers jahrein, jahraus erstaunlich erfolgreich tat – ohne dass es der Partei genutzt hätte. Seinem Kontostand wohl schon, lebt er doch seit 2016 als Privatier. Kaum jemand schafft es so konsequent wie Carolin Kebekus, mit spitzen Fingern aufs Höchste erregt in der Luft herum zu fuchteln, platte Plakatslogans zum gefälligen Abnicken aneinander zu klatschen. Niemand langweilt so kunstvoll mit komplett uninteressanten Geschichten aus dem Privatleben wie Hazel Brugger, die schon als Poetry-Slammerin ihre intellektuelle Schärfe mit dem Tiel „Im Namen des Fötus, des Hohnes und des ewigen Spottes“ offenbarte. Gut, das hätte auch von Kebekus sein können.
Von den von mir durchaus geschätzten Jan Böhmermann und Sarah Bosetti will ich hier nicht reden. Beide würden lieber „Monitor“ moderieren, statt Satire zu machen. Letztere erwähne ich in diesem Kontext auch nur, weil ich von ihr ein selbst gemachtes Foto habe, das ich hier unbedingt unterbringen wollte. Ganz rechtsaußen lasse ich mal Uwe Steimle, Simone Solga und Lisa Eckhart liegen, die sich mit jedem Programm um einen Redakteurs-Job bei NIUS bewerben.

Zwischendrin laviert mehr oder weniger müde das Kabarett der alten Schule. Da ist beispielsweise Urban Priol, der sich vor jedem Auftritt von einem Laubbläser die Haare schön machen lässt. Jahrelang hat er sich an Angela Merkel abgearbeitet, bis das allzu offenbar zum Selbstzweck verkommen war. Als er sie endlich weggerichtet hatte, fiel er erstmal in eine tiefes Loch. Was er dann tat, war schon fast mutig: 2022 kam die Ampel-Regierung in seinem Programm relativ gut weg, vor allem Robert Habeck. Der sei eben nun mal das Gegenmodell zum Politiker alter Schule, der durch „größtmögliche Selbstsicherheit bei größtmöglicher Ahnungslosigkeit“ auffalle. Und jetzt? Ist Merz die neue Merkel für Priol? Sein Jahresrückblick 2025 waberte ein wenig ziellos vor sich hin. Vermutlich ist Merz ein zu leichter Gegner für Satiriker. Der Kritiker Hilmar Klute meinte übrigens schon 2011, bei Priol „von sprachlicher Verlotterung geprägte Vulgärsatire“ zu erkennen, die sich „an ein entfesseltes Spießbürgertum, das alle Politiker an den Galgen wünscht“ richte. Echt jetzt? Mit wem verwechselte Klute Priol? Mit Dieter Nuhr?
Stimmen vom Stammtisch
Wollen wir wirklich über Dieter Nuhr reden? Doch, wir müssen. Ich bin überzeugt, dass es zwei Dieter Nuhrs gibt, die relativ wenig miteinander kommunizeren. Der eine wägt in Interviews sorgsam ab, argumentiert sachlich, lobt seinen Dukatenesel ARD in höchsten Tönenund kommt dabei als streitbarerer Liberaler rüber. Der andere Dieter Nuhr, die Bühnenfigur, lässt jede Differenzierung fallen uns schlägt um sich, wie seinerzeit aus einer ganz anderen Richtung Franz Josef Degenhardt – „Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf“. So wird Nuhr auch von Menschen geliebt, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gern abschaffen und seine Mitarbeiter kreuzigen würden. Dieter Nuhr ist dennoch kein Rechter. Er bedient Menschen, die eine dumpfen Groll gegen „die da oben“ hegen, aber es so genau auch nicht wissen wollen.
Ich krame in meinen alten Rezensionen. Vor langer Zeit schrieb ich über einen Nuhr-Abend: „Bisweilen gibt er den Großphilosophen, lässt permanent eine durchaus ansehnliche Halbbildung aufblitzen. Aber letztlich ist es eben nur ein zielloses Mäandrieren durch alle Themen, die bei jedem durchschnittlichen Kneipenabend auf den Tisch kommen (und wieder runterrutschen). Und genau das ist die Crux: Er pointiert nicht, er zerlabert.“ Mein damalige Fazit finde ich auch für den Nuhr des Jahres 2026 immer noch ganz passend: „Zwei Stunden Nuhr zuhören ist wie zwei Stunden im Internet herumstochern. Und dann frustriert abschalten“.
Die Lichtblicke – Politisches und Privates
Während eine Figur wie Priol noch eher das sozialdemokratische Zustimmungskabarett der alten Schule bediente, betrat vor über 10 Jahren ein junger Wilder die Bühne, der sich als „Demotivationstrainer“ bezeichnete: Nico Semsrott. Mit monoton-depressiver Sprechhaltung nahm er den Kampf gegen Rechts auf. „Wer Neonazis einlädt, der schießt sich auch in den Fuß, in der Hoffnung, danach besser laufen zu können“ – analysierte er in seinem fortlaufend aktualisierten Programm 2018. Wozu diese Haltung führt, stimmte ihn nicht gerade optimistisch – aber was soll ein hauptberuflicher Demotivierer auch sonst für Schlüsse ziehen als diesen: „Vielleicht muss die Demokratie die Abschaffung der Demokratie auch aushalten können“. Warum er solche bösen Sachen sagte? Ist doch klar: Immerhin zu zwei Prozent seiner Arbeit würden finanziert vom „Syrischen Verein zur Vernichtung des deutschen Volkes“. In der Wirklichkeit wurde seine Arbeit nach dem vorläufigen Ende seiner Kabarett-Karriere finanziert vom Gehalt als Europaabgeordneten für die Partei des notorischen Europa-Hassers Martin Sonneborn. Was Semsrott dann irgendwann doch zu blöd wurde. Demotivation war gestern, heute motiviert er für die Prüf-Demos, die eine mögliches AfD-Verbot vorbereiten sollen, für die er kürzlich in der ZDF- „Anstalt“ werben durfte. Womit er wieder beim sozialdemokratischen Wohlfühl-Kabarett gelandet wäre.
„But now for something completely different“: Leute, die sich weder unter Kabarett noch Comedy einsortieren lassen, machen Hoffnung. Der erste Lichtblick ist Torsten Sträter, die Else Stratmann des 21. Jahrhunderts. Den
man gern als Kulturbotschafter des Ruhrpotts in die ganze Welt hinausschicken möchte. Ein Genie der Programm-Prokrastination, ein Großmeister der Abschweifung. Dessen Programmtitel nichts bedeuten, sondern nur ein ein beliebig füllbares Gefäß für immer neue Geschichten sind. Geschichten, die sich aus selbst Erlebtem speisen, oft ohne Pointe auskommen, aber schon allein dank des speziellen Ruhrpott-Charmes immer zünden. Da kommen selbst Verbalinjurien gegenüber Ignoranten aus der ersten Reihe noch charmant rüber. Beispiel gefällig? „Bist Du ein ganz Lieber oder so ein Klangschalen-Wichser?“ Geradezu manisch – da ist er dem Kollegen Jochen Malmsheimer nicht unähnlich – hinterfragt er die Bedeutung von Wörtern und entdeckt dabei ganz neue Möglichkeiten. Könnte nicht ein Steuerberater auch ein Typ sein, der auf einem Schiff arbeitet und die Befehle des Kapitäns an den Steuermann weitergibt? Uns noch eins: Sträter sucht keinen Streit. Er handelt politische Themen eher im Vorbeigehen ab. „Gendern ist Vergewaltigung der deutschen Sprache“, zitiert er Dieter Hallervorden, um dann lakonisch hinterher zu schieben: „Didi Hallervorden, Autor von palim palim. Eine Flasche Pommes“. Treffer, versenkt. Obwohl kein explizit politischer Kabarettist, kriegt auch er die allfälligen Shitstorms ab, was in Zeiten digitaler Verblödung fast schon ein Ritterschlag ist. Das beginnt mit „Du wirst doch von der Regierung bezahlt“ und endet bei Morddrohungen. Doch merke: „Ein gute Morddrohung erkennt man an den Schreibfehlern“.
Dann ist da noch der in jeder Hinsicht unfassbare Rainald Grebe. Er hat sein eigenes Genre erfunden, dessen Wurzeln weder Stand-Up Comedians noch politische Kabarettisten gepflanzt haben. „Hans Dieter Hüsch fand ich großartig . Den hab‘ ich als Jugendlicher inhaliert. Der hat viel vom Theater übernommen und sein ‚Hagenbuch‘ ist ein Thomas-Bernhard-Verschnitt“ hat er mir mal erklärt. Grebes Biografie ist eng mit dem Theater verbunden: Er studierte Schauspiel an der Hochschule „Ernst Busch“ in Berlin, besitzt ein Diplom als Puppenspieler und hat als Dramaturg, Schauspieler und Regisseur in Jana gearbeitet, bevor er zu Beginn des 21. Jahrhunderts als Komiker im weitesten Sinn bekannt wurde.
Grebe wiegt den Zuhörer in der Sicherheit einer Erkenntnis, und reißt die Sicherheit sofort wieder ein. Er beantwortet nichts, er stellt eher Fragen. Vielleicht: Ist alles gleich wichtig? Setzt niemand mehr Prioritäten? Kann umgekehrt Wichtiges nicht mehr formuliert werden? Wenn Hardy Krüger wieder mal „vollgekotzt aus seinem Wasserflugzeug steigt“ um dann nachdenklich zu vermerken: „Australien ist einer von lediglich fünf Kontinenten. Australien ist selten“. Oder die ständige tosende Wortgewalt des Überhaupt-Garnichts-mehr-Wissens, das sich immer noch verzweifelt als Halbbildung tarnen will. „Ich meine, Beethoven hat ja komponiert, finden sie nicht?“
Epilog
Die besten Satiriker arbeiten aber zweifellos im Wahlkampfteam der baden-württembergischen FDP. Die plakatierte jüngst im Landtagswahlkampf: „FDP wählen. Für bezahlbaren Wohnraum“. Darüber habe ich wochenlang still in mich hineingekichert. Sowas schafft kein hauptberuflicher Satiriker.
Georg Schramm fehlt sehr.
Und von Pispers, den ich auch sehr verehre, habe ich mir den wunderbaren Spruch gemerkt: „Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, von Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht leiden können.“
Immerhin ist Martin Sonneborn ein großer Lichtblick, obwohl mir bei ihm oft das Lachen im Halse stecken bleibt.
„FDP wählen. Für bezahlbaren Wohnraum“.
Sensationell.
Das geht nicht viel besser.
Vielleicht noch hiermit:
„Keine Waffen in Krisengebiete“ oder „Unser Geld für unsere Leute“.
Naja. Schramm fand ich mal früher sehr gut. Und vor seinem Bundeswehr-Offizier habe ich richtiggehend Angst bekommen. Aber er ist doch auch im Grunde seines Herzens von der alten Schule der „Anti-Imperialisten“ – sprich der prinzipellen USA-Hasser. Andereseits wäre es sicher recht erbaulich, was er heute über den Faschisten Trump zu sagen hätte. Soweit ich mich richtig erinnere, hat er nach seiner Selbst-Verrentung auch irgendwelchen seltsamen Schwurbler-Portalen Interviews gegeben, was mir eine gewisses Unbehagen bereitet. Pispers war ein glänzender Analyst (Analytiker?) der Verhältnisse. Aber Sozialismus ist auch keine Lösung und vor allem nicht mehrheitfähig. Oder wie Robin Alexander ganz richtig kürzlich im Hinblick auf die Landtagswahlen in BW meinte: „Wahlen werde in der Mitte gewonnen“. Bei Sonneborn muss ich energisch widersprechen. Den halte ich mittlerweile für einen durchgeknallten Putintroll. Der könnte der AfD und dem BSW geichzeitig beitreten.