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Sie waren die Zukunft

Buch-Cover, copyright: Altneuland- und kanon-Verlag

Über Israel gibt es unendlich viele falsche Darstellungen. Eine von Linken, arabischen Palästinensern und Islamisten häufig verbreitete ist, dass der jüdische Staat ein Projekt kolonialistischer Siedler sei. Dabei wurde das moderne Israel zu einem erheblichen Teil von linken Zionisten aufgebaut.

Ihr Ziel schon vor der Shoa war nicht, arabisches Land zu besetzen, sondern für Juden in der ganzen Welt nach Jahrtausenden der Vertreibung und Verfolgung eine sichere Heimstatt in ihrem Stammland und eine neue sozialistische Gesellschaft zu schaffen. Kernstück waren und sind die Kibbuzim, zu Deutsch: Kollektive, agraische Ansiedlungen. Davon erzählt Yael Neeman in ihrem Buch „Wir waren die Zukunft„.

Die Schriftstellerin wuchs selbst in einem Kibbuz einer kommunistischen Bewegung auf, der schon vor der Staatsgründung gegründet wurde, umgeben von feindlichen arabischen Dörfern. Neeman beschreibt eine Welt, die selbst heutigen Israelis fremd ist: Die Kinder lebten nicht bei ihren „biologischen Eltern“, sondern in Kinderhäusern, um sie dem Einfluss bürgerlicher Traditionen zu entziehen und sie zu „neuen Menschen“ zu erziehen – nicht anders als später in der DDR. Es gab kein Privateigentum.

Jeden Abend versammelten sich die Erwachsenen, um über ihre Gemeinschaft zu beraten und unter strikten Vorgaben Gleichheit und Gerechtigkeit zu erreichen, was oft nicht gelang. Neeman berichtet von einer fast idyllischen Kindheit in Gemeinschaft und karger Umgebung, inmitten von Angriffen, Kriegen und Not. Die Shoa war immer präsent.

Nach dem Wehrdienst verließ sie wie viele ihren Kibbuz, um frei zu leben. Doch das sozialistische Experiment, schreibt sie, blieb in ihr. Das Buch erschien bereits 2011 in Israel und wurde auch in anderen Ländern viel gelesen. Nun ist es in deutscher Übersetzung im neuen Altneuland-Verlag erschienen, der hebräische Literatur herausbringt, benannt nach dem gleichnamigen Roman des Begründers des Zionismus, Theodor Herzl.

Yael Neeman: Wir waren die Zukunft. Leben im Kibbuz. Altneuland-Verlag 2025. 267 S.

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2 Gedanken zu “Sie waren die Zukunft;”

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    Lieber Ludwig Greven, erstmal vielen Dank für den Hinweis auf das Buch. Ich habe es noch nicht gelesen, aber habe selber eine Zeitlang in einem Kibbuz gelebt und dann meine Diplomarbeit über „Erziehung im Kibbuz“ geschrieben.

    Für mich waren die Kibbuzim ein wirklich gelungenes kommunistisches Projekt, also ohne Privateigentum, alles gehört allen. Ob es aktuell noch so ist, kann ich leider nicht sagen, nach der Diplomarbeit kamen andere Aufgaben auf mich zu. Damals war es allerdings so, dass die Kinder nicht ganz von den Eltern getrennt waren. Tagsüber lebten sie in den Kinderhäusern, abends und über Nacht waren sie jedoch bei den Eltern. Es ist auch nicht richtig, dass der Grund für die Erziehung in den Kinderhäusern allein aus ideologischen Motiven geschah. Der Hauptgrund war, dass beide Elternteile tagsüber in der Landwirtschaft malochen mussten und sich in dieser Zeit nicht um ihre Kinder kümmern konnten.

    Es ist richtig, dass viele Heranwachsende den Kibbuz verlassen haben, um sich ihren Interessen gemäß woanders Arbeit zu suchen. Nicht alle wollen Landwirtschaft betreiben. Allerdings habe ich damals auch erfahren, dass einige dieser jungen Leute wieder zurückgekehrt sind, weil sie vom Leben „draußen“ enttäuscht waren.

    Dass es auch im Kibbuz Streit gab ist doch selbstverständlich, aber mein Eindruck war, dass diese Streitigkeiten im Sinne einer Streitkultur abliefen, persönliche Angriffe wurden vermieden, es ging immer um Argumente, darum, Lösungen zu finden.

    Natürlich kann es sein, dass sich das inzwischen alles geändert hat. Ich habe 1973/74 im Kibbuz Geva gelebt. Und damals war es so, wie ich es beschreibe.

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      Ich war vor 50 Jahren in einem Kibbuz als Erntehelfer, damals waren viele wohl noch wie dieser in der sozialistischen Urform. Die Kinder dort lebten getrennt von den Eltern. Es gab aber immer auch schon andere Modelle. Und auch in dem Kibbuz, in dem die Autorin lebte, arbeitete nicht alle in der Landwirtschaft, sondern manche als Lehrer usw. Im vergangenen Jahr habe ich mit einer Pressegruppe verschiedene Kibbuzim besucht. Viele sind heute eher kapitalistisch, die Häuser gehören z.T. den Bewohnern. Wir waren auch in einem, der noch der alten Form folgt, so wie die Autorin es beschreibt. Wir sprachen mit einem jungen Bewohner, der mit seiner Frau und Kindern bewusst dorthin gezogen ist, damit die Kinder in einer solchen Gemeinschaft aufwachsen. Abends und nachts sind die Kinder aber bei ihren Eltern. In einigen Kibbuzim haben wir Überlebende des Massakers vom 7.10.23 getroffen. Ich habe darüber eine Reportage geschrieben. Wenn Sie möchten, kann ich die Ihnen schicken.

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