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Fifty Shades of Dorian Gray

Foto: Buchcover, fotografiert von Hans von Seggern

Auf den Spuren Oscar Wildes erzählt Andreas Schäfers Roman „Letzter Akt“ von der midlife crisis als Menschheitsfrage. Eine Rezension.

Oscar Wildes Roman „The picture of Dorian Gray“ von 1890, der seinem Autor einen Unzuchtsprozess einbrachte, hat in der Historie seiner Rezeption eine ganze Reihe von literarischen Nachfolgern emporgebracht. Ein Thema für sich wäre es, die faszinierenden Metamorphosen von Wildes Motiv durch die Jahrzehnte seit seinem Erscheinen zu verfolgen: Die Geschichte eines Adonis’, der durch eine Art Teufelspakt nicht altert, während sich in seinem Portrait sämtliche Missetaten eines immer abwegigeren Lebenslaufes widerspiegeln.

In der Metapher dieses Porträts variiert Wildes Roman einen bekannten Topos der Antike: Die Vorstellung, nach der die moralische Vollkommenheit des epischen Helden einhergeht mit dessen Schönheit in der äußeren Erscheinung. Allein nach außen bleibt die Schönheit des Adonis’ Dorian im Laufe der Romanhandlung konserviert, während seine moralische Verkommenheit sich spiegelt in der fortschreitenden Hässlichkeit des gemalten Konterfeis.

Zum Plot des Dorain Gray weist etwa Patrick Süßkinds „Das Parfüm“ spannende Parallelen auf, wie auch Bret Easton Allis’ verstörendes Opus „American Psycho“ dies tut. Nun gehört Andreas Schäfers neuer Roman „Letzter Akt“ ebenfalls in diese Linie. In Schäfers „letztem Akt“ ist Dorian Gray eine Frau:

Die Schauspielerin Dora – der Autor winkt hier gewaltig mit dem Zaunpfahl – steht im Zenit ihres Erfolgs, als sie beschließt, sich vom geheimnisvollen Maler Victor porträtieren zu lassen. Sie, die unter dem Beifall des Publikums so viele Rollen in ihrem Leben angenommen und performed hat, ist fasziniert davon, dass dieser Mann die gefeierte Künstlerin nicht kennt. Bei ihm fühlt sie sich frei, ein unbeschriebenes Blatt, da sie sich nicht mit einem fertigen Bild in seinem Kopf konfrontiert sieht.

Doch Victors Gemälde schließlich entbirgt ein dunkles Geheimnis: eine Seite Doras, die sie erschaudern lässt, da sie eine verdrängte Tatsache ihrer Lebensgeschichte ans Licht bringt. Dora selbst bringt diese Konfliktlage im Dialog mit einem Kollegen auf den Punkt: „Du bist einfach ein guter Schauspieler – und ein niederträchtiger Mensch.“ Schließlich fordert sie von Victor, dass das Bild nicht ausgestellt werden dürfe – ein Konflikt, der schließlich zum verhängnisvollen Ende, zum „letzten Akt“, führen wird.

Schäfer tauscht die viktorianische Horrorstory gegen die gnadenlose Schärfe einer psychologischen Studie

Der „letzte Akt“ steht in der klassischen Tragödie für das Dénouement, die Katastrophe. Der Konflikt, mit dem zu Beginn der dramatische Knoten geschürzt wurde, findet nun seine unheilvolle Auflösung. Überhaupt ist die Spannung zwischen den Motiven von Schauspielerei und Aktmalerei entscheidend für die Handlungsarchitektur dieses Romans: Bei Schäfer werden die dramatischen Charaktere, die Masken Doras zur Chiffre eben jener Rollen, die jeder von uns im Leben in möglichst makelloser Form zu spielen sucht.

Im Akt, also der Darstellung des „nackten Menschen“, wiederum mag man eine Reminiszenz an die Antike sehen, die Winckelmann zufolge bevorzugt den „reinen Menschen“, allen Lokalkolorits und historischen Kostüms entkleidet, darzustellen trachtete.

Andreas Schäfer hat das „Bildnis des Dorian Gray“ in die Gegenwart gerettet. Sein „Letzter Akt“ tauscht die viktorianische Horrorstory gegen die gnadenlose Schärfe einer psychologischen Studie. Er zeigt uns: Das wahre Monster ist nicht ein magisches Gemälde, sondern die verdrängte Realität unter unserer täglichen Performance. Ein intellektueller Pageturner, der die Masken fallen lässt – bis am Ende nur noch die nackte, erschütternde Wahrheit auf der Bühne steht.

Andreas Schäfer: Letzter Akt. Roman. 202 Seiten. DuMont. 24.-€

Letzter Akt von Andreas Schäfer | Hardcover | DuMont Buchverlag

Schlagwörter: Andreas Schäfer, Oscar Wilde, Dorian Gray, Letzter Akt, Patrick Süßkind, Das Parfüm, Bret Easton Allis’; American Psycho, Dora, Victor, DuMont

Hans von Seggern ist promovierter Literaturwissenschaftler und zunächst mit einer umfangreichen Studie zum Thema „Nietzsche und die Weimarer Klassik“ hervorgetreten. Zahlreiche Arbeiten zur Geschichte des Unbewußten – zu Spinoza, Nietzsche, Freud und Benjamin. Sein Engagement für die innovative Wissensvermittlung in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft führt ihn regelmäßig in (fast) alle Museen dieser Welt.

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