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Für eine robuste europäische Verteidigungsallianz

Frieden braucht Sicherheit. Foto: Alexandra_Koch, pixabay

Europas Sprung in die strategische Verantwortung: Warum ein demokratisches europäisches Sicherheitsbündnis mit atomarer Abschreckung die sicherheitspolitische Logik des 21. Jahrhunderts neu ordnen würde. Ein Vorschlag.

Europa steht an einem Kipppunkt. Die Gewissheiten der Nachkriegsordnung – allen voran die verlässliche Sicherheitsgarantie der USA – sind politisch nicht mehr sakrosankt. Gleichzeitig haben autoritäre Mächte gelernt, Macht nicht nur militärisch, sondern systemisch einzusetzen: hybrid, technologisch, nuklear flankiert. Wer in dieser Lage Sicherheit weiterhin delegiert, riskiert strategische Bedeutungslosigkeit. Wer sie übernimmt, braucht mehr als Geld: Er braucht Ordnung, Führung und Abschreckung.

Genau hier könnte die Democratic Security Alliance (DSA) ansetzen: als EU-zentriertes, globales Verteidigungsbündnis demokratischer Staaten, das Abschreckung nicht verdrängt, sondern verantwortungsvoll integriert.

Von der Budgetdebatte zur Machtfrage

Ein europäischer Verteidigungsetat von 1,5 Billionen Euro in einer Periode von sechs Jahren ist kein Zahlenspiel. Er wäre ein politisches Statement. Er verschöbe den Referenzrahmen: weg von der Frage, ob Europa verteidigungsfähig ist, hin zur Frage, wie Europa Sicherheit organisiert – für sich und mit Partnern.

Mit einem solchen Etat würde Europa finanziell zur weltweit führenden Sicherheitsmacht. Aber Geld allein schafft keine Stabilität. Entscheidend ist die Übersetzung in Fähigkeiten, in verlässliche Strukturen – und in eine glaubwürdige Abschreckungsarchitektur. Ohne Letztere bleibt jede Sicherheitsordnung brüchig.

Abschreckung bleibt – die Frage ist: unter wessen Verantwortung?

Die unangenehme Wahrheit lautet: Nukleare Abschreckung ist kein Relikt, sondern weiterhin ein tragender Pfeiler strategischer Stabilität. Solange Atomwaffen existieren, wird jede ernsthafte Sicherheitsarchitektur sich zu ihnen verhalten müssen. Ignorieren heißt ausweichen. Delegieren heißt abhängig bleiben.

Die DSA setzt hier auf einen dritten Weg: Europäisierung ohne Proliferation.

Europa verfügt bereits über nukleare Fähigkeiten – innerhalb demokratisch legitimierter Staaten. Die Herausforderung besteht nicht darin, neue Arsenale zu schaffen, sondern bestehende Abschreckung politisch zu integrieren, strategisch einzubetten und bündnispolitisch zu legitimieren. Ziel ist kein atomarer Alleingang, sondern ein kollektives Abschreckungsverständnis, das klare politische Kontrolle, Transparenz und defensive Doktrin verbindet.

In einer DSA-Logik wäre nukleare Abschreckung:

• strikt defensiv ausgerichtet,
• an kollektive Entscheidungsmechanismen gebunden,
• eingebettet in konventionelle Überlegenheit und Krisenprävention,
• und klar von Erstschlagsdoktrinen abgegrenzt.

Das erhöht nicht die Eskalationsgefahr – es reduziert sie, weil Verantwortlichkeiten klarer, Signale eindeutiger und Fehlkalkulationen unwahrscheinlicher werden.

Konventionelle Stärke als Voraussetzung nuklearer Zurückhaltung

Eine oft übersehene Lehre des Kalten Krieges lautet: Je stärker die konventionellen Fähigkeiten, desto geringer die Abhängigkeit vom Nuklearen. Genau hier entfaltet der 1,5-Billionen-Euro-Etat seine strategische Wirkung.

Die DSA würde in sechs Jahren:

• eine flächendeckende integrierte Luft- und Raketenabwehr etablieren,
• strategische Aufklärung, Satelliten-ISR und Datenfusion europäisch bündeln,
• Lufttransport, Luftbetankung und maritime Kontrolle in eigener Regie sicherstellen,
• und ein echtes europäisches Combined Joint Command betreiben.

Diese Fähigkeiten verschieben die Eskalationsleiter nach unten. Sie machen glaubwürdige Abschreckung ohne frühe nukleare Eskalation möglich – und sind damit ein zivilisatorischer Fortschritt.

Die Bündnisarchitektur: global, aber nicht beliebig

Die DSA ist kein Ersatz alter Bündnisse durch neue Etiketten. Sie ist eine funktionale Weiterentwicklung.

Im Kern steht eine EU-geführte Sicherheitsgemeinschaft, eng verzahnt mit europäischen Partnern und demokratischen Schwergewichten im Indo-Pazifik. Diese Struktur folgt einem einfachen Prinzip: Wer bereit ist, Verantwortung zu teilen, erhält Mitsprache – abgestuft, transparent, verbindlich.
So bleibt der harte Bündnisfall glaubwürdig, während globale Partnerschaften operative Tiefe schaffen. Abschreckung wirkt nicht isoliert, sondern im Verbund politischer, wirtschaftlicher und technologischer Stärke.

Europa als ordnende Macht – nicht als Hegemon

Die DSA ist kein Projekt der Dominanz, sondern der Ordnungssicherung. Ihr normativer Kern ist nicht Macht um der Macht willen, sondern die Verteidigung demokratischer Entscheidungsfähigkeit – gegen Erpressung, Gewalt und strategische Überwältigung.

Gerade deshalb ist die Integration atomarer Abschreckung kein Tabubruch, sondern ein Akt politischer Ehrlichkeit. Wer Sicherheit garantieren will, muss auch die extremen Randbedingungen verantworten können. Alles andere ist Symbolpolitik.

Fazit: Die Rückkehr der Verantwortung

Mit der Democratic Security Alliance übernähme Europa, was lange delegiert war: strategische Verantwortung in einer gefährlicher werdenden Welt. Ein Verteidigungsetat von 1,5 Billionen Euro macht diese Verantwortung handlungsfähig. Die Einbindung nuklearer Abschreckung macht sie glaubwürdig.

Nicht weil Europa Krieg will – sondern weil es Frieden absichern will.

Die Alternative wäre ein Kontinent, der zahlt, aber nicht entscheidet. Die DSA ist der Gegenentwurf: eine selbstbewusste, demokratische Sicherheitsordnung, global vernetzt, defensiv ausgerichtet – und realistisch genug, die Welt zu sehen, wie sie ist.

DSA: Europas Sprung in die strategische Verantwortung

Die Democratic Security Alliance als globale Sicherheitsarchitektur – mit klaren Partnern außerhalb der EU
Europa kann strategische Verantwortung nur dann tragen, wenn es nicht allein handelt. Die Democratic Security Alliance (DSA) ist deshalb von Beginn an als globale Allianz demokratischer Staaten gedacht – EU-zentriert, aber international verankert. Ihre Stärke liegt nicht in maximaler Mitgliedschaft, sondern in klarer Rollenteilung und abgestufter Bindung.

Der Grundsatz: Verantwortung bestimmt Mitsprache

Die DSA folgt einer einfachen Logik: Wer substantiell zur Sicherheit beiträgt, erhält substanzielle Mitsprache. Das gilt für Abschreckung, Einsatzplanung, Rüstung, Resilienz – und ausdrücklich auch für die politische Kontrolle strategischer Fähigkeiten.
Daraus ergibt sich eine Drei-Ringe-Architektur, die globale Reichweite ermöglicht, ohne den Kern zu verwässern.

Ring 1 – Gemeinsame Verteidigung (Core Defense Community)

Dieser Ring trägt den verbindlichen Bündnisfall und die integrierte militärische Planung. Er bildet das Rückgrat der Abschreckung – konventionell wie strategisch.
Mitglieder (außerhalb der EU):

• Vereinigtes Königreich – strategische Nuklearfähigkeit, globale Marine, ISR-Tiefe
• Norwegen – Nordatlantik/Arktis, U-Jagd, Seeaufklärung
• Island – geostrategischer Knoten (GIUK-Gap), Luft-/Seeraumkontrolle
• Kanada – Arktis, Atlantik, Luftverteidigung, strategische Tiefe

Politische Bedeutung:
Dieser Kreis verankert die DSA transatlantisch ohne Abhängigkeit von Washington. Er stellt sicher, dass Abschreckung – einschließlich der atomaren Dimension – europäisch geführt, aber international abgestützt ist.

Ring 2 – Operative Partner (Permanent Operational Partners)

Dieser Ring sichert ständige Interoperabilität, gemeinsame Planung und regelmäßige Beteiligung an Operationen – ohne automatischen Bündnisfall.
Indo-Pazifischer Pfeiler (IP-Demokratien):

• Japan – High-Tech, Maritime Sicherheit, Raumfahrt
• Australien – Seeraumkontrolle, Unterwasser-Domäne, globale Logistik
• Republik Korea – Abschreckungserfahrung, Industrie, Raketenabwehr
• Neuseeland – maritime Sicherheit, Aufklärung, politische Stabilität

Warum sie zentral sind:
Diese Staaten teilen nicht nur Werte, sondern strategische Lasten: Schutz globaler Seewege, Technologiekontrolle, Abschreckung in zwei Theatern. Ihre Einbindung macht die DSA global handlungsfähig, ohne den Kern zu überdehnen.

Ring 3 – Funktionale Partner (Strategic Functional Partners)

Hier geht es um konkrete Sicherheitsfelder, nicht um den Bündnisfall. Kooperation ist präzise, vertraglich definiert und politisch flexibel.

Schlüsselpartner:

• Singapur – logistischer Knoten, maritime Sicherheit, Cyber-Resilienz
• Indien – Maritime Domain Awareness, Rüstungs-Kooperation, Stabilität im Indischen Ozean

Funktionale Rollen:

• Schutz globaler Handels- und Datenrouten
• Cyber- und Weltraumresilienz
• Rüstungs- und Lieferketten-Kooperation
• Sanktionen und strategische Durchsetzung

Wichtig:
Diese Partnerschaften vermeiden Überdehnung. Sie binden Staaten ein, ohne sie in eine Nuklear- oder Bündnislogik zu zwingen, die politisch nicht tragfähig wäre.

Atomare Abschreckung: integriert, begrenzt, verantwortet
Mit diesen Partnern wird nukleare Abschreckung nicht ausgeweitet, sondern eingebettet:

• Ring 1 trägt die politische Verantwortung und Kontrolle.
• Ring 2 ist in strategische Konsultationen eingebunden (Transparenz, Krisenkommunikation).
• Ring 3 bleibt bewusst außerhalb nuklearer Entscheidungsmechanismen.

So entsteht eine abschreckungsfähige, aber nicht eskalationsgetriebene Ordnung. Konventionelle Überlegenheit, Luft- und Raketenabwehr sowie globale Präsenz senken die Schwelle nuklearer Eskalation – genau das ist ihr Sinn.

Warum diese globale Zusammensetzung funktioniert

1. Glaubwürdigkeit: Abschreckung wirkt nur, wenn politische Verantwortung klar verteilt ist.
2. Lastenteilung: Sicherheit wird gemeinsam produziert – militärisch, technologisch, wirtschaftlich.
3. Globalität ohne Blockdenken: Die das ist präsent, aber nicht expansionistisch.
4. Demokratische Kontrolle: Werte sind kein Beiwerk, sondern Voraussetzung der Mitgliedschaft.

Schluss: Eine Allianz der Verantwortung

Die Democratic Security Alliance (DSA) ist kein „NATO-Ersatz“. Sie ist eine Antwort auf eine Welt, in der Sicherheit nicht mehr delegiert werden kann. Mit einem EU-Verteidigungsetat von 1,5 Billionen Euro, integrierter Abschreckung und klaren globalen Partnern entsteht eine Ordnung, die Frieden nicht verspricht, sondern absichert.
Nicht durch Dominanz. Sondern durch verantwortete Stärke.

Foto: Alexandra_Koch, via pixabay

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Über Martin Leander Briola

Sukov ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland; am 10. Mai 2019 wurde er zu dessen Vizepräsidenten und Writers-in-Exile-Beauftragten gewählt. Er kandidiert nach Ablauf der Amtszeit 2021 nicht erneut, im Mai 2022 wurde er in das Interimspräsidium des PEN-Zentrums gewählt. Die Gründung des Niederdeutsch-Friesischen PEN-Zentrum, dessen Präsident er seit November 2023 ist, geht auf ihn zurück. Sukov wurde im Februar 2019 auf dem Kongress des Verbands deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Schweinfurt zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden gewählt. 2019 wurde er zum Generalsekretär der Louise-Aston-Gesellschaft berufen. Er ist aktiver Gewerkschafter und Mitglied der SPD.

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