
Cem Özdemir, der am Sonntag Ministerpräsident in Baden-Württemberg werden will, macht es einem leicht, über ihn zu schreiben: Er ist bekannt, hatte eine turbulente Laufbahn und hat eine bunte Truppe im Nacken, hält Ambiguität ihm gegenüber aus und braucht – so wie ich – für seinen Namen keine Sonderzeichen.
(Obwohl sie – wenn nicht ihm, dann ausdrücklich Ílker Çatak – zustünden!)
Ich habe Cem getroffen. Bei Cinema For Peace an der Garderobe. Zufällig also. Kein Zufall mutmaßlich, dass er sich vorgedrängelt hat:
„Oh, habe ich mich vorgedrängelt?“, sagte er daraufhin mit seinem Spitzbuben-Charme, „aber Sie haben sich auch nicht gewehrt!“
Ich lasse zu, dass diese Episode wie erfunden klingt. (Sie ist wahr.) Aber sie klingt auch zu symptomatisch, als dass ich selber sie einem anderen, ausgerechnet Filmautoren abkaufen würde, hätte ich sie nicht selbst erlebt. Sie passt einfach zu gut in dieses Wochenende: Wahlkrimi, Foto-Finish voraussichtlich. Eine Schmutzkampagne im Vorfeld. Özdemir eingeweiht?Play hard, win loose!?!
Ich mag Cem Özdemir. (Wer nicht?!) Bereits seit Kindertagen in der lokal aufblühenden Multikulti-Utopie der Welthauptkleinstadt Bonn sind mir Aufsteigerbiografien mit Zuckmayerschem Völkermühlen-Flair („Vom Rhein, der Kelter Europas“) höchstsympathisch. Dass ihn ausgerechnet die damals gängige Flugmeilen-Praxis beinahe ins Abseits gestellt hatte, fand ich einigermaßen ungerecht. Dass darin die Unfairness gelegen haben könnte, an einen Einwanderersohn andere Maßstäbe anzulegen als an Kohls-Kreise, wäre mir entgangen.
Ich bin einfach froh, dass ein politisches Naturtalent und Kraftzentrum längst wieder da ist im Spiel der mehr oder weniger freien Kräfte politischer Willensbildung.
Ich habe nichts gegen Powerplayer. Ich hatte mit Schweinebacken wie Harvey Weinstein zu tun (und werfe mir vor, ihm zugearbeitet zu haben, statt den Gerüchten entschieden nachzugehen). Ich kenne Dax-Vorstände und Goldman-Sachs-Weltbänker. Ich fand es einigermaßen bemerkenswert, dass ein amtierender Bundesminister dann doch bemerkt hatte, dass er eigentlich nicht an der Reihe war. Immerhin!
Weder Harvey noch Alex Dibelius hätten ihren Mantel (und den einer Begleitung) eigenhändig zur Garderobe gebracht. Und abgesehen von der Tatsache, dass ich ohne Begleiterin da war – und umso mehr jenem doppelten Druck enthoben, erkenne ich als studierter Personal- und Eignungsdiagnostiker (Diplompsychologe) die Bedrängnis, selbst habitualisierten Zeitdrucks sowie den eingefleischten Zwang zur Selbstoptimierung bei Alpha-Tieren. Wer „King of Kotelett“ sein will, wie es Stefan Raab nannte, kann nicht warten, bis er aufgerufen wird.
Overconfidence gehört bei Führungskräften dazu. Und innerhalb der Politik möchte ich Özdemir mal ganz freihändig, ferndiagnostisch bescheinigen, dass er beiweitem nicht zu den dort vorwiegenden, zur Psychopathie tendierenden Hyper-Narzissten zählt. Und er hat Humor! Auch wenn ich mir vielleicht ein bisschen lappig bis lächerlich vorkommen könnte (oder sollte?), wenn er es mir auch noch unter die Nase reibt. Was soll´s? Und warum erinnere ich mich heute überhaupt an diese kaum mehr als ein paar Sekunden?
SCHMUTZKAMPAGNE
Womöglich oder bestimmt wegen dieser anderen drei Sekunden in einem anderen, viermal so lange in der Vergangenheit liegenden Ausschnitt, der nun – perfekt zusammengeschnitten und perfide geframed als regelrecht Ep- bis Weinstein-mäßig abartig geneigt – Cems Gegenkandidaten, um den Preis des (zu) sicher geglaubten Wahlsieges, den Schneid abkauft, ihn regelrecht kastriert: Gezielt ehrabschneidend, verleumderisch projizierend (eigene ungeliebte Abgründe dem anderen unterstellend). Drei Sekunden in einem dreieinhalb Minuten-Abschnitt! Eines Talks, beim Interview-Bierchen vor acht/neun Jahren. Vier Worte: „braune Haare, rehbraune Augen“. Vielmehr braucht es heute nicht mehr, um der CDU mindestens ebenso viele Prozentpunkte zu klauen, weil der Kandidat der Christdemokraten im Südwesten eine ganze halbe Stunde lang mit so schön funkelnden Äuglein da saß, dass eine Grün*in und ihre wahrscheinlich organisierten Follower plus Retweeter auf dumme Gedanken kommen?
Vielleicht hätte der hübsche und viel zu junge Herr Hagel damals schon eine Brille tragen sollen? Sie hätte seinen Skilehrer-Charme entschärft und seine tatsächlich notorisch lebhaften Augen – ein Kompliment, das selbst unter Männern erlaubt sein sollte! – weniger ´sexualisierend´ in Szene gesetzt.
Wir im Moloch Berlin hatten so eine Geschichte schon mal: Da spielte uns die vorgewärmte Erwartung – durch Schlagzeilen, Framing und Sensationslust, gepaart mit Angst (auch um unsere Töchter) – tatsächlich den Streich, uns Glauben zu machen, dass in Kleinmachnow eine Löwin durchs Gebüsch flaniert. Es waren zwei Wildschweine.
Zoe Mayer ist gelungen, aus einem harmlos daherredenden Twen-Hagel eine Wildsau im Klassenzimmer zu machen. Weg zu beamen, dass er in Wirklichkeit anekdotisch nicht etwa über abgestorbene braune Hornfäden in einer Abschlussklasse, sondern über Sprache sprach, mit der Menschen, samt ihrer (Zitat) „Politikerverdroßenheit“ doch noch zu erreichen sein können. Mayer hat das erreicht, was Politik in einer Demokratie nie sollte: Alle schauen hin. Niemand denkt mehr nach. Schon gar nicht über Inhalte. Sex sells! Selbst die unterstellte Assoziation von etwas Sexuellem im harmlosesten Miteinander.
ZOE & CEM
Aber was hat nun Cem, der Mann an der Garderobe, damit zu tun? Eben das: Vordrängeln erlaubt. Es wartet immerhin eine Aufgabe! (Oder wenigstens eine ebenso hohe Tischdame, damals Außenministerin vom Völkerrecht, Annalena Baerbock).
Die Chronik der Ereignisse ´26:Grüne MdB-Hinterbänklerin Dr. Zoe Mayer aus Karlsruhe postet am 16. Februar ein Video zum Agenda-Setting (gewöhnlich ist sie für Tiere und gegen Klimawandel), -trifft am 20.2. Cem Özdemir, -postet am 22.2. das Killer-Video. Und am 23.2. jazzt der SWR es bereits zum Triell-Thema hoch. Chapeau der Kampa! Das deutet eben auf eine Unterstützung durch Özdemirs Kampagnen-Stab hin. Nicht mehr, nicht weniger. Er selbst wendet einen Judo-Move an: Gibt sich im Triell sportlich-fair, räumt das Thema scheinbar ab. Steht da als potentiell guter Landesvater. Das wird er daraufhin womöglich werden, mit einem hauchdünnen Vorsprung am Sonntag?
„Aber sie haben sich auch nicht gewehrt!“
Kann man denn eine Wahl gewinnen, wenn man sich bereits an der Garderobe abdrängen lässt, Herr Hagel? Weil es tatsächlich oder vermeintlich eleganter ist, auf dem glatten Parkett gesellschaftlichen Umgangs, oder selbst im Wahlkampf, eben nicht die Ellenbogen auszufahren?
Ulf Poschardt, ursprünglich mal links, aber wohl (im Unterschied zu mir) nie ein Freund der Grünen Moralweltmeister*innen beschreibt die kraftlose Gegenwehr der CDU-BaWü und ihres schicken Kandidaten so:
„Wie ein Segelflieger, der langsam zu Boden gleitet, während neben ihm zwei propellergetriebene Maschinen mit voller Kraft starten.“
Mitunter lässt sich die Kampagne vom jungen, wahlkampf-führungs-unerfahrenen Generalsekretär Tobias Vogt wie der Tanzbär am Nasenring durch die Manege führen mit dieser Schmutznummer – womöglich die mieseste seit knapp 40 Jahren (Barschel!).
Von den sich stets als die besseren Menschen sehenden sowie selbstüberhöhenden BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, ganz sicher die eklichste jemals!
(Zumal im Nebeneffekt zur unangemessenen Skandalisierung schlimme, kriminelle Pädosexualität und Hebephilie à la Epstein, in dessen Nähe Dr. Mayer Manuel Hagel assoziativ rückt, durch inflationäre Verwässerung verharmlost werden und somit weiterhin und verstärkt die Chance bekommen, sich durch Gaslighting der gerechten Bloßstellung und Strafverfolgung zu entziehen!)
DIE MUSTERKNÄBLEIN
Und die Musterländler-CDU lässt es einfach so geschehen und wehrt sich scheinbar nicht, jedenfalls nicht wirksam.
Als ob man sich ausgerechnet im Wirtschaftsmotor der drittgrößten Volkswirtschaft einig sei, die Republik durch Grüne beschleunigt abzuwickeln und nie wieder drüber zu schwätzen.
Nein, ich will gar nicht darüber nachdenken, was das für unsere Zukunft bedeutet…
nicht, dass wir in Deutschland 2026 endlich einen so flamboyanten Ministerpräsidenten bekommen, wie die Geschichte unseres Landes und dessen niemals monoethnische Wurzeln es längst verdient haben,
sondern, die Kräfte der traditionell konservativen Mitte so unentschlossen zu sehen, dass wir sagen können: Das war´s!
Ich habe weiterhin kein Problem damit, mich mehr oder weniger freiwillig an der Garderobe um zwanzig Sekunden zurück werfen zu lassen. Aber ich will dafür weder verhöhnt werden, noch annehmen, dass alle Vernünftigen Menschen in Deutschland solche Luschen sind, wie ich zuweilen selber – nicht immer, aber leider immer öfter!