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Ein jüdisches Leben in Deutschland – „Irgendwann muss es auch mal gut sein“

Die Großmutter des Autors, Sarah Löwentraut – in Auschwitz ermordet. Foto: privat

Gerade sind in den US Archives Unterlagen von NS-Mitgliedern geöffnet worden. Und in Deutschland folgt in den sozialen Medien sofort der Reflex: Irgendwann muss es ja mal gut sein. Was haben wir damit zu tun?

Was wir damit zu tun haben: Hier stellvertretend ein jüdisches Leben in Deutschland. Ich bin Jahrgang 1960. Meine Mutter, Jahrgang 1925. Ihre Mutter, meine Großmutter Sarah Löwentraut wurde in Auschwitz ermordet. Ein Teil der Familie konnte nach Argentinien fliehen, der Kontakt brach in den vierziger Jahren ab.

Meine Mutter musste nach den Nürnberger Rassengesetzen als sogenannte Halbjüdin den Judenstern tragen, durfte nicht mehr zur höheren Schule gehen und war aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Sie hat irgendwann als Kind mal versucht, sich die Augen auszuwaschen. Braune Augen waren schlecht, blaue Augen waren gut. Die Folgen der Verfolgung begleiteten sie ein Leben lang: schweres psychosomatisches Asthma, Therapien ohne Erfolg. Nach dem Krieg blieb sie allein. Sie heiratete meinen späteren Vater – in eine große deutsche christliche Familie. Die Zustimmung bekam sie nur, weil der Patriarch sich schuldig fühlte: Er hatte Juden den Nazis ausgeliefert.

Ein deutsches familiäres Wiedergutmachungsprojekt

Meine Mutter blieb eine Fremde. Die großbürgerliche Jüdin, die bis zu den Nazis Klavierunterricht hatte, nach Italien und in die Schweiz reiste, die für die nordhessische Landbevölkerung zu gut gekleidet war, zu viel Stil hatte, zu gerne französische Chansons sang – ein Wiedergutmachungsprojekt. In einer Familie aus Schweigen. Über die „ schlimmen Jahre“ sprach man nicht. 1969 sagte sie mir, bei der von ihr initiierten Scheidung, dass ich jüdisch bin. Gleichzeitig hielt sie mich von allem Jüdischen fern – aus Angst, ich könnte mich verraten.

Ihre eigene Mutter hatte sie ein letztes Mal durch vergitterte Fenster des Gestapo-Hauptquartiers in Hannover gesehen: eine Hand, ein Winken, ein Taschentuch. Ihrer Mutter ein letztes Mal gegenüber zu stehen, hatte die Gestapo nicht erlaubt.

Meine Mutter starb mit 65. Ich habe sie auf dem jüdischen Friedhof in Kassel beerdigt. Im April 2026 wird in Berlin-Halensee, ihrem letzten gemeldeten Wohnort, ein Stolperstein für meine Großmutter verlegt: Suse Sara Löwentraut. Ich frage mich: Ist das eine Beerdigung? Eine Gedenkstätte? Was bleibt, ist die Erinnerung an eine Unbekannte – und die Sichtbarkeit für alle, die hinschauen wollen.

Sie hat kein Grab. Wie Millionen. Wenn jüdische Menschen einen Ort wollen, um um ihre ermordeten Vorfahren zu trauern, gibt es nur die Konzentrationslager. „Es muss irgendwann mal gut sein“ heißt in Wahrheit: Wir wollen damit nichts mehr zu tun haben. Vergessen sollen es andere. Vergessen sollen wir, die ihre Familien verloren haben. Vergessen sollen wir, die Nachkommen der Opfer – damit die Nachkommen der Täter endlich ihre Ruhe haben.

Erinnerung ist das Mindeste

Aber Erinnerung ist keine Zumutung. Sie ist das Minimum. Es geht nicht um Schuldzuweisung. Es geht darum, das größte menschliche Verbrechen nicht zu relativieren, nicht zu verdrängen, nicht bequem zu machen. Wer fordert, dass es „gut sein“ soll, fordert nichts anderes als das Vergessen.

Für jüdische Menschen gibt es keinen Schlussstrich. Wer seine Familie verloren hat, kann ihn nicht ziehen. Ich bin mit einer entwurzelten Mutter aufgewachsen, mit Angst, mit Schweigen, mit ständigen Ortswechseln. Sie hat sich nie offen als Jüdin gezeigt. Einmal traf sie einen Mann, den sie mochte – bis sie die SS-Tätowierung auf seinem Arm sah. Danach war es vorbei mit deutschen Männern. Für immer.

Mein Erbe ist Entwurzelung. Ich bin Deutscher und fühle mich in meiner Heimat die letzten Jahre heimatlos. Heute wird jüdisches Leben wieder verhandelbar gemacht. „Schuldkult“. „Was habe ich damit zu tun?“ Genau das. Es wird gut sein, wenn wir endlich aufhören, Erinnerung als Belastung zu sehen. Wenn wir aufhören zu unterscheiden. Wenn jüdische Menschen nicht länger Projektionsfläche sind – weder für Schuld noch für Abwehr.

Ich bin jüdisch. Ich will kein Verständnis, kein Mitleid, keine angstvolle Distanz. Ich will, dass erinnert wird. Ich will das es die AfD nicht mehr gibt. Ich will nicht dabei sein müssen, wenn Kinder sich die Augen auswaschen wollen, um richtige Deutsche zu sein.

Andreas Tölke hat als Journalist für Hochglanzmagazine gearbeitet. 2015 gründete er Be an Angel, um soziale und ökonomischer Integration voranzutreiben, und eröffnete das Restaurant Kreuzberger Himmel, das ausschließlich von Menschen mit Fluchterfahrung betrieben wird. Seit 2022 ist er meist in der Ukraine und hat mit dem Be an Angel-Team 24.000 Menschen evakuiert und 5.000 Tonnen Hilfsgüter bis in Frontgebiete geliefert.

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Über Andreas Tölke

Andreas Tölke hat 25 Jahre Hochglanz-Magazine vollgeschrieben mit Porträts und Interviews mit Größen von Zaha Hadid bis Jeff Koons. Seit 2015 ist Tölke „Gutmensch“, hat Be an Angel e.V. initiiert, um soziale und ökonomischer Integration voranzutreiben, und das Restaurant Kreuzberger Himmel gegründet, das ausschließlich von Menschen mit Fluchterfahrung betrieben wird. Eer ist meist in der Ukraine, hat mit dem Be an Angel-Team 24.000 Menschen evakuiert und 5.000 Tonnen Hilfsgüter bis in Frontgebiete geliefert. [display-posts include_date="true" date_format="d.m.Y" author="Toelke" excerpt_more="Continue Reading" display-posts posts_per_page="999" excerpt_more_link="true" title="Autorenbeiträge"]

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