
Ist digitale sexualisierte Bloßstellung und Erniedrigung von Frauen dasselbe wie eine reale Vergewaltigung, gar schlimmer? Die erregte Debatte führt in die Irre und lenkt ab von der alltäglichen sexuellen Gewalt an Frauen und Kindern.
Paare tun sich vor, bei und nach Trennungen oft schreckliche Dinge an. Die Öffentlichkeit bekommt davon selten etwas mit, es sei denn, es kommt bei solche Ehedramen zu Gewalt- oder Tötungsdelikten. Die Schauspielerin Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Partner Christian Ulmen nun „digitale Vergewaltigung“ vor. Über Jahre habe er gefälschte Sex-Bilder und -Videos von ihr verbreitet, die sie entwürdigen sollten. Der „Spiegel“ und andere Medien berichteten, seit Tagen wird darüber in den sozialen Medien heftig diskutiert. Es gab Demonstrationen, ein Gesetz soll umgehend geändert werden. Aber ist die Aufregung angemessen?
Es ist immer schwer, Unrecht und Leid zu vergleichen. Ohne Zweifel fügen auch in Umlauf gebrachte Nacktaufnahmen und Pornobilder von Kindern, Frauen und Männern – ob echt oder mittels KI-Deepfakes täuschend echt gefälscht – den Opfern schwere seelische Schäden zu, wenn sie sie zu Gesicht bekommen. Genauso perfide ist es, wenn sie nicht davon erfahren, wie es zum Beispiel häufig geschieht, wenn Judendliche solche Videos untereinander verschicken. Denn in jedem Fall sollen die so Dargestellten erniedrigt und herabgewürdigt werden. Das kann man durchaus eine neue Form sexueller Gewalt nennen.
Die Frage ist allerdings, ob die auf der gleichen Stufe steht mit einer tatsächlichen Vergewaltigung oder realem sexuellen Missbrauch. Manche Kommentaren in den sozialen Medien versteigen sich zu der Behauptung, es sei schlimmer. Denn die Opfer von Vergewaltigungen könnten sich davon schnell erholen. Die Bilder im Internet blieben für immer.
Epidemie realer sexueller Gewalt
Das geht in zynischer Weise an der Realität vorbei. Köperliche sexuelle Gewalt, die immer mit psychischer Gewalterfahrung, oft Todesängsten verbunden ist, hinterlässt bei den Opfern in aller Regel lebenslange Folgen. Sie leiden noch viele Jahre später unter schwersten Traumatisierungen und Ängsten. Er verändert ihr Leben, sie können oft keine Beziehungen mehr eingehen. Frauen fürchten sich vor Männern, Kinder vor ihren Vätern. Nicht selten begehen die Opfer Suizid.
Das ist leider Alltag. Es kommt, wie die Statistiken zeigen, tausendfach in Beziehungen und Familien vor, auch in Kriegen. Opfer sind meist Frauen und Kinder. Der Fall von Gisèle Pelicot erregte weltweit Aufsehen, weil sie die Scham umdrehte im Prozess gegen ihren Ex-Mann und die Mittäter und nun auch in ihrem Buch. Auch er hatte Aufnahmen ihrer Vergewaltigungen weitergereicht. Vom Missbrauch und der massenhaften sexuellen Gewalt an Kindern werden Bilder und Videos millionenfach im Internet verbreitet und verkauft. Ein Milliardengeschäft mit den Körpern und Seelen kleiner wehrloser Menschen.
Das ist die Epidemie sexueller Gewalt, die es zuvörderst zu bekämpfen gilt. Es ist nicht so spetakulär wie der Fall von zwei Schauspielern. Aber noch viel entsetzlicher.
Schon die wichtige, äußerst verdienstvolle Metoo-Debatte litt darunter, dass ungleiche Dinge zusammengeworfen wurden: Vergewaltigungen und sexualisierte Machtausübung mit anzüglichen Bemerkungen und Herrenwitzen. In der Debatte über digitale sexuelle Gewalt sollte das nicht wieder passieren.