
Der Rat meiner Frau, bei Vorlesungen nicht alles besser zu wissen als der Professor, sollte eigentlich und ganz besonders auf Vorlesungen wie die gestrige an der Universität zu Leipzig gelten (Bild oben):
Ausführungen zum Kalten Krieg.
Also das marxistische Wirtschaftssystem. Und eben der Marxismus und die westliche Welt. Sozialismus und Kapitalismus.
„Was machte und macht den Marxismus wohl so attraktiv?“ Fragte der Herr Professor (Bild unten).

Na ja, dass er Reichtum und Armut ausgleiche, sagte die eine Studentin. Dass er die Macht des Königs beschränke, sagte tatsächlich der andere Student der Geschichtswissenschaft im mindestens 2. Semester (!).
„Nein!“ Meldete ich mich. „Marxismus ist mehr. Marxismus nimmt die Betriebe weg. Und sozialisiert sie. In Genossenschaften. In kommunale Hand oder in Staatshand.“
„Hm, ja …“ Sagte der Herr Professor.
„Was spricht denn nun gegen den Marxismus?“ Fragte er dann.
Na ja, dass die Reichen eben ihren Reichtum nicht freiwillig hergeben, sagte der eine Student. Und eben der Schutz des Eigentums sagte die andere Studentin.
„Nein!“ Meldete ich mich wieder. „Gegen die Ausschaltung von Markt und Wettbewerb spricht die Erfahrung, dass dies arm gemacht hat. Das Sowjetimperium ist zusammengebrochen, weil die Kolchosenwirtschaft 1989 die Bevölkerung nicht einmal mehr ernähren konnte.„
„Hm…. ja.“
„Der Zeitzeuge ist der natürliche Feind des Historikers!“ murmelte ich dann zu meinem 72-jährigen Sitznachbarn.
„Und er ist es mit Recht!“ Raunte der zurück.
Als ich meiner Frau dann abends beichtete, dass ich doch reingequatscht hatte, allerdings auf Nachfrage,…
… Da meinte sie, das sei doch alles in Sachsen der Unterrichtsstoff der 10. Klasse in „Gesellschaft-Recht-Wirtschaft“, GRW. Das versuche sie doch, ihren Kindern in Leipzig beizubringen.
Und ich sagte, dass aber der Akademiker es verachte, sich auf ein Zehn-Klassen-Niveau zu begeben.
Ich nehme, lieber Bodo Walther, nicht wahr, dass der Professor selbst in der Sitzung irgendetwas gesagt hätte, dem Sie nicht zustimmen. Insofern frage ich mich, wo genau das Problem aus Ihrer Sicht gelegen hat. Die Behauptung (im Kommentar), fast die gesamte Aufarbeitung des Sozialismus beruhe auf Verweisen auf den tatsächlichen oder vermeintlichen Mangel und den Mangel innerhalb des Mangels, was voraussetzt, dass die allgemeinen Menschenrechtsverletzungen und die Massaker der sozialistischen Länder, bis hin zum Völkermord, in der Aufarbeitung nicht oder kaum reflektiert wären… da bin ich, vorsichtig ausgedrückt, irritiert.
Doch, deutsche Schüler lernen, dass und warum (zum Beispiel) die SED-Diktatur das war. Und warum Stalin zu den Universalverbrechern der Geschichte gehört. Im Übrigen bin ich nicht der Meinung, dass „der Akademiker“ es verachtet, sich auf das Niveau der zehnten Klasse zu begeben. Sie als Akademiker tun das vielleicht. Ich nicht. Denn hätte die ganze Bevölkerung auch nur den Lernstoff der zehnten Klasse halbwegs verinnerlicht (was gar nicht so leicht ist), hätten die Rattenfänger aller Arten viel schwereres Spiel. Also ist das ein erstrebenswertes Ziel. Auch viele Promovierte haben da Nachholbedarf.
Schon eher kann man fragen, warum jemand die Frage stellt „Was macht den Marxismus attraktiv?“, statt, was geisteswissenschaftlich präziser wäre, „Warum fühlten oder fühlen sich Menschen vom Marxismus angezogen?“ Die Antwort ist natürlich: Aufgrund von Versprechen, die man auch dann glaubhaft machen kann, wenn man bisher an ihrer Einlösung gescheitert ist. So viel haben die Studenten ja offenbar erkannt, wenn sie auch noch zwischen Wirklichkeit und Zuschreibung, Selbstanspruch und Außenperspektive unterscheiden lernen müssen. Aber dazu ist man ja Student im Grundstudium.
Doch, doch, lieber Matt Sand,
bei den von Ihnen genannten Menschenrechtsverletzungen ist ja zurückzufragen, was diese denn nun sind.
– Dass wir in Brandenburg 14 Mann hoch auf einer 30 Quadratmeter großen Zelle lagen? In dreistöckigen Betten? Mit nur einem Klo für 14 Mann ? (Haftkameraden erkannte ich noch lange nach 1990 daran, dass sie auch mal in ein Waschbecken pinkelten).
– Dass wir in Brandenburg aus einem Matschhaufen im Keller die noch essbaren Kartoffeln herauszusuchen hatten?
– Dass wir dort in Brandenburg und auch in Cottbus zu arbeiten hatten? Und ich, als meine Hände mit Pusteln von dem Öl an der Stanze übersäät waren und ich sagte: „Mache ich nicht?“ – dass ich da erst mal 3 Wochen in den Arrest kam? Und als ich danach sagte: „Nö, mach ich trotzdem nicht!“ – dann noch mal 3 Wochen. Ist es das?
– Oder besteht die Menschenrechtsverletzung darin, dass die Produkte im Westen verkauft wurden? – Was ja die Meldung bei den Freunden der antikapitalistischen Feindbildpflege überhaupt erst zu einer Meldung macht. ?
Was sind die „Verletzungen der Menschenrechte“ über die Sie klagen? Frage ich als Jurist. Und habe vermutlich andere Antworten dazu, als die Freunde von schaurigen Geschichten.
„Berliner Zeitung“ vom 7. Juli 1948
Sie sprach von Diktatur
Ein kleines Reiseerlebnis / Von Susanne Kerckhoff
Es war im Interzonenzug. Sie sah aus, als hieße sie mindestens Ingeborg. Ferner sah sie so aus, daß ich mich zu einer Unterhaltung hingezogen fühlte.
„Und Sie sind aus der Ostzone?“ fragte ich mitleidig.
Sie senkte die Lider über die schönen Augen und hauchte: „Ach ja!“
„Bei Ihnen ist doch so eine . . .“, hob ich an.
„Diktatur!“ bestätigte sie.
„Hungern Sie entsetzlich?“ fragte ich und mühte mich, mit westlichem Taktgefühl die Rundung ihrer Wänglein zu übersehen.
„Ach nö“, sagte sie. „Wir haben ja ’nen Bauernhof. Da hungern wir nicht.“
„Aber die Diktatur!“ sagte ich.
“Aber die Diktatur!„ nickte sie.
„Worin drückt sie sich aus?“ fragte ich.
Sie zögerte. Ihre weiße, faltenlose Stirn verzog sich in grübelndem Denken.
„Wir mußten in die Sozialversicherung eintreten“, sagte sie,
„Mit Gewalt?“ fragte ich.
„Man muß eben“, sagte sie.
„Ist das schlimm?“ fragte ich.
„Wir sind alle nie krank“, erklärte sie.
„Was wir jetzt für die Sozialversicherung bezahlen mußten, da hätten wir uns schon wieder eine Kuh für kaufen können!“
„Das ist freilich“, sagte ich, „sehr hart.
Und wieso ist sonst noch Diktatur?“
„Wir müssen viel abliefern“, sagte sie.
„Alles?‘, fragte ich.
„Ach nö“, sagt sie.
„Wir haben ja noch freie Spitzen,“
„Aber die Wahlen — das war wohl schlimm?“, fragte ich.
„Ach nö“, sagte sie. „Das war so: CDU oder SED oder liberaldemokratisch konnten wir wählen.“
„Aus Angst hat das ganze Dorf SED gewählt, nicht wahr?“ fragte ich.
„Ach nö“, sagte sie. „Wir haben fast alle liberaldemokratisch gewählt.“
„Und Ihr Bürgermeister ist trotzdem SED!“ triumphierte ich.
„Nö — Liberaldemokrat. Aber so gut, wie wir dachten, ist der gar nicht. Nächstesmal wählen wir uns ’nen anderen.“
„Wie oft wurden Sie schon angezeigt?“
„Wer?“
„Sie!“
„Ich doch nicht! Warum denn?“
„Na“ , ich flüsterte, „bei Ihnen bespitzelt doch einer den anderen — das muß doch furchtbar sein!“ „Ach nö“, sagte sie. „Na nur, wenn einer was macht“
„Was macht?“
„Schiebt oder schwarz schlachtet.“
„Geht er nach Sibirien!“ entsetzte ich mich. „Man hört nie wieder ein Wort von ihm, nicht wahr?“
„Ach nö“, sagte sie und blickte mich aus großen braunen Augen ein wenig vorwurfsvoll an. „Einen hatten wir, der schob so schrecklich. Er wurde aus dem Ort ausgewiesen.“
„Und nie hat man wieder von ihm gehört!“ fügte ich hinzu.
„Der ist doch schon längst wieder da!“ sagte sie.
„Schon längst! Er darf sich bloß nicht mehr politisch betätigen.“
„Natürlich!“ sagte ich.
„Er war gegen die SED. Er hat gar nicht geschoben!“
,,Ach nö‘, sagte sie.
„Er hat wirklich geschoben. Und SED war er ja gerade!“
„Wenn man jung, hübsch und lebenslustig ist wie Sie . . .“, seufzte ich.
Sie sah mich zweifelnd an.
„….dann muß es doch entsetzlich sein, immer zu Hause zu sitzen, abends nie heraus zu können, nie tanzen zu gehen — und die Angst!“
„Wieso denn?‘ fragte sie.
„Wegen der Russen!“ sagte ich. Der Zug hielt. Wir waren in Magdeburg.
Sie zog sich ihren Mantel an und sah mir kopfschüttelnd in die Augen. „Im Winter war ich jeden zweiten Abend aus. Sie können meine Mutter fragen. Entweder war ich tanzen — oder im Kulturbund. Wissen Sie. Sie stellen sich das alles ganz falsch vor. So ist das doch nicht bei uns!“
Bevor sie auf den Bahnsteig sprang, wandte sie sich noch einmal um. „Diktatur ist’s natürlich!“ sagte sie.
Jetzt kann ich an Hand dieser Erzählung von Susanne Kerckhoff meinen Bekannten erklären, was eine SED-Diktatur war.
Susanne Kerckhoff? Die Susanne Kerckhoff?
… ich komme, als Zeitzeuge, aus einer (bananenlosen) Zukunft. Tomaten gab’s selten, Ketchup gar nicht. Filet nur unter dem Ladentisch. Die Genossen wussten aaaber immer wie viel rote Rüben zum Wohl und Ruhm der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, im jeweils kommenden Herbst, eingefahren wurden. LPG TYP III.
Sozialismus, das sind etwa 150’000’000 (150 Millionen) ermordete Menschen, allein im vergangenen Jahrhundert.
Sozialismus ist das Verteilen von dem, was anderen gehört. Wobei den gleicheren Schweinchen dann das meiste gehört. (Frei nach Orwell.)
… da passt dann auch die Empfehlung der EU den Menschen Insekten in die Lebensmittelproduktion beizumischen. Kakerlaken für ’s Volk und Kobe Rind für die Nomenklatura oder wenn sie keine Kartoffeln haben sollen sie doch Pommes (fr)essen.
… oder Nietzsche; ‚Sozialismus ist, zu Ende gedacht, die Tyrannei der Dümmsten, Geringsten, Oberflächlichen und Dreiviertel-Schauspieler.‘ – no comment.
… aaaber ‚Back to the Future‘; natürlich will die versammelte Politoligarchie der ‚BRD‘ das Ende ihres unrühmlichen Daseins nicht zulassen. Wenn nötig mit Gewalt‘. Reiche erschießen, Andersdenkende Zwangsarbeiten lassen oder den Garaus machen. Die Genossen und ihre ‚Blockflöten‘ werden so bald auch ihre ‚bewährten‘ Lagersysteme rekonstruieren. Kostafastgarnix. Sind noch da.
… und viele Grüße an den Prof..
Nicht nur mein Lieblingshistoriker, fast die gesamte „Aufarbeitung der SED-Diktatur“, lieber Hans,
beschreibt das Unrecht des SED – Unrechtsstaates damit, dass in Kinderheimen, Jugendstrafanstalten und anderen Gefängnissen noch größerer Mangel geherrscht habe, als in der Durchschnitts-Mangelwirtschaft.
Enge, Drill, schlechtes Essen.
Und Marxisten sind sich dann einig, dass Karl Marx hier gründlich ignoriert worden sei. Denn dieser schreibe ja, dass diesen Gruppen eine Teilhabe am Reichtum der Gesellschaft zuzugestehen sei,….
… einem Reichtum, in den der Marxismus eben führe.
Kurz: MIt Argumenten kommen Sie den Anhängern der marxistischen Sekte nicht bei.
… leider, werter Bodo Walther, ’s ist wohl so wie Dieter Bohlen es sagte; ‚versuch doch mal einem Bekloppten zu erklären, dass er bekloppt ist.‘
Das noch:
… Prof. hin, Prof. her, wie intelligent kann ein Mensch tatsächlich sein, wenn er nach -zig gescheiterten Kommunismus-Versuchen innerhalb der letzten 100 Jahre auf verschiedenen Kontinenten, unter verschiedenen wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen immer noch der Überzeugung ist: beim nächsten Mal klappt‘ s bestimmt!‘
Im Übrigen ist Karl Marx zu korrigieren. Nicht das Kapital, die Ideologie wird bei Tolerierung kühn. Zehn Prozent, und sie marschiert überall. 20 Prozent, die Ideologie wird lebhaft; 50 Prozent, ‚positiv‘ waghalsig; für 100 Prozent stampft sie alle menschlichen Gesetze unter ihre Füße; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das die Ideologie nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.
… kann weg.
„Die Ideologie“, lieber Hans, macht und tut gar nichts. Die Menschen handeln, nicht die Ideologien.
Sie und mich bewegt die umfassende Gewaltgeschichte des Christentums (bis heute) und die Tatsache, dass das Christentum als staatstragende Ideologie in ganz Europa in den letzten hundert Jahren weitgehend verdrängt wurde, ja auch nicht dazu, keine Christen zu sein. Keine Generation von Christen, die nicht bereit gewesen wäre, sich selbst für weiser und näher an Jesus zu halten als die vorherigen. Warum also auf die Sozialisten schimpfen, weil sie es mit ihrer Bibel und ihrem Propheten Marx ebenso halten?
Am Rande sei erwähnt, dass Sozialisten und Marxisten nicht notwendig das Gleiche sind.
Ich finde unser politisches System übrigens ziemlich gut und bin nicht der Meinung, dass es abgeschafft werden muss.
Es ist ja auch nicht so, lieber Bodo Walther, dass…
„(…) natürlich will die versammelte Politoligarchie der ‚BRD‘ das Ende ihres unrühmlichen Daseins nicht zulassen. Wenn nötig mit Gewalt‘. Reiche erschießen, Andersdenkende Zwangsarbeiten lassen oder den Garaus machen. Die Genossen und ihre ‚Blockflöten‘ werden so bald auch ihre ‚bewährten‘ Lagersysteme rekonstruieren. Kostafastgarnix.“
… ein Argument wäre. Sie haben wirklich kein Bedürfnis gefühlt, als Akademiker und Student der Politikwissenschaft ein Wort des Widerspruchs gegen diese Zeilen zu äußern? Oder vielleicht ein wenig Ansiedelung in der Realität zufordern? Bedauerlich.