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Warum Viktoria, eine Palästinenserin aus Tel Aviv, nicht in Israel leben kann

Arabische Studentin auf einem Unicampus in Jerusalem. Fotos: Biljana Vojinović

Es liegt nicht an den Juden, so viel sei vorab verraten. Eine reale Kurzgeschichte

Der jungen Frau begegnete ich bei einer privaten Angelegenheit. Gleich nach den ersten ausgetauschten Sätzen lächelten wir uns neugierig an: „Deinen Akzent kann ich nicht einordnen.“ „Ich deinen auch nicht. Meiner ist slawisch, und deiner?“ „Meine erste Sprache ist Hebräisch.“ Sie sah meinen perplexen Gesichtsausdruck und fügte hinzu: „Ich komme aus Tel Aviv.“

Ich war überrascht, aber gleichzeitig erfreut. „Das erste Mal in meinem Leben treffe ich eine Jüdin aus Israel“, sagte ich. Sie lächelte mich an: „Wenn ich sage, woher ich komme, denken alle, ich sei eine Jüdin. Aber nein, ich bin eine Palästinenserin. Ich heiße Viktoria, für meine Freunde Viki.“

Ich war so verlegen, dass ich nur murmelte: „Mein Gott, was hat dich nach Tel Aviv verschlagen?“ „Ich wurde in dieser Stadt geboren.“ Jetzt wurde ich noch verlegener, weil ich an die Berichte in den deutschen Medien dachte, in denen man den Lesern und Zuschauern suggerierte, dass die arabische Minderheit in diesem Land diskriminiert wird. Ich zögerte, sie zu fragen, warum sie ihre Heimatstadt hatte verlassen müssen. „Israel ist meine Heimat, in der ich nicht leben kann“. Auf einmal rutschte mir die Bemerkung heraus: „Sicher wegen der Diskriminierung seitens der Juden!“ „Nein, die Juden haben damit nichts zu tun. Hier verbreitet man falsche Informationen über Israel!“

Vioktoria erzählte mir:

„Meine Eltern haben sich an einer deutschen Universität kennengelernt, an der beide studierten – eine Studentenliebe, die nun schon seit vielen Jahren hält. Für diese Liebe war meine Mutter bereit, Deutschland zu verlassen. Als mein Vater sein Studium beendet hatte, kehrte er nach Israel zurück, wo seine Großfamilie ein recht traditionelles Leben führte. Da Israel die Heimat meines Vaters war, folgte meine Mutter ihm dorthin. Obwohl sie aus einer katholischen Familie stammte, konvertierte sie zum Islam, um meinen Vater in Tel Aviv heiraten zu können; andernfalls hätte seine Familie der Ehe niemals zugestimmt.

Mein Vater fand als Architekt eine Anstellung bei der städtischen Baubehörde in Tel Aviv, während meine Mutter für eine jüdische Organisation arbeitete. Als Akademikerpaar bauten sie eine solide Existenz für uns Kinder auf. Diskriminierung am Arbeitsplatz haben sie dabei nie erfahren. Im Gegenteil: Sie erzählten uns oft, dass sie von ihren jüdischen Kollegen stets freundlich und korrekt behandelt wurden. Bis heute haben sie viele jüdische Freunde – meine Mutter sogar mehr als mein Vater.

Meine Geschwister und ich durften eine behütete Kindheit genießen, in der die islamische Tradition kaum eine Rolle spielte. Religion war für uns, selbst für meinen Vater, reine Formalität. Allerdings steht unser Elternhaus in einem palästinensischen Viertel, in dem eine starke soziale Kontrolle durch die Gemeinschaft herrscht. Während wir privat in unseren eigenen vier Wänden wie in einer europäischen Großstadt lebten, mussten wir uns draußen anpassen und bewusst traditionell-islamisch auftreten.

Kontrolle durch die muslimische Umgebung

Ich habe einen sehr fürsorglichen und liebevollen Vater. Er war traurig, weil er nicht in der Lage war, seinen Töchtern mehr Freiheit draußen zu ermöglichen. Als Gymnasiastinnen mussten wir, meine Schwester und ich, wenn wir den Schutz des Elternhauses verließen, züchtige Kleider tragen. Eine Kopfbedeckung konnten wir vermeiden, aber kürzere Röcke oder ausgeschnittene T-Shirts waren ein Tabu. Wir durften keine männlichen Freunde haben, nicht einmal mit einem Jungen reden. Jeder Schritt eines Mädchens wurde von der Umgebung genau beobachtet und mit viel Bosheit kommentiert. Eine harmlose Begrüßung, eine Entspannung in einem Café, sogar ein lautes Lachen auf der Straße – und schon nahmen dich die Männer als ein Flittchen wahr, das man sexuell bedrängen durfte.

An den Tagen, als Israel aus Gaza bombardiert wurde, war es nicht einfach, den Alltag zu organisieren. Oft haben sich die Mitglieder meiner Familie morgens verabschiedet, weil wir nicht wussten, ob wir heil nach Hause zurückkehren würden. Daran haben wir uns gewöhnt, und wir vertrauten dem Schutz des israelischen Iron Dome.

Die Sozialkontrolle war aber für mich unerträglich. Als ich das psychisch nicht mehr verkraften konnte, schickten mich meine Eltern in die Heimat meiner Mutter, wo ich zuerst die Sprache richtig lernen musste, um einen Beruf erlernen zu können. Israel ist meine Heimat, ich bin so gerne bei meiner Familie und ich vermisse Tel Aviv. Aber dort kann ich nicht leben – nicht wegen der Juden, sie haben meine Familie nie diskriminiert. Aber die Nation meines Vaters, die Palästinenser, und seine zurückgebliebene Familie machen uns das Leben schwer … Deswegen ist mein Vater auch sehr unglücklich, aber er hat keine Macht, diese Mentalität zu ändern.“

Ich habe Viktorija unmittelbar vor dem Massaker an den Juden am 7. Oktober 2023 getroffen. Später schrieb sie mir, dass ihre Familie und andere Araber weiterhin so lebten wie vor diesem schrecklichen Verbrechen. Ihr Vater wurde stets seiten seiner Familie kritisiert. Dann wurde natürlich ihre deutsche Mutter beschuldigt, weil er versuchte, sich von der Familie zu distanzieren.

Für die Fotos bedankt sie sich bei ihrer FB-Freundin Biljana Vojinović. Dies sind Bilder von Studentinnen auf einem Studentencampus in Jerusalem.

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Über Safeta Obhodjas

Die aus Bosnien stammende Schriftstellerin und frühere Journalistin Safeta Obhodjas lebt seit 1992 in Deutschland. Sie hat mehrere Bücher, Theaterstücke und Essays auf Deutsch und Bosnisch geschrieben und engagiert sich als liberale Muslimin für die Befreiung muslimischer Frauen aus der Unterdrückung durch den konservativen, fundamentalistischen Islam.

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