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Erdbeeren aus Mostar, Kirschen aus Belgrad

Der Leiter des Museums von Srebrenica mit einem Band zu dem Genozid an 8000 bosnischen Männern und Jugendlichen

Was haben der Bosnienkrieg, die Belagerung von Sarajevo und der serbische Völkermord von Srebrenica im Juli 1995 noch zu sagen, da Russland das alles in den Schatten stellt? Und was sagt die Gründungsgeschichte der Grünen für die Menschen auf dem Balkan und die Protestierenden in Serbien? Eine Reise-Erinnerung, bearbeitet von Jasmina Arielli

“Let us make solidarity in Europe great again.”

PROLOG: Eine Reise, in der Erinnerung wieder Stimme bekommt

Diese Reise begann mit einer Einladung: in Sarajevo und Belgrad über den Film „Petra Kelly – Act Now“ zu sprechen und darüber, was die Gründungszeit der Grünen heute für Zivilgesellschaft, Friedensbewegungen und ökologische Kämpfe in Bosnien und Herzegowina sowie in Serbien bedeuten kann.

Aus den Notizen von Eva Quistorp entsteht ein Erinnerungsbogen, der weit über ein gewöhnliches Reiseprotokoll hinausgeht. Die Wege durch Sarajevo und Belgrad führen nicht nur durch Straßen, Museen, Redaktionen, Kinosäle und Universitätsflure. Sie führen auch zurück in die Jahre 1991 bis 1995, in die Zeit der Belagerung Sarajevos, der Massaker, der vergeblichen Warnungen und der oft schmerzhaften Einsamkeit jener, die früh ein Eingreifen der internationalen Gemeinschaft forderten.

Zugleich ist der Text keine Reise in die Schwermut. Zwischen den schweren Erinnerungen leuchten Gesten von Freundschaft auf: der alte Mann in Sarajevo, der Erdbeeren aus Mostar reicht und „bitte“ sagt; der Belgrader Umweltaktivist Predrag, der Kirschen aus seinem Garten schenkt; Musikerinnen, Markthallen, Gespräche, junge Menschen, die Plakate tragen und Gegenwart neu buchstabieren. So wird diese Reise zu einer kleinen Chronik europäischer Solidarität: zart, streitbar und wach.

STATION I: Sarajevo – Stadt der Mosaike, Stadt der Wunden
Sarajevo: Die Grünen-Mitgründerin Eva Quistorp mit der Auszeichnung „Nagrada Sloboda / Freedom Award“

Sarajevo empfängt Eva Quistorp vierunddreißig Jahre nach Beginn der Belagerung als eine Stadt, in der Schönheit und Schmerz eng beieinander liegen. Die grünen Hügel wirken im Sommer beinahe friedlich, doch in der Erinnerung tragen sie ein anderes Gewicht. Die Bilder aus den Wintern der Belagerung kehren wieder: Menschen, die frieren, Kinder, die hungern, Familien, die in Zimmern der Angst ausharren, Bücher, die verbrannt werden mussten, um Wärme zu geben.

Im Kriegsmuseum, geführt von Frauen mit Kompetenz und Leidenschaft, verdichtet sich diese Erinnerung. Wasserkanister, Fotos, Räume des Überlebens und die Spuren der Scharfschützen bringen das Ferne wieder nahe. Sarajevo war für Eva nie nur ein politischer Name. Die Stadt war ein Auftrag, Europa wachzurufen, als die Institutionen zu langsam reagierten und die Vereinten Nationen ohne robustes Mandat blieben.

Mit Ibrahim Spahić, den Eva bereits in den neunziger Jahren in Berlin empfangen hatte, bewegt sie sich durch die Stadt. Damals entstand die Idee, Sarajevo als Kulturhauptstadt Europas sichtbar zu machen, um dem Leiden der Stadt Aufmerksamkeit und Schutz zu geben. Nun begegnet sie einem Sarajevo, das wieder Touristen empfängt und doch seine „Sarajevo Roses“ im Asphalt bewahrt, jene roten Narben an den Orten, an denen Menschen getötet wurden.

“Erinnerung ist hier kein Stein. Sie ist eine offene Tür, durch die die Gegenwart eintreten muss.”
In der Synagoge von Saraejvo mit Jakob Finci und Ibrahim Spahic

Besonders berührend sind die Besuche in der jüdischen Gemeinde. Jakob Finci spricht mit Stolz über das Zusammenleben von Juden, Muslimen und Christen in seiner Stadt. Rahela, die neue Präsidentin der jüdischen Gemeinde, erzählt von ihrer Aufgabe als erste Frau in diesem Amt. Für Eva, geprägt von Theologie, Chagall, Hannah Arendt und den Spuren der Bekennenden Kirche in der eigenen Familiengeschichte, wird dieser Ort zu einem Raum von Vertrautheit.

Auf dem Markt zeigt sich Sarajevo von seiner leuchtenden Seite: Rosen, Obst, Käse, Joghurt, Honig, Musik und Menschen, die innehalten. Und doch liegt auch hier die Erinnerung an ein Massaker. Gerade diese Gleichzeitigkeit macht die Stadt aus: Sie ist ein Ort des Alltags, des Genusses und der Musik, ohne ihre Toten zu vergessen. In einer kleinen Geste bündelt sich die ganze Reise: Ein alter Mann schenkt Eva Erdbeeren aus Mostar und sagt auf Deutsch: „bitte“. Aus einem Wort wird ein kleines europäisches Geländer.

STATION II: Petra Kelly als Brücke – Bewegung, Mut und die Frage nach Europa
Blick auf das alte Sarajevo vor 1940

Der Film über Petra Kelly öffnet einen Raum für die Frage, was politische Anfänge heute noch bedeuten. Eva erinnert sich an die erste internationale Anti-Atom-Konferenz in Dublin im Juni 1978, an vierzehn Jahre Freundschaft und Zusammenarbeit mit Petra, an Kundgebungen, gewaltfreie Aktionen, Telefongespräche und Strategiedebatten für eine neue Partei, die 1979 mit drei Prozent begann und wenige Jahre später in den Bundestag einzog.

Petra Kellys Leben endete tragisch in einer Zeit, in der die Nachrichten über Lager, Verbrechen und Massenmord in Bosnien bekannt wurden. Für Eva verband sich der Verlust der Freundin mit der schmerzhaften Erfahrung, innerhalb der eigenen politischen Familie früh vor dem Krieg zu warnen und dennoch wenig Unterstützung zu finden. Die Frage „Where is the peace movement?“ kam 1991 von Frauen aus Zagreb und Belgrad. Sie klingt in den Gesprächen der Reise weiter.

In Sarajevo wird der Film nicht als Denkmal verstanden, sondern als Anstoß. Eine Aktivistin erinnert daran, dass Bewegungen nicht allein von Stars leben, sondern von vielen Menschen, die im Schatten arbeiten, zweifeln, widersprechen und trotzdem weitermachen. Genau darin liegt der rote Faden dieser Erinnerung: politische Geschichte ist keine Bühne für Heldinnen und Helden allein. Sie ist ein Netz von Stimmen.

STATION III: Belgrad – Cherries, Graffiti und die unruhige Universität

Belgrad ist für Eva die zweite Station der Reise und zugleich ein Ort, an dem Geschichte anders nachhallt. Die Donau wirkt friedlich, fast alltäglich. Kirchen, Straßen, Bars, Universitätsgebäude und Graffiti bilden ein lebendiges Palimpsest, in dem verschiedene politische Zeiten übereinanderliegen.

 

Vor der Philosophischen Fakultät in Belgrad

Besonders stark wirkt der Besuch der Philosophischen Fakultät. Zwischen Plakaten, Slogans und den Spuren studentischer Proteste steht Eva mit dem Gefühl, dass Demokratie hier nicht als fertiges Haus erscheint, sondern als Baustelle mit offenen Fenstern. Nach der Katastrophe von Novi Sad 2024 hat die studentische Bewegung eine neue Sprache des Widerstands gefunden. Manche Parolen werden von bezahlten Desinformationsgruppen zerstört oder übermalt, und gerade dadurch wird sichtbar, wie umkämpft Öffentlichkeit geworden ist.

In der Debatte im Kulturzentrum von Belgrad wird der Vergleich zu Deutschland vorsichtig gezogen. Die frühen Grünen konnten auf ein Grundgesetz, starke Gewerkschaften, Kirchen, Universitäten, kulturelle Milieus und eine demokratische Nachkriegsgeschichte bauen. Diese Bedingungen waren privilegiert, auch wenn der Weg voller Arbeit, Konflikte und persönlicher Opfer war. Für die heutigen Bewegungen in Serbien, Bosnien und der gesamten Region ist diese Einsicht wichtig: Solidarität braucht Respekt vor unterschiedlichen historischen Ausgangspunkten.

Und dann sind da die Kirschen aus Belgrad. Predrag, Umweltaktivist, Denker und Radfahrer, schenkt Eva Früchte aus dem eigenen Garten. Das Gegenstück zu den Erdbeeren aus Mostar wird zum stillen Schlussbild der Reise: zwei Früchte, zwei Städte, zwei Gesten. Sie erzählen mehr über Europa als manche offizielle Erklärung. Europa lebt dort, wo jemand etwas aus dem eigenen Garten teilt.

EPILOG: Was bleibt – ein Mosaik der Solidarität

Diese Reise heilt nicht alle alten Wunden. Aber sie berührt sie mit Sorgfalt. Sarajevo erinnert daran, wie teuer politisches Zögern werden kann. Belgrad erinnert daran, wie mutig junge Menschen sein können, wenn Institutionen müde oder korrumpiert wirken. Beide Städte zeigen, dass Erinnerung gefährlich wird, wenn sie nur benutzt wird, und heilsam, wenn sie Menschen miteinander ins Gespräch bringt.

Eva Quistorp nimmt Begegnungen mit: Paola Petrić und die Heinrich-Böll-Stiftung in Sarajevo, Milan und Gerd in Belgrad, Ibrahim Spahić, Jakob Finci, Rahela, Svetlana, Predrag, Journalistinnen und Journalisten von „Oslobođenje“, Studierende, Aktivistinnen und Aktivisten, Musikerinnen, Marktfrauen, Menschen am Rand der großen politischen Erzählungen. In ihren Notizen haben auch die afrikanischen Bettler, Radfahrerinnen, junge Frauen und die stillen Formen von Armut und Selbstbehauptung ihren Platz. Das Mosaik der Gesellschaft besteht nicht nur aus Religionen und Ethnien, sondern auch aus Klassen, Körpern, Hoffnungen, Scham, Stil und Würde.

Am Ende bleibt ein Satz, der wie ein Auftrag klingt: Solidarität in Europa wieder groß zu machen. Nicht als Parole auf Hochglanzpapier, sondern als Handbewegung: Erdbeeren reichen. Kirschen teilen. Zuhören, wo andere wegschauen. Erinnern, ohne zu verhärten. Und weitergehen.

“Vielen Dank an den alten Mann in Sarajevo mit den Erdbeeren aus Mostar und an Predrag in Belgrad mit den Kirschen aus seinem Garten.”

Zusammengestellt aus Reisennotzen von Eva Quistorp von Jasmina Arielli, einer Weggefährtin, die aus Belgrad stammt und seit den 1990er Jahren mit ihrer Tochter in Berlin lebt

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