avatar

Bundeswehr-Einsätze: Die Mühen des Ja und des Nein

Der Schriftsteller David Kermani mit Verteidigungsminister Boris Pistorius und dem Generalinspekteur bei der Vereidigung in Berlin. Screenshot ARD

„Eine sehr beeindruckende Rede“ nannte Carlo Masala, Militärexperte und Professor an der Bundeswehr-Universität München, die Ansprache von Navid Kermani bei der Vereidigung von Rekruten und Rekrutinnen am 20. Juli im Bendlerblock in Berlin. Allein dass Kermani dort sprach, ist bemerkenswert: In diesem Auftritt wird der viel beschworene Zeitenbruch konkret. Er zeigt, wie sehr sich die Gewissheiten der alten Bundesrepublik verschoben haben.

Die Teilnahme an der Bonner Hofgarten-Friedensdemonstration 1983 hatte der 15-jährige Kermani noch als einen Augenblick des Mächtig-Seins empfunden; an seinem ersten Auto klebte ein „Fuck the Army“-Aufkleber. Nun, 43 Jahre später, schreitet der Schriftsteller mit dem Verteidigungsminister und Generalinspekteur die Front der zur feierlichen Vereidigung Angetretenen ab und wendet sich an sie: „Danke, liebe Rekrutinnen und Rekruten, dass Sie sich verpflichten, die Bundesrepublik Deutschland und das Recht und die Freiheit ihrer Bürgerinnen und Bürger auch unter Einsatz Ihres Lebens zu verteidigen. Möge Gott Sie beschützen, und geben Sie acht auf sich selbst.“ Weiterlesen

avatar

30 Jahre im Bann der Camera obscura. „Melodie der Zeit“ – eine neue Kalender-Edition von Volkmar Herre

30 Jahre im Bann der Camera obscura
„Melodie der Zeit“ – eine neue Kalender-Edition von Volkmar Herre

Wenn durch ein kleines Loch Licht in einen dunklen Raum fällt, erscheint auf einer hellen Fläche die Welt von außen als Bild: auf dem Kopf stehend, seitenverkehrt, zweidimensional und mit weichen Konturen – doch in natürlichen Farben und Schattierungen.

Leonardo da Vinci beschrieb dieses Schauspiel noch als „göttliches Mysterium“. In der Renaissance erhielt es den Namen Camera obscura – die dunkle Kammer. Aus ihr entwickelte sich später die Fotografie. Bereits früh nutzten Künstler die Lochkamera und ihre Weiterentwicklungen als Hilfsmittel beim Zeichnen und Malen. Bis heute gehört sie zu den ursprünglichsten Formen des fotografischen Sehens.

Gerade deshalb hat die Camera obscura im digitalen Zeitalter nichts von ihrer Faszination verloren – im Gegenteil. Sie setzt auf Entschleunigung und Konzentration. Ihre Bilder entstehen langsam. Sie halten nicht den flüchtigen Augenblick fest, sondern machen Zeit selbst sichtbar.

Weiterlesen

avatar

Wie geht es weiter mit dem Abraham-Geiger-Kolleg?

Noch residiert hier das Abraham-Geiger-Kolleg. Foto: Rigorius, Wikimedia Commons

Vor einer Woche wurden die Studierenden des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam durch folgende Nachricht überrascht: „Heute beim Frühstück gab R(abbi Andreas) Nachama bekannt, dass die Universität Potsdam den Mietvertrag mit dem Kolleg gekündigt hat. Zwar nicht mit sofortiger Wirkung: Wir bleiben hier mindestens noch ein Semester, wenn nicht länger. Jedoch wird das Kolleg irgendwann in der Zukunft permanent umziehen, und zwar ins Jüdische Krankenhaus Berlin.“

Weiterlesen

avatar

Keine Angst. Igor Levit und Danger Dan – und was das mit „Militant Democracy“ zu tun hat

„Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat“.

So fasste Erich Kästner das Versagen der Demokratie in der Weimarer Republik zusammen. Er, dessen Bücher von den Nazis verbrannt wurden, steht bestimmt nicht im Verdacht, ein Linksradikaler oder gar Gewaltbefürworter zu sein. Hätte ZDF-Intendant Norbert Himmler in Kästners Worten einen Gewaltaufruf gesehen, wäre er denn ein Zeitgenosse des Schriftstellers gewesen? Weiterlesen

avatar

Die Hufeisentheorie – mit Musik bewiesen

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Schlagzeuger meiner ehemaligen Band »Riot« hatte einst eine grandiose Idee: Er wollte dessen Schlagzeugervisitenkarte mit dem Zusatz »Langsamster Schlagzeuger der Welt« garnieren, um, wie wir Jazzer es halt gern taten und tun, slightly zu provozieren. Einstmals nutzte man tatsächlich ausschließlich jene Karten. Eine Welt ohne Websites, QR-Codes und Smartphones. Erholsame Welt. Egal.

Das mit dem Langsamseinsuperlativ, das habe ich nie vergessen. Im Zuge des Verfassens meines Buchs »Terrohr« machte ich mir dessen Idee zunutze und komplettierte diese mit dem Schnellseinsuperlativ:

Tempo halten! Weiterlesen

avatar

Rizinus, die Krautrock-Pioniere. Die Geschichte einer Band, die es nie gab

Die vergessene deutsche Band Rizinus muss endlich gewürdigt werden. Wie? Sie haben den Namen nie gehört? Dabei waren die Musiker absolut richtungsweisend in den frühen 70er-Jahren. Woher ich das weiß und warum es von dieser Band nur Zeichnungen, aber keine Fotos gibt?

Ganz einfach: Ich habe sie selbst erfunden, etwa 1971. Da nämlich machte ich mir als 15jähriger Rockfan die Welt gerade so wie sie mir gefiel und zeichnete Plattencovers imaginierter Bands, erfand Songtitel und Bandbesetzungen und brachte diese wunderlichen Kapellen dann auf die Bühne meiner lautstarken Fantasie.

Weiterlesen

avatar

Maike marschiert gegen rechts – ihr Deutschland ist bunt

Prideflag. Bild Sasel13 von Pixabay

In meiner Geschichte geht es um eine Migranten-Fanatikerin, die ich Maike nenne. So eine Erzählung hätte ich als Autorin selbst nicht erfinden können. Es ist eine wahre Begebenheit und bildet die tagtägliche Unterwanderung unserer Werte und Kultur ab.

Maike hat in ihrem jungen Leben bereits viel erreicht. Seit Kurzem leitet sie eine bedeutende Kultureinrichtung der Stadt. Ihr Beruf ist gleichzeitig ihre Berufung. Er bietet ihr ein starkes Netzwerk, um ihr ehrenamtliches Engagement auszubauen. Sie organisierte mehrere Veranstaltungen gegen Rassismus und Islamophobie; zudem nahm sie zweimal an Demonstrationen gegen rechts teil. Ihre Schulkameradin Katja leitet eine große Autowerkstatt, die sie von einem Onkel mütterlicherseits geerbt hat. Weiterlesen

avatar

Die Stadt und ihr Erzähler. Zum Abschied des Rothenburger Nachtwächters

Rothenburg ob der Tauber ist eine Stadt, über die viel geschrieben worden ist: „Eine Stadt, deren Gesicht auf eine Postkarte gepresst wurde“, so Hans Dieter Schmidt in seinem sehr lesenswerten Taubertal-Buch „Melusine und schwarze Wasser“. Oder der bedeutende Kunsthistoriker Georg Dehio: Die Stadt sei „als Ganzes ein Denkmal“, schreibt er. Und Herbert Schindler in seinem Buch über die Romantische Straße, an der Rothenburg liegt: Man fände hier „reines, großes Mittelalter“. Oder, noch besser, Rothenburg, das sei schlichtweg die „Lieblingsstadt der Welt“.

Weiterlesen

avatar

Das war’s für Spahn

Ein Kinderwunsch kann auch bei Männern die politische Karriere beenden. Bild von dsaiko auf Pixabay

Als Bundeskanzler und Vater Friedrich Merz dem Unions-Fraktionsvorsitzenden zu dessen überraschender Elternschaft durch eine Leihmutter aus den USA gratulierte, wird er das nicht aus Freude über den Verlust seines gefährlichsten und härtesten Konkurrenten in der eigenen Partei getan haben; so tickt Merz nicht.

Aber so tickt Politik. Eben noch, während der Verabschiedung der Reformvorhaben der schwarz-roten Koalition, wurde Spahn als der eigentlich starke Mann der CDU durch die Medien gereicht. Allenfalls der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst erschien als möglicher Konkurrent für eine mögliche Nachfolge von Merz. Damit ist es nun ein für alle Mal vorbei. Weiterlesen

avatar

Antiantiantisemitismusbeauftragung

Wer kennt jemanden, der die Frage, ob er ein Antisemit sei, mit einem lässigen Ja beantwortet? Oder der es einfach so artikuliert – wie als sei er eben Fan von z. B. der Borussia (es gibt nur eine)? Ich niemanden. Dennoch widerfährt mir regemäßig, dass zu obskursten Gelegenheiten über Juden gesprochen wird – über wen denn sonst. Und mit denen spricht man doch einfach nicht, also bitte! (Immerhin wird zu 99,9 % der Plural benützt. DER Jude ist quasi nie mehr Thema, wenn dann gleich alle, obschon der Jude gemein(t) ist.)

O, eine Eilmeldung: Der Antisemitismus steigt an – so ein Mist! Meiner Treu, wie groß ist die Empörung. Ich denke dann ad hoc: Er steigt nicht an, er bricht einfach aus, weil er immer da ist – und immer da sein wird. Weiterlesen

avatar

Jargon der Utopie

Wer oder was ist eigentlich ein Intellektueller?

In erhaben-elitärer Vornehmtuerei besamt und bepflanzt sich der Intellektuelle mit all den anderen in deren wohl temper- und finanziertem Gewäsch-, Pardon, Gewächshaus, in dem dann distinktionsgesättigt »das Phantasma aufblühen darf, daß es doch die Hermeneutiker wären und nicht die Ingenieure, die in letzter Instanz Geschichte machen«, verstehe ich Sloterdijk in »Die Sonne und der Tod« richtig. Wie etwa Jean Améry einen Intellektuellen verstanden wissen möchte, beweist, dass ich evident keiner bin – fürderhin auch keiner sein will oder es einen schönen Tages werde(n wollte): »Der physikalische Vorgang, der zu einem Kurzschluß führt, interessiert ihn nicht; über den Dichter derhöfischen Dorfpoesie Neidhart von Reuenthal aber weiß er Bescheid.« Weiterlesen

Scroll To Top