Plakat der Deutschen Bundesbahn, 1960er Jahre. Public Domain.
Wie der Herr, so’s Gescherr. Das gilt immer. Kein Unternehmen ist besser als sein Chef, keine Schule besser als ihre Rektorin, und in der Politik hängt alles von der Führung ab. Hinzu kommt: in der Demokratie handelt eine Regierung aus eigenem Antrieb eigentlich nur in den ersten anderthalb Jahren ihrer Amtszeit; da bestimmt sie, wenn sie gut ist, die Agenda. Danach reagiert sie im Wesentlichen auf Verhältnisse, die außerhalb ihrer Kontrolle sind.
Deshalb ist es wichtig, welche Ziele sich eine neue Regierung setzt. Oder – und darum geht es hier – ein neuer Minister. Im Interview mit BILD hat der neue Verkehrsminister Wiehießerdochgleich – ach ja: Steffen Bilger – unter anderem sein wichtigstes Ziel für die Bahn festgelegt: bis 2029 sollen 70 Prozent der Fernzüge pünktlich fahren. Heute sind es beschämende knapp 60 Prozent.
Zehn Prozentpunkte in drei Jahren: das ist nicht gerade ambitioniert. Um auf 90 Prozent zu kommen, also auf das, womit man in der Schweiz und den Niederlanden heute selbstverständlich rechnet (auch in Österreich und – horribile dictu – Italien liegt die Rate über 85 Prozent), müssen wir, wenn es in dem Tempo weitergeht, bis 2032 warten. Da dürfte Bilger längst Geschichte sein. Zu Recht, wenn er sich selbst so bescheidene Ziele setzt.
Das erinnert an das Interview mit Bahn-Chefin Evelyn Palla in der WELT. Palla kritisierte die „organisierte Verantwortungslosigkeit“, die zurzeit das Management der Bahn auszeichne: „Man musste nur gut genug erklären, warum die Ziele nicht erreicht werden konnten. Damit kam man oft jahrelang durch. Das hat dazu geführt, dass mehr Energie zum Erklären der Probleme verwendet wurde als zu deren Lösung.“ Palla weiter: „Für mich ist es uninteressant, warum etwas nicht funktioniert, mich interessiert vielmehr, ob und wie Probleme gelöst werden.“
So weit, so richtig. Aber als es um die Pünktlichkeit der Bahn ging, immerhin das größte Ärgernis für die Reisenden, sagte Palla: „Die Pünktlichkeit bleibt in diesem Jahr weiter schwierig, weil es im Netz einfach noch zu viele Störungen und zudem zu viele Baustellen gibt. Wer hier etwas anderes verspricht, macht den Menschen etwas vor.“ Alles hänge davon ab, „wie schnell wir das Schienennetz in Ordnung bringen. Auch hier müssen wir ehrlich sein: Das wird nicht schnell gehen. 2035 feiert die Bahn ihr 200-jähriges Jubiläum, und das soll auch das Jahr sein, in dem wir das Gröbste hinter uns haben.“
Hier tut Palla genau das, was sie ihren Untergebenen angeblich nicht durchgehen lassen will: Sie findet Erklärungen dafür, dass etwas nicht funktioniert, anstatt die Probleme zu lösen. Und sie gibt ein denkbar vages Zeil an: bis 2035 – also in neun Jahren! – „das Gröbste hinter uns“ zu haben, was das auch immer bedeuten mag: 70 Prozent Pünktlichkeit? 80? Sie sagt es nicht. So kann man nicht führen.
Im Übrigen ist die Ausrede verlogen. Wenn das Netz überlastet ist, kann man weniger Züge fahren lassen, die aber wenigstens pünktlich. Oder man gibt realistische Fahrzeiten an. Es ist weniger ärgerlich, sechs Stunden von Berlin bis München zu brauchen, als in einen Zug zu steigen, der die Strecke in viereinhalb Stunden bewältigen soll, tatsächlich aber neun braucht. Aber das nur nebenbei. Es geht hier um den Führungsstil.
Übrigens titelte die BILD ihren Beitrag: „Bilger droht Bahn-Bossen mit Bonus-Kürzungen“. Zuerst fiel mir die schöne Alliteration auf; BILD ist ja der letzte Hort dieser typisch deutschen dichterischen Kunst, etwa in der Konsum-Kolumne „Kauf kein Kack!“ Dann aber fragte ich mich: „Wie? Die Deutsche Bahn wird von Jahr zu Jahr schlechter, und die Manager bekommen noch Bonusse? Wofür? Welcher Arbeiter im Stücklohn bekäme mehr Geld, wenn er immer weniger Stücke lieferte?“ Wie die Herren, so das Fußvolk. Warum sollen sich die Angestellten anstrengen, wenn die da oben Bonusse für Minusleistungen einfahren?
Früher war ich der Ansicht, die Privatisierung würde die Probleme der Bahn lösen, und habe das auch geschrieben. Aber die Tatsachen sprechen dagegen. Die pünktlichsten und besten Bahnen in Europa befinden sich in Staatsbesitz. Fakt. Es gibt kein Gesetz, das besagt, Manager von Staatsunternehmen müssten unfähiger sein als jene privater Betriebe. Aber wenn die Konkurrenz nicht zur Leistung anspornt, ist Führung umso wichtiger, und zur Führung gehört es, sich und anderen ehrgeizige Ziele zu setzen. Der Jurist und Berufspolitiker Billger scheint das nicht zu begreifen.
… tja, dass die ‚BRD‘-Bundesbahn einmal hinter die in jeder Hinsicht maroden ‚Deutsche Reichsbahn‘ der DDR her ‚dampft‘, hätte ich mir 1989 in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen wollen.
Mein ‚Wessi-Cousin‘ damals auf Ostbesuch war immer, leicht überheblich, fasziniert, wenn am Berliner Ost-Kreuz eine Dampflock Radau machte. Immerhin. Pünktlich waren die Genossen. Der Städte-Express hieß im Volksmund übrigens ‚Bonzen-Schleuder‘. Vielleicht daher die Pünktlichkeit. 😉
… nun, vielleicht wandere ich doch noch aus.
https://www.ardmediathek.de/video/panorama/voellig-marode-die-ddr-reichsbahn/das-erste/Y3JpZDovL25kci5kZS9hNzY4MWQ2ZS1kZTdlLTRmMDItOGRkYi05NjE1ZWJkZDE5ZGE