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Antiantiantisemitismusbeauftragung

Wer kennt jemanden, der die Frage, ob er ein Antisemit sei, mit einem lässigen Ja beantwortet? (Nebenbei: Wann stellte man schon so eine Frage, frage ich mich gerade.) Oder der es einfach so artikuliert – wie als sei er eben Fan von z. B. der Borussia (es gibt nur eine)? Ich niemanden. Dennoch widerfährt mir geradezu wöchentlich, dass zu obskursten Gelegenheiten über Juden gesprochen wird – über wen denn sonst. Und mit denen spricht man doch einfach nicht, also bitte! (Immerhin wird zu 99,9 % der Plural benützt. DER Jude ist quasi nie Thema, wenn dann gleich alle, obschon der Jude gemein ist.)

O, eine Eilmeldung: Der Antisemitismus steigt an – so ein Mist! Meiner Treu, wie groß ist die Empörung. Ich denke dann ad hoc: Er steigt nicht an, er bricht einfach aus, weil er immer da ist – und: immer sein wird.

Hätte ich doch nur das Datum jener Tagesschau notiert (2020?), in welcher der erste Bundeswehr-Rabbi unbeholfen in einer Synagoge auf einer Bank kauert und sinngemäß mit müdem Gesichtsausdruck säuselt: Antisemitismus? Den wird’s immer geben. Finden wir uns damit ab.

Dass der Minibeitrag nicht eingeschlagen wie eine Bombe, ins Feuilleton & bis in den Stammtisch hinein (es nützt beim/für’n Antiantisemitismus einfach keine Bildung, verdammt!), irritiert mich bis heute. Ich denke nämlich dasselbe:

Jener Rabbi und der Herr Adorno brachten ihn auf den Punkt mit »Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden.« So sieht das aus.

Mein Abfinden ist kein Pessimismus, kein Defätismus oder jene Ohnmacht, die einen dumm macht. Nein. Um sonach sogleich die Alibinote anzubringen, getreu des Mottos, ich habe oder hätte Juden (Plural!) in meinem Freundeskreis:

Seit Jahrzehnten bin ich in diversen (ohne LGBTQ, bitte) Pro-Israel-Grüppchen (die sind immer so mini) aktiv. Ferner unterstütze ich die IDF mittels der »FDIF = Friends of the IDF« mit wenigen Euro pro Monat. Man soll ja nie aufgeben. Aber zuletzt fruchtet allein mein finanzieller Tropfen auf den heißen Stein im Negev:

Gebt den, gern auch dem Juden Waffen. Anders geht es nicht. IRON-Dome, was weiß ich. Die Juden haben ihren Staat, das kleine Fleckchen Erde, auf deren Boden das Wort Jude kein Schimpfwort mehr ist (Leon Uris) – und so soll es sein.

Die Antisemiten dieser Welt müssen die Hosen gestrichen voll haben. Zur Not halte ich mich an Woody Allen’s Proposition und schwinge den Baseballschläger. Habe immer einen dabei. Bestimmt!

All die Antisemitismusbeaufragten, all die Grüppchen, die nicht selten ins Sektenhafte kollabieren, sind selbstgerecht Projektionen und rappeldeutsche Schuldabwehr – die Deutschen werden uns Auschwitz niemals verzeihen, Zvi Rix. Exakt.

Mit einem hier schreibenden Autor korrespondierte ich einst, ob man denn Israel noch verteidigen solle, würde es zu einer Theokratie.

Ich meine mich zu entsinnen, dass ich diese Frage mit einem lässigen Ja beantwortete.

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Jargon der Utopie

(Dies ist ein Exodos aus meinem Buch »Terrohr – Jargon der Utopie – Neue Musik & alte Lüge« – kostenlos erhältlich unter www.oea-verlag.de)

Wer oder was ist eigentlich ein Intellektueller?

In erhaben-elitärer Vornehmtuerei besamt und bepflanzt sich der Intellektuelle mit all den anderen in deren wohl temper- und finanziertem Gewäsch-, Pardon, Gewächshaus, in dem dann distinktionsgesättigt »das Phantasma aufblühen darf, daß es doch die Hermeneutiker wären und nicht die Ingenieure, die in letzter Instanz Geschichte machen«, verstehe ich Sloterdijk in »Die Sonne und der Tod« richtig. Wie etwa Jean Améry einen Intellektuellen verstanden wissen möchte, beweist, dass ich evident keiner bin – fürderhin auch keiner sein will oder es einen schönen Tages werde(n wollte): »Der physikalische Vorgang, der zu einem Kurzschluß führt, interessiert ihn nicht; über den Dichter derhöfischen Dorfpoesie Neidhart von Reuenthal aber weiß er Bescheid.«

Für Physik interessiere ich mich lässlich. Begreifen tu‘ ich die noch lässlicher bzw. unterwerfe mich, was auch sonst, den Naturgesetzen. Deren Funktionsweisen, die für alle gelten (auch für Intellektuelle), zur Sprache zu bringen, um sie uns gröbst zu erläutern (u. a. für unsereins ohne Physikstudium), ist bisher nur wenigen klugen Köpfen beschieden. Aber Lyrik des 13. Jahrhunderts? Respekt (oder auch nicht), wem sie gefällt, die aufscheint mir allerdings als waschechte Nische und kann, soll und darf gern Lackmustest sein, den ausschließlich der Intellektuelle zu bestehen in der Lage sich wähnt.

Die selbstbestimmte Beherrschung der Natur, sei es die der Natur selbst wie der des Menschen, ist mir dann aber doch häufig ein größeres Anliegen, als das Lesen von Gedichten aus dem 13. Jahrhundert (oder hülfen die mir beim Beherrschen?), um zu wissen, wie dringend notwendig es ist, dass eine westliche Infrastruktur installiert bleibt, die – von Menschen, die die Installation physisch bewerkstelligen, jetzt und hier im 21. Jahrhundert – dafür sorgt, dass zumindest Restbestände an Befähigung von reflektierter Beherrschtheit sowohl beherbergt, als auch gepflegt werden kann und, als Surplus, des Neidharts Wort weiter für den Intellektuellen (gebührenfrei) in der Bibliothek zur Verfügung steht.

Abstraktionssucht

Aber Améry? Ist das nicht extrem dünnes Eis, das hier betreten wird, genau diese Prominenz heran zu ziehen? Nein. Der höchstverehrte Améry muss es sein, las er dessen einstigen Genossen mit Sanftmut die Leviten, wie es, in die Jetztzeit transferiert, den aktuellen philosemitschen Deutschkommunisten kaum weniger zusagen könnte, weil er glaubt, »erfahren zu haben, daß die äußersten Zumutungen und Anforderungen, die an uns gestellt werden, physischer und sozialer Natur sind. Daß mich solche Erfahrung untauglich gemacht hat zu tiefsinniger und hochfliegender Spekulation, weiß ich. Daß sie mich besser ausgerüstet haben möge zur Erkenntnis der Wirklichkeit, ist meine Hoffnung«, die alle abstraktionssüchtigen kritischen Theoretiker und Etonalisten, zuvörderst die tätervolkdeutschnachfahrenden, konkret fahren lassen müssen, ist »ihr Reich nicht das Hier und Heute, sondern das Morgen und das Irgendwo: das chiliastisch überstrahlte, sehr ferne Morgen des Christen oder das utopisch-irdische des Marxisten« (Améry).

Und um das irdisch zu erreichen, hetzen die hegeltungsbedürftigen Utopisten mit eiskalt abstoßend teutonischer Herrenmenschattitüde gegen alle/s Nichtintellektuelle/n, polemisieren pauschal und propagieren dabei ihre emanzipatorische Versöhnungsneurose heraus aus einem »aseptischen Universum akademischer Abstraktionen« (Mohr). Just für diesen marxistisch-totalitären Endsiegzweckdreck wird, wie grässlich, stetsfort der linke Jean Améry herbeizitiert, wobei das juste milieu sehr sorgfältigsegregiert, wird Jeans herbe Kritik am DiaMat ausgespart, denn »[…] bei den Dialektikern um Adorno, als auch im Strukturalismus erkannte Améry eine Theorie, die nicht auf dem Fundament der gelebten Wirklichkeit operiert und in gefährlichen Sprachspielen über das Subjekt und die erlittene Vergangenheit hinwegsieht« (Brandl), womit jene paar dialektikaddicted Montparnasen das singulär bestialische Leid Amérys samt dessen humanistischem Werk perfide pervertieren.

Hier entlädt sich also mein bauernschlau-ressentimentgeladener Anti-Intellektualismus – polpotztausend, schon wieder alle Nickelbrillenträger ins Arbeitslager: Brotfront! – mit alternativlos blindem irrationalen Aktionismus? Selbstverfreilich nicht. Nur zu, Intellektuelle, tut, wovon ihr nicht ablassen könnt, ich halte niemanden auf, ist ein freies Land, trotzdem ihr es als postnazistisch desavouiert. Arroganterweise besteht euer abenteuerliches Anliegen darin, oder es ist das einer absoluten Mehrheit der Intellektuellen, ein starres System der jeweils einen, wenn nicht der einzig wahren Logik national/sozialistisch-, kommunistisch-, platonisch-, aristotelisch-, aquinisch-, negativistisch-, positivistischer usw. Prägung auszumachen und ausgemacht zu haben. Ich halte dagegen, »[…] daß die menschliche Natur nicht logisch ist und daß durch den weisen Verzicht darauf, Dinge bis an ihr logisches Ende zu treiben […]« (A. Chamberlain), allen mehr geholfen ist, als dass es diese eine Logik gibt.

In Lebensgefahr…

Mich nervt, ach was, langweilt auch dieser elend selbstgerechte und hypertondeutsche kantisch-hegelianische Weltgeistfriedensquatsch, den es immanuelbekantlich nur auf dem Kirchhofe gibt. Ich wäre schon zufrieden, gölte weltweit überwiegend – hier bin ich spröder bourgeoiser Demokrat, die einfache Mehrheit genügte – das hier: »Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst« (Hall), wovon, meines Wissens, linke wie rechte Utopisten gar nichts halten, weil zu bourgeois.

Ohnedies: Das Leben aufs Spiel setzen: Mein Kenntnisstand vom Verhältnis Intellektuelle und konkrete Gewaltanwendung ist der, dass jene nach jahrelanger intellektueller Erwäg- inclusive der daraus resultierenden physischen Erschlaffung, doch einmal selbst zur Waffe zu und Feinde anzugreifen, niemals nie werden vollziehen können – dies haben bitte andere zu tun –, sondern meinen, allein die gesamte Welt geistig durchdrungen zu haben, damit alle anderen Weltenbürger von der Geistesmacht des Intellektuellen ergriffen und bereit sind, diesem zu folgen, dieser vorgeblich das Weltwissen gepachteten, weltphoben und radikal rappeldeutsch-autoritär- unnachgiebigen Flitzpiepe.

»Good intentions can turn into the insane arrogance of thinking your revolution is so fucking awesome and your generation is so mind-bendingly improved that you have bequeathed the world with a new kind of human – you’re welcome« (Maher).

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