avatar

Über Unter-Haltung, Übergriff und Unterscheidung

Wörterwahl, Wortwahl, Sprache – eine exklusiv menschliche Konstruktionsoption: »Farben und Klänge gibt es in der Natur, Worte nicht« (Benn). Mit ihr kann Mensch dem allsinnlichen Zufall einen Strich durch die nie zu begleichende Rechnung machen.

Sprache ermöglicht, dass Menschen kommunizieren – stets eingedenk des Missverstandenwerdens. Unmissverständlich ist hingegen ein Wort, ein Begriff, der jedem Deutschsprachigen bekannt ist.

Untermensch

Mit dieser Buchstabenkombination verleiht Mensch seinem Gefühl des Entmenschlichenwollens Ausdruck. Zunächst nur auf dem Papier, will sagen semiologisch, was allerdings bereits ein gigantisches Drohpotential inkludiert. Und National-Sozialisten (der Trennstrich soll kurz daran erinnern, was gern negiert wird: es waren auch Sozialisten) ließen dem Wollen und der Zeichenlehre Taten folgen, die in dem Monstrum Shoa mündeten.

Unregelmäßig widerfährt dem Begriff Untermensch eine Renaissance, allerdings diametral. Deutsche, zum Beispiel, nutzen ihn sehr gern als Diskursabruchmittel. How come? Schuldabwehr.

Projektion:

Die Shoa. Wenn die nun andere ebenfalls können, waren wir gar nicht so schlimm. Sie kennen den Klassiker, gern zu harmlosen Party- oder Kollegengesprächgelegenheiten:

Israel, Besatzung, Palästinenser, die just seit 1948 das erleiden, was einst dem Juden … ad nauseam. Im Namen des Partyvolkes: Ich (v)erachte folglich die Palästinenser als Menschen 2. Klasse. Als Untermenschen. Bibi & Tina, sorry, Itamar sowieso.

Allewig Menschliches

Die Ideologie des Untermenschseins lehne ich ab – wie edel ich doch bin, hilfreich und gut. Ein Untermenschsein kann nämlich faktisch nicht existieren. Indes so simpel, so illustrationsmächtig: Mensch bleibt Mensch. Immer. Ausnahmslos. Es gibt kein unmenschliches Handeln. Wir alle leben im Dreiklang denken, kommunizieren und zur Tat schreiten.

»Für eine menschliche Gesellschaft« – diese Phrase, so hehr sie daher kommt, ist leer. Hochmütiger Kokolores. Wirkt wie ein Zauberspruch für den Nacken, weil alle anfangen zu nicken: Jawoll, ICH bin für eine menschliche Gesellschaft – und DU bist es nicht. Ende der Unterhaltung!
Der Elefant im Raum

Nur bedarf es unabdingbar dieses benannten Dreiklangs, um eine Ideologie zu entwerfen, die Mensch in Mensch und Untermensch diskriminiert (discriminare, lat. für trennen, aufteilen, absondern; Schockschwerenot, ich diskriminiere öfter als geahnt). Und wer denkt die sich denn nun aus, jene Bullshitideologie? Etwa ein Elefant?

Ich ziehe diesen Nichtmenschen heran, erwähnte bekanntlich 2004 Reich-Ranicki bei Maybrit Illner im TV das Rüsselstoßzahnwesen im Zusammenhang mit »Der Untergang«, jenem Hitlerfilm, der Hitler all »zu menschlich« zeige (es war er ein echter Hit-Lehrfilm). Die geistreiche Quasselstrippe zitiert: »Soll man Hitler etwa als Elefant oder Kamel zeigen?!« Blödsinn: Alles, was Mensch tut, ist menschlich.

Gewisse Haltung

»Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen« – das sah ich schon immer anders. Denn: Faschisten (müssten die nicht eigentlich ebenfalls gegendert werden, auf dass sie nicht diskriminiert würden?) meinen das so. Die denken Faschismus, wollen den oder das so denken, reden so, wollen schließlich Gleichdenkende finden oder andere von diesem Denken überzeugen und dann gemeinsam in Aktion treten. Faschismus ist eine Haltung des Geistes. Und diese Haltung begreife ich als eine Unter-Haltung. »Faschismus ist eine Meinung und will das Verbrechen«. Nebenbei: Ersetzen Sie gern Faschismus wahlweise durch Kommunismus, National-Sozialismus oder andere Totalitarismen. Bin auf weitere Unter-Haltungen gespannt.

Aber wo bleibt das Gewissen? Jeder Mensch hat ein Gewissen. Sogar derjenige, der vom Über- und konsequenterweise Untermenschen fabuliert. Sein Gewissen sagt ihm halt: das, was ich tue, das ist das Richtige. Wie sonst sollte Mensch zu solch barbarischem Verhalten fähig und zugleich liebevolles Elternteil sein? Randnotiz: Schauen Sie sich dazu bitte den Film »The Zone of Interest« an und lesen Sie das Buch »Hanns und Rudolf«. Erschütternd. Ernüchternd.

»Man kann über den Nationalsozialismus sagen was man will, an Grundsätzen fehlt es nicht!« – (The Big Lebowski)

Um es sonach zuzuspitzen: Kein Mensch wird als Nationalsozialist geboren – aber jeder von uns hätte einer werden können (oder, im Extremfall, kann es noch werden). Wohin nun die Unter-Haltungen führen, weiß jeder – insbesondere deren jeweiligen Anhänger. Denn sie wissen, was sie tun. Und das wissen wir auch: Die Grundsätze sind klar, weil unmissverständlich gedacht, gesagt und getan.

Übergriff

Wir sollten aussteigen aus unserer westlichen Wohlfühlblase, unseren Luxusverwahr-Losungen und mit einsteigen in die Konfrontation. In der Tat: es werden Menschen sterben. Keiner will das. Doch ich will nicht – und hoffentlich nicht wenige mit mir –, dass der Nazi-Rechtsnachfolger Hamas nebst Konsorten das vollenden, was die National-Sozialisten fast erreichten. Das ist meine Meinung.
Angriff ist kein Allheilmittel. Er wirkt aber. Man kann Schlimmstes verhindern. Allheilmittel? Das offerieren nur Scharlatane. Verbrecher. Utopisten. Der fundamentale Grundsatz des NS ist utopisch: die judenfrei-endbefriedete Welt – halt unter national-sozialistischer Herrschaft.

Evil is everywhere

Und Unter-Haltungen werden bleiben, stetsfort. Mensch bleibt Mensch. Das Gute, das Böse. Es schlummert in jedem. Ein Mann aus der Unterhaltungsszene stellt dazu fest:

»Evil is everywhere, man. Everybody’s got it. It sits really deep in everybody. Some people can’t control it as much as others, but I think it’s there. Regardless of whatever fuckin’ religion you believe in, whatever it is you feel is right, everybody knows what’s wrong, everybody knows that there’s ‚wrong things‘. There are things you do not do, and the people that don’t understand that or don’t believe that, then they are not really connected with themselves spiritually. It doesn’t matter what the fuck you believe in« – (Tom Araya, Slayer).

Und die Ideologie des Untermenschentums – nicht nur, weil faktisch unmöglich – ’is wrong’.

Unterscheiden

»Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht« (Buch der Könige). Und das Böse spricht immer Klartext. Man muss eigentlich nur oberflächlich lauschen, siehe Hamas und Konsorten. Hier kann jeder, können wir alle unterscheiden, die ein hörendes Herz haben. Und ja: wir gehören zu den Guten, die wissen, dass auch sie böse sein können – gegen die Bösen. Der Unter-Haltung Einhalt gebieten.

 

Folge uns und like uns:
avatar

Über Axel Claudius Knappmeyer

Axel Claudius Knappmeyer, geb. 1973 in Ibbenbüren/Westf., ist Jazz-Musiker, Komponist, Lehrer, Verleger und Autor. 1993–1998 Jazzstudium an der Folkwanghochschule, Essen, freischaffendes Dasein. 2006–2008 Referendar in Düsseldorf als Quereinsteiger. Seit 2008 Studienrat für Musik und seit 2010 auch Praktische Philosophie in Mönchengladbach. 2021 Gründung eines eigenen Verlags "oea" (odi et amo) – www.oea-verlag.de. Daneben tätig als Tenorsaxophonist/Komponist – www.axel-knappmeyer.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll To Top