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Molotov-Cocktails gegen die DDR: Wie mutige Metal-Fans den „antifaschistischen Schutzwall“ angriffen

Am 13. August vor 65 Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut. Als Privilegierter, der sein ganzes Leben in einem Land der Freiheit und Sicherheit und in geradezu brüllendem Wohlstand gelebt hat, frage ich mich immer wieder: Wie hätte ich in einer Diktatur wie der DDR gelebt?

Gerade in diesen Zeiten, da wieder bis zu 50 Prozent der Bevölkerung im Osten die Rückkehr zur Diktatur wählen. Hätte ich mich in einer „Nische“ eingerichtet? Hätte ich gegen das Regime aufbegehrt oder wäre ich ein Mitläufer gewesen?

Die Frage treibt mich umso mehr um, seit ich 2023 Raik Adam, seinen Bruder Andreas und Dirk Mecklenbeck kennengelernt habe. Sie gehörten zu einer Gruppe Hallenser Heavy Metal-Fans, die sich schon als Schüler an den Verhältnissen in der DDR aufrieben und begannen, sich gegen Indoktrination und Willkür des SED-Staates aufzulehnen.

Rebellen schon zu Schulzeiten

Ihre Revolte begann schon in der Schule. Sie trugen die Haare lang, kleideten sich in geflickten Klamotten. Ihr literarischer Wegweiser war Jack Kerouacs „On The Road“. Musikalisch wiesen ihnen Judas Priest und Iron Maiden den Weg. Sie schauten Westfernsehen und diskutierten die Inhalte im Freundeskreis. Sie verbrachten ihre Wochenenden mit Lagerfeuer und Rotwein im Harz oder im Elbsandsteingebirge, um der „Bespaßung“ durch die allgegenwärtige FDJ zu entgehen. Sie zettelten nicht nur Diskussionen mit ihren Lehrern an, was schon mutig genug war. Mutiger noch: Sie zerstörten an der Schule heimlich Partei-Propaganda-Wandzeitungen. Sie versuchten, die Gründung einer Staatsbürgerkunde-AG durch den Sohn eines Volkspolizisten zu verhindern und stellten ihn auf der Toilette zur Rede. Kurzum: Sie taten alles, um vom verhassten Staat DDR als Staatsfeinde wahrgenommen zu werden. Nachdem sie Wahlen boykottiert und den Wehrdienst verweigert hatten, sahen sie als einzigen Ausweg, ihre „ständige Ausreise“ zu beantragen. Einer nach dem anderen verliess die DDR. Zwischen 1986 und Frühjahr 1989 siedelten sie nach West-Berlin über und starteten gezielte Aktionen, die Aufsehen erregten.

Der Wachturm brennt

Die spektakulärste fand in der Nacht auf den 13. August 1989 statt: Ein Wachturm der DDR-Grenztruppen ging nach mehreren Molotov-Cocktail-Würfen in Flammen auf. Die Grenzsoldaten im Wachturm hatten sie vorher gewarnt, dass es gleich sehr heiß und hell werden würde, Raik Adam hat die Aktion 2018 in einem SPIEGEL-Interview erklärt: „En brennender Wachturm mitten in Berlin, das war ein Fanal. So etwas wirkte im Westen wie im Osten, und der DDR-Grenzsoldat kann es auch nicht einfach ignorieren. Das spricht sich in der Kompanie rum, das wird in der Stasi für Wirbel sorgen. Wir wollten Druck auf das System aufbauen, Unruhe verbreiten. Vom Westen aus gab es meiner Meinung nach keinen Druck. Dort wurde die Mauer komplett ignoriert. Für uns aber war sie ein Symbol. Ein brutales Symbol“.

Bei einer weiteren Aktion schnitten sie mit Bolzenschneidern auffällige Dreiecke in den Grenzzaun in der Kiefholzstraße. „Das war absolut leichtsinnig“, räumte Raik Adam im gleichen Interview ein. „Ein Grenzer hatte schon seine Waffe auf uns angelegt. Vielleicht wollte der schießen, doch sein Kamerad drückte ihm das Gewehr nach unten“. Dirk Mecklenbeck beschrieb die Aktionen in einem Interview für das Buch „Mauerkrieger“ so: „Grundsätzlich waren unsere Aktionen keine Anschläge. Anschläge sind terroristische Akte, bei denen Menschen verletzt oder getötet werden. Es sollte keine zu Schaden kommen. „Insofern war das eine optisch hübsche Sache, ohne Personen zu gefährden.“

Graphic Novels als Aufklärung über die Diktatur

Aus ihren Erlebnissen haben die „Mauerkrieger“ zwei Graphic Novels gemacht: „Todesstreifen“ (2019) und „Rebellion hinter der Mauer“ (2024). „Wir wollen dieser elenden Rehabilitierung der DDR etwas entgegensetzen. Es gibt ja leider viele Eltern, die ihren Kindern heute erzählen: ‚Klar durften wir das eine oder andere damals nicht, aber im großen Ganzen war die DDR doch eine kommode Diktatur‘. Eine Graphic Novel erreicht junge Leute. Und denen möchten wir erzählen, dass es für Jugendliche wie uns damals ziemlich bescheuert in der DDR war“.

Aufklärungsbedarf gibt es nach wie vor. Heute sogar mehr denn je. He länger die kommunistische Diktatur Vergangenheit ist, desto mehr wird sie verklärt. Insofern war auch die Frage, die ich Raik Adam vor einiger Zeit mal gestellt habe, ziemlich überflüssig: Ob er und sein Mitstreiter denn nicht nach dem Mauerfall arbeitslos geworden seien. Natürlich nicht. Sie mischen sich weiterhin ein, machen Veranstaltungen zu ihre Büchern, kommen mit den Menschen ins Gespräch. Zudem engagieren sie sich für die Ukraine. Sie riefen über ihre Social Media Kanäle zu Spenden für die ukrainische Armee und an zivile Hilfsorganisationen auf, 2023 färbten sie die Straße vor der russischen Botschaft in Berlin einer Pyro-Aktion in den ukrainischen Farben ein. Eine weitere solche Aktion mit den Farben der Ukraine am Brandenburger Tor im rahmen einer Solidaritätsdemo sorgte 2025 für Aufsehen.

AfD-Politiker und DDR-Fans als Brüder im Geiste

Und heute? In den sozialen Medien weisen sie unverdrossen und zugespitzt polemisch auf die Bedrohung der Demokratie durch den immer offener zutage tretenden Schulterschluss zwischen DDR-Nostalgikern, Alt-Stasi-Kadern und der faschistischen AfD. Nachdem der Kabarettist Uwe Steimle kürzlich bei einer AfD-Veranstaltung mit Tino Chrupalla die DDR-Hymne angestimmt und „satirisch“ die Ermordung von Merz und Merkel ins Spiel gebracht hatte, kommentierte Raik Adam auf Facebook gewohnt bissig_ „Dör Dienoh (O-Ton U. Steimle), also „der Tino“ ist so matschig in der Birne, dass er gar nicht begreift, was gestern Abend auf seiner Bühne in Dessau abgelaufen ist. Das ganze AfD-Lügengebilde von der Friedens- und anti-DDR-Partei ist fröhlich trällernd zusammengebrochen, als er gemeinsam mit Steimle und dem anhaltinischen Grinseclown, die DDR- Hymne gesungen hat und die Tötung des Bundeskanzlers thematisiert wurde“. Eine knappere und treffendere Analyse hätte ich auch nicht hinbekommen.

Eine ausführliche Unterhaltung mit Raik und Andreas Adam Adam und Dirk Mecklenbeck konnte ich 2023 im Rahmen der Ausstellung „Heavy Metal in der DDR“ in der Kulturbrauerei in Berlin führen. Hier zum Nachhören….

 

Literatur:

Mauerkrieger. Aktionen gegen die Mauer in West-Berlin 1989.
Stiftung Berliner Mauer/Ch.Links Verlag,

Todesstreifen: Aktionen gegen die Mauer in West-Berlin 1989 (Veröffentlichungen der Stiftung Berliner Mauer, Band 9)

Rebellion hinter der Mauer: Der Osten, der Westen und wir (Veröffentlichungen der Stiftung Berliner Mauer, Band 16)

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Über Thomas Zimmer

Wollte mal Lehrer werden. Anglistik und Geschichte studiert, Journalist geworden. Erst Radio, dann Print. Alles, nur nicht Wirtschaft und Sport. Vorzugsweise Rock, Pop und Folk. Vier Semester Dozent für Pop- und Rockgeschichte an der Musikhochschule Karlsruhe. Biografie des BAP-Drummers Jürgen Zöller und ein Buch mit Konzertkritiken aus 20 Jahren. Interviews mit Rock-Größen wie Phil Collins, Ian Gillan, Beth Hart u.v.a. Interview-Podcast „Das Ohr hört mit“ - mit Musikern und anderen Kulturmenschen. Bei "Starke Meinungen" schreibe ich über alles, was mir gerade durch den Kopf rauscht. Zunehmend auch Politisches. Die Zeiten sind danach. Podcast hier: https://open.spotify.com/episode/18TWjOfWR07gezCpidAsKV Homepage: www.thomaszimmermusik.de

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