Fritz Cremer: Bleiche Mutter. Foto: Manfred Brückels, Wikimedia commons
Eva Quistorp hat gemeint, man soll den Patriotismus nicht den Rechtsextremen überlassen, und da hat sie Recht.
Es folgen nach dieser Feststellung fünfzehn Definitionen dessen, was es heißt, deutsch zu sein. Und im Wesentlichen stimme ich diesen Definitionen zu, zumindest als Wunschvorstellung, obwohl ich persönlich Oper nicht mag und das deutsche Kabarett mit wenigen Ausnahmen für eine Katastrophe halte. (Punkt 8: „Wenn deutsch sein heißt, die deutsche und europäische Musik, Literatur, Malerei, Theater, Opern, Kabarett zu lieben in ihrer Bandbreite und Vielfalt …“) Aber sie reichen nicht.
Bis auf vier – Beherrschung der deutschen Sprache, Kenntnisse der Geschichte, Liebe zur Kultur und Höflichkeit – sind sie Aspekte dessen, was Dolf Sternberger einmal Verfassungspatriotismus nannte. Und gegen Verfassungspatriotismus ist nichts zu sagen.
Aber nehmen wir diesen Song vom großen Gunter Gabriel aus dem Jahr 1982:
Deutschland ist
Die Elbe bei Cuxhaven
Das grüne Gras im Allgäu
Der Timmendorfer Strand
Der rote Fels von Helgoland
Deutschland ist
Goethes Haus in Weimar
Das Porzellan aus Meißen
Die Fischer von Schwerin
Und der Ku-Damm in Berlin
Deutschland ist
Hermann Prey und Maffay
Die Knef und Nina Hagen
Die Kneipen voller Qualm
Und Liebe auf der Alm
Schwarz
Wie die Kohlen im Revier
Rot
Wie die Lippen der Mädchen hier
Gold
Wie der Weizen und das Bier
Das sind die Farben
Die Farben von dir
Deutschland ist
Heinrich Böll und Simmel
Lindenberg und Rühmann
Und der alte Vater Heuß
Und der Maler Josef Beuys
Deutschland ist
Bundesligaspiele
Der HSV und Bayern
Köln und Werder Bremen
FKK und sich nicht schämen
Deutschland ist
Ein Schäfer auf der Heide
Und Pferde auf der Weide
Und Mut nach vorn zu sehn
Und Krisen überstehn
Schwarz
Wie die Kohlen im Revier
Rot
Wie die Lippen der Mädchen hier
Gold
Wie der Weizen und das Bier
Das sind die Farben
Die Farben von dir
Deutschland ist
In den Menschen die wir lieben
In dem wie wir sind und leben
Ist ein Stück von dir
Deutschland sind wir alle hier
Deutschland ist
Nicht nur in Paragrafen
Wach sein und nicht schlafen
Und was wird mit diesem Land
Das liegt ganz in unsrer Hand
Nun ist das ein Deutschlandbild, dem man die Zeitbezogenheit anmerkt. Kohlen werden schon lange nicht mehr im Revier gefördert, Kneipen voller Qualm sind zum Glück selten geworden, und sicher ist Deutschland 2026 auch Dönerteller und Pizza, Sido und Sara Nuru. Und das hätte Gunter Gabriel weder geleugnet noch bedauert.
Was aber der Song klarmacht, ist: Was ein Land ausmacht, ist nicht allein, vielleicht nicht in erster Linie die politische und gesellschaftliche Verfassung; und darum ist der Patriotismus, die Liebe zur Heimat, nicht ausschließlich abhängig davon, wie es um die Verfassung steht. Wie schrieb Bertolt Brecht 1933:
„O Deutschland, bleiche Mutter! / Wie sitzest du besudelt / Unter den Völkern. / Unter den Befleckten / Fällst du auf. […] O Deutschland, bleiche Mutter! / Wie haben deine Söhne dich zugerichtet / Dass du unter den Völkern sitzest / Ein Gespött oder eine Furcht!“
Deutschland bleibt die „Mutter“, auch wenn ihre Söhne sie schlimm zurichten. Später schrieb Brecht voller Trauer über die Rückkehr:
Die Vaterstadt, wie find ich sie doch?
Folgend den Bomberschwärmen
Komm ich nach Haus.
Wo denn liegt sie? Wo die ungeheueren
Gebirge von Rauch stehn.
Das in den Feuern dort
Ist sie.
Die Vaterstadt, wie empfängt sie mich wohl?
Vor mir kommen die Bomber. Tödliche Schwärme
Melden euch meine Rückkehr. Feuersbrünste
Gehen dem Sohn voraus.
In der „Kinderhymne“ schließlich, Brechts Gegenentwurf zu Johannes R. Bechers DDR-Nationalhymne, heißt es:
Anmut sparet nicht noch Mühe,
Leidenschaft nicht noch Verstand,
dass ein gutes Deutschland blühe,
wie ein andres gutes Land.
Dass die Völker nicht erbleichen
wie vor einer Räuberin,
sondern ihre Hände reichen
uns wie andern Völkern hin.
Und nicht über und nicht unter
andern Völkern wolln wir sein,
von der See bis zu den Alpen,
von der Oder bis zum Rhein.
Und weil wir dies Land verbessern,
lieben und beschirmen wir’s.
Und das liebste mag’s uns scheinen
so wie andern Völkern ihrs
Was Gunter Gabriel und Bertolt Brecht verbindet, und was den AfD-Ideologen und ihren Apologeten ganz und gar fehlt, ist dieses „und das liebste mag’s uns scheinen“, dieses „Deutschland sind wir alle hier“; diese positive Beziehung zu den Menschen, die hier leben und arbeiten. Die AfD verbreitet nur Hass und Trotz; sie liebt Deutschland nicht, allenfalls abstrakt, aber nicht die Deutschen: im Gegenteil, sie verachtet „Böll und Grass und Beuys“ und Bauhaus und Brecht und Sido sowieso. Ihr geht es nicht um die bleiche Mutter, sondern darum zu leugnen, wie und von wem sie zugerichtet wurde, um eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“.
Viele Linke hatten und haben Probleme mit dem Patriotismus; wer will es ihnen verdenken? Deutschland ist, wie „Vater Heuss“ wusste, ein „schwieriges Vaterland“. Das zu leugnen freilich ist nicht Patriotismus, das ist Verdrängung, die zur Neurose führt. Es gibt auch schwierige Eltern. Aber es sind die Eltern, es ist die bleiche Mutter. Deutschland ist, wie Gunter Gabriel als Antwort auf Sternberger sang, „nicht nur in Paragrafen“, oder wie Brecht schrieb, auch deshalb liebenswert, „weil wir es verbessern“. Übrigens seit 1986 verbessert haben.