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Das Ende meiner politischen Boomer-Welt

Pop & Aufklärung in der Boomergeneration.
(Foto: )

Meine Boomer-Welt geht langsam unter. Es war schön. Schön mit einer starken, konservativen CDU. Mit einer tief in der Arbeiterschaft verwurzelten Sozialdemokratie, die Männer wie Willy Brandt, Helmut Schmidt oder Klaus von Dohnanyi hervorgebracht hat. Mit einer FDP, die als intelligente Stimme für Eigenverantwortung und Freiheit eingetreten ist. Mit Grünen, ohne die unsere Flüsse immer noch Kloaken wären. Lange habe ich darauf gewartet, dass es zu Ende geht mit dieser Welt. Jetzt ist es so weit.

Es gibt in Deutschland eine ganz klare Mehrheit, die sich konservative Politik wünscht. Doch die CDU kann sie nicht liefern. In vielen Teilen der Partei scheint sie das auch gar nicht mehr zu wollen. Oder irgendein Koalitionspartner ist dagegen. Der Weg zur Zusammenarbeit mit der AfD ist durch eine Brandmauer versperrt. Vielleicht führt der auch gar nicht zu den Ergebnissen, die sich viele Menschen versprechen. Diese politische Sackgasse und die Demografie hat allerdings zum Ergebnis, dass die CDU sich in Auflösung befindet. In Mecklenburg-Vorpommern ist das Undenkbare passiert. Die stolze Partei Helmut Kohls und Konrad Adenauers blieb unter der Fünf-Prozent-Hürde.

An der Spitze steht ein Kanzler, der bewegungsunfähig der Katastrophe zuschaut. Von ihm ist kein Energieschub mehr zu erwarten. Friedrich Merz erklärt die Niederlagen am laufen Band damit, dass die Menschen Schwierigkeiten hätten, seinen Reformkurs zu verstehen. Der Fehler ist nur: Es gibt gar keine Reformen mehr. Wenn es wirklich welche gäbe, wären die Wähler durchaus bereit, einen schweren Weg zu gehen.

Sie verstehen aber genau, dass der Kanzler von Luftschlössern redet. Sie wählen ihn nicht mehr, weil die versprochenen Veränderungen ausbleiben, weil er alle Versprechen gebrochen hat. Weil er von einer Welt und von Projekten redet, die nicht existieren. Viele Konservative strömen zur AfD. Sie nehmen lieber die seltsamen Gestalten in dieser Partei in Kauf, als länger auf eine CDU zu hoffen, die ihren bürgerlichen Kern zu oft verraten hat. Geblieben sind Menschen über 70, die schon immer CDU gewählt haben. Keine guten Aussichten.

Man möchte noch ein bisschen linker sein

Auf der anderen Seite verlassen die Leute in Massen eine SPD, die genau wie die CDU ihren Kern aus den Augen verloren hat. Die urbanen Milieus wollen ja unbedingt irgendwie links sein. Auch wenn sie in Wahrheit spießiger leben als Tante Hildegard in Solingen. Das war schon immer so. Auch wenn sie sich gar nicht für Politik interessieren: Rechts ist man einfach nicht, wenn man jung ist und in einer Großstadt lebt.

Diese Modelinken, die mal SPD oder Grün gewählt haben, laufen gerade in Scharen zur Linken über. Das ist doch viel cooler dort. Die SPD wirkt wie kalter Kaffee aus dem verlassenen Gewerkschaftsbüro, das nach abgestandenen Rauch aus halbgerauchten HB-Zigaretten riecht. Man möchte jetzt möglichst noch etwas linker sein, wenn es irgendwie geht. Elif Eralp statt Bärbel Bas und Lars Klingbeil. Was denn sonst?

Man war irgendwie immer schon gegen die USA und Israel

Da macht es den Mode-Linken auch gar nichts aus, dass die Berliner Linke einen „Intifada-Wahlkampf“ geführt hat, in dem die Parolen „Fuck Israel“ und „Fuck USA“ eine Rolle gespielt haben. Irgendwie war man ja schon immer gegen die USA und Israel. Nur gegen die Regierung. Natürlich. Nicht gegen die Juden! Und gegen den Kapitalismus. Klar. Der wird mit viel Energie per neuestem iPhone auf Social Media in die Tonne getreten. Wer braucht dieses Wachstum? Wir haben doch schon alles!

Gerade in Stadtteilen wie Neukölln sammelt die Linke so ein ganzes Milieu aus Judenhassern und Hamas-Fans ein. Da wird dann nach dem Linken-Wahlsieg vollkommen schamlos das Pali-Freudentänzchen aufgeführt, mit dem bereits der bestialische Massenmord an 1200 Juden am 7. Oktober 2023 ausgelassen gefeiert wurde. Auch an Bord bei den Linken sind natürlich alle, die es selber nicht schaffen. Die Versorgungs-Fans. Ach, am liebsten holt man sich doch seine Kohle vom Amt und hat seine Ruhe vor dem ganzen kapitalistischen Druck und Dreck.

Am liebsten Witze gegen die FDP

Die Grünen wirken dagegen abgestanden. Von deren Ökothemen hört man nur noch wenig. Das Klima scheint auch nicht mehr so richtig zu funktionieren. Das Klientel beschränkt sich auf die Altbau-Wohnungseigentümer, die sich Bio-Produkte und einen linken Wohlfühlstatus leisten wollen und können. Am liebsten schaut man „Heute Show“ und lacht über die FDP. Aber davon gibt es nicht mehr so viele. Und der Originalitätsgrad ist nach all den Jahren verblasst.

Da bräuchte es eigentlich eine starke FDP. Doch die Partei hat sich ins Abseits verkünstelt. Man versteht eigentlich gar nicht mehr, für was diese Partei stehen soll. Freiheit? Das klingt rechtsradikal. Eigenverantwortung? Wer soll das denn wollen? Diese Erzählung war ja schon immer schwierig in Deutschland. Dem Land der Vollkasko-Mentalität. Persönliche Lebensrisiken müssen vom Staat abgesichert werden! Hier geht alle Politik von der Alleinerziehenden in Kreuzberg aus.

Nein, da wählt man dann doch lieber Parteien, die den „Reichen“ das Geld wegnehmen wollen. Dass das oft die Unternehmer sind, die dafür sorgen, dass es überhaupt Geld vom Amt oder Wohnungen gibt, hört man nicht gerne. Aber die FDP bringt auch nicht die Kraft auf mit solchen Themen in irgendeiner Weise durchzudringen.

Entweder rechts oder links. Sonst gar nichts.

Am Ende kommen wir in einer neuen, bipolaren Politikwelt an. AfD gegen Linke. Rechts gegen Links. Das ist alles. Mehr gibt es nicht. Tut mir leid. Nur das, was Sie hier sehen. Da kann sich jeder einsortieren, da sind die Fronten klar. Alle Schwarz-Weiß-Denker werden ab jetzt auf das Allerfeinste bedient. Man braucht gar keine Ambiguitätstoleranz mehr. Die haben wir ja sowieso nicht in Deutschland. Man muss sich schon entscheiden, ob man zu den Guten oder den Bösen gehören will.

Das ist die neue politische Welt, die meine alte Boomer-Welt ablöst. Und vielleicht ist das alles auch richtig so. Ich habe mir als junger Mann geschworen, dass ich mich bemühe, die jungen Leute zu verstehen, wenn ich alt bin. Das ist nicht leicht. Ich versuche es trotzdem mal. 40 Prozent der jungen Leute in der deutschen Hauptstadt, in der der Holocaust beschlossen wurde, wählen eine Partei, die ganz offen mit Israel-Hass flirtet. Mit Leuten, die offenbar nichts dagegen haben, wenn den Juden das Leben in Berlin schwer gemacht wird. Mit Linksradikalen, die von „Enteignungen“ träumen und sie am Ende gar nicht bezahlen können.

Vielleicht haben viele junge Wähler das alles nicht ernst genug genommen. Vielleicht ändern sie schon in ein paar Monaten ihre Meinung. Einige bereuen wahrscheinlich bereits jetzt ihre Wahlentscheidung. Das wäre ein Trost. Bitte sagt mir, dass es so ist! Bitte.

Frank Schmiechen ist Journalist und Musiker. Er startete als Reporter bei der Bergedorfer Zeitung, war später unter anderem Stellv. Chefredakteur der WELT und Chefredakteur des Online-Mediums Gründerszene.

 

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2 Gedanken zu “Das Ende meiner politischen Boomer-Welt;”

  1. avatar

    Danke, super Beitrag! Auch mein Denken – obschon ich kein klass. Boomer bin (*1973). Ein allg. Geh-Danke: Antisemiten. Mich wundert’s nicht, dass der A. so populär ist. Er ist ja – wie es Douglas Murray (UK) stets betont – immer „da“, der A. muss halt nur „ausbechen“. So ist das. Ich bleibe bei meiner grobschlechtigen Sichtweise: a) wie gesagt, der is da, einfach da, der A. – weshalb nicht bei mir, keine Ahnung –, was m. E. b) bedeutet: bricht er aus, draufhauen. Volles Brot. Nach dem Säbelrasseln den Woody Allen machen – oder mehr. Es nützt nichts, kein Workshop, auch kein Lamentieren oder Beschweren, teils Rumheulen, dass der A. da ist. Der A. will den Tod den Juden (Sarte), dagegen sollte man: okay, dann holst Du Dir Deinen Tod zuerst ab, Antisemit. Period.

  2. avatar

    Inzwischen muss man sich zusätzlich Sorgen machen, dass diese Antisemiten auch noch gemeinsame Sache mit Russland machen. Wir erleben gerade, wie die Anhänger der Tyrannei die Situation in der freien Welt ausnutzen, um gegen unsere Werte und Ideale zu hetzen. Die Feinde Israels und die Feinde der Ukraine tun sich zusammen.

    Es ist erschreckend, dass sich offenbar viele junge Menschen bereitwillig diesen Feinden der Freiheit anschließen.

    Die folgende Meldung habe ich vorhin bei T-Online gelesen:

    „Umstrittene UN-Sonderberichterstatterin fordert Stopp von Waffenlieferungen an die Ukraine

    Francesca Albanese, UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, fordert ein Ende der Waffenlieferungen an die Ukraine. ‚Ich stimme denen zu, die der Meinung sind, dass wir die Waffenlieferungen an die Ukraine stoppen und die Diskussion wieder auf die politische Ebene verlagern müssen‘, sagte sie bei einer Podiumsdiskussion des Open-Festivals in Italien.“

    https://www.t-online.de/nachrichten/ukraine/id_101444676/ukraine-news-aktuell-kiew-plant-treibstofflager-in-ungarn-wegen-russland.html

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