avatar

Keine Angst. Igor Levit und Danger Dan – und was das mit „Militant Democracy“ zu tun hat

„Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. Man darf nicht warten, bis der Freiheitskampf Landesverrat genannt wird. Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat“.

So fasste Erich Kästner das Versagen der Demokratie in der Weimarer Republik zusammen. Er, dessen Bücher von den Nazis verbrannt wurden, steht bestimmt nicht im Verdacht, ein Linksradikaler oder gar Gewaltbefürworter zu sein. Hätte ZDF-Intendant Norbert Himmler in Kästners Worten einen Gewaltaufruf gesehen, wäre er denn ein Zeitgenosse des Schriftstellers gewesen? Weiterlesen

avatar

Rizinus, die Krautrock-Pioniere. Die Geschichte einer Band, die es nie gab

Die vergessene deutsche Band Rizinus muss endlich gewürdigt werden. Wie? Sie haben den Namen nie gehört? Dabei waren die Musiker absolut richtungsweisend in den frühen 70er-Jahren. Woher ich das weiß und warum es von dieser Band nur Zeichnungen, aber keine Fotos gibt?

Ganz einfach: Ich habe sie selbst erfunden, etwa 1971. Da nämlich machte ich mir als 15jähriger Rockfan die Welt gerade so wie sie mir gefiel und zeichnete Plattencovers imaginierter Bands, erfand Songtitel und Bandbesetzungen und brachte diese wunderlichen Kapellen dann auf die Bühne meiner lautstarken Fantasie.

Weiterlesen

avatar

Keine Demo mit falschen Freunden. Bekenntnisse eines Demo-Muffels

Eine Demonstration. Konstantin Wecker sitzt auf der Bühne mit violettem Kopf. Schweiß in Fontänen verspritzend verkündet er „Man muss den Flüssen trauen“. So prügelt er „seine unerhörte poetische und musikalische Sensibilität für das Leben“ hinein in die Tasten des Flügels und hinaus in den Abendhimmel. Vor Tausenden Menschen, die seinen schweißgetränkten Flüssen trauen.

Wecker singt ein Plakat nach dem anderen, seine Band spielt dazu mit der tückischen Harmlosigkeit eines Kaffeehausorchesters. Als nächstes kommen die Bots: „Das weiche Wasser bricht den Stein“. Ich erwache schweißgebadet und muss brechen. Ein Blick ins dunkle Zimmer: Es war nur ein Alptraum. Gottseidank. Schnitt. Weiterlesen

avatar

Ilko-Sascha Kowalczuks neuer Weckruf

„Faschismus und faschistische Haltungen sind keine Meinungen, sondern müssen strikt strafrechtlich verfolgt werden. Jede Gesellschaft braucht Grenzen des Sagbaren, des Machbaren. Faschismus steht außerhalb der Grenzen, wie sie das Grundgesetz zieht.“ So steht es in den „Zehn Grundsätzen“, die der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk seinem neuen Buch „Faschismus ist keine Meinung – Stabil bleiben in autoritären Zeiten“ voranstellt.

Damit ist der Ton gesetzt für einen Rundumschlag über den neuen Hang zum Autoritären. Es ist eine erhellende und zugleich erschreckende Abrechnung mit den Akteuren und Verharmlosern des neuen erstarkenden Faschismus und zudem eine Argumentationshilfe für die Verteidiger von Freiheit und Demokratie. Dazu einige persönliche und sicher unvollständige Anmerkungen. Weiterlesen

avatar

Die letzten Punk-Patrone der Demokratie: Die Toten Hosen treten ab

Ich habe den Toten Hosen den Punk nie so ganz geglaubt. Was daran liegen mag, dass ich sie erst im Jahr 2000 zum ersten Mal live erlebt habe. Okay, ich gebe zu: Jahre zuvor war das noch anders. Ich besaß ein Tour-T-Shirt der Band mit der poetischen Aufschrift „Ficken Bumsen Blasen“. Das ich aber nicht tragen konnte, weil mir ein anderes mit der Aufschrift „Bier formte diesen wunderschönen Körper“ viel besser passte.

2000 also hatte ich sie als eine routinierte Stadionrock-Band empfunden und sie in meiner Rezension schnöde abgekanzelt: „Und so rumpelt es in einem fort, in schnöder Bierseligkeit bis zur bitteren Unsterblichkeit. Kein Punk. Vielleicht Volksrock. Früher hätte man mit der daraus destillierten Energie Häuser besetzen lassen. Ach was, ganze Straßenzüge. Aber heute?“

Weiterlesen

avatar

Demokratiefeinde im TV? Das muss nicht sein

Ich bekenne mich schuldig. Ich habe den Meinungskorridor massiv verengt. Schon lange bevor dieser Kampfbegriff überhaupt die Runde machte. Was war geschehen? Es war in den 90er Jahren, die rechtsextremen Republikaner hatten gerade einen erschreckenden Höhenflug in Baden-Württemberg. Ich war verantwortlich für die Wahlsendung eines regionalen Privatsenders.

Nun also ein hohes Ergebnis für die braune Partei in Pforzheim. Aus dem dortigen Studio meldet sich die Marketing-Abteilung: Der örtliche Republikaner-Chef müsse unbedingt mit einem wichtigen Statement auf Sendung. Und noch wichtiger: Er sei auch ein wichtiger Werbekunde.

Weiterlesen

avatar

Ein Ahnungsloser auf der Suche nach Bob Dylan.

„Star struck“ bin ich eigentlich nicht. Aber ab und an empfinde ich ein wohliges Kribbeln, wenn ich im gleichen Raum bin wie irgendein „bedeutender“ Mensch. Dabei muss ich diesen Menschen gar nicht besonders verehren. Es könnten auch Orte sein, die dieses undefinierbare Gefühl auslösen. Ein Freund wollte unbedingt mal auf der Wiese von Yasgurs Farm stehen. Sie wissen schon, der Acker der berühmtesten Schlammschlacht des 20. Jahrhunderts. Ein anderer hat im Abbey Road Studio mit Paul McCartneys Toningenieur eine CD aufgenommen. Ich wollte vor einigen Jahren mal unbedingt in der Arena von Verona stehen. An der Stelle, an der Jahre zuvor Ian Paice am Schlagzeug gesessen hatte. Aber die Arena war just an diesem Tag wegen Soundcheck von Al Bano und Romina Power geschlossen.

Weiterlesen

avatar

Ein starker DGB ist nötig. Jetzt! Eine Erwiderung

Kein Kanzler hatte es je so schwer wie Friedrich „Mimimi“ Merz. Alle sind gegen ihn. Wo er doch der einzige Kanzler zweiter Wahl ist, also praktisch doppelt gewählt. Dann ist auch noch das Flugbenzin für seinen Privatjet knapp und teuer. Sollte es nicht auch für ihn Tankrabatt geben? Und Schutz vorm bösen DGB, den der Blog-Kollege Frank Schmiechen subito auflösen möchte?

Mein Mitleid ist kaum noch zu toppen. Nein, Spaß Ende: Was Merz auf dem DGB-Kongress gesagt hat, hätte einen viel lauteren Sturm der Entrüstung auslösen und Millionen Menschen auf die Strassen treiben müssen.

Weiterlesen

avatar

10.000 CDs braucht der Mensch. Bekenntnisse eines Musik-Süchtigen

Das ist schon ein paar Jahre her, aber immer noch aktuell. Ich habe es wieder entdeckt und jetzt aufgeschrieben. Ich, im folgenden ich genannt, unterhalte mich mit Arnim Töpel. Im Folgenden Arnim genannt. Ein ganz wunderbarer Bluesmann, Pianist, Sänger, Kabarettist.

Musikkabarettist würde man ihn besser nicht nennen, das könne als Beleidigung aufgefasst werden in einer Zeit, in der unter diesem Etikett all zu viel Flachkarätiges tourt. Wir unterhalten uns also.

Weiterlesen

avatar

Der Mief des Anti-Imperialismus: Ein Buch über linken Antisemitismus. Eine Lese-Empfehlung

Als ich noch ein jungdummer Vulgär-Antiimperialist war, führte ich ein Interview mit dem damaligen ARD-Nahost-Korrespondenten Friedrich Schreiber. Ich fragte ihn doch tatsächlich, ob denn Israel nicht irgendwie ein repressiver Polizeistaat sei. Das war damals common sense meiner Redaktion. Daraufhin stauchte mich Schreiber dermassen wirkungsvoll zusammen, dass ich schlagartig vor Scham im Boden versinken wollte, in mich ging und anfing, mich zu bilden. Was manche meiner „antiimperialistischen“ Freunde bis heute nicht geschafft haben. Ganz zu schweigen von den heutigen Free Palestine—Aktivisten. Deren kollektiver Wahn in Teilen dessen, was sich selbst für links hält, seine Wiedergeburt in nur schlecht als Israelkritik camoufliertem Judenhass feiert. Der zeigt sich seit dem 7. Oktober 2023 immer unverhüllter, schamloser und aggressiver in der Öffentlichkeit.

Weiterlesen

avatar

Der seltsame Herr Lindenberg. Eine halbe Hommage zum 80.

Udo Lindenberg wird 80 Jahre alt. Die Presse überschlägt sich sich geradezu panisch vor Lobeshymnen. Der Rolling Stone, die Prawda des Musikjournalismus, macht ihn zur Titelgeschichte. Die ZEIT druckt eine ganzseitiges Interview mit Benjamin Stuckrad-Barre, dem Lindenberg-Verehrer, -verklärer und -erklärer der Nation.

Wir erfahren darin Sensationelles: Der kleine Benjamin, der sich schon im Alter von sieben Jahren als Udos Freund betrachtete, hat kürzlich mit Udo telefoniert, und der habe ihn mitten im Gespräch gefragt, wo denn wohl der Lichtschalter in seinem, Udos Hotelzimmer, sein könne. Weiter berichtet Stuckrad-Barre noch, Udo habe auch nicht gewusst, wo die Küche in seiner Berliner Wohnung ist. Na, wozu hat man gute Freunde. Aber sonst ist heute wieder alles klar? Keine Panik auf der Andrea Doria? Oder so?

Weiterlesen

Scroll To Top