
Vielen Deutschen fällt es schwer, sich selbstbewusst als solche zu empfinden. Andere schreien es wieder nationalistisch heraus. Was fehlt ist ein gelassener Umgang mit den Stärken und Schwächen der eigenen Nation.
Deutsche kennen im Grunde nur zwei Gemütszustände: himmelhoch jauchzend, am Boden zerstört. Eben waren wir noch Exportweltmeister, jetzt geht gefühlt (oder tatsächlich?) alles den Bach runter. 2015 ff. gefeiert als Moral-Champions, geläuterte Demokraten und Willkommensnation, nun angeblich alle Rassisten, auf dem Weg zum Vierten Reich. Von unverbesserlichen Pazifisten zu „Kriegstreibern“. Lange verehrt und verlacht für Ordnung, Pünktlichkeit, Fleiß schämen wir uns heute für die Bahn, die nicht ankommt. Aber gibt es nicht irgendetwas dazwischen?
Am 3. Oktober 1990 war ich als Nachkriegsgeborener zum ersten Mal glücklich, Deutscher zu sein. Am Abend des neuen, wirklichen Tags der deutschen Einheit stand ich inmitten einer unüberschaubaren Menge vor dem Reichstag, sah zu, wie dort eine riesige Deutschlandfahne gehisst wurde und sang ohne Vorbehalte mit Hunderttausenden aus Ost und West des nun wieder vereinten Volkes die Nationalhymne: „Einigkeit und Recht und Freiheit…“
Wenn je galt das ohne jede Einschränkung am 9. November 1989, als die Mauer fiel und sich DDR- und Bundesdeutsche in den Armen lagen, und an diesem Tag, als sich die friedliche Revolution vollendete. Es hatte überhaupt nichts, jedenfalls für mich und viele, von Nationalismus unseligen Angedenkens. Nichts Triumphales, nichts Überhebliches. Einfach nur Freude, dass Menschen, die sich als Teile einer Nation empfanden beiderseits der ehemaligen Grenze, wieder zusammenkamen.
Unglücklich mit sich selbst
Wie anders fühlt sich dieses Land 36 Jahre später an, als wäre die Grenze wieder errichet. Nicht nur zwischen Ost und West. Sondern auch zwischen denen, die sich ein ganz anderes Deutschland ersehnen. Die einen eines zurück vor 1989/90 – die DDR oder die alte Bundesrepublik, je nach dem. Die anderen eines, dass sich auflöst und aufgibt, weil sie die Werte und kulturellen und historischen Traditionen, für das es trotz aller Schrecknisse seiner Geschichte steht, verachten.
Dabei sind es genau diese nach 1945 und 1989 demokratisch neu gewonnenen Werte, die Deutschland, diese spät geborene Nation, ausmachen und ihm wieder Respekt und Ansehen in der Welt verschafft haben. Und die – neben dem Wohlstand, Arbeit und den hohen Sozialleistungen – so viele Menschen hierher locken. Nichts, wofür man sich schämen müsste.
Wie aber und worein soll man die Dazugekommenen und Neubürger, Neudeutschen willkommen heißen und eingliedern, integrieren, wenn dieses bunte, aus verschiedenen Stämmen und immer wieder Eingewanderten gewachsene Volk nicht weiß oder vergessen hat, was es ausmacht und zusammenhält? Genau das fragen mich immer wieder Migranten und hierher Geflüchtete: „Warum seid Ihr nicht stolz auf Euer Land, auf das, was Ihr geschaffen und geleistet habt? Warum schämen sich so viele dafür, Deutsche zu sein? Ihr habt es doch so gut!“
Geachtet und respektiert
Man muss auf Deutschland nicht stolz sein, um sich als Deutscher zu fühlen. Das fällt mir wie anderen Einheimischen, die aus einer auch sehr dunklen deutschen Vergangenheit stammen, schwer. Man muss das Land und sein Volk auch nicht lieben wie Ali Ertan Toprak, Sohn sogenannter Gastarbeiter, die lange oft ungeliebte „Gäste“ waren und die und deren Nachkommen heute selbstverständlicher Teil dieser Nation sind. Wie andere, die vorher und später kamen.
Aber man darf sich durchaus selbstbewusst zu dieser Nation bekennen, 80 Jahre nach dem Ende der NS-Zeit und fast 40 Jahre nach Überwindung der SED-Dikatur. Ohne Überschwang, aber mit der Selbstverständlichkeit und Zufriedenheit, mit der sich andere Franzosen, Briten, Belgier, Polen oder Kanadier nennen.
Die deutsche Nation ist in der Welt wieder geachtet und respektiert, nicht mehr gefürchtet, weil sie anders geworden ist. Ein großes Glück. Warum empfinden das nicht mehr so? Deutsch zu sein ist jedoch nichts exklusives, nichts, was andere von vorneherein ausschließt weil sie einen anderern Glauben, eine andere Hautfarbe oder eine andere Herkunft haben. Es ist eine Einladung, sich dazu mit ihren Werten, ihrer Kunst und Kultur, ihrer Geschichte, ihren Brüchen, ihrem Erfindergeist, ihrer Leistungskraft, ihrer Modernität und ihrer Verantwortung in Europa und der Welt zu bekennen. Und Teil davon zu werden.
Mehr als ein Verein
Eine Nation ist jedoch weit mehr als ein Club, dem man per Einbürgerung beitritt und dem man sich „zugehörig fühlt“, wie Ruprecht Polenz schreibt. Wer Mitglied in einem Verband, Verein, einer Gewerkschaft oder NGO werden will, von dem und der wird erwartet, dass er/sie sich für deren jeweilige Ziele engagiert. Nicht nur Beiträge und in diesem Fall Steuern zahlt. Man muss etwas und sich einbringen. Man muss wirklich dazu gehören wollen, nicht am Rande stehen oder in seiner eigenen Community bleiben.
Eine Nation ist eine Gemeinschaft, eine auch Schicksalsgemeinschaft, im Guten wie im Schlechten. Das ist das, was heute wohl am meisten fehlt, jedenfalls vielen: ein Gemeinschaftsgefühl, etwas Verbindendes über alle sozialen und politischen Divergenzen und Gräben hinweg.
Die Ukrainer und Israelis machen es vor: Sie stehen – so vielfältig, divers und politisch unterschiedlich sie sind – gegen alle äußeren Bedrohungen zusammen. Und sind gerade dadurch zu Nationen geworden.
Dieser Tage traf ich einen Mann, der 2023 aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet ist. Seine Vorfahren kamen aus Indien, er wurde in Afghanistan als Angehöriger der kleinen indischen Minderheit geboren und floh von dort nach dem Einmarsch der Roten Armee 1979 über Umwege in die Ukraine. Er ist mit einer Ukrainerin verheiratet, hat mir ihr eine behinderte, indisch-afghanisch-ukrainische Tochter und fühlt sich als Ukrainer. Nach dem Krieg, dem zweiten, den erlebt und erlitten hat, will der dorthin zurück. In sein Land, seine Wunschheimat.
Eine zerfallende Gesellschaft
In Israel begegnete ich vergangenes Jahr einem jungen Juden, dessen Eltern aus Jemen geflohen sind und der in ihrer neuen Heimat geboren ist. Er steht wie viele sehr kritisch zur jetzigen Regierung, aber er liebt sein Land und hat ihm als Offizier gedient. Israel ist ein Schmelztiegel, wie früher die USA. Juden leben dort mit Arabern, Drusen und anderen ethnischen und religiösen Gruppen. Nicht immer friedlich, aber als Teile einer jungen und zugleich sehr alten Nation.
Deutschland besteht auch sehr unterschiedlichen Gruppen und Schichten. Aber sie verschmelzen immer weniger. Von vielen, auf der Linken wie auf der Rechten, ist das auch gar nicht gewollt. Die einen möchten, dass alle so bleiben wie sie sind. Die anderen möchten unter sich bleiben. Beides geht nicht in einem offenen, modernen Land und einer Gesellschaft, die auseinanderfällt.
Eine Nation ist nichts Statisches. Darauf hat Ruprecht Polenz zurecht hingewiesen. Aber sie ist auch nichts Beliebiges. Sie braucht, wie Eva Quistorp und Alan Posener geschrieben haben, verbindende, verpflichtende Werte und Regeln. Sonst gibt sie sich auf. Nicht nur eine Demokratie, auch eine Nation und Gesellschaft muss wehrhaft sein, nach außen wie im Inneren. Sie muss sich schützen. Sie braucht dafür Grenzen, ohne sich feindselig gegen andere abzugrenzen.
Deutschland ist zu seinem großen Glück Teil der europäischen Völkerfamilie. Aber eben auch eine eigene Familie. Seine Verwandtschaft sucht man sich nicht aus. Man wird in sie entweder hineingeboren, adoptiert oder man heiratet hinein. Seine Verwandten muss man nicht mögen, oft gehen sie einem ganz schön auf den Wecker. Aber wenn es darauf ankommt, hält man zusammen. Oder man ist nicht mehr Teil der Familie.
Im Klartext: Wer „Yalla Intifada“ und „Tod den Juden und Israel“ ruft oder es unterstützt, gehört nicht dazu, weil er gegen den Grundkonsens verstößt, dass Deutsche nach der Shoa nie wieder ein anderes Volk hassen und vernichten wollen dürfen. Schon gar nicht Juden. Wer „Deutschland den Deutschen“ schreit, gehört genausowenig dazu, weil Deutsche keine Herrenmenschen (mehr) sind und sein dürfen. Sondern eine Nation unter gleichen. Und mit Gleichen.