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Keine Demo mit falschen Freunden. Bekenntnisse eines Demo-Muffels

Eine Demonstration. Konstantin Wecker sitzt auf der Bühne mit violettem Kopf. Schweiß in Fontänen verspritzend verkündet er „Man muss den Flüssen trauen“. So prügelt er „seine unerhörte poetische und musikalische Sensibilität für das Leben“ hinein in die Tasten des Flügels und hinaus in den Abendhimmel. Vor Tausenden Menschen, die seinen schweißgetränkten Flüssen trauen.

Wecker singt ein Plakat nach dem anderen, seine Band spielt dazu mit der tückischen Harmlosigkeit eines Kaffeehausorchesters. Als nächstes kommen die Bots: „Das weiche Wasser bricht den Stein“. Ich erwache schweißgebadet und muss brechen. Ein Blick ins dunkle Zimmer: Es war nur ein Alptraum. Gottseidank. Schnitt.

Parolen aus den „Lautis“

Ein anderes Bild überlagert die erfundene Traumsequenz: Eine piepsende Stimme verkündet aus einem knacksenden Lautsprecher die frohe Botschaft: „Ihr könnt jetzt nach vorn zu den Lautis kommen, die Parolen für die Demo abholen“. Das ist real an jenem Tag im Jahr 2020, nachdem Thomas Kemmerich mit Stimmen von CDU, AfD und FDP überraschend zum Thüringer Ministerpräsidenten gewählt worden war. Überall im Land gab es spontane Demonstrationen gegen diesen Vorgang, bei dem die AfD wieder ihre Verachtung der Demokratie gezeigt hatte.

Dieses Mal hatte ich tatsächlich, mit etwas Abstand zu den Lautis, den Parolis und den Transparentis, an einer Demonstration teilgenommen. Denn eigentlich bin ich keiner, der auf der Strasse die Demokratie gegen ihre Feinde verteidigt. Aber hier musste ich dabei sein. Kemmerich war gerade mal ein paar Wochen im Amt, da wurde er durch öffentlichen Druck zurückgetreten. Das hatte ich doch gut hingekriegt. So fühlte es sich an, und ich bereue nichts.

Grundsätzlich aber bleibe ich Demonstrations-Skeptiker, gelegentlich sogar Allergiker. Warum dieses elitäre Gehabe? Woody Allen hat einmal sinngemäß gesagt: „Ich möchte nie im Leben Mitglied in einem Verein werden, der Leute wie mich als Mitglieder aufnimmt.“ Die KI, die manchmal sogar ein bisschen was weiß, sagt dazu folgendes: Dieses Zitat, das er im Film Der Stadtneurotiker verwendet hat, wird oft ironisch zitiert, um auszudrücken, dass man sich selbst für etwas Besseres hält oder bestimmten Gruppen kritisch gegenübersteht. Für mich heisst das übersetzt: „Ich möchte nicht mit Leuten zusammen gegen etwas demonstrieren, die Konstantin Wecker gut finden“.

Nur als Beispiel. Weil es so viele Beispiele gibt, lässt sich meine überschaubare Karriere als Demonstrant an einer Hand abzählen.

Müslimänner gegen Atomkraft

Sie begann in den Tagen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986. Der Sänger meiner Band hatte mich motiviert, zu einer Demonstration gegen Atomkraft auf dem Uniplatz in Heidelberg mitzukommen. Das Anliege war edel und so folgte ich der Aufforderung. Aber als ich da so vor mich hinprotestierte und den flammenden Reden folgte, schweifte mein Blick umher und ich erblickte gar viele Müsli-Männer. Solche, die Wolfgang Niedecken in dem gleichnamigen BAP-Song so herrlich auf die Schippe genommen hatte: Menschen, die Bier in Apfelsaft, Stromgitarren in Banjos, Bratwürste in Müsli verwandeln wollten. Nicht die Menschen, mit denen ich mich üblicherweise zu umgeben pflegte. Im BAP-Text trägt der Müsli-Man „ne Schal vun Al Fatah“. Von solchen Menschen möchte ich soweit entfernt seine wie die Erde vom Mars.

Kurzum: Mir wurde unwohl und es stellte sich zum ersten Mal die Frage: Will ich mit solchen Leuten zusammen gegen etwas sein? Die vielleicht gar eine gut sortierte Konstantin-Wecker-Sammlung ihr eigen nannten? In diesem Fall hätte ich darüber weggesehen. Zumal immerhin kein Fatah-Lappen zu sehen war. Aber zu einer weitere Anti-Atomkraft-Demo konnte ich mich auch nach Fukushima nicht aufraffen. Immerhin genoss ich dann die Sprengung der Kühltürme des AKW Philippsburg vorm Fernseher. Letztlich hatte ich sie ja schon 1986 angeordnet. Das Cover der ersten LP unserer Band (1980) zierte übrigens das AKW Philippsburg. Wo wir uns einen Tag vor der Sprengung noch einmal versammelten, um ein Gruppenfoto zu machen.

Was haben wir denn in den 80ern als Band an politischem Engagement gezeigt? Wir waren bei Juso-Veranstaltungen für die „Stoppt Strauß“-Kampagne aufgetreten. Wir sangen Englisch und wir wollten Strauß mit einem Song von Tom Robinson stoppen. „Better decide which side you’re on“ richtete sich gegen die britischen Reaktionäre und hatte so überhaupt nichts mit Franz Josef Strauß zu tun, schon eher mit den Kämpfen der Gay Community gegen den Backlash in England. „You better decide which side you’re on. The chips go down before too long. If Left is right then Right is Wrong. You better decide which side you’re on“. Dazu schrie unser Sänger noch ergänzend: „Stop this man!“. Das Publikum aber dachte vermutlich: „Prima, noch’n Bier!“ Doch wir waren absolut sicher: Dank unseres Einsatzes wurde Strauß nicht Kanzler. Es konnte keinen anderen Grund gegeben haben.

Grüne und rote Irrungen

Der zweite Versuch, mit Musik Haltung zu zeige, scheiterte noch kläglicher: es muss im Wahlkampf 1984 gewesen sein, da erschien uns der leibhaftige Müsli-Man. Er hatte die Band engagiert, auf einer Wahlparty der noch jungen grünen Partei zu spielen. Was ihn dazu veranlasst hatte? Keine Ahnung. Die Kapelle sang keine Friedenslieder, fand auch gar nicht, dass man den Flüssen trauen muss oder das weiche Wasser irgendeinen Stein breche, sondern im Gegenteil eher, dass man vom weichen Wasser brechen müsse. Und kaum begann die Kapelle ihre Musik vorzutragen, sah man ihn in Richtung Bühne schlurfen. Mit nachdenklichem Gesicht signalisierte er, was es in ihm dachte: Kommerzkacke, englischsprachige. Unpolitisch und auch noch elektrisch statt auf Ukulelen aus makrobiotischem Anbau vorgetragen. Ich kann mir vorstellen, dass der zwei Jahre später auf dem Uniplatz auch demonstrierte. „Find’ ich unheimlich wichtig, Du ey. Atomkraft is jetzt echt nich’ so gut, weisst Du?“

1980 wollte die SDAJ, die Jugendorganisation der moskautreuen DKP, die Band für ein Konzert bei einer Demonstration gegen den Olympiaboykott buchen. In der Annahme, wir wären Gesinnungsgenossen. Vollkommen un-ambivalent erklärte ich den Genossen, sie sollten sich ihre Solidarität mit der friedliebenden Sowjetunion sonstwohin stecken. Da brauchte ich keine Sekunde überlegen. Zumindest wusste ich jetzt, auf welcher Art Demonstration ich auf gar keinen Fall gesehen werden wollte. Konstantin Wecker war übrigens – wie ich – auch für den Olympiaboykott und gegen die Moskautreuen, lese ich gerade. Ich habe also quasi zusammen mit ihm nicht demonstriert. Diagnose: Es ist komplex.

Falsche und richtige Entscheidungen

Einmal noch war ich bei einer Demo gegen den Jugoslawienkrieg und die deutsche Beteiligung daran. Die für mich unerklärliche Kehrtwende der Grünen, insbesondere Joschka Fischers, hatte mich unvorbereitet getroffen. Wie konnte das sein? Bomben auf Belgrad.? Heute weiss ich, dass Fischer recht hatte. Spätestens, als meine Frau über amnesty international eine bosnische Familie kennenlernte, deren Vater von Serben verschleppt und ermordet wurde. Seine Leiche wurde bis heute nicht gefunden, und doch: Bei dieser sehr kleinen Demo waren ein paar alte Serben, die offensichtlich überhaupt nicht verstanden, was da gerade passierte. Die waren mir irgendwie sympathischer als alle Müslimänner der Welt. Vielleicht auch deshalb, weil sie nicht mehr dort lebten und das Grauen nicht mitbekamen, dass ihre Führer anrichteten. Dennoch hätte ich bei der Gegendemo sein sollen. Die es nicht gab. Die es damals nirgends gab.

Auch eine Art Demonstration war eine Solidaritätsveranstaltung für die Ukraine im März 2022. Mein etwas pathetisches Gedicht endete mit den optimistischen und hoffnungsfrohen Worten „Und der Funker sitzt im Bunker, wie der letzte verlorene Tropf. Statt Frieden gab‘s wieder nur eckigen Klunker. Er schiesst sich ein rundes Loch in den Kopf.“ Als ich im Oktober 2023 fragte, ob es denn auch eine ähnliche Solidaritätsveranstaltung für Israel geben könne, schaute man mich mit grossen fragenden Augen an. Als hätte ich etwa vollends Ungehörige gesagt. Gut, ich habe dann stattdessen in den sozialen Medien die Terroristenfreunde und sonstigen Antisemiten beschimpft und wurde dafür überall gesperrt.

Die Rechercheplattform Correctiv deckte im Januar 2024 ein konspiratives Treffen von Rechtsextremisten, AfD-Politikern und Unternehmern in Potsdam auf. Danach waren Millionen Menschen auf den Strassen. Sogar ich ausnahmsweise. Aber ich guckte genau hin, als arbeitete ich eine Checkliste der Mitdemonstrierenden ab. Da waren keine Müslimänner, da war vor allem kein Schal von Al Fatah, mein absolutes No Go. Sonst wäre ich sofort getürmt. Da stand die Mitte der Gesellschaft. Es gab ein paar doofe Plakate, aber sehr gute, reflektierte Reden, erstaunlicherweise vor allem von den Vertretern der Kirchen. Viele Freunde und Bekannte waren da, die sicher auch nicht auf jede Demo gehen. Vielleicht wird das doch noch was mit mir und dem Protest auf der Straße. Spätestens nach den kommenden Landtagswahlen werden auch alte Zauderer wie ich gebraucht. Aber vielleicht sitze ich auch dann wieder faul im warmen Stübchen und schreibe Pamphlete gegen rechts, die keiner liest – und über die ich dann mit den Betreibern dieses Blogs wunderbar streiten kann.

PS: An einer Demo gegen alkoholfreien Wein würde ich jederzeit teilnehmen. Egal, wer dort singt. Sogar Konstantin Wecker wäre erlaubt. Dass Hamas-Freunde mitdemonstrieren, ist eher unwahrscheinlich.

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Über Thomas Zimmer

Wollte mal Lehrer werden. Anglistik und Geschichte studiert, Journalist geworden. Erst Radio, dann Print. Alles, nur nicht Wirtschaft und Sport. Vorzugsweise Rock, Pop und Folk. Vier Semester Dozent für Pop- und Rockgeschichte an der Musikhochschule Karlsruhe. Biografie des BAP-Drummers Jürgen Zöller und ein Buch mit Konzertkritiken aus 20 Jahren. Interviews mit Rock-Größen wie Phil Collins, Ian Gillan, Beth Hart u.v.a. Interview-Podcast „Das Ohr hört mit“ - mit Musikern und anderen Kulturmenschen. Bei "Starke Meinungen" schreibe ich über alles, was mir gerade durch den Kopf rauscht. Zunehmend auch Politisches. Die Zeiten sind danach. Podcast hier: https://open.spotify.com/episode/18TWjOfWR07gezCpidAsKV Homepage: www.thomaszimmermusik.de

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