
Das ist Awad Darawshe. Bis vor wenigen Tagen wusste ich nicht, wer er war. Ich setze mich seit Jahren mit Israel, Antisemitismus und dem 7. Oktober auseinander. Ich habe unzählige Berichte dazu gelesen. Trotzdem war mir dieser junge Mann völlig unbekannt. Warum eigentlich? – Ein Gastbeitrag von Stefan Hensel
Awad war 23 Jahre alt. Er kam aus Iksal bei Nazareth. Er war israelischer Araber, Muslim und arbeitete als Sanitäter. Eigentlich wollte er Arzt werden. Seine Mutter erzählte später, dass sie ihn immer ihren „Sohn der Umarmungen“ nannte, weil er sie ständig in den Arm nahm. Ich weiß nicht warum, aber genau dieser Satz ist bei mir hängen geblieben. Vielleicht weil aus einem Namen plötzlich ein Mensch wird.
Am 7. Oktober hatte Awad Dienst auf dem Nova-Festival. Er war nicht dort, um zu feiern. Er war dort, um Menschen zu helfen. Als die Hamas ihren Terrorangriff begann und die Sanitäter den Befehl bekamen, das Gelände zu verlassen, hätte auch Awad sich in Sicherheit bringen können. Sein Vorgesetzter forderte ihn sogar dazu auf.

Doch Awad entschied sich, weiter Verletzte zu versorgen. Von ihm ist ein Satz überliefert: „Ich gehe nicht. Ich spreche Arabisch. Ich glaube, ich komme zurecht.“ Ob er wirklich dachte, dass ihn seine Sprache schützen würde, weiß niemand. Vielleicht hoffte er es. Vielleicht sah er einfach nur Menschen, die Hilfe brauchten. Wir werden das nie erfahren. Was wir wissen, ist, dass Awad bis zuletzt Verletzte behandelte. Dort wurde er von Hamas-Terroristen ermordet.
Ich frage mich, warum ich seine Geschichte nie gehört habe. Ein muslimischer israelischer Araber riskiert am 7. Oktober sein Leben, um überwiegend jüdischen Israelis zu helfen. Für Awad spielte das keine Rolle. Er sah Menschen, die Hilfe brauchten. Also half er. Ich finde, genau deshalb muss man seine Geschichte erzählen. Er hat bis zu seinem letzten Atemzug das getan, wofür er dort war: Menschen zu helfen.
Helden erkennt man nicht an ihrer Religion oder ihrer Herkunft. Helden erkennt man an dem, was sie tun. Awad Darawshe war einer dieser Helden. Möge seine Erinnerung ein Segen sein. Möge Allah ihm Barmherzigkeit schenken.
Stefan Hensel war bis Ende 2025 Hamburger Antisemitismusbeauftragter, der einzige jüdische in Deutschland. Er gab dieses Amt auf, weil er sich vom rot-grünen Senat und der Verwaltung nicht genügend unterstützt fühlte. Auch nachdem er selbst vor einem Jahr mit seiner kleinen Tochter von einem Islamisten angegriffen wurde.