Am 19. August ist Ian Gillan 81 Jahre alt geworden. Seine Band hat Anfang Juli ein neues Album mit dem Titel „Splat!“ veröffentlicht. Die laufende Welttournee umfasst nahezu 100 Konzerte. Gillan ist zwar „nur“ einer von vier Sängern, die der Band seit ihrer Gründung vor 58 Jahren vorstanden. Aber für Gläubige der Holy Church Of Deep Purple ist er der Sänger, kein anderer.
Interviews mit ihm (die ich leider immer nur am Telefon führte) waren für mich immer mehr als Frage-Antwort-Spielchen, sondern ein Quell höchster Weisheit und Vergnügens. Musik-Debatten, die man sonst nur im Freundeskreis bei gutem Wein führt.
Der Mann ist ein wandelndes Rock-Geschichtsbuch, ein sensibler, humorvoller Beobachter, ideenreicher Texter, und ein großer Philosoph. Unschlagbar seine Textzeile: „Sometimes I sit and think. And sometimes I just sit.“, die ich Wort für Wort unterschreibe. Zur Wahrheit gehört auch: Gillan ist politisch so so stockkonservativ, dass es quietscht und obendrein Brexit-Fan – aber da bin ich vollkommen schmerzlos. Denn: Er ist Ian Gillan. Lassen wir ihn selbst sprechen. Eine Compilation aus meinen Interviews der vergangenen 20 Jahre.
Die Anfänge in Pub-Bands, frühe 60er-Jahre
Ich habe nicht im entferntesten dran gedacht, eigene Musik zu schreiben. Ich hatte ja keine Ahnung, wie das geht. Obwohl….Naja, ich habe einen Song geschrieben, an den ich mich noch erinnere. Du musst erst dein Handwerk kernen. Es sei denn, du bist ein Genie. Ich musste damals ja erstmal richtig singen lernen.
Auftrittsorte in den Sixties mit der ersten Band The Javelins
Wir spielten im Wistowe House in Hayes, immer Donnerstagabend, jeder hat zehn Schilling gekriegt, also 50 Pence in heutigem Geld. Wenn es richtig rappelvoll war, waren da vielleicht 50, 60 Leute. Es gab keine Bühne, wir spielten auf dem Boden. Ich fand das damals total aufregend und wir haben uns eine ganz schöne Fanschar aufgebaut. Dann gab es Jugendclubs und die Pubs. Jeder Pub hatte einen Nebenraum, der vor allem für Hochzeiten oder Versammlungen benutzt wurde, aber auch der war sehr klein. Wir hatten ja nur sehr kleine Verstärker, zweimal 30 Watt, mit zwei 12 Zoll-Lautsprechern. Ich hatte eine PA gekauft, die reichte gerade so für diese kleinen Räume, in denen das Kondenswasser von den Wänden tropfte. Und jede Woche, wenn neue Songs herauskamen, besorgten wir uns die und spielten sie nach. Es ging ums Lernen, wie in der Schule. Mit dem Unterschied, das man jeden Moment genossen hat.
Die Inspiration für Songtexte
Ich mache mir ständig Notizen. Ich schreibe durchgehend interessante Sachen auf, ob die nun zu einem Song passen oder nicht. Ich notier Bilder im Kopf, Situationen, Menschen, Landschaften, Klänge, Gerüche, Beziehungen. Ich notiere Dinge, die charakteristisch sind für Menschen, etwa wie sie sich ausdrücken. Manchmal sind es Konversationen, manchmal Erzählungen, manchmal ist es auch etwas Abstraktes. Manchmal präsentiere ich es in den Songtexten dann, als sei es eine intime Unterhaltung. Bei anderen wiederum spreche ich mit mir selbst. Ego – Alter Ego, Ying und Yang. Jeder macht doch ständig solche Prozesse durch: Sollte ich dies oder jenes tun oder bleiben lassen? Ist das gut? Ist es gefährlich, wird es jemanden verletzten, wenn ich auf diesen Knopf drücke? Das hilft alles beim Schreiben eines Songs. Ich kann diese Fragen nicht wirklich beantworten, weil mir der Prozess nicht bewusst ist. Aber soviel: Hätte ich mich konventioneller Methoden bedient oder die üblichen Themen abgehandelt, wären mir die Ideen wohl schon vor 200 Jahren ausgegangen.
Die Faulheit als Songwriter
Kürzlich habe ich mich mit einer jungen deutschen Journalistin über Dolly Parton unterhalten. Sie fragte mich, wie viele Songs ich geschrieben hätte. Ich antwortete: Das letzte Mal, als meine Sekretärin vor 20 Jahren gezählt hat, waren es über 500, und ich dachte: Nicht schlecht. Und dann habe ich eine Dokumentation über Dolly Parton gesehen und sie sagte, sie hätte über 5000 Songs geschrieben. Dazu meinte die Journalistin: Aha, dann bist Du also ein fauler Sack. Ich habe natürlich zugestimmt und es sofort in meinem Notizbuch festgehalten, um was draus zu machen.
Die Arbeit an den Gesangsmelodien
Das passiert alles ohne Nachdenken. Ich singe einfach so, dass es am besten zu dem Backing Track passt, den ich höre. Diese Melodien sind am Anfang auch alle vollkommen ohne Text, ich singe einfach irgend einen Unsinn. ›Dada dadden dadi, da bibn dibab‹, so etwas in der Art. Alles nur, um die Phrasierung, die Betonungen, die Dynamik auszuprobieren. Dann entsteht eine Skizze einer Story, und erst dann schreibe ich den Text.
Wie schnell entsteht ein guter Song?
Aus irgendwelchen Gründen – vielleicht weil jeder fürchtet, dominant rüberzukommen oder weil alle immer auf Kompromisse aus waren – waren wir nie wirklich gut im Arrangieren. Schließlich ging es irgendwie gerade so, aber wir verbrachten Tage um Tage mit endlosen Debatten: Das hat dann machmal dazu geführt, dass wir das Interesse verloren. Aber für mich werden die besten Songs immer noch in 20 Minuten geschrieben.
Die Politik im UK
Ich habe die Schnauze so voll von der Politik in England. Aber ich bin sicher, anderswo ist es genau so. Diese irre Fixierung auf links und rechts in der Politik. Wenn deine Spüle tropft, dann diskutierst du doch nicht mit der Familie, ob ihr lieber einen kapitalistischen oder einen sozialistischen Klempner mit der Reparatur beauftragen wollt. Wir reden doch darüber, dass das Wasser steigt, dass wir es aufwischen und aus der Tür kippen sollten. Ich hasse dieses Links/rechts-Ding. Es ist so weltfremd. Nichts wird je angepackt. Das größte Problem in England ist derzeit doch das Nationale Gesundheitssystem, das wirklich ein brillantes Konzept ist, als Idee. Aber was passiert? Heute dreht sich alles im Kreis bei der Diskussion um die sozialistische oder kapitalistische Version. Es ist ein Kampf um die heilige Kuh. Ich will nicht links und rechts. Ich will rauf und runter, vorwärts oder rückwärts und noch ein bisschen seitwärts. Stattdessen werden wir erstickt von Bürokratie und Partisanen-Politik.
Politik in der Musik, in den Texten?
Ich habe einige stark ausgeprägte Meinungen zu politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Themen. Mich interessieren unheimlich viele Dinge. Aber wenn ich darüber schreiben will, denke ich oft: Min Gott, ist das langweilig, wenn ich anfange zu predigen und den Leuten meine Meinung aufs Auge drücke. Also finde ich es besser – um mal den Vergleich mit einem Maler zu bemühen: Mach‘ es impressionistisch. Benutze Sätze und Wendungen, die den Hörer ins Thema hineinziehen, und vielleicht entdecken sie ja selbst etwas für sich. Ich will den Leuten nicht vorschreiben, was sie zu tun haben. Dieses politische Zeug mit erhobener Faust war nie mein Ding. Ich nenne das, was ich mache hintergründig. Es gibt sogar drei Ebenen. Das macht beim Schreiben unheimlich viel Spaß. Und, ganz wichtig: Wenn du die Worte nicht verstehst, müssen sie trotzdem gut klingen.
Besetzungswechel in der Band
Die Chemie einer Band verändert sich, wenn ein Element ausgetauscht wird. Das ist wie bei einer chemischen Formel, wenn du einen Bestandteil veränderst. Eben noch war es eine Flüssigkeit, im nächsten Moment ist es ein Feststoff oder ein Kristall oder Gas. Es ist magisch, absolut. Wir alle leben von unsren Einflüssen, aber plötzlich werden sie gebündelt durch dieses neue Prisma, den neuen Banjo-Spieler.
Drogen?
Ich hab‘ ja vielleicht schon mal erzählt, dass ich meinen ersten Joint geraucht habe, als ich 38 Jahre alt war. Da hast Du wirklich nichts verpasst, das kann ich Dir versichern!
Zugabe: Produzent Bob Ezrin (der u.a auch The Wall von Pink Floyd produzierte) über Deep Purple
Ich glaube, was sie machen, kann man nur als englische Band machen. Ich glaube, man hätte keine Band, die so klingt, irgendwo anders zusammenstellen können. Und es musste in den 60er-Jahre passieren, es gab keine andere Zeit. 
Denke mal drüber nach: Als diese Gentlemen Teenager waren, konnten sie gar nichts anderes machen als Musik. Es gab kein Internet, keine sozialen Medien, sie hatten zwei Fernsehkanäle und dort gab es nur Dinge, die für sie langweilig oder bedeutungslos waren, dann gab es noch das Pub um die Ecke. Also blieb ihnen als Ventil für ihre Energie nur Sport oder Musik, oder eine andere künstlerische Betätigung. Sie haben alle ihre Teenager-Jahre damit verbracht, zu üben, zu üben, und wieder zu üben.Sie haben vier oder fünf Stunden lang jede Nacht in Bars gespielt, sie haben Songs nachgespielt, und so gelernt, was eine gute Komposition ausmacht. Wie ein Song klingt, welche Reaktion er vom Publikum bekommt. Und wenn sie ihre eigenen Songs spielten, konnten sie sehen, ob die den selben Applaus bekamen, wie die Covers – oder eben nicht. Wenn es nicht funktionierte, gingen sie nach Hause und arbeiteten daran, dass die eigenen Sachen besser wurden. Und dass sie genauso viel Applaus bekamen wie ein gecoverter Beatles-Song. Und dieser Prozess hat sie so gut werden lassen, wie sie heute sind.