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Vom Tanz auf dem Vulkan: Warum uns die Negativität lähmt

Die Tech-Giganten, aber auch klassische Medien fangen Menschen in einer ewigen Schleife von schlechten Nachrichten, Angst und Schrecken. Das hat gravierende gesellschaftliche Auswirkungen. Nötig wären mehr Realismus, mehr Gestaltungswille, mehr Optimismus. 

Als freiberuflicher Komponist und Pianist hatte ich es nicht immer leicht. Das Gefühl von Wut auf Bürokratie, Politik und Gesellschaft ist mir keineswegs fremd. Man wollte alles geben, rannte sich die Hacken ab – und wurde bürokratisch ausgebremst, zum Beispiel mit absurden Eiertänzen um das Thema „Scheinselbstständigkeit“.

Manches böse Erwachen gab es auch, wenn das Finanzamt nach einem endlich mal finanziell erfolgreichen Jahresabschluss plötzlich Vorauszahlungen und Nachzahlungen gleichzeitig einforderte – was schon weitaus größere Player in Schwierigkeiten gebracht hat. Setze ich meine in Freiberuflichkeit produzierten Aktenmeter in Relation zum tatsächlich erzielten Einkommen, wären hysterische Lachkrämpfe die einzig richtige Reaktion. Als Freiberufler weiß ich: Wir verwalten uns zu Tode.

Außerdem war ich jahrelang alleinerziehender Vater. Aus dieser Perspektive habe ich erlebt: Die Gesellschaft geht nicht gut mit der jungen Generation um. Das Wohlergehen von Kindern, aber auch die Lebensleistung von Eltern scheinen in dieser Gesellschaft nicht die Rolle zu spielen, die ihnen gebührt. Zukunft? Brauchen wir nicht, wir haben ja Formblätter.

Schon daher habe ich ein gewisses Verständnis, wenn Menschen Wut auf Politik oder Gesellschaft entwickeln. Wenn etwa Angehörige gepflegt werden müssen und Menschen damit allein gelassen werden – in einem der teuersten Gesundheitssysteme der Welt, das aber immer intransparenter und korrupter zu werden scheint. Wenn Freiberufler um ihre Existenz kämpfen oder wenn Bauherren im bürokratischen Morast ersticken. Besonders, wenn gleichzeitig die Nachrichten und Debatten beherrscht werden von Orchideen-Themen, die kaum mit dem praktischen Leben zu tun haben, dafür umso mehr mit wechselseitiger moraliner Erbauung.

Vom Sinnverlust zur Dauerempörung

Dabei können Menschen enorme Widerstände oder Durststrecken aushalten, wenn ein erkennbares Ziel dahintersteht. Früher gab es dazu Sinnsprüche wie „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, „Ohne Fleiß kein Preis“, „Wer ernten will, muss säen“. Solche Sätze verdeutlichen, dass man in der Regel wusste, wofür man sich abmüht. Doch wenn die großen, verbindenden Zukunftserzählungen von Aufstieg, Wachstum, Gemeinschaft oder Gestaltungskraft wegbrechen und durch permanente Krisenrhetorik ersetzt werden, verwandelt sich temporärer Frust oft in dauerhafte Bitterkeit.

Wobei sich zu den realen Sorgen längst ein kulturelles Phänomen gesellt: Die institutionalisierte Dauerempörung. Jeder, der sich über ein Thema aufregt, selbst wenn er nicht betroffen ist, wähnt sich moralisch im Recht. Der Wutbürger ist der neue Gutbürger. Niemand sagt mehr: „Reg dich erst mal ab.“ Obwohl das meist erheblich gesünder wäre.

Das Schlimme jedoch ist: Genau hier dockt eine Maschinerie an, die aus Erregung ihr Geschäftsmodell macht. Ich nenne dieses Geschäftsmodell „schwarze PR“.

Zum einen ist da die Aufmerksamkeitsökonomie der US-Tech-Giganten: Wut, Angst und Empörung halten die Leute am Bildschirm. Wer sich aufregt, klickt, scrollt und bleibt länger online. Die Algorithmen von Facebook, TikTok und Co. haben das Seelenleben der Benutzer seit ihrer Markteinführung analysiert und kartographiert. Gemessen werden nicht nur Wortwahl oder Inhalte, sondern auch Faktoren wie die Eingabe-Rhythmik, Geschwindigkeit und dergleichen. Und so wird alles, was „Aufreger“ sind, systematisch nach oben gespült. In der techno-szientistischen Denkwelt des Silicon Valley sind Menschen im Grunde nur Klick-Maschinen, die auf bestimmte Reize reagieren – und diese Reize sind eben besonders Angst, Ärger, Aufregung, in Maßen auch Sexuelles. Die Religion dieser Tech-Welt lautet (eingeführt in einer unglücklichen Stunde von Google): Was viele Klicks bringt, ist gut.

Seit ihrer Einführung vor etwa 15 Jahren wurden diese Algorithmen unvorstellbar verfeinert. Die Verwaltungs-KI von Meta weiß heute oft mehr Emotionales und Intimes über den einzelnen User, als er selbst über sich weiß.

Hier möchte ich anmerken, dass ich das seit etwa 3 Jahren öffentliche Konzept von Künstlicher Intelligenz in Form von Large Language Models für viel menschenfreundlicher und fortschrittlicher halte: Hier findet echte Kommunikation mit Hilfe von Prompts statt, der Nutzer muss also direkt aktiv werden. Das ist etwas grundlegend anderes, als im Meta-Affenkäfig lediglich als passive Klick-Maschine durchleuchtet zu werden und sich über Dinge aufzuregen. Ich habe hier bei Starke Meinungen schon einmal geschrieben, warum ich persönlich ausgesprochen „KI-optimistisch“ bin.

Permanent Angst & Schrecken

Zurück zur schwarzen PR: Man darf bei dem Thema nicht nur ins Silicon Valley schauen. Medienhäuser hierzulande – von Burda über Ippen bis hin zu den altbekannten Boulevard- und Online-Riesen – machen das Spiel längst mit. Ohne Pause werden reißerische Nachrichten, Angst und Schrecken verbreitet, um die Menschen an die Portale und „Newsticker“ zu locken. Vor 100 Jahren versuchten Zeitungsausrufer ihre Blätter zum Kauf anzupreisen, heute sind es sozusagen digitale Megafone mit eingebauter Schocktherapie. Jede lokale Missetat, jedes Extremwetter und jede noch so absurde Bedrohung wird mit apokalyptischen Klick-Überschriften versehen.

Der viel zitierte hybride Krieg Russlands gegen den Westen bedient sich in wesentlichen Teilen genau dieser Instrumente der schwarzen PR. Dazu gehören Drohgebärden, Verwirrspiele, Fake-Nachrichten, reale Anschläge, Manipulation. Putin hat diese Methoden nicht erfunden, er bedient sich ihrer nur. Aber die großen Medienhäuser im Westen spielen das Spiel mit, nicht weniger als die sozialen Netzwerke. Der hybride Krieg, den wir erleben, ist nichts anderes als eine Spielart von „schwarzer PR“.

Oft sind auch die Beiträge solcher Medienhäuser in Social Media falsch etikettiert. So wurden mir etwa bei Facebook immer wieder alarmistisch klingende Beiträge der Frankfurter Rundschau (online) eingeblendet. Es dauerte etwas, bis ich verstand, dass diese Beiträge nicht etwa von der mir wohlbekannten FR und ihrer Redaktion stammten, sondern dass tatsächlich die Eigentümerin Ippen Media dahintersteht, die damit vor allem eines erreichen wollen: Klicks.

Zur Illustration: Wenn etwa ein Militär oder Sicherheitsbeamter auf einer Tagung ausführt, dass ein Risiko darin liegt, dass Russland in diesem oder jenem Kontext die NATO angreifen könnte (genau darin besteht die Aufgabe eines solchen Experten), kommt davon möglicherweise eine kleine Meldung in die Nachrichtenagenturen. So ein Inhalt wird dann aber nicht nur einmalig aus dem einordnenden Kontext heraus berichtet: Ein und dieselbe Agenturmeldung wird zu einer Vielzahl von Berichten verhackstückt, als ob es immer wieder eine neue Meldung sei. Häufig werden drastische, verschärfende Überschriften darüber gesetzt („Experte sicher: Russland greift so und so an“), der tatsächliche, seriöse Kontext wird oft bewusst im Text nach hinten gedrängt oder ganz unterschlagen. Das Nachrichtendesign wird regelrecht in verschiedenen Versionen durchprobiert, um die erzeugten Ängste und Sorgen optimal in Klicks umzumünzen. Oft wird auch mit gefährlich klingenden, aber ungenauen Begriffen gearbeitet, wie etwa „Eskalation“. Niemand hat je definiert, was genau eine Eskalation auszeichnet, der Begriff wirkt vor allem beunruhigend bei wenig Informationsgehalt. Und genau deswegen wird er dauernd verwendet. Denn die „Bad Religion“ der Klicks ist entscheidend, nicht etwa Information oder Aufklärung.

Man fängt so viele Menschen in einer ungesunden Doom-Scrolling-Schleife ein. Verleger sagen scheinheilig: Man wolle ja nur den „Finger in die Wunde legen“ oder „die Bevölkerung warnen“. In Wahrheit ist die Verunsicherung das Geschäftsmodell – und auf diesem Geschäftsmodell surft Putin hybrid gleich mit. Dadurch wird die seelische Gesundheit nicht nur von Heranwachsenden, sondern der ganzen Gesellschaft gefährdet. Als Künstler habe ich recht feine Antennen der Wirklichkeitswahrnehmung und ich spüre es täglich – in der U-Bahn, beim Einkaufen. Auffallend viele Menschen wirken gereizt und mürrisch. Und immer wieder hörte ich von im Grunde vernünftigen Zeitgenossen total übertriebene, tiefschwarze Einschätzungen unserer Situation, alles geprägt von einer mir unbegreiflichen Negativität. Und der große Gewinner dieser ganzen Nebelwand aus schwarzer PR sind Parteien, die ihren Gehalt aus Ablehnung und Negativismus ziehen – wie die AfD.

Kassandra frisst die Zukunft

Wer den ganzen Tag mit einer Dauerdosis „Doom“ gefüttert wird, dessen Weltbild droht zu kippen. Es ist eigentlich egal, worum es geht: Am Ende scheint immer der Untergang zu stehen. Ob Klimakrise, Wirtschaftsabschwung, Weltkrieg oder auch wässrige Tomaten, miese Spermienqualität, marodierende Kriminalität, kaputte Brücken, gefährliche Impfungen, Atomtod oder Doomsday durch Super-KI – die Kassandren haben immer Hochkonjunktur. An diesem Alarmismus zerschellt jeder lebenspraktische Realismus. Dann geht es auch nicht mehr darum, endlich die quälenden Verwaltungsabläufe zu entschlacken, es geht nicht um neue Technologien, positive Pläne oder persönliche Fortentwicklungen. Es geht dann immer alles nur als trüb-deutscher Einheitsbrei „den Bach runter“.

Und das ist ein zutiefst hinderliches Mindset. Andere Wirtschaftsnationen, die nicht dem kollektiven Pessimismus verfallen sind, dürften über den deutschen Trübsinn gar nicht so unglücklich sein. Mit ultramodernen Elektrofahrzeugen versuchen chinesische Firmen gerade, den deutschen und europäischen Markt zu erobern. Und das scheint mir ein tatsächliches geopolitisches Statement zu sein.

Fest steht ohnehin: Das menschliche Dasein war immer schon ein Tanz auf dem Vulkan. Die Realität heute aber ist: Zwar gibt es schwere Probleme, aber vieles ist besser geworden. Die Medizin macht ermutigende Fortschritte, die Kindersterblichkeit und der weltweite Analphabetismus sinken seit Jahrzehnten, die Luft- und Wasserqualität in Deutschland ist weitaus besser als z. B. in meiner Kindheit. Es ist schlicht nicht wahr, dass alles immer schlechter wird. Und moderne Technologien – inklusive KI – geben uns Werkzeuge in die Hand, mit denen wir drängende Probleme besser anpacken können als je zuvor. Ein Grund für Optimismus!

Benötigt: Neuer Realismus, mehr Gestaltungswille

Was wir im Moment sehen: Negativität ist zu einem Geschäftsmodell der Aufmerksamkeitsökonomie und zu einem politischen Mobilisierungsinstrument geworden. Gleichzeitig versuchen Player von außen, unsere Sicht der Welt zu manipulieren, unsere Gesellschaft zu „zersetzen“. Und die radikalen Ränder der Gesellschaft leben davon, die reale Verunsicherung der Bürger nicht etwa zu lösen, sondern sie im Gegenteil zur totalen Verachtung unserer demokratischen Grundordnung aufzublasen. Die AfD zieht vor allem aus dieser Negativität ihren Nektar.

Wut ist als Alarmsignal verständlich – als politisches Programm aber ist sie blind, unkreativ und selbstzerstörerisch. Wer aus berechtigtem Frust Zerstörung wählt, baut damit keine einzige Schule, bezahlt keine Rente und entlastet keinen einzigen Pflegenden.

Es wird Zeit, dass wir uns von der Negativität befreien. Ein Schlüssel dazu scheint mir zu sein, dass die Gesellschaft endlich durchschaut, in welchem Maße wir von schwarzer PR manipuliert und bedrückt werden. Wer diese Manipulation durchschaut, entzieht ihr die Geschäftsgrundlage. Auch das wäre übrigens ein bedeutendes geopolitisches Statement. Wir werden Probleme endlich in der Realität statt in der algorithmierten Aufregung sehen und so viel besser lösen können. Ohne aus der Kurve getragen zu werden.

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Über Max Doehlemann

Max Doehlemann ist Komponist, Pianist und Projektanstifter. Als Solist und Komponist arbeitet er mit verschiedenen Orchestern zusammen; für sein Schaffen wurde er mit mehreren Kompositionspreisen ausgezeichnet. Er ist Mitgründer des Jüdischen Kulturschiffs MS Goldberg und arbeitete jahrelang an Bühnen wie dem Berliner Ensemble. Als stilistischer Grenzgänger zwischen Klassik, Jazz und auch interkulturellen Kooperationen sucht er in seinen Werken nach einem ‚NEOnarrativen‘ Ansatz, der das lebendige Erzählen wieder ins Zentrum der Kunst rückt.

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