Ein paar flüchtige (oder geflüchtete) Gedanken zu den Möglichkeiten und Resultaten des Demokratischen. Angefangen mit dem Status quo des Vaterlands (darf man das noch denken, sagen? Nebenbei: Volksparteien – ein Widerspruch in sich: Volk? Ist der Begriff nicht Anathema?):
Post Einheit 1990–2026: Der Osten ist blau. Der Westen schwarzrotgrün. Demokratisch ermittelbar.
1949 war der Westen, frei gewählt und von den Westalliierten verordnet, vornehmlich changierend schwarzrot plus gelbem Topping und braunen Restbeständen. Der Osten tiefrot, unfrei verordnet, aber deutschdemokratrepublikanisch vermarktet. Ebenfalls mit braunem verdeckten Unterton.
Weimar: das schillernde Farbenspiel endete mit oder in einem krrrräftigen Brrraun. Frei gewählt.
Zurück zum Gegenwärtigen:
Müsste nicht, der inhaltlichen Formallogik, sprich der ideologisch-gesinnungshaften wegen, der Osten post 1990 folglich weiter tiefrot und demnach die (herrlich grotesk-fürimmersonnescheinende-stalinaffine) MLPD Umfrage- oder Wahlsieger sein?
Was sagt das über unsere Landsleute im Osten aus? Einst (wie der Westen) tiefbraun, dann tiefrot, nun, weiß nicht, irgendwieblau? Wie ist demnach das Phänomen AfD zu erklären? Ist die rechte eigentlich eine linke Partei? Ad nauseaum »Hufeisen« und so (siehe meinen Beitrag zum Hufeisen und Musik)?
Tante und Onkel
Sofern ich akademisch-soziologisch fundierten Umfragen Glauben schenken darf, sitzt nicht gerade wenig Wahlvolk von der alten Tante SPD just beim neuen Onkel AfD zu Tische. Ein Kurzblick gen Brandenburg: Lars Hünich, AfD, vormals Linke. Ei der Daus.
Und tief im Westöööhöhen? 1969 schaffte es die NPD beinahe in den Bundestag mit AvT (fast AfD) als Vorsitzenden. Ach ja, 2017 wurde die NPD im zweiten Anlauf (wir erinnern uns, weshalb der erste kläglich scheiterte) nicht verboten. Das ist m.E. sogar richtig, weil: Meinungsfreiheit. Auch für Nazis. Siehe meinen Beitrag »Über Unter-Haltung…«.
CDU rules the Waves
Zudem war das Haupt-nicht-Verbot-Argument des BVerfG nach meiner Auffassung ein sehr schwaches: Verfassungsbekämpfung, ja, allerdings zu wenig Mitglieder = zu wenig Einfluss. Da musste ich doch schlucken. Ab wann denn zu viel Einfluss? 2017 circa 5.000 mitgliedsbeitragzahlende Nazis. Müssten es 5.088 sein? 10.000? 100.000? Seltsam.
Ansonsten im Westen plus Wiedervereintes-D 53 Jahre CDU-Herrschaft. Vom Adenauer und der Stahlhelmfraktion-Generation über Einheits-Kohl zur Ex-FDJ-Merkel und Rechtsanwalt-Merz (das einzige, was an ihm rechts ist). Brutalstmöglich vereinfacht gesagt: von rechts nach links. Deshalb: alles, was nun richtig scheiße läuft, hat im Wesentlichen – sofern es um Politik geht, nicht »alles ist politisch« – die CDU zu verantworten. Die SPD auch ein wenig. Gratulationen.
Ich kann nichts dafür. Wer sich hier nun echauffiert, sollte der CDU eine E-Mail schreiben. Oder der SPD.
Nullsumme
In nuce: Ich vermute, wir Deutschen sind in übersignifikanter Mehrheit Sozialisten. Oder abgeschwächt: ein lupenrein sozialdemokratischer Demos.
Siehe oben: Viele, viele Jahrzehnte sozialdemokratische Politik, wenn auch im mehrheitlich christdemokratischen Gewand. Ob von kaltschnäuzig-eliminatorisch-antisemtisch-national bis hin zur Kita auf dem Kasernenhof plus jener feministischen Außenpolitik des gründeutschen »Bacon of Hope« to go für Restwelt:
Alles muss irgendwie sozial sein. Aufscheint sympathisch. Wer würde da widersprechen – können. Wollen. Dürfen? Es ist das uralte Nullsummenspiel: Du bist reich, weil der andere arm – und umgekehrt.
»Oulanem« (googeln Sie dies bitte, danke)
Ein Diktaturschwärmer (oder auch »Charaktermülleimer«, H. Danisch) aus Trier kondensierte dereinst zu prä-postmodern-demokratischen Zeiten das Deutsche Wesen in schriftlicher Form. Einmal als weltbekanntes Manifest-Essay. Ausführlicher in jenen drei blauen Bänden.
Mit und in denen schmiss Kalle als Agent der Destruktion seine Nonsens-Maschine an, um mit ihr »massenweise undurchdringbare Sätze zu produzieren, aus denen nur hervorging, dass ihre Zielscheibe der ‚Kapitalismus‘ war, dann schien es so, als habe das Nichts endlich seine Sprache gefunden. Nun endlich würde die bourgeoise Ordnung verdampft werden, und die Menschheit würde siegreich den Marsch ins Nichts antreten« (Scruton).
Exportweltmeister
Marx’ Attraktion scheint ungebrochen, blickt man vor die eigene Haustüre sowie in die ganze Welt. Denke ich daran, muss ich brechen. Sloterdijk bringt dessen stete Landsleutekritik, zuverlässig wie immer, auf folgendes Bonmot:
»Deutschland ist, als Heimat von Karl Marx, die grösste Exportnation für Irrtümer, die die Welt bewegten.«
Die MLPD ist nicht verboten. Das ist schon ein wenig verrückt, siehe hier: https://mlpd.de/statut/praeambel. Nun denn. Würden die Stalinist*innen »durch die Decke gehen« wie die AfD, wäre meine Reaktion identisch:
Hey, siehe oben, that’s democracy. Oder democrazy?