
Wenn wir eine Siedlungsgeschichte schreiben wollen, dann können wir Suggestionen zu „Ureinwohnern“ und „Zugezogenen“ schon mit dem Zeitpunkt des „Beginns“ erwirken.
Wer der „Eingeborene“ und wer der „Kolonist“ ist, das erscheint ja manchen ausschlaggebend dafür, wem das Land nun heute gehöre und was es sei.
Aber mit irgendeinem Zeitpunkt müssen wir ja beginnen. Wir beginnen nicht 335 n. Chr., als die Germanen zwischen Weichsel und Rhein zur „Völkerwanderung“ aufbrachen, wir beginnen 700 n.Chr. .

Auf der Karte oben (aus Wikipedia) …
.. habe ich Ihnen mit rot die heutigen Grenzen Sachsen-Anhalts nachgezeichnet. Links die dunkelrote Fläche ist um 700 n.Chr. noch immer von Germanen besiedelt. Von Sachsen ist sie besiedelt, also von heutigen Niedersachsen vor allem, die ihrem Herzog den Eid geschworen hatten. Sie wurden von Karl „dem Großen“ bis 804 n. Chr. unterworfen und getauft und er bescherte ihnen das Bistum Halberstadt im heutigen Sachsen-Anhalt.
„Vor allem“ (Nieder-) Sachsen schreibe ich, weil „ganz unten“ im heutigen Sachsen-Anhalt noch immer der Stamm der germanischen Thüringer lebte. Aber die hatten schon ab 531 n. Chr. keinen Herzog oder König oder so etwas mehr, weil der Sachsen-Herzog Hathagat den gemeinsam mit dem fränkischen König Teuderich = Thierry I. bezwungen hatte.
Des Sachsen-Herzogs, des Hathegats Sprache wiederum dürfte mehr mit dem Altenglischen zu tun gehabt haben, welches die (Angel-)Sachsen in den zeitgleichen „sieben Königreichen“ sprachen, also in Wessex (= „Westsachsen“), Sussex (= „Südsachsen“) und Essex (= „Ostsachsen“) und so.
Hathegats Sprache dürfte also eher damit zu tun gehabt haben als mit irgendetwas, was wir heute als „deutsch“ bezeichnen.
Der König der Thüringer wiederum war bis zur Unterwerfung seines Reiches einmal sehr mächtig gewesen und fast die ganze hellrote Fläche auf der ersten Karte oben, also die ganze „östliche Hälfte“ des heutigen Sachsen-Anhalts war einmal sein Reich gewesen.

Karte oben: Das Reich der Thüringer vor seiner Eroberung 531 n.Chr. (Aus Wikipedia).
Landesgrenzen?
Die gab es nicht im Frühmittelalter. Die Herrschaft bestand in einer Dienstpflicht gegenüber dem germanischen Herzog oder (Klein-)König und wanderte dahin, wohin sie wanderte. Wenn es sein musste, auch mit dem Schiff nach London.
Grenzen, also „Marken“ mit „Markgrafen“ gab es erst im Hochmittelalter, also ab dem 11. Jahrhundert.
Jedenfalls war die heutige östliche Hälfte Sachsen-Anhalts nach dem Zerfall (Alt-)Thüringens im 6. Jahrhundert Wald und Wiese und aus dem Osten kamen Slawen und bauten darin ihre Dörfer.
500.000 bis 550.000 seien es ab dem 8. Jhd. n. Chr. zwischen Elbe und Oder gewesen, schätzt die Geschichtswissenschaft. Sagen wir mal, auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts etwa 80.000 bis 100.000 Menschen. Ab da vermehrte sich die Zahl derer NICHT wesentlich, die dort eine slawische Kultur trugen. Die Germanisierung begann. Elb- und Saaleslawisch war im 16. Jahrhundert n.Chr. ausgestorben, die Germanisierung abgeschlossen.
Übrigens:
Das Grüne links in der ersten Karte oben ist der Harz. Da lebten bis etwa 1400 n.Chr. weder Sachsen noch Thüringer, geschweige denn Slawen, sondern Bären und Wölfe. Und gewiß gab es in den 700 Jahren davor auch in weiteren Teilen des heutigen Sachsen-Anhalt Gegenden, in denen sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagten.