
In Berlin schicken sich Grüne und SPD an, unter der antisemitischen Linken eine für die Stadt ruinöse Regierung zu bilden. Viel schlimmer scheint aber zu sein, dass Jens Spahn eine Sitzung des Haushaltsausschusses schwänzte, um mit seinem kleinen Sohn ein paar Tage Urlaub zu machen. Und dass Philipp Amthor konservative Anzüge trägt, ein geräumiges Büro im Kanzleramt hat und sich – horribile dictu – einen Strandkorb auf den Balkon stellte. Auf den Scheiterhaufen!
Moral kann für die persönliche Lebensgestaltung ein guter Leitfaden sein, eine ethisch fundierte Grundhaltung für die Gestaltung von Politik. Für die Beurteilung von Politikern taugt Moral wenig. Denn jeder hat von ihr eine andere Vorstellung. Der moralingetränkte Furor, der jetzt wieder einmal über die beiden jüngeren konservativen CDU-Politiker hereinbrach und Spahn auch aus seinem Ersatzamt fegte, sagt daher mehr über die Empörten aus als über deren angeblichen Verfehlungen.
Als der „Spiegel“ am Donnerstag per Eilmeldung berichtete, dass Spahn nach Kritik auch von Partei“freunden“ im Haushaltsauschuss auf seinen gerade erst errungenen Sitz dort verzichtet – wahrlich eine Weltsensation – habe ich mir spontan erlaubt, diesem Furor auf Facebook entgegen zu treten. Was mir daraufhin an Kommentaren entgegen geschleudert wurde, ist sicherlich nur ein müder Abklatsch dessen, was ihm erneut deut. Aber sehr erhellend.
Denn gerade Leute, die sich für Linke oder Linksliberale halten, argumentieren (wenn man es so nennen will) gegen ihn mit einer konservativ-spießigen bis populistischen Haltung, die sie sonst bevorzugt Gegnern rechtsaußen vorhalten. Ein schwuler Politiker, der sich damit entschuldigt, dass sein Sohn krank sei und dann von Paparazzi dabei erwischt wird, wie er mit ihm in den Kurzurlaub fliegt: Geht gar nicht! Arbeitsverweigerung! Er muss sofort sein Mandat niederlegen! Und die Sache mit den Masken! Natürlich auch: Damit versaut er noch mehr den Ruf der Politiker.
Gnadenlos im Kleinen – großzügig im Großen
Sicherlich war es von Spahn nicht geschickt, nachdem er gerade erst als Fraktionschef hatte zurecht zurücktreten müssen, weil er gegen das von ihm selbst hochgehaltene Verbot der Kaufelternschaft verstoßen hatte. Er hätte deshalb besonders vorsichtig sei müssen. Aber muss man gegen jemand, der schon am Boden liegt, noch nachtreten? Er war wohl eher eine willkommene Gelegenheit, einen Konservativen als „Volksfeind“ zu entlarven, um sich selbst moralisch zu erhöhen.
Wer in der Politik und auch sonst hält sich immer an hehre Grundsätze? Welche Mutter oder welcher Vater hat nicht schon mal geschummelt, um sich ein paar Tage frei zu nehmen für ein Kind und/oder sich selbst? Oder ein Kind in der Schule mit angeblicher Krankheit entschuldigt? Wollen wir eine Politik, die im Kleinen moralisch superstreng und gnadenlos ist, aber im Großen über eine menschenfeindliche Haltung, wie sie die Intifada-Linke in Berlin verkörperte, nonchalant hinweg sieht, weil es angeblich einem höheren sozialen Zweck dient?
Viel angebrachter und menschenfreundlicher wäre es umgekehrt: klare Kante gegen Judenhasser, Fremden- und Demokratiefeinde, gegen Putin-Trolle und Enteignungsfans, aber Nachsicht gegenüber Politikern, die privat (ver)fehlen. Ihre persönliche Lebensführung geht die Öffentlichkeit nichts an, solange sie sie nicht selbst öffentlich machen.
Anzug und Strankorb
In die gleiche Kategorie gehört die Entrüstung über Amthors Home&Office-Story. Dass er sich kleidet wie ein konservativer Jungspund aus vergangenen Zeiten, könnte man auch als stylisch betrachten. Genauso seinen Hang als Nordostdeutscher zu einem Strandmöbel. Who cares? Viel wichtiger ist, dass er sich der AfD entschieden entgegenstellt, womit er wahrscheinlich bei konservativen, von den Blaubraunen verführten Bürgern viel mehr bewirkt als all die linken Brandmauer-Schreihälse. Und dass er die äußerst undankbare Aufgabe übernommen hat, den einst von Angela Merkel verwalteten mecklenburg-vorpommerschen CDU-Landesverband wieder aufzurichten und zurück in den Landtag zu führen. Ein Dienst an der gefährdeten Demokratie.
Dafür sollte man ihm danken statt ihn wegen seines Stils zu verdammen. Immerhin läuft er nicht mit Pali-Lappen durch die Gegend wie Linken-Anhänger – Ausweis von Terrorunterstützung. Man könnte auch schlicht gut-konservativ sagen: Jede und jeder kehre von seiner/ihrer Tür. Damit wäre schon sehr geholfen.