Fangen wir von hinten an. Personenkult als Teil des Konzepts ideologischer Machtausübung existiert und existierte in vielen Spielarten, in allen politischen Systemen und Religionen. Von der Königs- und Kaiserhuldigung, wie sie Heinrich Mann in „Der Untertan“ so bissig dekonstruierte, über die Wucherungen dieses Kults unter Hitler im Nationalsozialismus, unter Stalin, Mao und die Familie Kim in Nordkorea im Kommunismus, über die totalitären Regime von „Papa Doc“ in Haiti, Mobutu in Zaire und Idi Amin in Uganda, bis hin zu den fanatischen Verehrungen amerikanischer Präsidenten und zahlreichen Sektenführerfiguren. Ironischerweise haben Marx und Engels diesen Begriff in scharfer Abgrenzung zur deutschen Sozialdemokratie und dessen Begründer Lasalle geprägt.
Das mythische Element
Der historische Materialismus von Marx und Engels geht davon aus, dass einer Person niemals soviel Bedeutung eingeräumt werden könnte wie einem gesamtgesellschaftlichen, revolutionären Prozess, der durch eine Klasse und die antagonistischen Widersprüche vorangetrieben wird. Später widersprach Liebknecht vehement der Zuschreibung, wie überhaupt der Widerspruch gegen dieses Label zuverlässig zum Komplex dazugehört. Marx referiert im Prolog seines ideologischen Hauptwerks „Die deutsche Ideologie – Thesen über Feuerbach“ dass Ludwig Feuerbach das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auflösen (müsste). Das menschliche Wesen sei aber kein dem einzelnen Individuum in(ne)wohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es, das menschliche Wesen, ein Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, mithin also deren Ergebnis und deren Ursprung.
Personenkult zeichnet sich laut Löhrmann durch Überhöhung einer Einzelperson aus. Die Ziele einer Bewegung oder einer Ideologiue werden durch die Glorifizierung einer Persönlichkeit personalisiert. Die Einzelperson bringt angeblich Leistungen und Ideen hervor, zu denen kein anderer fähig ist. Die Person wird zum Genie erklärt, oder sie lässt sich dazu erklären, und wird als allwissend mythisiert. Widerspruch, Kritik oder Einordnung werden tabuisiert, denn sie versuchen Dellen in den Mythos zu schlagen.
Dem Mythisieren einer Person als unwiderlegbare Erzählung begegnet man allerdings seit einigen Jahren auch in der deutschen Politik, von Kohl („Blühende Landschaften“), über Merkel („Wir schaffen das“) bis hin zu Habeck („Wir müssen viel radikaler werden“) und Annalena Baerbock („feministische Außenpolitik“). Allen diesen Erscheinungen ist gemeinsam, dass der aufgebaute Popanz eine relativ kurze Halbwertzeit hat und die Realität die Dellen verursacht, durch die der Mythos stürzt.
Talk, Talk, Talk
Man mag Talkshows im deutschen Fernsehen interessant oder langweilig finden, eines sind sie aber ganz bestimmt: bitter lustig. Wenn beispielsweise ein Ministerpräsident Zensur fordert und hinterher behauptet, er hätte als Privatmann lediglich seine Meinung kundgetan. Oder wenn eine Rechtswissenschaftlerin mit Professur an der Uni Potsdam bis zum Überdruss wiederholt, sie sei ja „nur“ Wissenschaftlerin.
Eine herausragende Stellung unter den Talkshows nimmt allerdings Caren Miosgas Sendung ein, denn sie hat das mythische Element des Personenkults auf ein neues Niveau gehoben, ganz egal, wen sie als Alleinsegler, oder Alleinseglerin, zu Gast hat. Bei der ersten Sendung 2024, als Robert Habeck sich als dieser Alleinsegler der Journalistin stellte, glich das Gespräch, oder besser gesagt: die Huldigung, einem Date vor laufenden Kameras zwischen einer Pubertierenden und ihrem Idol, dessen Starschnitt zu Hause über dem Bett hängt. Man war mehr als peinlich berührt. Das Motto dieses ersten Auftritts bei der ARD-Journalistin „Wie grün wird die Zukunft, Herr Habeck?“ wurde bei der zweiten Runde durch „Zerbricht die politische Ordnung, Herr Habeck?“ abgelöst. Beide Suggestionen boten dem Ex-Vizekanzler der Grünen die ganz große Plattform einer Personenkultbühne, deren Verschriftlichung vielleicht mal unter dem Titel „Worte des Ex-Vorsitzenden“ ins kollektive Gedächtnis Einzug halten könnten.
Während man bei der Sendung vor zwei Jahren ob der Attitüde Miosgas über die dargebotene Peinlichkeit amüsiert sein konnte, wurde es am 27.09. 26 bittermandelbitter, als die Sprache auf den sogenannten Nahostkonflikt kam.
Was erlauben Jude wieder?
Habeck schwurbelte sich um den gesunden Menschenverstand und fasste seine verschwörungstheoretische Erkenntnis in dem Statement zusammen: „Man denkt, weil die Juden nach dem Zweiten Weltkrieg und all den Pogromen danach Opfer waren, ist der Staat Israel ein friedfertiger. Und das ist er nicht.“
Lassen wir das einen Moment einsinken. Bringt man nur ausreichend viele Juden um, sollte sich ein erzieherischer Effekt einstellen, der die Juden für alle Zeiten zu Lämmern macht, die sich immer wieder zur Schlachtbank führen lassen. Plausibel ist das nur für einfache Gemüter, bei denen Populismus auf fruchtbaren Boden fällt. Und dieser Populismus befeuert die Verschwörungstheorie einer „jüdischen Weltverschwörung“, wie sie in den „Protokollen der Weisen von Zion“ ausgebreitet wird. Der Jude ist aber auch starrsinnig. Er wehrt sich plötzlich gegen die Vernichtungsbestrebungen.
Israel, so führte Habeck weiter aus, ist „ein wehrhafter, kämpferischer und in dem Sinne auch aggressiver Staat nach außen – ist er immer gewesen.“ Dieser Logik nach wäre auch die Ukrainer ein aggressiver Staat nach außen, weil er sich gegen den russischen Angriffaskrieg zu Wehr setzt. Schlagen Sie ein Geschichtsbuch auf, Genosse Habeck, möchte man ausrufen, oder graben Sie mal ein bisschen bei YouTube, falls es zum Geschichtsbuch nicht reicht. Jeder Krieg, den Israel seit 1949 führen musste, wurde seinen Nachbarstaaten begonnen. Ausgestreckte Hände vom Friedensvertrag mit Ägypten, über Camp David, bis hin zum Oslovertrag und der vollständigen Räumung Gazas 2005 wurde mit Raketenterror und Selbstmordattentaten beantwortet. Habeck, traurig das konstatieren zu müssen, lügt hier, aber vielleicht ist das auch nur seine Meinung als Privatmann und Künstler. Schlimm genug, allerdings ist er dann einfach nur ungebildet. Falls Habeck die vordringlichste Aufgabe des (demokratischen) Staates, wie Hobbes, Rousseau und Locke sie als Gesellschaftsvertrag formulieren, nicht bekannt ist, nämlich der Schutz der Bürger gegen innere und äußere Feinde, darf man ein intensives Selbststudium empfehlen.
Caren Miosga hat, und hier schließt sich der Kreis zum Personenkult, diesen entsetzlichen, populistischen Dummfug unhinterfragt stehen lassen. Denn Nachfrage, Kritik und Einordnung hätte oben genannte Dellen im Mythos erzeugt. https://starke-meinungen.de/2025/01/06/robert-habeck-die-renaissance-des-personenkults
Wäre Frau Miosga tatsächlich Journalistin und kein Groupie, hätte genau das geschehen müssen. Welche Reaktion auf den 7.Oktober wäre, so könnte es zumindest naheliegend gewesen zu fragen, hätte der Staat Israel nach 78 Jahren Terror und Bedrohung angemessen aus Habecks Sicht gewesen?
Daniel Anderson: Berufsausbildung zum Bootsbauer. Regiestudium an HFF „Konrad Wolf“ in Babelsberg. Berufsverbot als Filmregisseur in der DDR. Oberspielleiter, Autor und Schauspieler am Theater Senftenberg. Nach dem Mauerfall freier Regisseur, Autor (TV-Serie, Theater, Synchron), Schriftsteller und Musiker. Studium Vergleichende Religionswissenschaften in Bonn. Gründer und Leiter der „Theaterbrigade Berlin.“ Andersons Bücher sind im Spiegelbergverlag erschienen. Anderson lebt in Berlin und immer mal wieder in Tel Aviv.
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