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Sarajevo und seine Juden

Isak Samokovlija (1889-1955), jüdischer Arzt der Armen und Schriftsteller

Ein literarischer Nachruf auf die vernichtete Welt der sephardischen Juden in Bosnien, wo heute der Antisemitismus wieder wie überall grassiert.

Mit tiefer Empörung blicke ich auf diejenigen, die heute in der bosnischen Hauptstadt den Monstergeist des Holocausts erneut kursieren lassen. Sephardische Juden ließen sich nach ihrer Vertreibung aus Spanien, an der Wende zum 16. Jahrhundert, auf dem Balkan nieder, als und weil dort damals in weiten Teilen die Osmanen regierten. Der Sultan erlaubte ihnen eine Niederlassung, weil die spanischen Juden für ihre Handfertigkeit und Bildung bekannt waren.

Die Familie von Isak Samokovlija lebte lange Zeit in der bulgarischen Stadt Samokova. Als die K.u.k-Monarchie im 19. Jahrhundert dem Osmanischen Reich die Region Bosnien wegnahm, kamen zwei Brüder mit dem Nachnamen Baruh nach Goražde in Ostbosnien. Der mündlichen Überlieferung nach wurden diese zwei Ankömmlinge von den Einheimischen Samokovlijen genannt, nach der Stadt, aus der sie kamen. Der ältere der beiden Brüder nahm diesen Nachnamen offiziell an, der andere blieb Baruh. Der ersterwähnte Bruder, Samokovlija, gründete eine Familie in Goražde, in der unser – hier näher beleuchteter – Isak 1889 das Licht der Welt erblickte.

Als Isak acht Jahre alt war, wanderte er zu seinen Großeltern mütterlicherseits nach Sarajevo, wo er bessere Ausbildungsmöglichkeiten hatte. Er war ein guter Schüler und schaffte es, am einzigen Gymnasium der Stadt (nur für Jungens erlaubt) das Abitur zu erreichen.

Es ist bekannt, dass die bosnischen Juden damals unter sich in der Sprache ihrer Vorfahren aus Spanien, Ladino, redeten und schrieben, aber keine nicht-religiösen Schulen in dieser Sprache hatten. Samokovlijas Schulunterricht erfolgte auf Bosnisch (Serbo-Kroatisch). Noch als Gymnasiast begann Isak in dieser Sprache Gedichte und kurze Prosatexte über jüdische Themen zu verfassen und in der bosnischen Zeitschrift „Jüdisches Leben“ zu veröffentlichen.

Eine jüdische Organisation namens „Benevolentia“, nahm Isaks Talent und seinen Willen, weiterzulernen, wahr und unterstützte sein Medizinstudium in Wien; in Sarajevo gab es in dieser Zeit nicht eine einzige Hochschule.

Samokovlija schloss das Medizinstudium in Wien ab, heiratete 1917 Hedda Brunner, zog mit ihr nach Bosnien zurück. Die Ehefrau schenkte drei Kindern das Leben: den Töchtern Rikica und Mirjana und dem Sohn Miša.

Tagsüber war er Arzt, nachts Schriftsteller

Isak S. arbeitete als Arzt zuerst in seinem Geburtsort Goražde, dann in Fojnica, einem Ort in der Nähe von Sarajevo, wo vor allem bosnische Katholiken lebten. Danach praktizierte er im Militärhospital Sarajevo. Neben der Arbeit im Krankenhaus, öffnete er eine kleine Praxis in seinem Wohnhaus, wo er an einem Tag in der Woche arme Menschen behandelte, die sich sonst keine ärztliche Behandlung leisten konnten. Von Tochter Mirjana ist ein Bericht über die Arbeit ihres Vaters überkommen: Tagsüber war er Arzt, nachts Schriftsteller. Sein Schreibtisch war auch nachts von einer Lampe beleuchtet; seine Frau Hedda stellte frische Blumen auf den Tisch, an dem Isak im weißen Arztkittel saß und schrieb: Erzählungen und Dramen aus dem Leben jüdischer Menschen im Land.

Als Arzt besuchte Samokovlija kranke jüdische Menschen, wohnte ihren Festen und Bräuchen bei, hörte zu, wenn sie ihm von ihrer täglichen Mühsal erzählten, mit der sie ihre meist kinderreichen Familien über Wasser hielten. Ihre Storys ließ er in seine Prosa und Dramen einfließen. In den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schrieb Isak Erzählungen mit dem Titel: Der Jude, der am Sabbat nicht betet, Von Frühling zu Frühling, Recht auf Freude im Leben, Rafins Vorhof … dann mehrere Theaterstücke: Die blonde Jüdin, Hanka, Kadish.

Im Jahr 1941 wurde Bosnien vom „Unabhängigen Kroatischen Staat“ besetzt, von einer Regierung, die mit den faschistischen Staaten Deutschland und Italien verbündet war. Zahlreiche jüdische Menschen wurden in Vraca nahe Sarajevo, ermordet. Viele Verfolgte wurden auch bis nach Deutschland deportiert und dort in den Konzentrationslagern vernichtet.

Isak Samokovlija blieb vor diesem Schicksal verschont, wahrscheinlich, weil er als Arzt für die neuen Herrscher wichtig war. In den engen Gassen Sarajevos und im Flüchtlingslager in der Nähe der Stadt, Alpašino polje, brach eine Typhusepidemie aus. Andere Ärzte vermieden eine Behandlung dieser schwer kranken Menschen; Samokovlija tat dies nicht. Er tat auch viel, um muslimische Flüchtlinge aus Ostbosnien zu retten. Er rettete Leben, während er selbst den gelben Stern der verfolgten Juden tragen musste.

Gegen Ende der Verfolgungszeit 1945 versteckten ihn Freunde in Sarajevo. Und so überlebte er die Besatzungszeit.

Das Gift des Faschismus ist zurück

Samokovlija hat über jene Jahre keine biographischen Angaben hinterlassen. Nach dieser Zeit des Grauens waren jüdische Gemeinden in Bosnien weitgehend ausgelöscht, jenes „Milieu“, das Samokovlija einst so genau wie liebevoll literarisch dargestellt hatte, existierte nicht mehr. Gesundheitlich angeschlagen hielt sich Isak Samokovlija von den politischen Auseinandersetzungen im jungen, sozialistischen Jugoslawien fern. Er blieb aber der Literatur und seiner Stadt Sarajevo treu. Nach und nach wurden seine früheren Werke publiziert – gewissermaßen ein Requiem für die vernichtete Welt der sephardischen Juden Bosniens.

Seine Gesundheit verschlechterte sich, die Nieren versagten, Samokovlija starb zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und wurde auf dem jüdischen Friedhof der Stadt beerdigt (Jevrejsko groblje). Der Grabstein mit seinem Namen ist noch erhalten.

Seit dem 7. Oktober 2023 ist das Gift des Faschismus in Samokovlijas Stadt Sarajevo zurückgekehrt. Niemand will sich mehr an den Juden Isak Samokovlija erinnern, der – obwohl er selbst den gelben Stern tragen musste – so viele Leben der Vorfahren der heutigen Israelhasser rettete. Das Haus in dem Stadtteil Bjelave, in dem Samakovlija lebte, praktizierte und schrieb, verfällt.

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Über Safeta Obhodjas

Die aus Bosnien stammende Schriftstellerin und frühere Journalistin Safeta Obhodjas lebt seit 1992 in Deutschland. Sie hat mehrere Bücher, Theaterstücke und Essays auf Deutsch und Bosnisch geschrieben und engagiert sich als liberale Muslimin für die Befreiung muslimischer Frauen aus der Unterdrückung durch den konservativen, fundamentalistischen Islam.

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