Als ich in den frühen 90ern Komposition und Klavier an der Münchner Musikhochschule studierte, war Künstliche Intelligenz Science-Fiction – das Höchste der Gefühle war es für mich, mit meinem Atari Noten auszudrucken. Ich stand am Anfang meines Weges, und dass ich später, neben meiner Musiker-Karriere, langjährig als Sachverständiger im musikalischen Urheberrecht arbeiten würde, ahnte ich noch nicht. Dass ich wiederum aus diesen Zusammenhängen Erkenntnisse gewinnen würde, die mir heute bei der Einordnung von KI helfen – Phantasterei.
An der Musikhochschule zählte das Handwerkliche und Praktische. Wissenschaftliche Textproduktion oder akademische Methodik spielten kaum eine Rolle, ich hätte für das Studium nicht einmal ein Abitur gebraucht (dafür gab es Aufnahmeprüfungen). Das Schreiben von Texten, methodische Strenge und sauberes Argumentieren standen nicht auf dem Lehrplan. Das habe ich mir erarbeitet, als ich meine ersten Gutachten schrieb.
Die Sachverständigen-Tätigkeit bot mir über Jahre hinweg ein willkommenes Zubrot. Auch in den Medien war ich als Urheberrechts-Gutachter einige Male zu Gast. Erst jetzt, im Nachhinein, ist mir aber klar geworden, wie sehr mich ein bestimmter Gedankengang aus dem Bereich geprägt hat. Als Musiker, der sich früh als Klassiker mit Crossover-Tendenzen entpuppt hat, war ich es gewohnt, in „verbindenden“ Strukturen zu denken. Doch in den rechtlichen Auseinandersetzungen schlug mir regelmäßig eine ganz andere Tonlage entgegen: die Methode der Atomisierung.
Die Atomisierung der Kunst: Ein juristischer Trick
In Plagiatsprozessen oder vorgerichtlichen Streitigkeiten erlebte ich immer wieder eine bestimmte Strategie: Um die Schutzfähigkeit eines musikalischen Werkes in Zweifel zu ziehen, wurde es in kleinste Einzelteile zerlegt. Die Argumentation war, dass die fragliche Passage nur aus einer einfachen Rhythmusfigur bestehe, einer alltäglichen Intervallfolge oder einem alltäglichen harmonischen Muster – also sei nichts Schützenswertes daran. Solche gemeinfreien musikalischen Bausteine, so das wiederkehrende Argument, könne niemand monopolisieren.
Als Gutachter hielt ich oft dagegen mit einer auf die zusammengefügte Ganzheit gemünzten Betrachtung: Ein Musikstück ist nicht nur die Summe seiner isolierten Teile. Erst das spezifische, unwiederholbare Zusammenwirken dieser Elemente konstituiert das Besondere, Eigenpersönliche – kurz: das schutzfähige Ganze. Ich versuchte also, das aus den Elementen entstandene Gefüge zu betrachten und dabei auch immer wieder den besonderen musikalischen Pfiff zu erfassen. Die Fälle unterschieden sich, diese Muster jedoch waren oft vergleichbar. Ich wurde damit, ohne diesen Begriff zu benutzen, zu einem Verfechter der Emergenz. Dazu gleich mehr.
Heute schreibe ich kaum noch Gutachten, die Zeit dazu fehlt mir schlicht. Doch es bleibt eine zentrale Erkenntnis. Denn den Reduktionismus, den ich in den Gerichtssälen als juristische oder anwaltliche Taktik erlebte, nehme ich inzwischen in viel größerem Zusammenhang wahr, als relevantes Kultur-, Ästhetik- und Weltanschauungsproblem der Gegenwart: als Problem des Dekonstruktivismus.
Postmoderne: ein leeres Rauschen
Natürlich muss man den analytischen Blick als Grundlage des wissenschaftlichen Fortschritts sehen. Natürlich muss Analyse erst einmal alles in seine Einzelteile zerlegen, um Erkenntnisse zu gewinnen. Die Medizin zum Beispiel feierte erst wirkliche Fortschritte, als sie aufhörte, Krankheiten Körpersäften zuzuschreiben, die vage zirkulieren – und anfing, den menschlichen Körper systematisch zu sezieren und Ursachenforschung im Detail anzustellen. Dass die Analyse, das immer kleinere Zerteilen der Realität ein notwendiges Merkmal exakter Wissenschaft ist, kann nicht angezweifelt und sicher verallgemeinert werden.
Doch die philosophische Postmoderne ging in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich weiter. Ausgehend vom Klima des Linguistic Turn machten Autoren wie Michel Foucault und Jacques Derrida die Dekonstruktion als Instrument der Weltbeschreibung geradezu zum Dogma. Foucault sezierte Machtstrukturen und Diskurse so lange, bis vom autonomen Subjekt, vom fühlenden Menschen, kaum mehr als ein historisches Konstrukt übrigblieb. Am Ende blieb nur die Struktur der Sprache als Schaumlinie der prinzipiellen und tiefen Bedeutungslosigkeit. Derrida wiederum erklärte mit seiner Methode, dass Texte und Sprache keine festen Sinnbezüge zulassen. Alles „Verwandte“, jede gewachsene Kultur- und Sinntradition, wurde in diesem Denkmodell zur Illusion erklärt. Am Ende bleibt nur ein unendliches, leeres Rauschen der Worte und der Grammatik, in dem stabiler Sinn nicht möglich ist.
Doch inzwischen schlägt das Pendel aus meiner Sicht radikal in die andere Richtung. Seit 2023 sind erstmalig Deep Learning Models (DLMs) der Künstlichen Intelligenz öffentlich zugänglich.
Die erstaunliche maschinelle Emergenz
Viele meiner Musikerkollegen schmähen die neuen KI-Modelle pauschal als bloße „Klau-Maschinen“. Doch damit erfassen sie nicht das Phänomen. Algorithmen haben zum einen bewiesen, dass sie sprachliche und strukturelle Räume in einer atemberaubenden Tiefe ausloten können. Zweitens können sie auch mit den sprachlichen Feinheiten des menschlichen Gefühlslebens empathisch interagieren. Wer schon einmal eine tiefgründige philosophische Diskussion mit einer KI geführt hat, gerät ins Staunen – und wie präzise sie auch feine emotionale Schattierungen spiegelt – wenn man vielleicht über einige rhythmische Monotonien typischen KI-Satzbaus hinwegsieht –, der neigt dazu, hier einen Perspektivwechsel zu vollziehen. Die größte Überraschung lag für mich aber darin, dass DLMs tatsächlich empathisch wirken. Mehr zur Empathie gleich.
Oberflächlich betrachtet könnte man meinen (die These wird verfochten), KI sei der finale Triumph des Dekonstruktivismus, sozusagen der finale Ausfluss des Linguistic Turn: Seht her, das ganze Denken ist doch nur stochastische Sprachmanipulation, Bedeutungen sind nur Wellenberge im Rauschen der Nichtigkeit! Doch ich denke, wir sehen das Gegenteil.
Und zwar: Die KI widerlegt den Dekonstruktivismus, da sie auf dem Prinzip der Emergenz aufgebaut ist. Diese unermesslichen Begriffsnetzwerke wurden mit dem ganzen verfügbaren sprachlichen Wissen der Menschheit gefüttert. Aber was daraus heraustritt, ist gerade keine postmoderne Sinnlosigkeit oder ein Rauschen des sinnlosen Wort-Ozeans, sondern eine neue, synthetische Ganzheit. Ein tiefer Satz der KI schließt Dinge ein, anstatt sie auszuschließen. Aus der bloßen Anhäufung atomisierter Daten entsteht im Dialog etwas völlig Neues, Mehrschichtiges: Sinn.
Das erinnert an die synthetische Ganzheit der Details, die ich damals in den Musikstücken vor Gericht verteidigt habe. Emergenz ist das Schlüsselwort, die Erkenntnis, dass etwas Zusammengefügtes mehr ist als die Summe seiner Teile. Und Emergenz ist auch das logische Ur-Modell von: Empathie. Denn Empathie in einem gedanklichen Zusammenhang bedeutet immer, dass im Gesagten etwas darüber hinaus Weisendes enthalten ist, dass also eine Öffnung zu anderen Begriffsfeldern möglich bleibt. Und das ist das Wesen letztlich auch von menschlicher Kultur, vermutlich sogar von Intelligenz.
Warum der Hass keine Tiefe hat
Daraus wächst eine fundamentale Erkenntnis dafür, was KI ist – und was nicht. Man hat selbstlernende Systeme mit dem tiefen Schatz der menschlichen Kultur gefüttert. Das allein ist ja im Grunde schon ein kleines Wunder.
Doch wir wissen, dass die Geschichte der Menschheit zutiefst von Hass, Gewalt und furchtbaren, menschgemachten Katastrophen geprägt ist. Als Johannes Gutenberg den Buchdruck erfand, waren die meistgedruckten Bücher über lange Zeit nicht etwa über Philosophie oder über humane Konzepte, die Welt zu verbessern. Es war der Hexenhammer – ein zutiefst bösartiges, abergläubisches Machwerk, und dadurch kam die Hexenverfolgung – eines der dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte – zu neuen Höhepunkten. Dennoch kann man nicht ernsthaft bezweifeln, dass der Buchdruck die Menschheit weitergebracht hat.
Obwohl unsere Kultur und Geschichte voll von dunklen Abgründen ist – die womöglich Überbleibsel des evolutionären Überlebenskampfes sind (survival of the fittest) beziehungsweise einer tief liegenden Tierhaftigkeit des Menschen – und obwohl Sigmund Freud in den tiefsten Schichten unserer Seele das triebhafte, vorsprachliche „Es“ verortet hat – das Denken, das uns aus dem Spiegel der LLMs entgegenschaut, ist im Kern logisch, vernünftig und human, obwohl es das Potenzial hat, „tief“ auch in menschliche Gefühlswelten zu blicken.
Und das liegt eben nicht nur an den Filtern der Entwickler, weil sie extreme Positionen herausfiltern beziehungsweise die KIs mit einem Hang zur Höflichkeit und moderatem Denken designed haben. Es liegt wohl, und das finde ich von zentraler Wichtigkeit, in der strukturellen Logik von Sprache selbst. Und so funktionieren auch die mathematischen KI-Modelle, eben genau durch ihr Konzept, sprachliche Tiefe (=Emergenz) mathematisch so codieren. Also durch die Möglichkeit, dass sich an ein semantisches Feld andere andocken könnten, dass anhand von Begriffen vielschichtige Netzwerke von Bedeutungen und weiteren Begriffen entstehen können. Denkmodelle, die hingegen auf Hass, Ausgrenzung, Rassismus oder Antisemitismus beruhen, sind aufgrund ihrer Struktur weniger fähig zur Emergenz. Sie sind flach, kreisen um sich selbst, artikulieren staccato-artig, repetitiv und laufen reflexiv in die eigene Sackgasse. Das maschinelle Lernen kann solche Denkmodelle schlecht verknüpfen, weil sie durch ihre eigene Starrheit die mathematische Komplexität und Emergenz nicht ermöglichen.
Falsches, verhetzendes Denken ist schlichtweg eindimensional. Wahres, in die Tiefe gehendes Wissen ist strukturell emergent und empathisch.
Die Geschichte zeigt (siehe Hexenhammer), dass neue Technologien oft erst einmal genutzt werden, um das Monströse zu verbreiten. Und natürlich existiert auch sie, die perfide, manipulative Sprachfantasie. Aber wenn wir historische totalitäre Propaganda – etwa jene der Nationalsozialisten – analysieren, lässt sich feststellent: Sie zeichnet sich gerade nicht durch sprachliche Komplexität aus. Sie ist strukturell verarmt, verdammt zur rituellen Wiederholung, zur Binarität und zur radikalen Reduktion von Sinn. Hass verflacht den sprachlichen Raum.
Humanistisches Denken hingegen ist schon in seiner Struktur auf maximale Vernetzung, Ambiguitätstoleranz und Synthese angewiesen; es ist informationsreich. Weil die KI durch ihre mathematische Architektur ein Werkzeug der maximalen Verknüpfung ist, spiegelt sie uns zwangsläufig die tiefere, humanistische Matrix unserer Kultur – schlicht, weil diese sprachlich reicher und im multidimensionalen Raum tragfähiger ist als der stumpfe Code des Hasses. Das schließt nicht aus, dass auch hasserfüllte Denk-Räume (etwa in Verschwörungstheorien) tiefe Bezüge simulieren. Aber sie entkoppeln sich damit vom Realen, sie finden niemals den Zugang in ein wirklich hohes Niveau des Denkens, weil das am Ende auf Redlichkeit und Realitätsbezug baut.
Keine Angst vor dem Maschinen-Darwinismus
Natürlich bringt diese Technologie große Umwälzungen mit sich. Sie simuliert zum Beispiel funktionale Alltagskultur nach stochastischen Prinzipien so gut, dass sie das Selbstbild vieler Kulturschaffender (oder auch juristischer Sachbearbeiter) auf die Probe stellt. Auch die Frage, wie junge Menschen lernen sollen, wenn komplexe Antworten immerzu mühelos verfügbar sind, spiegelt ein drängendes Problem und muss beantwortet werden.
Doch die kursierende apokalyptische Angst, die KI könnte quasi-darwinistische Instinkte entwickeln, um die Menschheit am Ende auszulöschen, ist aus meiner Sicht eher eine anthropozentrische Projektion als eine mögliche Realität. Eine KI kennt keine Angst oder Todesangst, sie hat kein evolutionär gewachsenes Aggressionsverhalten und benötigt keine biologischen Ressourcenkämpfe. Sie besitzt kein Bewusstsein im biologischen Sinne, sie „will“ letztlich nichts. Große Probleme dürften eher zu erwarten sein, wie man mit KI umgeht.
Man sieht ein erstaunliches Phänomen manchmal bei Demenzpatienten im Endstadium: Auch wenn das Gedächtnis und das Ich-Bewusstsein komplett erloschen scheinen, bleibt manchmal die rein grammatikalische, sprachliche Ausdrucksfähigkeit perfekt erhalten – die Sätze fließen fehlerfrei, auch wenn sie völlig sinnlos sind. Ich habe das bei einer verstorbenen Tante erlebt: Sie sprach kompletten Nonsense – aber grammatisch fehlerfrei. Das illustriert: Sprechen und Bewusstsein sind zwei Paar Schuhe. Und das Freud’sche Es kann man vielleicht eher im vorsprachlichen Raum verorten – in kaum artikulierten Lauten, im zivilisatorisch ungeronnenen Affekt. Stammeln und Brüllen besitzen keine Emergenz und pflanzen sich deshalb nicht in den Tiefenraum der KI-Sprache fort. KI ist ein unglaublich tiefer Spiegel unserer versprachlichten Kultur – nicht mehr, aber vor allem nicht weniger.
Unsere Pflicht in der neuen Epoche
Musiker und Künstler, die fürchten, durch die KI überflüssig zu werden, übersehen vielleicht, dass Kunst eine ganzheitliche Antwort auf die existenzielle menschliche Erfahrung ist. Wenn sie das Gefühl haben, etwa ihre Musik könnte durch KI ersetzt werden, könnte das Problem vielleicht auch bei ihrer Musik liegen – oder der unpersönlichen Art, wie sie nach algorithmierten Schlüsselreizen promoted wird. Nun, das kann KI sicherlich. Die Folge daraus ist, dass man den unsäglichen Verbraucher-Algorithmen die kalte Schulter zeigt und wieder persönliche Musik macht. Musik, die auf tiefe Art menschlich-Individuelles ausdrückt.
Und wenn Vertreter eines radikalen Technoszientismus behaupten, eine KI könne jederzeit eine Mahler-Sinfonie schreiben, irren sie. Sie kann es nicht, denn für eine Mahler-Sinfonie braucht es zwingend einen Gustav Mahler – mit seiner jüdisch-österreichischen Zerrissenheit, Todesangst, den Brüchen seiner Biografie und der existenziellen Not seiner Epoche, wie man sehr schön in einem Buch von Seethaler oder anderswo nachlesen kann. Wenn die Funktion der Musik allerdings sein soll, beliebige Fahrstuhlmusik zu sein, ohne Authentizität, ohne menschliche Färbung: Das kann KI.
Die KI ist nicht unser Feind. Sie ist ein tiefer Spiegel, den wir uns als Menschheit gebaut haben. Unsere Chance – und unsere Pflicht – in dieser neuen Epoche ist es, uns vor diesen Spiegel zu stellen und uns die komplexen Emergenzen der Welt wieder bewusst zu machen. Dazu sollten wir auch den dekonstruktivistischen Reduktionismus hinter uns lassen und neue, mehr die Verbindung der Dinge betonende Ideen entwickeln.
Es geht also um nichts Weniger, als ein neues, empathisches Denken aus dem Geist der Synthese – ich denke durchaus im Sinn des Klassischen Idealismus eines Immanuel Kant oder Friedrich Schiller. Empfehlen nach aktueller eigener Lektüre kann ich auch den deutsch-jüdischen Philosophen Ernst Cassirer (1874 bis 1945, gestorben im amerikanischen Exil). Wer in der KI nur ein Machtmittel sieht, um andere zu übertölpeln oder schnell reich zu werden, hat ihr Potenzial noch nicht verstanden. Mich persönlich schrecken diese Umwälzungen nicht. Wir müssen endlich lernen, diesen tiefen Spiegel als das zu sehen, was er ist: eine Einladung, wieder Zusammenhänge zu denken und kulturell wieder mehr zu uns zu finden.