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Der Sommer des Beinahe

„An kleinen Anzeichen, die er allerdings für gewaltige hielt, bemerkte er, daß sich rings um ihn die Welt veränderte, und er dachte an ihren Untergang“, schreibt Joseph Roth im Jahre 1932 in seinem Roman „Radetzkymarsch“. Daran gemessen sind die Anzeichen des Wandels in diesem Sommer 2026 sogar große. 

Schon heute ist sicher,  dass er sich in die Erinnerung  eingraben wird. Eine vertraute Welt, eine vertraute Art zu leben beginnt zu verschwinden. Viele Gespräche, abends unter Bäumen oder wegen der Hitze in der kühleren Wohnung, zeichnen sich durch Ratlosigkeit aus, Unsicherheit über die nächste Zukunft. Es fehlt an der gewohnten Gewissheit, die früher manchen heftigen, aber eben auch produktiven Streit auslösen konnte. Und doch ist es noch ein Sommer des Beinahe. Was geschieht, ist erschreckend genug – und bleibt doch hinter dem zurück, was noch geschehen kann.

  • „Der Sommer in Westeuropa war so heiß wie nie zuvor“, wurde zum Aufmacher der bei solchen Themen eher zurückhaltenden FAZ. Brände bislang kaum gekannten Ausmaßes rückten Großstädten wie Bordeaux und Madrid nahe, ohne sie zu erreichen. Knapp 100.000 Menschen wurden vor Madrid, 170.000 vor Bordeaux evakuiert. Mit drei Toten hielt sich die Zahl der Opfer in Grenzen.
  • Dagegen starben mindestens 72 Menschen, als an die 70.000 Migranten die spanische Enklave zu Fußs und schwimmend stürmten, die meisten kehrten zurück. Die EU zerstritt sich darüber.
  • In Deutschland wurden noch nie so niedrige Wasserstände im Rhein wie heute gemessen. Mit der Einstellung des Schiffsverkehrs ist zu rechnen. Um Versorgung und Wirtschaft nicht zu gefährden, wird das Sonntagsfahrverbot aufgehoben.
  • Seit Jahren wächst die Bedrohung deutscher Flughäfen durch Drohnen, allein im letzten Jahr wurden 225 Fälle entdeckt. Die 40 Euro teure Touristen-Tour „Flughafen bei Nacht“ in Leipzig  führte unter anderem zu den Antonow-Flugzeugen, die Waffen für die Ukraine transportieren, und vermittelte so einen Hauch von Krieg. Wäre die dabei entdeckte bewaffnete Drohne explodiert, hätten die Touristen beinahe selbst die Wirklichkeit von Krieg erfahren. Die sozialen Netzwerke werden überschwemmt von Bots und realen Posts der Anhänger von AFD und BSW, die den Leipziger Anschlag für eine Verschwörung der NATO halten und und mit dem fingierten Überfall Deutschlands auf den Sender Gleiwitz beim Angriff auf Polen vergleichen.
  • Zugleich steigert Russland seine Kriegs-Rhetorik gegenüber den europäischen Staaten noch einmal. In mehreren Statements warnt Außenminister Sergei Lawrow, Brüssel, Paris, Berlin und London würden den Kontinent ähnlich wie Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg gegen Russland vereinigen. Eine direkte Konfrontation könne „rapidly escalate into an exchange of nuclear strikes“ – also rasch zu einem Austausch von Atomschlägen eskalieren – „mit katastrophalen Folgen“.
  • USA und Israel scheitern mit ihrem Angriff auf den Iran und verschaffen dem Mullah-Regime, dessen Atomprogramm nicht zerstört wurde, die Kontrolle über einen der zentralen Schifffahrtswege des Welthandels. Das iranische Regime erweist sich bislang als Sieger dieses Krieges. Chinas Druck auf Taiwan wächst, das fürchten muss, militärisch nicht mehr von den USA geschützt zu werden
  • KI-Agenten machen sich selbstständig und führen dabei Tausende automatisierter Angriffsschritte in der Infrastruktur anderer Firmen aus. Immer mehr verbreitet sich die Erkenntnis, dass die KI in bislang nicht bekannter Form Arbeitsplätze vernichten wird, jetzt auch in der Mittelschicht. In den Gesprächen dieses Sommers fragen sich immer mehr Menschen in bislang sicheren beruflichen Positionen, ob sie nicht auch durch die KI ersetzt werden.
  • Weltweit setzen sich autoritäre Staatsführungen durch. Völker mit großen demokratischen Traditionen wie das französische können sich bei den nächsten Wahlen diesem Trend anschliessen. Vielen wohnt die von Trump bekannte destruktive Kraft inne. Andere wie China verstanden, ihren hegemonialen Anspruch nach außen und innen mit einer grundlegenden Steigerung von Wohlstand und Lebenserwartung ihrer Bevölkerung zu verbinden. Entschlossen reagieren sie auch auf Folgen des Klimawandels, wie es alten Demokratien kaum gelingt. Da können sich selbst manche Ökoaktivisten der Verführung des Autoritären nicht entziehen.
  • In dieser umstürzenden Welt bröselt das vertraute politische Gefüge der Bundesrepublik. Längst ist nicht mehr auszuschließen, dass es bricht. Bis auf AFD und BSW verharren die traditionellen Parteien in ihren gewohnten Mechanismen. Vor allem den rechten Populisten ist es gelungen, auf und vor der Welle der Volksstimmung zu surfen. Sie erheben in einer immer feiner durchregulierten und sich blockierenden Gesellschaft den Anspruch, zu verändern und zu gestalten. Sie wollen zurück in eine Vergangenheit, die es nirgendwo gibt und geben wird.
  • Währenddessen droht der Anspruch der Bundesregierung, zum ersten Mal seit Jahrzehnten grundlegende Bereiche der Politik ein Stück zu reformieren, im verwachsenen deutschen Interessengeflecht steckenzubleiben. CDU und SPD stürzen in Meinungsumfragen und Wahlen ab. Der CDU-Vorsitzende und Kanzler erfährt einen beispiellosen Vertrauensverlust in den eigenen Reihen. Friedrich Merz wird auf Wahlkampfveranstaltungen vom einem alten Komiker als Gast des CDU-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt als Kriegstreiber beschimpft.

Union und SPD klammern sich geradezu an die vertrauten Muster der politischen Konflikte, das bekannte Hin und Her um mehr oder weniger Staat. Ihnen fehlt eine übergreifende Idee, um das Volk anzusprechen und einzubeziehen. „Mehr Demokratie wagen“ – Mit drei Worten verstand Willy Brand den Geist seiner Zeit zu erfassen, so wie Konrad Adenauer mit „Keine Experimente“ den Grundton der Aufbruchsjahre ausdrückte. Das gegenwärtige Führungspersonal versucht gar nicht, das Volk anzusprechen und einzubeziehen. Sie lassen die Menschen allein bei dem, was jeder Einzelne in diesem Sommer in unterschiedlichen Weise erfährt. Dröhnendes Schweigen der politischen Eliten.

Das Beinahe des Sommers neigt sich nun dem Ende entgegen.

 

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Über Franz Sommerfeld

Franz Sommerfeld war Chefredakteur der „Deutschen Volkszeitung / die Tat“, ein Blatt im DKP-Umfeld. Später Reporter, politischer Korrespondent und stellvertretender Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, Chefredakteur der „Mitteldeutschen Zeitung“ und des „Kölner Stadt-Anzeigers“. Danach Vorstand der Mediengruppe M. DuMont Schauberg. In Büchern beschäftigte er sich mit den deutschen Ost-West-Spannungen und Fragen der Migration („Der Moscheestreit“).

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