Ich bekenne mich schuldig. Ich habe den Meinungskorridor massiv verengt. Schon lange bevor dieser Kampfbegriff überhaupt die Runde machte. Was war geschehen? Es war in den 90er Jahren, die rechtsextremen Republikaner hatten gerade einen erschreckenden Höhenflug in Baden-Württemberg. Ich war verantwortlich für die Wahlsendung eines regionalen Privatsenders.
Nun also ein hohes Ergebnis für die braune Partei in Pforzheim. Aus dem dortigen Studio meldet sich die Marketing-Abteilung: Der örtliche Republikaner-Chef müsse unbedingt mit einem wichtigen Statement auf Sendung. Und noch wichtiger: Er sei auch ein wichtiger Werbekunde.
Ich gab zu verstehen, dass es ein Republikaner-Statement auf diesem Sender nur über meine Leiche geben würde und legte auf. Es gab kein Republikaner-Statement an diesem Abend. Die Idee, einen Vertreter dieser Partei zu Wort kommen zu lassen, fand ich vollkommen absurd. Wie überhaupt wohl die meisten Menschen damals diese Idee vollkommen absurd gefunden hätten, dem Vertreter einer Partei eine öffentliches Erklärung zuzubilligen, deren prominentester „Politiker“ lange Zeit der ehemaliger SS-Mann Franz Schönhuber gewesen war. Würde Schönhuber heute noch leben, wäre er wohl ein gefragter Talkshow-Gast, fürchte ich. Man würde ihn bestimmt nett fragen: „Was macht die AfD besser als Sie es damals gemacht haben?“
Schönhuber und die Folgen
Mitte der 90er aber hatte die Geschichte der Normalisierung rechtsextremer bis eindeutig faschistischer Positionen in den den Medien schon längst begonnen. Am 20. Juni 1990 war Franz Schönhuber in der Talkshow „3 nach 9“ zu Gast. Einer der Moderatoren der Sendung war übrigens Giovanni di Lorenzo. Immerhin: Vorm Studio gab es Protest. Ein Demonstrant benannte den Skandal dieser Sendung klar: „Radio Bremen leistet es sich hier, einen Faschisten offen reden zu lassen. […] Wir werden diese Veranstaltung solange stören, bis Herr Schönhuber, der ein Faschist ist und das ist bekannt, hier raus geht.“ Die Protestierenden griffen zur Selbsthilfe, kappten das Übertragungskabel und unterbrachen die Live-Übertragung für Minuten. Schönhuber jammerte, der Sender habe nicht ausreichend für die Sicherheit seines Gastes gesorgt. 
Kommt uns das aus jüngster Zeit bekannt vor? 2025 störten Aktivisten des Zentrums für politische Schönheit das ARD-Sommerinterview mit Alice Weidel massiv. Jene Künstlergruppe, die der Zivilgesellschaft immer wieder mit spektakulären – nicht immer gelungenen – Aktionen eine Stimme gibt. Das mag man für wenig zielführend halten, und ins übliche Geplärr einstimmen „hilft doch nur der AfD“. Darum geht es nicht. Es geht darum zu zeigen: Wir Demokraten sind noch da und wir können laut sein. Auch wenn es angesichts der aktuellen Bedrohung der Demokratie durch die AfD schon fast wie eine sinnlose Verzweiflungstat wirkt.
Vor einigen Tagen nun hat die ARD mitgeteilt, man ziehe mit dem Sommerinterview ins Studio um, um von solchen Störaktionen künftig unbehelligt zu bleiben. Die ZPS-Aktivisten kommentierten postwendend auf bluesky: „Man wünscht, beim netten Plausch mit dem Faschismus nicht mehr von der wehrhaften Demokratie gestört zu werden! Für die gibt es doch schon im Nachtprogramm die ganzen Dokus über den Widerstand“. Man möchte hinzufügen „die selbstredend mit der heutige Situation überhaupt nichts zu tun haben“.
Propaganda von rechts und links
Nicht nur die Demokratiefeinde von rechts, auch die linken Propagandisten der Unfreiheit – das BSW – werden von ÖRR-Talkshows gerne eingeladen. Die Kritik daran hat der Historiker Ilko Sascha-Kowalczuk in einem ironischen Post auf Facebook am 19. November 2024 – hier wohl stellvertretend bezogen auf die Sendung von Sandra Maischberger – formvollendet auf den Punkt gebracht. „Ich habe etwas gebraucht, um es zu begreifen, aber nun habe ich die Formel durchschaut: In jeder Sendung muss eine Frau dabei sein, deren Vornamen mit S und deren Nachnamen mit W anfängt, die als Leninistin möglichst wenige Menschen repräsentiert, wenig mit Luxemburg, aber viel mit Stalin oder Ulbricht gemein hat, in Fachkreisen auch als Putins Außensprecherin bezeichnet wird, noch nie für irgendetwas politische Verantwortung trug und in ihren früheren Parteigliederungen die zärtlichen Spitznamen „Spaltpilz*in“ oder auch „Die-in-keinen-Sitzungen-Anwesende“ trägt. Könnten Sie bitte, liebe Frau Maischberger, auch bei eventuellen harschen Kritiken stabil bleiben und dieses Konzept, wie in den letzten Monaten und so wie heute Abend, weiter konsequent durchziehen? Ich hätte noch einen Verbesserungsvorschlag: Könnten Sie nicht auch einer Frau, deren Vornamen mit A beginnt, deren Nachname aber auch mit W anfängt, nicht ebenso viel Raum geben und Ihren Kolleg*innen das auch nahelegen? Danke – ich bezahle mit meinen Gebühren sehr gern Ihr buntes Unterhaltungsprogramm, auch weil Sie sich sehr um unsere Demokratie verdient machen“.
Ahnungslos mit Ansage
Zurück zur Geschichte journalistischer Fehltritte: Ausgerechnet Thomas Gottschalk, der selbst in der flachsten Unterhaltungsshow gerne so unvorbereitet wie möglich rüberkam, wollte im November 1992 Schönhuber entzaubern. Was dann am Ende seines hilflosen Interviews mit dem Offenbarungseid endete „Wir wollen doch hier nicht politisch diskutieren. Das kann ich nicht.“ Schönhuber bedankte sich und lobte Gottschalk: Normalerweise dürfe er im Fernsehen nicht derart frei und ununterbrochen sprechen. Aus der Zukunft grüsst Höcke bei „Ben ungeskripted“. Die Kreise schliessen sich. 1992 immerhin sagte der Schauspieler Hardy Krüger noch seinen geplanten Auftritt in der nächsten Gottschalk-Show ab. Wer sagt heute eigentlich Talkshow-Auftritte ab, wenn er dort neben Demokratiefeinden von links oder rechts sitzen muss? Ich wüsste niemanden. Oder diejenigen, die es doch tun, sprechen nicht öffentlich darüber. Aus Angst vor den dann zu erwartenden Drohungen?
„Der Medienstaatsvertrag definiert die Aufgabe des öffentlich-rechtliche Rundfunks, als Medium und Faktor der freien Meinungsbildung zu wirken. Er soll durch unabhängige, umfassende und ausgewogene Information zur demokratischen Öffentlichkeit, zur internationalen Verständigung und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen“, teilt die Bundeszentrale für politische Bildung ganz nüchtern mit. Da fragt sich der Otto Normalzuschauer ganz nüchtern: Was bitte trägt es zur internationalen Verständigung bei, wenn man Vertreter von Parteien einlädt, die die gesellschaftliche Spaltung zu Maxime ihres Handelns erhoben haben? Oder jene, die die Politik eines Landes verteidigen, das einen unprovozierten Vernichtungskrieg gegen sein Nachbarland führt?
Ein Gegengift-Rezept aus Belgien
Fragen über Fragen. Was also tun? Man kann an die Intendanten der öffentlich-rechtliche Anstalten appellieren und sie an ihren Auftrag erinnern. Man könnte sie aber auch darauf hinweisen, dass es positive Beispiele der Eindämmung demokratiefeindlicher Stimmen gibt.
Ich werde nicht müde, immer wieder den in der belgischen Region Wallonien strikt eingehaltenen „cordon sanitaire médiatique“ zu lobpreisen. Diese journalistische Brandmauer garantiert, dass rechtsextreme Gruppen und deren Vertreter in den öffentlich-rechtlichen Medien keine Talkshow-Auftritte, keine Live-Interviews, keine O-Töne in den Nachrichtensendungen bekommen. Ob die Marginalisierung der Demokratiefeinde in dieser Region eine direkte Folge davon ist, lässt sich schwer nachweisen. Aber es ist zumindest ein gangbarer Ansatz, der darauf abzielt, die demokratiegefährdende Normalisierung rechtsextremer Ideologien zu verhindern.
Die Medienwissenschaftlerin Léonie de Jonge sagte dazu in einem Übermedien-Interview 2025: „Je größer und radikaler die AfD wurde, desto mehr Medienpräsenz hat sie bekommen und desto normaler wurde sie behandelt“, und weiter. „Wenn man ihnen eine Plattform bietet, legitimiert man sie. Man sagt: Das ist eine Partei wie jede andere auch. In der Praxis sehen wir ja auch oft, dass man gar nicht hinterherkommt mit dem Fact-Checking, wenn Vertreterinnen und Vertreter dieser Parteien und Bewegungen zu Wort kommen“. Mit dem „Entlarven“, auf das so viele Journalisten mit stolz geschwellter Brust verweisen, sei es auch nicht allzu weit her, so de Jonge im selben Interview: „Einerseits überschätzen sie sich, wenn sie denken, sie könnten sie entlarven. Andererseits unterschätzen sie ihre Rolle. Ich höre oft: ‚Wegen der sozialen Medien sind die traditionellen Medien nicht mehr so wichtig. So ein Interview macht ja nicht den Unterschied.‘ Das stimmt zwar auch teilweise. Aber jedes Interview trägt zu einem Gesamtbild bei, in dem die extreme Rechte in den vergangenen Jahren immer mehr normalisiert und legitimiert wurde“.
Satiriker können es besser
Was bleibt? Die Empfehlung an politische Journalisten und Talkshow-Hosts im Deutschland: Schaut auf die Satiriker:innen des Landes, die längst eure ureigene Aufgabe übernommen haben.
Jan Böhmermann, Christian Ehring, Sarah Bosetti, Max Uthoff, Meike Kühl und ein paar wenige andere mehr. Sie reden über Demokratie- und Freiheitsfeinde jedweder Couleur, klären unermüdlich über deren Absichten auf. Statt mit ihnen zu nett zu plaudern und sich einlullen zu lassen. Aber klar: Diese Sendungen im Nachtprogramm erreichen keine potenziellen Wähler demokratiefeindlicher Parteien. „Preaching to the converted“ könnte man über alle Sendungen der gerade Genannten schreiben. Damit sind sie allenfalls Seelenbalsam für verzweifelte Demokraten. Die Hoffnung bleibt, dass sich das irgendwann ändert. Vielleicht merken die Menschen es aber erst, wenn die Freiheitsfeinde regieren und diese Sendungen abgesetzt sind. Dann ist es zu spät.