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Anatomie einer Kampagne

Von Sabine Pamperrien:

Ende September wird der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz in den Ruhestand verabschiedet. Obwohl seine Verdienste unter Fachleuten unumstritten sind, muss der langjährige Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin (ZfA) um seine Reputation bangen.

Seit er Ende 2008 eine Tagung mit dem provokativen Thema „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ organisierte, sind er und sein Institut Ziel einer Kampagne, die an Rufmord grenzt. Die Kampagne zeigt exemplarisch, wie das Internet instrumentalisiert werden kann, um seriöse Wissenschaft zu diskreditieren.

Bei der Tagung wurden auch pseudo-wissenschaftliche Netzwerke vermeintlicher Islamexperten im Internet wegen rassistischer Tendenzen kritisiert. Das Internet schlägt seither zurück. Dabei bot besonders das renommierte Autorenblog Die Achse des Guten den Kritikern der Tagung ein Podium -und ein Sprungbrett in die klassischen Medien. Achsen-Autor Henryk Broder gehörte zu den auf der Tagung Gescholtenen. Er konterte in der ihm eigenen Art.  Begleitet wurden Broders Attacken in den Blogs des ehemaligen Benz-Promovenden Benjamin Weinthal sowie des bis dato in der Fachwelt völlig unbekannten Politikwissenschaftlers Clemens Heni und des politikwissenschaftlich forschenden Berufsschullehrers Matthias Küntzel. Die drei belagern mit ihren Recherchen seit Monaten die zuständigen Redaktionen großer Zeitungen. Auch Email-Rundbriefe an prominente Verteiler zählen zum kampagnentauglichen Repertoire der vermeintlichen Aufklärer.

Broder verfasste gemeinsam mit Weinthal einige geharnischte Artikel gegen das ZfA und dessen Leiter, die sowohl bei Spiegel online als auch in der Jerusalem Post erschienen, wo Weinthal ein Blog betreibt. Weinthal konnte so später auch in anderen Medien – ohne Hinweis auf das Selbstzitat – behaupten, die „internationale Presse“ diskutiere den Fall des „umstrittenen“ oder gar „skandalumwitterten“ Berliner Instituts. Heni ist Mitherausgeber eines im Internet erscheinenden „Journal for the Study of Antisemitism“, das 2009 erstmals erschien. In dessen erster Ausgabe behauptet er, das  umstrittene Tagungsthema sei selbst Ausdruck von Antisemitismus.

Inzwischen wurde der Vorwurf personalisiert und dem Antisemitismusforscher Benz unterstellt, er sei Antisemit. Auf der Achse des Guten veröffentlichte Mitte Januar Clemens Heni unter dem Titel „Ein Nazi und sein Schüler“ eine Analyse von Benz’ Verhältnis zu seinem Doktorvater Karl Bosl. Der 1993 verstorbene  bayerische Historiker gehört noch immer zu den international angesehensten Mittelalterforschern.  Benz wurde 1968 promoviert. Heni wirft ihm nun vor, dass er sich bei der Suche nach einem Doktorvater nicht über Bosls Vergangenheit kundig gemacht habe und sich noch 1983 und 1989 an Festschriften für Bosl beteiligte. Dabei sei der in zahlreichen NS-Organisationen Mitglied gewesen. Dies zu ignorieren sei nach Benz’ eigener Definition sekundärer Antisemitismus. Dass Benz in den 60er-Jahren überhaupt keinen Zugang zu den Quellen gehabt hätte, erwähnt Heni nicht. Er selbst bezieht sich auf Publikationen  aus den  Jahren 2000 und 2005. Deren Autoren forschten in den Akten des Berlin Document Center. Erst seit  1994 sind die dort gesammelten Mitgliederkarteien der NS-Organisationen zugänglich.

Heni hält Benz weiter vor, dass keineswegs alle Bosl-Schüler ihren Lehrer weiterhin verehrten und nennt den Düsseldorfer Historiker Falk Wiesemann.  Auf Nachfrage reagiert Wiesemann zornig. Er wolle mit der Anti-Benz-Kampagne nichts zu tun haben, teilt er mit. Von Heni hat er sich schriftlich Verschonung von weiteren „Anti-Benz-Mails“ erbeten.

Im März dieses Jahres veröffentlicht Weinthal in der Jerusalem Post einen Artikel mit der Überschrift „Deutsches Zentrum entlässt pro-israelischen Forscher“ und der Unterzeile: „Forscher Clemens Heni nach Kritik an der Linie des Direktors gefeuert“. Bebildert ist der Artikel mit einem Foto von Wolfgang Benz. Der Leser muss annehmen, Benz habe Heni  wegen dessen angeblicher „pro-israelischer“ Haltung entlassen. Erst im Text erfährt der Leser, dass Heni gar nicht für das deutsche Zentrum tätig war, sondern von seiner Herausgeberschaft bei dem Internetjournal entbunden wurde.  Dies soll Benz bewirkt haben. Einziger Zeuge für entsprechende Äußerungen aus dem ZfA ist Steven K. Baum. Der als Arzt tätige klinische Psychologe ist einer der  Mitbegründer des neuen Journals. Weinthal zitiert Baum mit der Behauptung: „Dann“ seien „wir“ – die Herausgeber des Journals – gezwungen worden, uns von Heni zu trennen. Weinthal schreibt von „mafia-ähnlicher Taktik“ und „massiver Erpressung“.  In der Blogosphäre machte Weinthals Darstellung die Runde.  Auf Nachfrage sagt Baum jedoch, an Weinthals Darstellung sei nur richtig sei, dass er mit Benz‘ Stellvertreter über eine Antwort auf die Attacke Henis gesprochen habe. Baum stellt jedoch nachdrücklich klar, dass keinerlei Druck aus Berlin ausgeübt wurde. Über Druck wegen Henis Aufsatz habe er zwar tatsächlich mit dem Reporter gesprochen, aber nicht im Zusammenhang mit dem ZfA. Die Darstellung in der Jerusalem Post sei nicht korrekt.

Anfang Mai erschien bei Spiegel online ein kurzer Text „Hausbewerbung bei der Benz-Nachfolge“, der eine Recherche von Matthias Küntzel aufgreift. Empfohlen hatte Spiegel-Autor Broder das Stück, das von anderen Medien nach Auskunft des Autors abgelehnt worden war. Küntzel fiel im Berufungsverfahren um die Nachfolge von Benz auf, dass dessen langjährige Mitarbeiterin Angelika Königseder zu den Bewerbern zählt.  Ungewöhnlich dabei erscheine, dass Königseder nicht als Mitarbeiterin der TU aufgeführt wird, sondern als externe Bewerberin.  So genannte Hausbewerbungen sind zwar prinzipiell möglich, doch gelten dann erheblich strengere fachliche Anforderungen. Obwohl Königseder  seit den 90er Jahren an der TU arbeitet, werde sie seit Ende 2009 plötzlich im Vorlesungsverzeichnis als Mitarbeiterin eines Instituts für Vorurteils- und Konfliktforschung aufgeführt, so Küntzels Recherche. Als Träger des Instituts firmiert per Adresse an der TU ein Verein, dem Benz vorsteht. Man könne nicht ausschließen, dass der Amtsinhaber einer Mitarbeiterin bei der Vortäuschung falscher Tatsachen behilflich sei, so Spiegel online.

Tatsächlich wurde der „ominöse“ Verein 2002 gegründet, um langjährige Mitarbeiter halten zu können, die wegen des Verbots von Kettenverträgen im damals entsprechend novellierten Hochschulrahmengesetz keinen neuen Vertrag mehr bekommen hätten.  Juristisch sind sie damit Externe, wie die TU auch über die Pressestelle betonen lässt.  Der Vorwurf der Vortäuschung falscher Tatsachen bricht somit in sich zusammen und fällt auch auf diesen Autor zurück. Aber natürlich bleibt immer etwas hängen, wie bei jeder Kampagne.

Der Fall Benz ist entscheidend für die Diskussion um die Zukunft des Journalismus. Es ist kein Zufall, dass die Kampagne auf vermintem Gebiet geführt wurde, wo die Angst groß ist, einen falschen Schritt zu tun. Deshalb trauten sich nur wenige Journalisten, Benz beizuspringen. Einige Verlagsmanager haben aber gemerkt, dass in Zeiten des Internets einzig die Verlässlichkeit von Informationen den entscheidenden Unterschied ausmacht zwischen Qualitätsjournalismus und Gerüchtemacherei. Qualitätsjournalismus aber bedeutet: ergebnisoffene Recherche, ausgewogene Würdigung der Ergebnisse und kompetente Einordnung. Und: keine Angst vor Bloggern und ihren Kampagnen.

Dr. Sabine Pamperrien ist freie Journalistin. Die Juristin arbeitet für zahlreiche Medien, unter anderen FAZ, NZZ, Berliner Zeitung, Der Freitag und Das Parlament.

14 thoughts on “Anatomie einer Kampagne

  1. avatar

    Liebe Frau Pamperrien,

    Ihr Beitrag errinnert mich an die Abarbeitung meiner Jahressteuererklärung 2007. Ich weiß nur nicht warum.

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    Wenn man sich auf das Niveau von Herrn Broder oder Herrn Sarrazin begeben wollte, könnte man Herrn Broder und allen Kritikern von Herrn Benz das Argument vorhalten, lesen Sie doch bitte zunächst das von Herrn Benz herausgegebene 9-bändige Standardwerk über die deutschen Konzentrationslager:

    „Der Ort des Terrors“

    in dem minutiös versucht wurde die unzähligen Orte zu erforschen, an denen nationalsozialistischer Terror stattfand und die – anders als man denken sollte – oft mitten in der damaligen Gesellschaft lagen und oft auch in den Werkhallen noch heute bekannter und aktiver Industrieunternehmen.

    http://www.faz.net/s/RubA330E5.....ntent.html

    http://www.amazon.de/Terrors-G.....3406572383

    Wenn man die 9 Bände gelesen hat, mag man sich Fragen, wie das Verhältnis von Herrn Benz zum Antisemitismus ist und wer daran Interesse haben könnte, ihn zum Verstummen zu bringen.

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    Ach, Frau Pamperrien, das ist doch alles Plusquamperfekt, längst erledigt.

    Seit man von „jüdischen Genen“ sprechen kann, ohne Antisemit zu sein, gibt’s doch gar keinen Antisemitismus mehr.

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    Ein echtes Armutszeugnis für die „Achgutler“, die meinen, billige Schmierereien und dümmliche Hetze wären qualitativ hochwertige Publikationen, die Debatten in Gang bringen, die ohne sie nicht stattfinden würden. Welch Maß an Selbstüberschätzung und -erhöhung dahinter steckt, ist in den letzten 2 Jahren immer deutlicher geworden. Was mich allerdings am meisten stört, ist dass sie ungeheuer gerne austeilen, aber leider nicht einstecken können (siehe Posener-Rauswurf). Wo beispielsweise Broders Äußerungen bzw. Provokationen früher klug, witzig und charmant waren, hat sich deren intellektuelles Niveau leider immer mehr dem Bild-Zeitungsniveau angepasst. Dabei diskreditieren sie immer schärfer Menschen persönlich, die mit ihnen nicht auf einer Linie liegen. Sich dann zum Verfechter der freien Meinungsäußerung aufzuschwingen, ist dabei schon ein dreistes Stück.

    Früher hatte man auch Leuten, die zu gerne und zu schnell die Verhältnisse in der Bundesrepublik mit denen in der DDR und dem 3. Reich verglichen bzw. gleichgesetzt hatten, den verbalen Stinkefinger gezeigt. Heute bemühen die Wagners, Broders und wie sie alle heißen bei jeder sich bietenden Gelegenheit genau diese Vergleiche. Schließlich wird recherchophoben Knallchargen wie Joachim Steinhöfel und Gudrun Eussner auch noch ein Forum geboten, dass man sich fragt, ob die sich nicht vielleicht manchmal dafür schämen, mit wem sie sich gemein machen. Das letzte Stückchen Restvernunft scheint Hannes Stein zu repräsentieren, der sich allerdings nicht zu wagen scheint, seine Kritik an dem Kurs, den „Achgut“ eingeschlagen hat, in der Form anzubringen, wie es vielleicht angemessen wäre. Er weiß ja, was dann passieren würde.

    Broder und Konsorten sind wahre Meister des Fachs „Wie diskreditiere ich mich selbst so gründlich wie möglich?“. Schade!

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    Ich stelle mir die Frage, warum Menschen sich ihr winziges Leben gegenseitig so schwer machen.

    Das Sandkorn in der Wüste der Weltgeschichte wird getrieben von Düne zu Düne. Nicht mehr und nicht weniger.

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    Seltsamer Artikel. Totaler Kindergarten ist das. Die super Qualitätsjournalisten und dann die dummen (bis dato unbekannten)Quasi-Wissenschaftler und die noch dümmeren Berufsschullehrer. Wie können die sich nur erdreisten, dem Forschergott der TU ans Bein zu pinkeln. Und zum Schluss der lächerliche Satz „Keine Angst vor Bloggerkampagnen“. Meine Güte. Trinken Sie mal einen Beruhigungstee. Das hilft bestimmt.

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    Sehr geehrte Frau Dr. Pamperrien, ein Detail, mehr nicht, und ganz ohne jede provozierende Absicht gefragt: Sie schreiben: „Einziger Zeuge für entsprechende Äußerungen aus dem ZfA ist Steven K. Baum. Der als Arzt tätige klinische Psychologe ist einer der Mitbegründer des neuen Journals.“ Woraus schließen Sie, daß Baum als Arzt tätig ist? Was Sie sagen, klingt ein wenig wie „der als Rechtsanwalt tätige Magister artium“; da hört man hin, das will man wissen. Aber Baum hat einen Ph.D. in klinischer Psychologie und eine „licensure“, in einigen US-Staaten als klinischer Psychologe zu praktizieren, außerdem hat der „hospital admitting priviliges“, darf also Patienten in Krankenhäuser einweisen, wenn eine eindeutig klinische Diagnose aus seinem Arbeitsbereich, kurz: wenn eine psychiatrische Indikation vorliegt. „Als Arzt tätig“ ist doch aber eine ganz andere Hausnummer als all dies. Was habe ich übersehen? Dank & Gruß, Ihr ATh

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    Nur weil sie ja auch Journalistin sind, und deswegen sicher ungerechtfertigte Verallgemeinerungen auch nicht besonders mögen:

    „Das Internet schlägt zurück“??????? Soll das jetzt irgendeine Kritik im Sinne der Frage „Wo sind die Filter?“ sein?

    Broder, wie auch immer man zu diesem Menschen stehen mag, veröffentlicht regelmässig im Spiegel (dem ehemaligen Nachrichtenmagazin) und hat halt zusammen mit seiner Mischpoke einen(!) Blog.

    Ich würde sie doch bitten, die sehr wahrscheinlich berechtigte Kritik an diesen Person nicht pauschal auf „das Internet“ zu erweitern. Erstens machen sie damit ihre richtigen Argumente unglaubwürdig und zweitens bringt uns dass in der Debatten über Qualitätsjournalismus und verantwortungsvolle Meinungsfreiheit im digitalen Zeitalter kein Stück weiter.

    Danke

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    @Jens: Nur der guten Ordnung halber, nicht jeder läßt sich vom Internet schlagen.
    Vor allem Herr Broder nicht. Bei achgut ist kommentieren nicht erlaubt, bzw. nicht erwünscht – Für ihn sind die blogger „die Irren in, oder aus der Küche“ und mit denen möchte er sich – verständlicherweise manchmal – nicht herumschlagen.

    Die Irren aus der Küche, bzw. die Normaleren aus der Kochecke sind jetz z.B. bei SM. Hier darf sogar ein gelegentlich sich verirrender Oberirrer – nicht beeinträchtig von kleinlicher Zensur – seine Meinung äußern, wie es die Verfassung garantiert.

    Hut ab vor Frau Heckel, deren Demokratieverständnis bemerkenswert erscheint.

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