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150 Jahre „Das Kapital“ (1)

Vor 150 Jahren, 1867, erschien der erste Band des „Kapitals“ von Karl Marx. Da das Buch trotz seiner eher dürftigen Bedeutung, was die Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften betrifft, eine ungeheure intellektuelle und politische Bedeutung entfaltet hat, will ich mich im Laufe dieses Jahres in unregelmäßigen Abständen mit ihm – und mit Karl Marx – beschäftigen. Was angesichts der Tatsache, dass manche Linke – wie etwa die unsägliche Sahra Wagenknecht – sich auf Marx beziehen, einerseits bedeutet, Marx gegen seine Verflacher zu verteidigen, andererseits aber auch Marx selbst kritisieren. Beginnen wir mit der Kritik, und zwar mit dem ersten Satz des „Kapitals“.

„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung‘“, schreibt Marx, „die Ware als seine Elementarform“. Von dieser der physikalisch-chemischen Reduktion entsprechenden Analyse aus entwickelt Marx seine Theorie und Kritik des Kapitalismus: Die Ware hat einen Gebrauchs- und einen Tauschwert; der Tauschwert besteht – grob gesagt – aus dem in der Ware „vergegenständlichten“ Arbeit; auch die Arbeitskraft ist eine Ware; sie hat aber die Eigenschaft, mehr Wert zu produzieren, als selbst zu ihrer Herstellung nötig ist; die Ausbeutung besteht darin, dass diese Differenz vom Besitzer der Produktionsmittel eingeheimst wird, der aus diesem Mehrwert seinen Besitz mehren kann und auf diese Weise zum Kapitalisten wird. Ausbeutung ist also kein moralischer Begriff, etwa gleichzusetzen mit Schinderei, sondern ein ökonomischer: die Aneignung des Mehrwerts durch den Kapitalisten, um mehr Kapital zu schaffen.

Die Einfachheit dieser Analyse und die Leichtigkeit, mit der sie Marx präsentiert – entgegen dem landläufigen Vorurteil ist „Das Kapital“ eine lustige Lektüre – täuschen darüber hinweg, erstens, dass damit wenig mehr gesagt ist als dass kein Geschäftsmann (ich verwende der Einfachheit halber nur den männlichen Begriff, dafür anderswo zum Ausgleich den weiblichen) sein Geld, seine Arbeit, sein Können, seine Zeit und vielleicht auch seine Emotionen in ein Geschäft stecken wird, das keinen Gewinn abwirft. (Der Philanthrop denkt und handelt natürlich anders.) Zweitens aber darüber, dass bereits der erste Satz falsch ist und die Leserin von vornherein auf die falsche Fährte lenkt.

Der Reichtum gerade der kapitalistischen Gesellschaften „erscheint“ allenfalls dem unbedarften Beobachter als eine „Warensammlung“. Den DDR-Bürgerinnen etwa, die im November 1989 nach Westen strömten, um ihr „Begrüßungsgeld“ abzuholen und es gleich wieder in irgendeinem Elektro-Supermarkt, bei C&A, Beate Uhse oder MacDonalds auszugeben, mag der Westen so erschienen sein. Sehr bald erlebten sie empört die „Entwertung ihrer Biografien“, die Abwicklung der „volkseigenen“ Betriebe und so weiter. Um kapitalistisch zu werden, reichte es nicht, dass die DDR-Bürger ungeheure Warenmassen kauften, es reichte auch nicht, um dem naheliegenden marxistischen Einwand zu begegnen, dass sie selbst zu Waren wurden, oder zu potenziellen Waren: sie fanden millionenfach keine Abnehmer und rutschten in die Arbeitslosigkeit. Fast eine Generation später ist jeder zehnte Ostdeutsche „unterbeschäftigt“.

Es ist interessant, in diesem Zusammenhang die Erwartungen der Migranten aus dem Orient und Afrika zu betrachten, die in den letzten Jahren ins Land kamen; sie dürften ähnlich sein den jährlich etwa 450.000 Ostdeutschen, die unmittelbar nach der Vereinigung nach dem Westen gingen und die vermutlich eine positive Auslese darstellten. Viele – natürlich bei weitem nicht alle – wollen arbeiten und dafür die notwendige Qualifikation erwerben. Ihnen ist klar, dass der Reichtum der Bundesrepublik sich keineswegs primär darstellt in Konsumtempeln wie dem KaDeWe oder in den Malls und Outlets, die das Land überziehen. Der Reichtum Deutschlands stellt sich dar in einer gut ausgebildeten, hoch produktiven Arbeiter- und Angestellten-Schicht, in einer Vielzahl von Forschungseinrichtungen, in einer exzellenten Infrastruktur – und in den Groß-, Mittel- und Kleinbetrieben, die hier investieren, weil sie diese Arbeitskräfte und diese Infrastruktur – einschließlich eines funktionierenden und rechtsstaatlichen Prinzipen verpflichteten öffentlichen Dienstes und eines verlässlichen Bankwesens – vorfinden. Der Reichtum der entwickelten kapitalistischen Länder, so muss man Marx verbessern, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Kapital: Humankapital, fixem Kapital und Kredit.

Tatsächlich besteht einer der großen Fortschritte in den Wirtschaftswissenschaften, den sterilen begrifflichen Gegensatz von „Arbeit“ und „Kapital“ und von „Ware“ und „Produktionsmittel“ überwunden zu haben. Für Marx ist der Arbeiter nur Ware, genauer: „Träger“ der Ware Arbeitskraft, so wie der Unternehmer nur „Charaktermaske“ des Kapitals ist, der dem Arbeiter als Käufer gegenübertritt. Marx ist ganz und gar vom Marktdenken beherrscht, von Waren, Käufern und Verkäufern.

Betrachtet man aber den Arbeiter – oder Angestellten, auch den leitenden Angestellten – nicht als Träger einer Ware, sondern als Besitzer eines Kapitals – nämlich seiner eigenen – vermehrbaren – Fertigkeiten und Fähigkeiten, Charaktereigenschaften und Bildung, die er als Kapital einsetzen kann, um aus diesem Einsatz einen Gewinn zu ziehen, ändert sich der Blickwinkel – so wie er sich ändert, sobald man den Arbeiter nicht nur als Produzent betrachtet, der einen möglichst hohen Lohn erzielen will, sondern auch als Konsument, der einen möglichst geringen Preis bezahlen möchte; oder eine Firma nicht bloß als Eigentum der Besitzerinnen, die damit tun können, was sie wollen, sondern als gemeinsames Unternehmen der Besitzer und der Mitarbeiter, das mehr ist als bloß eine Maschine zur Kapitalverwertung oder zur Produktion hoher Managergehälter. Und so weiter.

Ich beziehe mich bei der Verwendung des Begriffs „Humankapital“ nicht auf Ökonomen der Chicago-Schule, die manche Leserinnen sofort als „neoliberal“ ohne Prüfung abtun würden, sondern auf Thomas Piketty, Autor von „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ und von Linken gern zitierter Kritiker der Ungleichheit. Piketty wird, wie vor ihm Marx, freilich vor allem von Linken zitiert (und von Rechten kritisiert), die ihn nicht gelesen oder nicht verstanden haben.

In seinem Buch „Ökonomie der Ungleichheit“ (zuerst 1997, auf Deutsch 2016) verwendet Piketty den Begriff „Humankapital“ mit großer Selbstverständlichkeit, etwa um die Ungleichheit zwischen westlichen Ländern und Ländern des Südens zu erklären. „Berücksichtigt man etwa den ‚Anfangsbestand an Humankapital“ von 1960 (der sich daran bemisst, wie viel Prozent der Bevölkerung alphabetisiert und zur Schule gegangen sind, studiert haben etc.)“, schreibt er auf Seite 67, so kann man feststellen: „Je größer der der Anfangsbestand an Humankapital, desto stärker das Wachstum der Länder, die um 1960 zu den ärmsten zählten. (…) Die südamerikanischen Staaten z.B. hatten  zwar das gleich Durchschnittseinkommen wie die angehenden asiatischen ‚Tigerstaaten‘, aber sie hatten einen sehr viel geringeren Anfangsbestand an Humankapital, weil weite Teile der Bevölkerung außen vor gelassen wurden“ – Ergebnis des Bündnisses von katholischer Kirche und örtlicher Oligarchien, muss man hinzufügen – „anders als in den asiatischen Tigerstaaten, in denen nie eine vergleichbare Ungleichheit geherrscht hatte. Entsprechend fiel auch das Wachstum in den südamerikanischen Ländern sehr viel geringer aus …“

Zusammenfassend (S. 68): „Ein wesentlicher Teil der Ungleichheit zwischen reichen und armen Ländern und der Ungleichheit überhaupt ist nicht der Ungleichverteilung von Produktionsmitteln, sondern der Ungleichverteilung von Humankapital geschuldet.“ Deshalb (auch deshalb) fallen die Kapitalströme von Norden nach Süden so gering aus. Dafür strömen die Menschen vom Süden in den Norden – und auch die Investitionen derjenigen, die im Süden zu Geld kommen. Der Süden investiert mehr in den Norden als umgekehrt. Was sich erst ändern wird, wenn die Ungleichheit in Sachen Humankapital wenigstens ansatzweise beseitigt oder angegangen wird.

Die „Elementarform“ der kapitalistischen – wie jeder – Gesellschaft und ihres Reichtums ist also nicht die Ware, sondern der Mensch. Dass Marx seine große Analyse nicht mit den Menschen beginnt, ist ein zugleich verhängnisvoller und bezeichnender Irrtum.

48 thoughts on “150 Jahre „Das Kapital“ (1)

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    „Der Reichtum der entwickelten kapitalistischen Länder, so muss man Marx verbessern, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Kapital: [KKK].“ Sagt Marx doch: „ungeheure [Wahrheiten]sammlung“

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    Ja, lustig, hab den letzten Monat durchaus ein paar Sachen verpasst:
    https://www.welt.de/debatte/kommentare/article160574182/Wer-Shakespeare-liest-begreift-Donald-Trump.html
    „Kurzum: Wir basteln uns unsere Zeitgenossen selbst, ganz gleich, wer und wie sie wirklich waren und sind.“

    Klasse Artikel, hätte ich ihn früher gelesen, hätte ich mir den halben Beitrag hier gespart.

    Da fällt mir auf, dass man durchaus einen Schritt weitergehen könnte und die Machbarkeit von übergreifenden Theorien, zum Beispiel einer Sozialstaatstheorie, in Frage stellen könnte. Die Frage von Frau Frommel ist berechtigt, warum es keine gibt, die Nachfrage wäre ja durchaus da. Die Frage, ob Marx etwas entmystifiziert hat, stellt sich insoweit nicht, als das seine Vorhersagen nicht eingetroffen sind (jaja, die Zeit reif…blabla)und die Zukunft in dem Sinne offen ist, als dass entmystifizierende Theorien durchweg ein Fehlschlag sind, wobei man dann in der Konsequenz anerkennen müsste, dass wir nach wie vor über Mysterien sprechen, wenn wir Zukunft denken. Damit möchte ich Theorien nicht per se über Bord werfen, aber vielleicht sollten wir uns den Grenzen unserer Erklärungsfähigkeit bewusst sein. Dann bleibt der eigene Wille und das wäre zumindest eine Theorie, warum ich mitunter durchaus über das postfaktische schmunzeln muss. Um wieder auf den schönen Satz zu kommen: „Wir basteln uns unsere Zeitgenossen selbst, ganz gleich, wer und wie sie wirklich waren und sind.“ Na, wenn das mal nicht das 1×1 des postfaktischen ist. Oder anders, das postfaktische gibt es nicht, weil wir noch nie (so richtig) im Faktischen waren. Nicht weil keine Fakten gäbe, sondern weil wir alles, was nicht sehen dann doch glauben müssen und beim Glauben ist es immer wie mit der Witwe Bolte zugeht.
    Wenn für mich etwas von Merkel bleibt, dann die Aussage, sie würde auf Sicht fahren. Leider hat sie den dadurch entstehenden Freiraum nicht genutzt, um Kurswechsel zu erklären, vielleicht aber auch deswegen, weil uns stramme Jungs mit durchgängigen Theorien mehr imponieren. Statt das Prinzip von try and error anzuerkennen, versteigt sich das Publikum in den Wunsch nach Politik aus einem Guss, nach Metapolitik und ähnlichem Firlefanz.

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    Oh, eigentlich ist der letzte Beitrag der erste. deswegen hier jetzt das PS:

    @Stefan Truthe

    Verstehen Sie die Auslese nicht als genetische Auslese. Es ist kein Zufall, dass in den Ländern des ehemaligen Ostblocks, in denen keine Umgebung für offene Geister geschaffen wurde, ein dumpfer Nationalismus herrscht. Aus dem Kosovo haut jeder ab, der etwas bewegen will. Die, die da bleiben, neigen dann dazu, das Nationale und die Eigenheiten zu betonen, Verschwörungen sind ein Lebenselexier – was sollen sie denn sonst zur Selbstvergewisserung auch machen? Die Leute sind nicht genetisch dümmer, aber wer seine Sachen nicht packt und aus Sofia, Zagreb oder Bukarest abhaut, verbringt seine Tage in Finsternis und wird selbst irgendwann finster. Es ist keine evolutionäre Auslese, es ist eine Auslese von Ideen. Und das ist der Punkt, dem man sich stellen muss: Warum funktioniert der Westen im Osten nicht? Die Genetik ist es bestimmt nicht, weil ja ständig kluge und wanderwillige Köpfe nachwachsen, aber es ist nun mal so, dass, wer den Westen versteht, auch in den Westen geht, wovon der Osten wiederum nichts hat, weil er genau so Osten bleibt. Und die Ost-Denke sind nun mal Putin, Kaczyński und Orban.

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      @Gen. Stevanovic

      … auf den Gedanken, dass den ‚Köpfen im Osten‘ Kommissare und sozialistische Diktaturen noch Oberkannte Unterlippe in Erinnerung sind, kommen Sie nicht?

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    Was Käßmann nun mit Luther gemacht hat, war genau richtig. Sie versteht (unterstelle ich ihr) Luther als eine Inspirationsquelle und sie selektiert das, wovon sie sich inspirieren lässt. Sie nimmt sich den Luther, den sie bracht. Hätte Luther dies nicht gewollt, hätte er nicht schreiben sollen. Es wäre aber ehrlicher gewesen, hätte sie gesagt, dass man sich im Lutherjahr mit ihrem Luther (also mit ihr) beschäftigen soll. Denn wenn sie ohne Kennzeichnung Luther als aktuell bezeichnet, dann kommt der Leser ins Schleudern: warum das eine und nicht das andere? Und dann landet er doch wieder bei Käßmann. Deswegen würde ich, wenn ich etwas über Marxismus lesen will, ein Buch von Zizek immer dem Studium des Kapitals vorziehen. Denn für die Welterklärung nach Zizek ist das Werk eines Marx nur zweitrangig – jedem sollte bewusst sein, dass auch Zizek das genommen hat, was er brauchte. Vollkommen OK, nur Karl Marx ist eben nicht.

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    Zur selben Zeit wirkte auch ein Lombroso, der heute doch sehr schrullig klingende Theorien aufstellte. Aber ohne Zweifel hat Lombroso doch Dinge losgetreten, die zu erstaunlichen Fortschritten führten (aber auch Grundlage von Rassentheorien wurden). Ich würde ihm seinen Ruhm als inspirierenden Meilenstein der Wissenschaft nicht nehmen wollen, aber sein eigentliches Werk, muss man als Unfug bezeichnen. Es ist wichtig, zwischen Werk und Wirkung zu unterscheiden. Und da gibt es ja noch hunderte Beispiele. Ich finde den Ansatz richtig zu sagen, dass Marxismus wirklich das ist, was Zizek daraus macht. Islam ist das, was Hasan daraus macht. Christentum ist, was ich an Weinachten gemacht habe. Nur, es sind eben Zizek, Hasan und mein Weihnachtsbaum und eben nicht Marx, Mohamed und Jesus. Und die Kennzeichnung dessen, was nun was ist, ist wichtig (und ehrlich). Banal, nicht wahr? Und trotzdem wird in vielen, vielen Bereichen diese Trennung nicht selbstverständlich eingehalten. Zum Beispiel die Geschichtsschreibung. Ich habe mal gehört, dass die französischen Historiker fast keine Aussagen zu Karl dem Großem mehr machen, weil es fast gar keine originalen Belege für sein Wirken gibt. Die Geschichte Karls, ist die Geschichte über Karl, ein Mythos. Aber wenn die Geschichte, Deutschland hinkt da hinterher, nicht als Mythos gekennzeichnet ist, welchen Wert haben dann Theorien, die Entwicklungen auf der Basis des Mythos erklären?
    „die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist“ – nehmen wir das nicht so simpel gedacht an, dass ich dessen Lied singe, dessen Brot ich esse und dass, wer dieser sein soll, immer davon abhängt, wie das Brot gebacken wird, dann muss man ehrlich zugeben: nein, hat er nicht, weil er keine Ahnung hatte, wie die Pyramiden gebaut wurden, wie die Leute ernährt wurden und wem was gehörte.

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    Frohes Neues Jahr an alle!

    Leider (nicht wirklich) habe ich Marx nur leidlich in Auszügen gelesen, habe aber viele begeisterte Marxisten kennengelernt und da ist mir ein Punkt aufgefallen, den ich aber nicht wirklich einordnen kann, ob er wirklich relevant ist. Durch die beginnende Systematisierung der Geschichtsschreibung im 19 Jahrhundert haben viele Gelehrte Muster gesehen, die auf Fluchtpunkte zulaufen sollten. Jedoch wissen wir heute, nach 150 Jahren Archäologie, dass wir damals wenig wussten und in vielen Fällen sind wir heute erst an dem Punkt, dass wir ahnen, was wir alles nicht wissen. Der erste Band des Kapitals wurde 1867 herausgegeben, Schliemann grub Troja (wirklich?) 1870 aus, nur als Beispiel. Ehrlicherweise muss man gestehen, dass Marx eigentlich keinen blassen Schimmer hatte, wie die Welt, zumal die wenig dokumentierte Wirtschaft, drei/vier Generationen vor seiner Zeit eigentlich wirklich funktionierte. Dass muss seine Theorien nicht falsch machen, aber zumindest im historischem Teil, den es ja, spricht er von Gesetzmäßigkeiten, geben muss, ist seine Fakten und Datenbasis viel zu dünn und basiert auch viel zu sehr auf Hörensagen, Vorurteile, Mythen und Legenden, als dass die Richtigkeit seiner Theorien und Vorhersagen auf wissenschaftlicher Untersuchung beruhen würde. Wenn Marx etwas richtig vorhergesagt hat oder auch richtig beschrieben hat, dann deswegen, weil er Glück hatte.

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    Lieber Alan Posener,
    wenn schon einen Rückblick auf Marx, dann doch bitte an dessen Texten entlang. Nach 150 Jahren sind es nur noch in 2. Linie die Waren, welche die Ökonomie prägen (nur darum geht es Marx), sondern es ist nun bereits das Geld bzw. das Finanzkapital. Das ist etwas Neues, was die Analyse sehr erschwert.
    Nun zu Blumentritt:
    Marx wollte anhand des Begriffs „Ware“ eine auf die Füße gestellte Begriffsentfaltung der Ökonomie (einen umgedrehten Hegel) vorlegen. Diese Methode ist uns heute völlig fremd. Aber sie war damals nah liegend.
    Wegen dieser Vorgehensweise sieht Marx hinter seiner Analyse sehr wohl den Menschen, der ist nämlich hinter dem „Gebruchswert“ der Waren versteckt, der – so seine Kritik – hinter dem „Tauschwert“ zurück tritt. Dadurch wird die Ökonomie Selbstzweck, was er ebenfalls kritisiert. Ähnlich ist dann die Kritik am Eindruck, Mehrwert entstünde durch das Kapital. Aber dieser Begriff von körperlicher „Arbeit“ passt auf unsere moderne Ökonomie auch nicht mehr. Dennoch: als Kritik sind die 3 Bände nicht uninteressant. Aber es ist bedauerlich, dass es keine aktuelle komplexe Analyse gibt.
    Als Lösungsvorschlag kann man die Texte des 19. JH sicher nicht umdeuten.
    Und was Lenin betrifft:
    wer in den 1967er Jahren an Lenin interesiert war, na ja. Eine revolutionäre Stimmung oder gar Situation gab es damals wie heute nicht. Es fehlt uns eine aktuelle Theorie zur Analyse des enormen Nord-Süd-Gefälles. Wie kann man es erreichen, dass die unproduktiven Länder, welche ihre Jugend buchstäblich hängen lassen, sich strukturell ändern. Wie kommen wir an die Reichen dieser Länder und an die meist korrupten Politiker, wie kann man Sozialstaaten bauern und Änderungen erzwingen?
    Umverteilen (Piketty) ist sicher nicht der Weg. Es müsste das Humankapital in diesen Ländern eine Chance bekommen. Aber wie? Eine Anleihe an Marx hilft da nicht. Wieso gbt es keine Sozialstaatstheorie?

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    Lieber Alan Posener,
    Ihre Antwort auf Blumentritt ist erbärmlich. Er hat versucht Marx in einen ideengeschichtlichen Kontext zu stellen, der das idealistische, roman tische, dem 19.Jh. Zugehörige, betont. Sie bleiben bei Ihrer Jugendsünde, Marx schlicht zu übertrgen auf das, was gerade aktuell ist („Niederungen der Politik“). Das ist schlicht unsinnig. Entweder bleiben Sie bei den „Niederungen“, dann sollten Sie aber Ihren Beruf ernst nehzmen und aktzeptieren, dass es durchaus Arbeit ist, zu verstehen, was gerade passiert. Dazu passt dann aber so ein Rundwurf über Marx zu Picketty nicht (150 jahre in einem Topf)!

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      Liebe Monika Frommel, ich bemühe mich um einen sachlichen Ton in der Debatte hier, auch gegenüber Leuten wie dem Blonden Hans und selbst gegenüber einem Othmar Kaufmann. Dazu gehört dass ich einen Teil – einen viel zu großen Teil – meiner Freizeit der Beantwortung von Kommentaren widme; mal sind meine Antworten gelungen, mal weniger; dass Sie aber das Adjektiv „erbärmlich“ verwenden, das geht denn doch zu weit. Ich will gar nicht daran erinnern, dass ich Sie eingeladen habe, hier als Autorin zu schreiben, dass wir also Teil eines Teams sind. Auch wenn dem nicht so wäre, eine solche Bezeichnung wäre verletzend und unangebracht.
      Sie gehen weiter, indem Sie das Argument aller – na, ich lasse das Wort weg, das mein Zorn mir eingibt – aller KritikerInnen verwenden, denen es nicht um die Sache, sondern um die Person geht: „Sie bleiben bei Ihrer Jugendsünde, Marx schlicht zu übertragen auf das, was gerade aktuell ist („Niederungen der Politik“). Das ist schlicht unsinnig.“
      Über das „Übertragen“ werde ich gleich sachlich Rede und Antwort stehen. Der Hinweis auf die „Jugendsünde“ ist erstens sachlich falsch (hätten wir Marx „übertragen“ statt Lenin, Mao oder Stalin, es wäre uns besser bekommen) und zweitens eine von allen jederzeit (siehe Kaufmann) einsetzbare Keule, die gerade wegen ihrer Allzwecknützlichkeit Leuten zu denken geben müsste, die sich etwas auf ihr differenziertes Denken einbilden.
      George Orwell und Arthur Koestler, Ernst Reuter und Willy Brandt und Herbert Wehner waren gerade deshalb wichtige Zeugen gegen das totalitäre Denken, weil sie dessen Versuchungen kannten. Nur ganz miese Charaktere (und Konrad Adenauer in einem Anfall von Charakterlosigkeit 1961) warfen ihnen ihre Vergangenheit vor. Natürlich prägt das Leben das Denken. Ich habe hier über meine Zeit bei der KPD Zeugnis abgelegt. Aber jede Kritik darauf zu beziehen, ist schäbig.
      So, und nun inhaltlich: die Kritik, ich würde einen Text einfach aus dem Zusammenhang reißen und auf die Gegenwart anwenden, höre ich immer wieder, und das liegt daran, dass ich das auch tue. Ich gebe drei Beispiele:
      1. Ein befreundeter evangelischer Religionslehrer warf mir vor, ein „alttestamentarisches“ (will sagen: jüdisch-buchgläubiges) Bibelverständnis zu haben, weil ich seiner Interpretation des Wortes „Engel“ nicht zustimmen wollte. Er hatte während des Religionsunterrichts gefragt, „Was ist ein Engel?“ Dann schickte er jemanden vor die Tür, bat ihn hereinzukommen und sagte: „Seht ihr, das könnte ein Engel sein.“ Lehre: Wenn wir in jedem Menschen den potenziellen Engel sehen, leben wir besser. Der Lehre stimme ich zu. Ich bestand aber darauf, mit Hinweisen auf den Text, dass „Engel“ tatsächlich anderer Natur sind als Menschen. Dass also die Bibel mit „Engel“ nicht „gute Menschen“ meint. Weil ich finde, man solle einem Text nicht eine Bedeutung unterschieben, die er nicht hat noch haben kann. Wenn wir nicht an Gottes Heerscharen glauben, dann sollen wir sagen: „An diesem Punkt ist die Bibel gebunden an die von den Babyloniern und Ägyptern beeinflusste Gedankenwelt des Zweiten Tempels.“ Das gebietet, finde ich, die Aufrichtigkeit und die Achtung vor dem Text.
      Darin kommt, so sehe ich das jedenfalls, weder jüdische noch kommunistische Buchgläubigkeit zum Ausdruck, allenfalls die Skrupulosität des Deutschlehrers, der in tausend Abiturprüfungen immer wieder sagen musste: Sagen Sie uns bitte erst, was der Text sagt, bevor Sie zur Interpretation kommen. (Nicht um den Prüfling zu verunsichern, sondern um sicherzustellen, dass die Kommission ihm wenigstens eine 4 geben konnte für „Textverständnis“.)
      2. Mir wurde von evangelischer Seite vorgeworfen, meine Kritik an Luther („9,5 Thesen gegen Luther“) sei unbillig, weil ich ihn wörtlich nehme und von einem heutigen Standpunkt kritisiere statt „aus seiner Zeit heraus“ zu verstehen. Aber meine Thesen waren eine Antwort auf Margot Käßmann, die – ohne viel von Luther zu verstehen – gesagt hatte, Luther sei auch heute aktuell, es führe eine direkte Linie von der Freiheit eines Christenmenschen zu den „Idealen der französischen Revolution“ und zur Demokratie.
      Die „Kopf-ich-gewinne-Zahl -du -verlierst“-Argumentation kenne ich von religiöser Seite sehr gut: Erst wird die Aktualität behauptet: „Auch heute hat uns Jesus / Mohammed / Luther / Buddha / XYZ viel zu sagen …“ Wenn man aber darauf hinweist, was XYZ wirklich sagte, heißt es, das sei ja eben zeitbedingt zu verstehen. Natürlich ist es das. Ich bin es ja nicht, der eine Aktualität behauptet. Mit meiner Methode weise ich gerade darauf hin, dass man Texte und ihre Urheber nicht beliebig aktualisieren kann unter Weglassung all dessen, was einem nicht passt.
      Wer will festlegen, dass Luthers Antikatholizismus heute gültig ist, sein Antisemitismus aber nicht? Dass Luthers Wettern gegen die Wucher aktuell ist, sein Wüten gegen die Bauern nicht? Das gehört eben zusammen, man kann nicht aktualisieren, was einem passt, und das Unpassende für zeitbedingt erklären.
      3. Daher Marx und das Kapital: Anlass der Auseinandersetzung ist die Tatsache, dass dieses Werk 150 Jahre alt wird, und dass es dazu viele Veranstaltungen und Veröffentlichungen geben dürfte. Und nun: ist es historisch zu verstehen, im Rahmen der Biographie eines großen, wenn auch gequälten und widersprüchlichen Mannes? Ich denke, ja. Es hat uns heute wenig zu sagen.
      Ich bin es nicht, sondern andere, die glauben, Marx habe in geradezu genialer, aller Wahrscheinlichkeit widersprechenden Weise unsere heutigen Probleme vorhergesehen und analysiert. Schauen Sie auf den von Stefan Trute dankbarerweise zitierten Tagungsbericht, denken Sie an den Salonmarxisten Slavoj Zizek.
      Da nehme ich den Text ernst: Was sagt er? Und, ja, das ist ein von Lacan und wie diese französischen Meisterkritiker alle heißen, für altmodisch erklärtes Vorgehen. Für sie gilt einzig: Was sagt MIR der Text? Sie leugnen die Autorität des Autors. Sie leugnen sein Eigentum am Text. Marx ist, was Zizek daraus macht. Ich hingegen bestehe auf der auktorialen Autorität. Weder darf man mir die Worte im Munde umdrehen, noch darf ein anderer die Worte der Bibel, Luthers, Marx‘ oder sonst eines Autors einfach für sich aussagen lassen. Gegen Expropriation habe ich etwas, das gewiss seit Jugendzeiten. Dass das eine „Sünde“ sein soll – nun, sei’s drum.
      Lange Rede kurzer Sinn: Können wir bitte, bitte – die sich nicht daran halten, sind bekannt – zurückkehren zu einem Ton, der nicht verletzend ist?
      Martin Blumentritt habe ich übrigens eingeladen, als Autor auf „SM“ zu schreiben.

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        APo: ‚ich bemühe mich um einen sachlichen Ton in der Debatte hier, auch gegenüber Leuten wie dem Blonden Hans … ‚

        ‚Leuten wie‘, puuuh, immer ich! Übrigens hat das Tradition, schon im Schul-Zeugnis Jahrgangsstufe 8, stand geschrieben, ‚derblondehans‘ stört bewusst den Russischunterricht. Echt.

      2. avatar

        Lieber Posener, Sie schreiben „ich bemühe mich um einen sachlichen Ton in der Debatte hier, auch gegenüber Leuten wie dem Blonden Hans und selbst gegenüber einem Othmar Kaufmann.“ Da Sie mich als ganz „miesen Charakter“ hier vorführen, trage ich hier gerne den sachlichen Ton vor, denn sie mir gegenüber in der Diskussion zu ihrem Beitrag „Deutschlandradio Kultur lässt gegen Israel hetzen“ angeschlagen haben. Ich zitiere:
        „… obsessives und wenn keinerlei Sachkenntnis geprägtes Verhältnis wie Sie … Ehrenrettung des Faschismus sagt Ihnen zu, … weil sie charakterlich nicht anders können
        (1. Januar, 18:14 Uhr)
        „Sie waren, Sind und bleiben ein deutschnationaler, antiamerikanischer und antisemitischer Schmock … Ihre Dämonen und Obsessionen … (4. Januar, 7:53 Uhr)
        „das obsessive, krankhafte … vampirhaft, … Ihrer bekannten Phobie geschuldet, die sich nie um Tatsachen kümmert (5. Januar, 8:49 Uhr)

        Ich denke, Sie sind damit einverstanden, dass die Leser in dem Kommentarbereich von “ Deutschlandradio lässt gegen Israel hetzen“ meine Ausführungen darauf überprüfen, wie weit sie Ihre sachlichen Bewertungen verdient haben.

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    Lieber Alan Poser,
    ein paar Mißverständnisse lassen sich vielleicht ausräumen.
    „Sie sehen hoffentlich selbst, dass ein großer Teil Ihres Textes schlichtweg unverständlich ist. Und das kommt daher, dass man unverständlich werden muss, will man verteidigen, was nicht zu verteidigen ist. Das passierte schon Marx, der – ich wiederhole es – eine gespaltene Persönlichkeit war, einerseits progressiver kapitalistischer Globalist, andererseits deutschreaktionärer sozialistischer Romantiker, und sich nur gewaltsam – in Revolutionsfantasien und in begrifflicher Wortakrobatik – daraus befreien konnte.“
    Das Verständnis eines Textes kommt leider nicht wie aus der Pistole geschossen, insbesondere wenn es sich um Abbreviaturen* handelt, deren Elongatur* man selber im Kopf hat und im besten Falle dann im Rezipienten dann auch am Schluß ankommt, wobei mir bewußt ist, daß in solchem Falle die Unverständlichkeit dem Versuch sich verdankt, Mißverständnisse zu vermeiden und im Nebenbei solche auch wieder entstehen können. Marx war ein Kind seiner Zeit, die mehr im angelsächsischen Raum als in Europa, im Sinne eines temporalen Begriffs „romantisch“ genannt wurde, wo dann Denker, die vor allem auch gegen die Romantik angedacht haben als romantisch bezeichnet wurden, sogar Schelling, manchmal Hegel. Marx hatte einen durchaus romantischen Naturbegriff, wenn man an Novalis‘ „Die Landschaft könnte viel schöner sein“ denkt, weil die Natur auch von ihren Potentialen her betrachtet wird, was vor allem Bloch und darin verwandt Adorno überhaupt ernstgenommen wurde. Lukacs‘ „Zerstörung der Vernunft“, von der Adorno einst sagte, es sei vor allem auch die seiner eignen, hat sehr viele Denker des 19. Jh. über den Leisten des Irrationalen geschlagen und für reaktionär gehalten, seinen frühen literarischen Aufsätzen widersprechend, wohl aus Kniefall vor dem ML und dem Stalinismus. (Die mit * bezeichneten Begriffe finden sich bei Novalis und sind eine Erfahrung romantischer Liebe: „Die Geliebte ist die Abbreviatur des Universums. Das Universum ist die Elongatur der Geliebten.“) Gespalten erscheint Marx vor allem dann, wenn der Begriff Widerspruch, der besagt, man solle nicht zugleich (Zeit) und in gleicher Hinsicht einem Subjekt ein Prädikat zusprechen (contradicition in adjecto). Wenn einmal die Potentiale der Progression des Kapitals gemeint sind, etwa wenn das kommunistische Manifest die Tendenz lobt, alles Traditionale zu verdampfen und das sehr wohl global, so daß U.Beck das in seinem Globalisierungs-Buch als neoliberal anmutend bezeichnen konnte, besagt daß nicht, daß er die Wirklichkeit dieser Entwicklung ebenso rechtfertigt, weil er auch die Kosten oder den Preis solcher Entwicklung bezeichnet, etwas was dann später von Adorno/Horkheimer als Dialektik der Aufklärung bezeichnete, das diese Zurkenntnisnahme einer Antinomie der Entwicklung, keineswegs – was auch immer das heißen soll – reaktionär sei, wie man das „undialektisch“ bei Pascal, Kierkegaard usw. findet und im Opfer des Intellekts mündet, hat Adorno in den Stichworten „Vernunft und Offenbarung“ Abschnitt 3 deutlich ausgesprochen.

    „Weil zuviel Denken, unbeirrbare Autonomie die Anpassung in der verwalteten Welt erschwert und Leiden bereitet, projizieren Ungezählte dies ihr gesellschaftlich diktiertes Leiden auf die Vernunft als solche. Sie soll es sein, die Leiden und Unheil über die Welt gebracht hat. Die Dialektik der Aufklärung, die in der Tat den Preis des Fortschritts, all das Verderben mitbenennen muß, das Rationalität als fortschreitende Naturbeherrschung bereitet, wird gewissermaßen zu früh abgebrochen, nach dem Modell eines Zustands, dessen blinde Geschlossenheit den Ausweg zu versperren scheint. Krampfhaft, willentlich wird verkannt, daß das Zuviel an Rationalität, über das zumal die Bildungsschicht klagt und das sie in Begriffen wie Mechanisierung, Atomisierung, gern auch Vermassung registriert, ein Zuwenig an Rationalität ist, die Steigerung nämlich aller kalkulierbaren Herrschaftsapparaturen und – mittel auf Kosten des Zwecks, der vernünftigen Einrichtung der Menschheit, die der Unvernunft bloßer Machtkonstellationen überlassen bleibt, und zu der das Bewußtsein, getrübt von unablässiger Rücksicht auf bestehende positive Verhältnisse und Gegebenheiten, sich überhaupt nicht mehr zu erheben getraut. Wohl ist einer ratio, die sich nicht, als stures Herrschaftsmittel, frevelhaft verabsolutiert, Selbstbesinnung geboten, und davon drückt das religiöse Bedürfnis heute einiges aus. Aber diese Selbstbesinnung kann nicht bei der bloßen Negation des Gedankens durch sich selbst, bei einer Art von mythischem Opfer stehenbleiben, nicht durch einen »Sprung« sich vollziehen: der ähnelte nur allzusehr der Katastrophenpolitik. Sondern Vernunft muß versuchen, die Rationalität selber, anstatt als Absolutes sie sei es zu setzen, sei es zu verneinen, als ein Moment innerhalb des Ganzen zu bestimmen, das freilich diesem gegenüber auch sich verselbständigt hat.“
    Das verdankt Marx mehr als Marxisten Adorno zugestehen wollen. Wenn Walter Benjamin von Revolution nicht als Lokomotive, sondern Bremse spricht, geht es um die Kritik der Affirmation der kapitalistischen und politischen Entwicklung, nicht darum das revolutionäre Potential zu zerstören, sondern es vor der falschen Tendenz zu bewahren.
    „Sie verehren, wie ich Ihrer Website entnehme, Adorno als „Hausgott“, der Marx konsequent hin zu einer reaktionären Theorie der kontemplativen Aufklärungskritik weiterentwickelt hat. Das sei Ihnen unbenommen, aber wenn ich auf Ihrer Webseite Ihre durchaus bemerkenswerten Artikel etwa gegen die Neue Rechte (von 1998!) lese, dann sehe ich, dass Ihnen dabei weder Marx noch Adorno nutzt.“
    NB „Hausgott“ klaute ich damals von dem Komponisten Mathias Spahlinger, der damit allerdings Hölderlin meinte.
    Wie gerade dargelegt, ist die Kritik der Aufklärung – der Genitiv ist amphibolisch – ebenso eine aufklärerische, die Selbstbesinnung, von der da die Rede war. Daß man auch bei Marx schon so etwas findet, mag erstaunen, aber gerade da ist das eben kein Widerspruch, außer vielleicht der von Möglichkeit und Wirklichkeit, den man gerade im Kapital findet. Gegen die vita contemplativa (Aristoteles bios theoretikos) habe ich im Übrigen weniger etwas, dies Moment gegen besinnungslose Praxis verteidige ich gern, zumal der Primat der Praxis, wie z.B. Heidegger die gesamte Metaphysik absichtlich verkehrt, auch Marx‘ Feuerbach 11. nicht gerecht wird, der mehr mit Blochs Diktum „Prius der Theorie, Primat der Praxis“ wiedergeben wird, nämlich eine Praxis unterhalb der Möglichkeiten der Theorie auch nicht meint.
    „So auch hier, wenn Sie vom Wartungspersonal beim ICE reden: im Rahmen der Marx’schen Werttheorie nur Leute, die „faux frais“ verursachen, wie Buchhalter, Aufseher usw. Aber dazu kommen wir noch, wenn wir die Werttheorie unter die Lupe nehmen.“
    Der Buchhalter fällt sicher nicht unter produktiver Arbeit, der Aufseher ist wie der Dirigent für die musikalische Aufführung, wichtig, hinsichtlich der Produktivierung durch Arbeitsteilung, ohne allerdings, da hatte F.Engels recht, damit rechtfertigen zu können, daß ihm dann die Musikinstrumente gehören müßten. Funktionär und Eigentümer des Kapitals rechtfertigen sich nicht gegenseitig.
    „Kurzum: Ihre ganze „Neue Marx-Lektüre“ von 40,50 Jahren (was für eine Verschwendung „disponibler Zeit“!) nützt gar nichts, wenn sie nicht unter dem kategorischen Imperativ der letzten Feuerbachthese steht: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kömmt drauf an, sie zu verändern.“(Marx)“
    Kategorisch ist der Imperativ allerdings nicht. Das setzte voraus, daß die Interpretation schon zureichend gewesen wäre und das leitet über zum 1.Satz der Negativen Dialektik. Das nicht, weil Marx nicht sein Bestes tat, sondern auch, weil die Anatomie des Menschen Schlüssel der des Affen ist, wir den „Kapitalismus“ aus einer weiterentwickelten Perspektive betrachten, was zu einer Marx-Lektüre immer mitgehört, aber auch wie bei Wagenknecht zum Rückfall hinter bei Marx schon Begriffenen führen kann, die Krise als Finanzialisierung des aktuellen Kapitalismus zu begreifen, ist mehr eine Apologie von links, die dann ja auch bei „Luftig Ährquark“(John Lennon) oder Ordoliberalismus – wie ironisch auch immer – sich anschleimt.
    PS Piketty direkt, unmittelbar auf Marx zu beziehen, dürfte schwierig sein, zumal jener sich damit brüstet, ihn nie gelesen zu haben. http://www.theorieblog.de/inde.....word/print
    Der Link beinhaltet einige Verschiedenheiten zwischen Marx und Piketty.

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      Viele interessante Gedanken, lieber Martin Blumentritt, aber zum Punkt kommen Sie nie. Nosotros, die wir versuchen, uns zu bestimmten Sachverhalten eine begründete Meinung zu bilden, wie etwa: Mindestlohn ja oder nein? Freihandel ja oder nein? Wie können wir am besten die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas fördern? Was heißt Nachhaltigkeit im Wirtschaftsleben? – Wir also, die in den Niederungen jener Fragen wühlen, die Sie unter Worthülsen begraben, finden in jenen geistreichen Hülsen wenig, was uns weiterhilft. Und das ist die schlimmste Anklage, die man einer Theorie machen kann.

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        Das wundert mich allerdings nicht. Die Problemstellung, ob der Donald Trump lieber Freihandelspolitik oder Merkantilismus treiben soll, hatte Marx nicht, sondern setzte – nicht ohne Häme – einige unartige Bemerkungen gegen die letzte Form der Politischen Ökonomie (MEW 26.3/S. 492) als Professoralform, die Grabstätte der Wissenschaft der Ökonomie.
        Marx hatte bereits den objektiven Schein, die Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise aufgedeckt, der Ausdruck des realen Unvermögens der Menschen, autonom über die Ressourcen zu verfügen, ist. Vorschläge für eine Praxis, die das genaue Gegenteil bereits in der Fragestellung voraussetzen, würde er – lebte er noch – abweisen müssen und sagen, daß seine Fragestellung die revolutionäre Überwindung dieses Unvermögens sei, wodurch dann möglich wäre, das usurpatorische Verhältnis der Menschen zueinander und zur Naturaufzuheben, wozu nur frei assoziierte Produzenten mächtig wären. Die Neoliberalen haben deutlich gemacht, daß ohne diese Voraussetzung, eine Erkenntnis von Gesellschaft nicht möglich sei und machen ihre Ohnmacht und Not zur Tugend. Obwohl durch den Keynsianismus widerlegt, konnte in den 70er Jahren daher auch eine, wie manche das mal nannten, neoliberale Konterrevolution stattfinden, die allerdings nur den Keynesianismus nach dem Nietzschen Motto: „Was fällt, soll man stoßen.“ behandeln mußte.
        Sicher kann der von Marx belehrte diverse hypothetische Konstruktionen durchspielen, wie auf bestimmte staatliche, bankliche und einzelbetriebliche Maßnahmen, das Gesamtsystem reagieren würde. So diskutierte Marx die Currency-Banking Kontroverse, um das kategoriale Werkzeug zu erweitern. Als Gold als Weltgeld nicht mehr praktikabel war, der Goldfaden riß, haben die Folgesysteme auch nicht geholfen, weil ein Zurück zur Goldwährung unmöglich war, Systeme wie Bretton Woods aber auch zum Scheitern verurteilt war, genauso wie der sowjetmarxistische Staatskapitalismus.
        So hilft es vielleicht an den Protest Marxens gegen Wagner zu erinnern (Randglossen zu Adolph Wagners Lehrbuch der politischen Ökonomie), wo Marx die Behauptung er hätte ein „sozialistisches System“ aufgestellt, zur Wagners Phantasie erklärt. (MEW 19, 357)
        Die Kritik der Politischen Ökonomie zeichnet eine Logik der Entfremdung nach, ohne Absicht diese zu verbessern, weil sie das wirkliche Problem darin sieht, daß das Bewußtsein objektiv in Antinomien bewegt. So kommt es, daß Überfluß und Elend eine unmittelbare Einheit sind. Daher übertrumpfen auch die in der Tradition von Veblen, Riesman und MIlls stehenden Kapitel X/XI von Barn/Sweezy den flachen politökonomischen Teil, Dinge, die man aus sozialer Gesinnung gar nicht mehr zu denken wagt, schließlich erweisen sich auch die Privilegierten als solche, die keine Perspektive zu bieten haben. Marx hat das antizipieren können, obwohl er das, was er in abstracto darstellte und mittlerweile in erschreckender Weise sich konkretisiert hat, nicht anschaulich vor sich hatte.

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    Rasmus, das ist des Pudels Kern. Warum sollte man sich an seinen Elaboraten heute noch derart abarbeiten? Große Teile seiner Annahmen sind überholt, seine „Gesetzmäßigkeit“ einer bevorstehenden und reinigenden „Diktatur eines Proletariats“ auf tödliche Weise ad absurdum geführt. Legt ihn zur Seite, sonst gerät das ganze Gebrabbel (ich kann ihren Sätzen nicht wirklich folgen, Herr Blumentritt) noch zur Religionswissenschaft (wenn es das nicht schon spätestens seit 1917 ist).

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    Guten Morgen oller Kalle Marx, ja, heute würde dir Jenny deine Texte mit dem computer
    schreiben und nicht mehr handschriftlich…ob sie es heute überhaupt noch tun würde,
    ist auch die Frage, oder ob Verdi einschreiten würde…und vom wem du heute Kredit
    bekommen würdest und welchen Verlag… Jakob Augstein würde dir wie Todenhöfer
    publizistisch Platz verschaffen u.a.
    Ich kann das Unternehmen von Alan Posener nur begrüssen, da auch an der Fehllektüre
    des Kapitals viel über die Fehllektüre des Koran und anderer ideologisch mythologisch
    überhöhter Bücher und MÄnner, die sie geschrieben haben, zu lernen ist.
    Monika Frommel stimme ich in ihren Bemerkungen zu dem, was Marx gar nicht
    sehen und erkennen oder bedenken konnte zu, Ausserdem habe ich die Ökologie- und
    die Frauenfrage ,neue Gerechtigkeitsfragen nach meiner Lektüre der Grundrisse und des Kapitals Ende der 60ger Jahre in Rebellion gegen den Meisterdenker und seine dogmatischen oder gewalttägigen oder dummen Anhänger entdeckt, Seine Frühschriften
    haben mich als Studentin begeistert, da sie nah an Philosophie und Theologie und utopischer Poesie sind.Doch später habe ich in Lateinamerika und Afrika und beim eigenen Nachdenken und Betrachten der Wirklichkeit zeitgemässeres und komplexeres Denken gerade auch in der historischen Praxis gefunden.KLüger als Rechts und Linksextreme und Islamisten, mit denen wir uns heute rumschlagen müssen, war er allemal.

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      Liebe Eva Quistorp, es KANN doch nicht so schwierig sein, einen Text zu schreiben, in dem nicht willkürlich Absätze vorkommen. Wenn Jenny Marx, wie Sie schreiben, einen Computer verwenden würde, können Sie das auch. BITTE prüfen Sie Ihre Texte VOR dem Veröffentlichen auf Lesbarkeit. Nicht meinetwegen. Ihretwegen. Sie wollen doch gelesen werden?

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    Danke, Herr Posener, für den hochinteressanten Artikel und die Diskussion bisher. An Marx kann man sich abarbeiten und ihm Fehler nachweisen. Seine Theorie ist jedoch von erstaunlicher Prognosekraft, vor allem im Vergleich zu anderen Theorien. So fragte der „Independent“ im Frühjahr 1998 angesichts der Fusion von Daimler und Chrysler: „Was He Wrong All Along?“ Und apropos Prognose: Lesen Sie nochmal den Jahresbericht der Wirtschaftsweisen von 2007. Der grenzt schon an Comedy. Dass sich ein Herr Professor Sinn noch traut, irgendwo öffentlich aufzutreten…
    Der Haupteinwand gegen Marx ist für mich: Gesellschaftsgeschichte ist keine Naturwissenschaft, es sei denn, man glaubt an die Prädestination (es gibt ja auch Physiker, die das tun). Die Menschheit entwickelt sich nicht notwendig in einen bestimmten Zustand.

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      Lieber Stefan Trute, man kann Marx vieles unterstellen; dass aber seine Theorie von „erstaunlicher Prognosekraft“ wäre, halte ich eher für einen gelungenen Witz. Marx sagt selbst im berühmten Brief an Joseph Weydemeyer, dass seine ökonomische Theorie eigentlich nur eine Paraphrase der Werke von „bürgerlichen Ökonomen“ wie Adam Smith und vor allem David Ricardo sei (was stimmt): „Was ich neu tat, war
      1. nachzuweisen, dass die Existenz der Klassen bloß an bestimmte historische Entwicklungsphasen der Produktion gebunden ist;
      2. dass der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt;
      3. dass diese Diktatur selbst nur den Übergang zur Aufhebung aller Klassen und zur klassenlosen Gesellschaft bildet.“ (MEW 28, 507f.)
      Wozu man eigentlich nur sagen kann: LOL.

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        Lieber Herr Posener, bei Punkt 2 und 3 lache ich mit. Bei der Behauptung der „erstaunlichen Prognosekraft“ beziehe ich mich auf Wassili Leontjew, der Marx eine „brillante Analyse der langfristigen Entwicklungstendenzen des kaptalistischen Systems“ zuschreibt und hervorhebt:
        „The record is indeed impressive: increasing concentration of wealth, rapid elimination of competition, incessant technological progress accompanied by the ever growing importance of fixed capital, and, last but not least, the undiminishing amplitude of recurrent business cycles – an unsurpassed series of prognostications fulfilled, against which modern economic theory with all its refinement has little to show indeed.“ (W.Leontjew, zitiert in: Steinvorth, U., Böhm-Bawerks Marx-Kritik. Eine Kritik ihrer Engelsschen Voraussetzungen, Zeitschrift für Soziologie, Jg.6, H.3, Stuttgart 1977, S.302. Steinvorth macht hier die interessante Bemerkung, dass „Marx‘ Aussagen und Voraussagen über wirtschaftliche Vorgänge (…) positiver eingeschätzt (werden) als die Grundpfeiler, auf denen sie ruhen sollen. Der Schluss liegt nahe, dass die Grundpfeiler Fassade sind und das Gebäude sich selbst trägt.“ Ebd.)

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        Lieber Stefan Trute, nehmen wir Leontjews Punkte einzeln:
        1. „increasing concentration of wealth“
        Wie Thomas Piketty nachgewiesen hat, stimmte das für die Periode zwischen etwa 1918 und Ende der 70er Jahre, vor allem für die „30 glorreichen“ Nachkriegsjahre gerade nicht. Noch 1994 hält Piketty diesen Faktor nicht für so wichtig bei der Beurteikung der Ungleichheit. Inzwischen wieder. Warum das so ist, das analysiert er, ohne auf Marx Rekurs zu nehmen.
        2. „rapid elimination of competition“
        Absolut unwahr. Ganze Firmen und Industriezweige sind verschwunden wegen des Vorhandenseins der Konkurrenz; schauen Sie an, welche Unternehmen damals die Bundesrepublik dominierten, und wo sie heute stehen. Heutige Weltunternehmen wie Apple und Microsoft, Google und Facebook, Amazon, Samsung, Hyundai, Lenovo existierten entweder nicht oder waren von allenfalls lokaler Bedeutung. Auch hier, ich muss es zugeben, scheinen wir in den letzten 10 Jahren eine Verlangsamung dieser Selbsterneuerung des Kapitalismus zu sehen, so habe ich es jedenfalls im „Economist“ letzte Woche gelesen. Woran das liegt, wäre zu hinterfragen, und auch hier denke ich, dass Marx weniger hilft als zum Beispiel Maria Mazzucato. 1977 jedenfalls war diese Aussage absurd.
        3. „incessant technological Progress“
        Yep. Marx war aber der Meinung, erst im Sozialismus würden die Produktivkräfte wirklich enthemmt sein. Ähem.
        4. „…accompanied by the ever growing importance of fixed capital.“
        Nope. Siehe oben Apple, Google usw. Die Vorstellung des 19. Jahrhunderts, die Zukunft läge in immer riesigeren Maschinen, hat sich als falsch erwiesen. Gewiss, beim Bau von Autos, Flugzeugen, Schiffen und dergleichen stimmt die Aussage. Aber erstens werden nicht zufällig Autofabriken nach Mexiko und Tschechien exportiert. Wäre vor allem das fixe Kapital wichtig, wäre es unsinnig, auf die Lohnhöhe zu achten. Und zweitens kann eine solche Aussage die Entstehung von Dienstleistungsgesellschaften nicht erklären. Das ist halt die Gedankenwelt von 1977.
        5. „the undiminishing amplitude of recurrent business cycles“
        Stimmt so nicht, bekanntlich. Die Amplitude ließ gerade nach, als dieser Vortrag gehalten wurde, und blieb relativ flach bis zur Großen Rezession von 2007ff. Wie die nächste sein wird, wissen wir nicht. Dass es solche Zyklen gibt, wurde weder von Marx entdeckt noch wird das von irgendeinem Ökonomen ernsthaft bestritten. Freilich hatte Milton Friedman 1963 die Ursachen solcher Krisen völlig anders analysiert als vor ihm Adam Smith, Karl Marx oder John Maynard Keynes. Das war 1977 noch nicht bis in marxistische kreise vorgedrungen. Die Anwendung monetärer Lösungen im sinne Friedmans auf die Große Rezession erwies sich in den USA und Großbritannien als bemerkenswert effektiv. Marx hatte dafür keine Lösungen anzubieten. Die Eurozone leider auch nicht.

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      Lieber Herr Posener, erlauben Sie mir noch eine kritische Anmerkung zu Ihrer Vermutung, die 450 000 „Ostdeutschen“ hätten eine „positive Auslese“ dargestellt. Da für mich nicht ersichtlich ist, anhand welcher Kriterien Sie „positive Auslese“ definieren und in welchem Zusammenhang innerhalb Ihrer Argumentation diese Behauptung steht, bitte ich Sie um Aufklärung, nur um diese Bemerkung nicht vorschnell als dumm und unverschämt qualifizieren zu müssen.

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        Lieber Stefan Trute, die Migrationsforscher haben in Ihrer Untersuchung großer Auswanderungsbewegungen – etwa der Deutschen, Iren und Juden nach Amerika im 19. und 20. Jahrhundert – festgestellt, dass in der Regel junge, gesunde, optimistische, leistungsbereite, unternehmungslustige und intelligente Menschen solche Risiken auf sich nehmen, während naturgemäß alte und kranke Menschen, aber auch ängstliche und konservative eher zurückbleiben.
        Wir erleben das ja auch heute in Europa, wobei das oft den Migranten vorgeworfen wird. Sie seien ja nicht die Ärmsten der Armen, sie verfügten über Geld und Kontakte, sie würden sich schnell im kriminellen Milieu breit machen (vgl die Juden, Italiener und Iren in den USA) und so weiter. In England wird den Polen vorgeworfen, sie würden den Einheimischen die Arbeit wegnehmen, und das stimmt, weil sie oft härter und besser arbeiten; auch in Frankreich und Holland ist der „polnische Klempner“ ein Kampfbegriff. Auf hiesigen Baustellen, in der Landwirtschaft und im Pflegebereich läuft ohne Polen und andere Osteuropäer mittlerweile nichts mehr.
        Nun bleibt natürlich nicht nur eine Negativauslese zurück. Frauen zum Beispiel bleiben oft zuhause, um sich um die Kinder und die Alten zu kümmern, insbesondere wenn es dafür nicht – wie in Osteuropa – eine vorhandene öffentliche Infrastruktur gibt. Auch ist Liebe zur Heimat und Unwille, sie zu verlassen, nicht per se negativ. Dennoch bedeutet der Weggang so vieler Menschen mit den beschriebenen Charakteristiken, dass sich die Zusammensetzung der Zurückgebliebenen negativ verändert.
        Das war für die DDR schon vor 1961 eine Belastung, als vor allem Ärzte, Unternehmer und andere Hochqualifizierte massenweise weggingen, und wurde für den Osten nach 1989 wieder zu einem Problem. Jetzt haben wir im Osten das paradoxe Problem eines Fachkräftemangels, ausgelöst bereits durch einen recht bescheidenen Wirtschaftsaufschwung.
        Sie mögen solche Befunde als „dumm und unverschämt“ abqualifizieren; aber ich sehe durchaus einen Zusammenhang zwischen der Dummheit und Unverschämtheit etwa der Pegida-Bewegung und dem Weggang so vieler Menschen, die eine andere Lebenseinstellung haben.
        Es bleibt jedem unbenommen, das Gegenteil zu behaupten. Wer zuhause bleibt, ist heimattreu und erdverbunden, familienfreundlich und verantwortlich, moralisch und kulturell geerdet; dass diese Menschen fürs Kapital nicht so verwertbar sind, spricht ja gerade für sie. Das ist denn auch die Ansicht der Identitären, die ich in der Auseinandersetzung mit Liane Bednarz um einen Artikel von Patrick Bahners als legitim bezeichnet habe.
        Ich persönlich aber glaube, dass die Zukunft der Menschheit, um es einmal so pathetisch zu formulieren, vom Vorhandensein jener Elemente abhängt, die man besonders ausgeprägt in Migranten findet, und die ich darum als positiv bezeichne, während ich deren Fehlen oder schwache Ausbildung als negativ empfinde. Wäre ich Japaner, ich würde mir um die Zukunft meiner alternden, homogenen Nation Sorgen machen. Für die Identitären hingegen ist Japan ein Vorbild. Bitte, man muss sich entscheiden.

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        Lieber Alan Posener, ich hörte gerade im DLF einen, wie er sich selber nennt: ‚Klavierkabarettisten‘ Bodo Wartke
        https://www.youtube.com/watch?v=rRy_Fhr6j2Y
        Aufgrund der Einwände von Stefan Trute:
        Ist der derzeitig existierende globale Kapitalismus noch ein emanzipatives Projekt oder mutiert er nicht doch mittlerweile zu einer programmatischen Ideologie?

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        Lieber Klaus J. Nick, exzellente Frage. Lenin beantwortet sie in „Der Imperialismus als höchste Stufe des Kapitalismus“ dahingehend, der Finanzkapitalismus sei sterbender Kapitalismus, demgegenüber auch der Aufstand der feudalen Afghanen progressiv sei. Ich würde ihm in beiden Punkten widersprechen.

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        Ich würde Lenin auch wie Sie in beiden Punkten widersprechen, sind doch die Kredite der ‚Finanzkapitalisten‘ die einzige real existierende Möglichkeit für Nichtkapitalisten, dem Feudalismus in Form der ewigen Kapitalbesitzer (mir geht dabei ein Bild von dem TRIGEMA-Besitzer Grupp nicht aus dem Kopf) zu entgehen. Das gleiche gilt wohl auch für Bildung und sozialen Aufstieg. Soweit der nüchterne Blick auf die Vergangenheit, wobei die Gegenwart aber doch zeigt, daß sowohl Kreditnahme, wie auch Bildungsaufstieg offensichtlich genauso an Attraktivität verlieren, wie Karriere zu machen. ich meine das ist doch das, was der Kabarettist anspricht. Da ich nun nicht glaube, daß das alles auf ’spätrömischer Dekadenz‘ beruht, vermute ich doch eher – in meinem unerschütterlichen Glauben an die Verhaltensökonomie eines homo ökonomicus – das die Großraumbüroexistenz in Vollzeit und die traurige Fertigpizza am Abend, die die Absolventen in der Regel erwartet, nicht dem Traum von Selbstwirksamkeit entspricht, den sie sich erhofft haben. Ich meine, irgendeinen Grund muss doch die Nonchalance haben, mit der so viele sehr oft alles andere als doofe Neurechte bisherige ‚linke‘ Errungenschaften, die gerade ihnen oft das Studium und die eigene Emanzipation ermöglicht haben, wegwerfen, anstatt ihrer Unzufriedenheit wirklich auf den Grund zu gehen. Lieber Alan Posener, ich erwarte überhaupt keine Antwort auf eine solche offene Frage, deren Antwort ich selber noch nicht mal ansatzweise erahnen kann. Ich glaube lediglich, meine Bestandsaufnahme als einen ‚Schrei‘ nach (einer anderen Form von?) Wachstum zu identifizieren.

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    „Ihnen wird beim Schreiben aufgefallen sein, dass in Ihren Zitaten Marx verschiedene Definitionen von „Reichtum“ benutzt – von freier Zeit über Freiheit der Selbstentfaltung bis hin zu dem, was Piketty „Humankapital“ nennt.“
    Ja, das sind die verschiedenen Aspekte der disponible time. Was Marx Produktivkräfte nennt, hat da eine wesentliche Entsprechung und begründet auch seine Lobpreisungen des Kapitals (Kapitalismus verwendet er ja noch nicht, das stammt vermutlich von Max Weber), weil es das Potential an Freiheit erzwingt und kritisiert gleichbermaßen, daß diese von den Individuen nicht angeeignet wird, sondern zur Eigenschaft eines Systems geworden ist, das sich verselbständigt hat. Dieses Potential ist zugleich Gebrauchswert des Kapitals seinen Wert zu vermehren. Wert als „bloßes Kommando über fremde Arbeit“ ist auch eine Form von disponible time. Die heutigen Systemtheorien sei es Luhmann, Becker, Nassehi haben der Zeit großen Raum gegeben, letzterer hat sogar eine soziologisch-historische Abhandlung geschrieben. Da findet man durchaus ergänzende Termini, etwa „Anschlußfähigkeit“, die auch kritisch gebraucht werden können, wobei Zeit als modaler Begriff wichtig wird, eben weil es um Potentiale geht, die systemisch reglementiert werden im Sinne der „invisible hand“. Vor dieser hatten die alten Liberalen Respekt, die neuen haben vor ihr resigniert und der Respekt ist der Angst gewichen.
    „Und da kommen, wie Sie wissen, bei Marx ein paar lahme Sätze über die „freie Assoziation“, über eine Gesellschaft, in der ich morgens Schäfer und nachmittags kritischer Kritiker sein kann, oder über die volle Entfaltung der Produktionsmittel, die es jedem erlauben, „nach seinen Bedürfnissen“ zu leben. Kurzum: das bleibt sehr dürr.“
    Das Bedürfnis, den Menschen zu sagen, wo es lang gehen soll, das wäre eine Interpretation im Sinne einer Rezeptthese, verachtete Marx, er wollte nicht auftrumpfen nach dem Motto: „Hier ist die Wahrheit knie nieder!“ Aber genau dieses Bedürfnis hatten die Marxisten, zu denen Marx nicht zählen wollte, aber manchmal doch hinter seine Kritik zurückfiel. Die Produktionsmittel, also technischen Produktivkräfte, waren einerseits die Naturalform des Kapitals, andererseits aber auch innig verknüpft mit den Produktionsverhältnissen, obgleich Marx auf die Produktivkräfte sich eine größere Autonomie erwartete, die aber gerade bis heute nicht eintrat, weswegen die Revolutionstheorie auch in die Krise geriet, was sein Theorem der „reellen Subsumtion unter das Kapital“ auch hätte erklären können, wenn Marx die Einsicht hätte haben wollen. Uns ist sie aufgezwungen, in weiten Teilen erklärt Marx uns, aber nicht sich, das schon damals absehbare Scheitern der Arbeiterbewegung, die immer wieder Thema des westlichen Marxismus war, im weitesten Sinne der Kritischen Theorie des 20./21. Jahrhunderts.
    Wenn „das Individuum mit seinem Anspruch auf „Reichtum“ im strikten Gegensatz zur „bürgerlichen Gesellschaft“ ist zu bedenken, daß der Gegensatz selber dialektisch zu verstehen ist und der Gegensatz – wie bei Kants Antinomien – eine Modalitätsunterschied hat, Möglichkeit vs. Realität und das weniger „eine erstens romantische, zweitens undialektische Haltung“ ist. Romantisch ist eher Lenin oder der junge Lukacs, sofern das revolutionäre Potential dem Proletariat nur zugeschrieben wird, so wird dann doch aus der Diktatur des Proletariats eine der Idee des Proletariats über dieses.
    Erst in der Kritik des Gothaer Programms geht die beim jungen Marx noch vertretene Arbeitsmetaphysik zugrunde, die Lobpreisung der Arbeit ist eben doch nur die derjenigen, die über fremde verfügen. Der Tadel gegenüber mühelosen Einkommens – man kennt das auch von E.Sieyes, Was ist der Dritte Stand – der sich gegen den Adel oder heute gegen Asyslanten und Hartz4-Empfänger richtet, war nicht Sache Marxens, außer vielleicht in der Kategorien des Lumpenproletariats. Da war er gelehriger Schüler des Paul Larfague, der ein „Recht auf Faulheit“ geschrieben hatte, was auch wirklich als Recht, also universell, und nicht als Schmarotertum zu denken ist. Auch das steckt im Begriff des Reichtums. Der ewige Student, beneidet von allen, die ihre Gesundheit mit der maßlosen Vermehrung des Wertes oder mit Arbeit ruinieren, ist dabei auch eine Produktivkraft, wenn auch keine technische, die den Reichtum für alle vermehrt, aber heute mehr ein schöner Traum, weil der akademische Betrieb mehr und mehr verschult und auf baldige Effiziens ausgerichtet ist.
    Wie in der Werbung mal aufgetrumpft wurde: „Mein Haus, Mein Auto…“ sind die Vorstellungen von Reichtum tatsächlich die von möglichst vielen Waren oder dem „König der Waren“ das Geld, damals zwar schon binnenökonomisch ersetzbar durch Wechsel und Banknoten usw. aber noch nicht auf dem Weltmarkt, so daß Marx zwar die prinzipielle Substituion der metallischen Währung dachte, aber nicht global. Und dies wohl auch, weil er die prinzipiellen Schwierigkeiten ahnte, die das bedeutete, wenn Geld dann Gegenstand von internationalen Verhandlungen wird, permanente Krise, wie wir sie heute ja kennen. Als der „Goldfaden riß“(Polany) machte die Unmöglichkeit eines Weltsouveräns dem einen Strich durch die Rechnung, auch wenn dieser als Wahn des Weltsouveräns fortlebt.
    Ostentativer Konsum kennen wir heute vor allem von Neureichen, deren Vorstellung von Reichtum die ungeheure Warensammlung – bei sich zu Hause – ist. Die Hoffnung auf müheloses Einkommen, um eine ungeheure Warensammlung zu haben, etwa der Lottogewinn, ist verbreitet, wenn auch sie dem Ressentiment widerspricht gegen H-IV Empfänger und Flüchtlingen, die ja gebraucht werden, um Sozialleistungen zu kürzen, die nötig werden, weil die Produktion von Produktionsmitteln tendenziell mehr wächst als die für die Lebens- oder Konsumtionsmittel. Das erklärt allerdings auch weswegen die Formel der Gesellschaft geht die Arbeit aus unrichtig ist, sie verschiebt sich nur in eine andere Abteilung. 1000 Leute mit der Postkutsche von Frankfurt nach Berlin zu fahren brauchte unmittelbar zwar mehr Personal als die Reise mit dem ICE, aber auch dieser muß gewartet, kontrolliert und vor allem erst einmal, wie die Bestandteile dafür, gebaut werden. Sonst wäre tatsächlich der Fall der Profitrate mehr als tendenziell und auch nur ein mathematisches Problem, arbeitssparende Investionen entsprechen auch kapitalsparende, was allerdings von Marx nur zu lernen ist, wenn man nicht nur Band 1 liest. Die NML – neue Marx Lektüre – hat aber 40 gar 50 Jahre, die schwer verständlichen Passagen gelesen und zu klären versucht, auf dem Flohmarkt findet man daher weniger Kapitalbände 1, deren Anstreichungen im Fetischkapitel versiegen.
    Ich wünsche weiterhin gute Kapitallektüre und viel Spaß dabei.

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      Lieber Martin Blumentritt, Sie sehen hoffentlich selbst, dass ein großer Teil Ihres Textes schlichtweg unverständlich ist. Und das kommt daher, dass man unverständlich werden muss, will man verteidigen, was nicht zu verteidigen ist. Das passierte schon Marx, der – ich wiederhole es – eine gespaltene Persönlichkeit war, einerseits progressiver kapitalistischer Globalist, andererseits deutschreaktionärer sozialistischer Romantiker, und sich nur gewaltsam – in Revolutionsfantasien und in begrifflicher Wortakrobatik – daraus befreien konnte.
      Dass man zu jedem Marx-Zitat auch ein gegenteiliges Zitat findet, verbindet ihn mit den großen (falschen) Propheten der Weltgeschichte, Jesus, Mohammed, Luther, Freud…
      Sie verehren, wie ich Ihrer Website entnehme, Adorno als „Hausgott“, der Marx konsequent hin zu einer reaktionären Theorie der kontemplativen Aufklärungskritik weiterentwickelt hat. Das sei Ihnen unbenommen, aber wenn ich auf Ihrer Webseite Ihre durchaus bemerkenswerten Artikel etwa gegen die Neue Rechte (von 1998!) lese, dann sehe ich, dass Ihnen dabei weder Marx noch Adorno nutzt.
      So auch hier, wenn Sie vom Wartungspersonal beim ICE reden: im Rahmen der Marx’schen Werttheorie nur Leute, die „faux frais“ verursachen, wie Buchhalter, Aufseher usw. Aber dazu kommen wir noch, wenn wir die Werttheorie unter die Lupe nehmen.
      Kurzum: Ihre ganze „Neue Marx-Lektüre“ von 40,50 Jahren (was für eine Verschwendung „disponibler Zeit“!) nützt gar nichts, wenn sie nicht unter dem kategorischen Imperativ der letzten Feuerbachthese steht: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kömmt drauf an, sie zu verändern.“

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    Bei einem 150 Jahre alten Text hat der Interpret einige Probleme, diesen Text zu aktualisieren. In den Kapital-Schulungen in den 1968-er Jahren wurde dogmatisch – wie heute einige Muslime den Koran – interpretiert. Selbst Theologen sind weiter bei der Exegese der Bibel.

    Es fällt aber auf, dass es keine makroökonomische Theorie gibt, welche die kurzfristigen Erfolge und langfristigen Nachteile, auch strukturellen Verzerrungen angemessen beschreibt. Beschrieben wir immer nur auf der Ebene der Phänomenologie (also der „Waren“) die Verteilung diese Reichtums – mit dem Ergebnis, dass es strake UNgleichheiten gibt. Aber eine Umverteilung kann ja nicht die Lösung sein, da sie die strukturellen Gründe nicht einmal streift.
    Wir haben also hier ein riesiges Erkenntni-Problem, weil die Ökonomen tendenziell theorielos herumkonstruieren und -rechnen und Modelle bevorzugen, die zwar Handlungsanweisungen sein können (also angewandte Wi), die aber nicht analysieren, warum die Welt immer ungerechter und destruktiver wird.
    Mit dem dritten Band des Kapitals zu argumentieren, ist zwar verführerisch. Aber Marx kannte das Finanzkapital, das uns heute Probleme macht, noch nicht in dieser hochentwickelten Form. Sein Text betrifft den Beginn der Industrialisierung. Es fehlt heute eine wohlfarts-staatliche Theorie auf globalisiertem Niveau.

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    „Betrachtet man aber den Arbeiter – oder Angestellten, auch den leitenden Angestellten – nicht als Träger einer Ware, sondern als Besitzer eines Kapitals – nämlich seiner eigenen – vermehrbaren – Fertigkeiten und Fähigkeiten, Charaktereigenschaften und Bildung, die er als Kapital einsetzen kann, um aus diesem Einsatz einen Gewinn zu ziehen,“

    Wie macht man das denn, wenn man kein anderes Kapital besitzt? Ach ja, man muss seine Arbeitskraft verkaufen! Und damit fällt der schöne Taschenspielertrick, Bildung und „Charaktereigenschaften“ als „Kapital“ zu bezeichnen, auch schon in sich zusammen. Ein besser Gebildeter kann die Ware seiner Arbeitskraft teurer verkaufen, das ist alles.

    „Der Reichtum Deutschlands stellt sich dar in einer gut ausgebildeten, hoch produktiven Arbeiter- und Angestellten-Schicht…“

    Na und was macht diese Schicht und wozu verwendet man die gute deutsche Infrastruktur? Werden da etwa Waren produziert, entwickelt, transportiert, gehandelt???

    Insgesamt ein Kommentar auf Zehntklässler-JuLi-Mitglied-Niveau.

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      Uludag, Sie müssen natürlich ausfallend werden. Immer ein Anzeichen von Unsicherheit. Nehmen wir den Satz, mit dem Sie so auftrumpfen, als wäre etwas damit bewiesen: „Ach ja, man muss seine Arbeitskraft verkaufen! Und damit fällt der schöne Taschenspielertrick, Bildung und „Charaktereigenschaften“ als „Kapital“ zu bezeichnen, auch schon in sich zusammen.“ Nein. Denn wir realisiert sich der Wert jener Waren, die der Kapitalist produziert? „Ach ja, man muss sie verkaufen!“ Sonst geht man pleite. Die „ungeheure Warensammlung“ kann zur Belastung werden, wenn es dafür keine Abnehmer gibt, wie jeder Ladenbesitzer weiß.
      Nirgends steht im Text, dass es keinen Unterschied gibt zwischen dem Besitz an Produktionsmitteln und dem Besitz von Humankapital. Ich zitiere ja Piketty, der die Entstehung einer neuen Rentierklasse beschrieben hat. Nirgends steht, dass in Deutschland keine Waren produziert würden.
      Was dort steht, ist dass die Reduktion des Reichtums auf eine „ungeheure Warensammlung“ falsch ist. Und das stimmt.

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    Den Besitz an Produktionsmitteln als Ursache für den Klassenunterschied (ich vermute, Marx dachte dabei durchaus noch an ‚Stände‘) zu identifizieren, ist wohl der Zeit geschuldet. Daß die Distinktionsmerkmale sich äußerlich geändert haben (heute spielt die ‚richtige‘ Uni, die ‚richtige‘ Biografie, in D auch immer noch Herkunft, eine Rolle) ist eine Sache; Einfluss, ‚Verkaufen können‘ (= Vertrauen generieren, Manipulationstechniken) sind aber seit jeher notwendige, wenn auch nicht immer hinreichende Bedingung für Macht und Reichtum. „Waren“ sind daher natürlich nur sekundär, nicht in jedem Fall bzw. individuell, aber in einer Gesellschaft mit Massenproduktion eben nicht mehr so wichtig und werden durch andere Distinktionsmerkmale ersetzt. Welche nun wirklich den materiellen Erfolg begründen, auf welcher Meta-Ebene sie sich befinden werden, das ist die Frage: Facebook, Google sind nicht mehr, als Renditeversprechen (Coca Cola war das auch schon), aber auch nicht weniger: Ein Konzept, an das geglaubt wird. Denkt man darüber nach, ist es immer so: Der Glaube, daß etwas funktioniert ist die Währung. Und das ist nichts anderes, als auch beim Geld (weswegen die Diskussion um den Euro auch so heiß ist oder war). Das sind aber ‚global player‘, sie scheinen dem Geld oder Wechsel ähnlicher als sogenannte materielle Werte, wie ein Neuwagen oder ein Barren Gold. Aber auch deren Wert ist nur eine Phantasie: Die vergoldeten Kontakte in der Elekronik oder der Mercedes können jederzeit durch anderes ersetzt werden. Internet? Industrie 4.0? Allein schon diese Begriffe dokumentieren unsere Ratlosigkeit, was von (referentiellem) ‚bleibendem Wert‘ sein könnte. Ohne tieferes Verständnis für ‚Evolution‘ werden wir uns wohl dabei genauso ergebnislos im Kreis drehen, wie seinerzeit Karl Marx (@’Chanukka Sameach‘). Machiavelli dazunehmen?

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    Nachtrag
    „Die „Elementarform“ der kapitalistischen – wie jeder – Gesellschaft und ihres Reichtums ist also nicht die Ware, sondern der Mensch. Dass Marx seine große Analyse nicht mit den Menschen beginnt, ist ein zugleich verhängnisvoller und bezeichnender Irrtum. “
    Da gehen einige Voraussetzungen ein, die im Kapital gerade nicht gelten, etwa Gesellschaft als pluralistischen Substanzbegriff zu begreifen und nicht als Funktionsbegriff, der mehr die Verhältnisse zwischen seinen Elementen und deren Bewegungsgesetze designiert als die Elemente. Eine (negative) Anthropologie steckt als Prämisse zwar auch bei Marx drin, aber es geht ja darum, daß sich im Kapitalismus die Verhältnisse vom Verhalten der Menschen verselbständigen, so daß Verhältnsise nicht auf Verhalten reduziert werden kann. Es geht auch nicht um die Geschichte von Ware, Geld, Kapital – auch wenn diese interessant wären. Interessante Lektüre wäre hier auch – dicker Schinken, aber dafür verständlich – Gehard Stapelfeldts „Aufstieg und Fall des Individuums. Kritik der bürgerlichen Anthropologie“ Freiburg 2014. Wenn man das Marxsche Werk – berechtigerweise – historisieren will, dann lohnt die Lektüre, die allerdings bei der Renaissance beginnt und die Antike an der Stelle ausspart.

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      Lieber Martin Blumentritt, wichtige, notwendige und hoch interessante Ergänzungen – ja, wenn Sie wollen, Einwände und Widerlegungen. Dankbar zur Kenntnis genommen.
      Ihnen wird beim Schreiben aufgefallen sein, dass in Ihren Zitaten Marx verschiedene Definitionen von „Reichtum“ benutzt – von freier Zeit über Freiheit der Selbstentfaltung bis hin zu dem, was Piketty „Humankapital“ nennt.
      Interessanterweise begreift Marx in den Zitaten (und Sie folgen ihm in Ihrer Kritik des „Neoliberalismus“) das Individuum mit seinem Anspruch auf „Reichtum“ im strikten Gegensatz zur „bürgerlichen Gesellschaft“. Das ist eine erstens romantische, zweitens undialektische Haltung. Zu fragen wäre, in welcher historischen und in welcher denkbaren Gesellschaft es denn mehr Freiheit und mehr Reichtum gab oder gäbe als in der kapitalistischen mit ihren diversen Permutationen. Und da kommen, wie Sie wissen, bei Marx ein paar lahme Sätze über die „freie Assoziation“, über eine Gesellschaft, in der ich morgens Schäfer und nachmittags kritischer Kritiker sein kann, oder über die volle Entfaltung der Produktionsmittel, die es jedem erlauben, „nach seinen Bedürfnissen“ zu leben. Kurzum: das bleibt sehr dürr.
      Ich wiederhole mich: Wenn Marx „Das Kapital“ begonnen hätte mit der Frage, wie es um jene Reichtümer steht, die ihm wichtig waren (und die für meine Begriffe verdächtig nach einer ewigen Verlängerung des Studentenlebens aussehen, aber das nur nebenbei), dann wäre er zu Lösungen gekommen, wie sie etwa die Arts & Crafts-Movement, der Deutsche Werkbund und andere vorgeschlagen haben, statt zu einer Generalabrechnung mit dem Kapitalismus.
      Aber geben wir zu: Es gibt mehr als einen Marx. Es gibt den an der Beschränktheit des Lebens in der bürgerlichen Gesellschaft leidenden Philosophen, der sich in der Bibliothek des British Museum seiner Bitternis freien Lauf lässt; es gibt den kühlen Kritiker der damaligen schwärmerischen Linken, der ihnen die Leistungen der Bourgeoisie entgegenhält: das ist zugleich Selbstkritik; und es gibt den revolutionären Sozialisten, der diesen inneren Widerspruch in der permanenten Revolution aufzuheben hofft. Diese letzte Figur bedient die Analyse im „Kapital“, und deshalb beginnt das Buch mit der Behauptung, der Reichtum kapitalistischer Gesellschaften erscheine als Warensammlung. Dem ist aber nicht so; auch als Kritik der bürgerlichen Gesellschaft ist das unzutreffend.

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    Mit den Sprichwörtern ist das immer einfach, ich hätte auch noch eins: Getroffene Hunde ……; Aber lassen wir das. Seien Sie versichert, als sie noch gläubig waren, habe ich erste Versuche unternommen, Marx kritisch zu lesen und mich da, bin ich überzeugt, ziemlich voran gearbeitet, z.B. zu Sohn-Rethels „Geistige und körperliche Arbeit“ und heutigen Meinungen wie Piketty u.a.
    Erkenntnisgewinne nehme ich gerne an, erlaube mir aber auf meiner Grundlage auch kritische Anmerkungen.
    Diese jetzt: Das Buch heißt „Das Kapital“ der 1.Band „Der Produktionsprozess des Kapitals“.
    Nur wenige Leser sind dem einschränkenden Titel gefolgt, die meisten haben es Anleitung zu politischen Veränderungen gelesen und dazu steht in drei Bänden fast nichts.

    Übrigens würden Sie und ich in einem ausführlichen Gespräch wahrscheinlich viele Übereinstimmungen in der Kritik an Marx feststellen.

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      So, Werner Koenig, wenn ich Ihnen ausführlich antworte, was Sie ja ausdrücklich wollen, bin ich ein Hund. Interessant. Oder „erscheine“ ich nur so? Sie haben völlig Recht mit Ihrem Hinweis auf den „Produktionsprozess des Kapitals“, und darauf zielt mein Einwand. Bei Marx ist dieser Prozess, von der „ursprünglichen Akkumulation“ bis hin zur täglichen Warenproduktion ein Ausbeutungsprozess. Für die Karriere eines Steve Jobs (etwa) ist in diesem mechanistischen, Nullsummenspiel-Gedankengebäude kein Platz. Und darum ist das Buch so gefährlich und diente sehr wohl als „Anleitung zum Handeln“, denn ohne Zerschlagung des Kapitalismus, so die Schlussfolgerung, hört die Ausbeutung nicht auf. Marx hatte sich ja 1848 mit dem „Manifest“ auf die Revolution festgelegt. Alles, was er später schrieb, sollte diese Entscheidung rechtfertigen. Deshalb ist das „Kapital“ so angelegt: nicht als wirkliche Fragestellung, wie das Kapital entstehe, sondern als Anklage. Daher auch die Webfehler in der Argumentation.

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    „Das „erscheint“ hat jedoch im vorleigenden Fall gar nichts zu bedeuten. Marx behauptet ja nicht: der Reichtum „erscheint“ als Warensammlung, ist aber in Wirklichkeit – etwa – das Humankapital, wie Piketty meint.“
    In der Tat beginnt Das Kapital mit dem „Reichtum“(wealth), man denke an A.Smith und Ricardo, den Marx zitiert: „Eine Nation ist wirklich reich, wenn 6 statt 12 Stunden gearbeitet wird. Wealth ist disponable time, and nothing more.“MEW 26.3. 252 und „Aber free time, disponable time, ist der Reichtum selbst – teils zum Genuß der Produkte, teils zur free activitx, die nicht wie labour durch den Zwang des äußeren Zwecks bestimmt ist…“MEW 26.3. 253 Reichtum ist also, entgegen dem Behaupteten, etwas anderes als das er erscheint. Ähnlich Grundrisse(1953) 596.
    Und in den Grundrissen (S.387) nach einem Vergleich unterschiedlicher Formbestimmtheiten des Reichtums und denkt es befreit von der bürgerlichen Formbestimmtheit:
    „In fact aber, wenn die bornierte bürgerliche Form abgestreift wird, was ist der Reichtum anders, als die im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte etc. der Individuen? Die volle Entwicklung der menschlichen Herrschaft über die Naturkräfte, die der sog. Natur sowohl wie seiner eignen Natur? Das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, ohne andre Voraussetzung als die vorhergegangne historische Entwicklung, die diese Totalität der Entwicklung, d.h. der Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher, nicht gemessen an einem vorhergegebnen Maßstab, zum Selbstzweck macht? Wo er sich nicht reproduziert in einer Bestimmtheit, sondern seine Totalität produziert? Nicht irgend etwas Gewordnes zu bleiben sucht, sondern in der absoluten Bewegung des Werdens ist? In der bürgerlichen Ökonomie…erscheint diese völlige Herausarbeitung des menschlichen Innern als völlige Entleerung, diese universelle Vergegenständlichung als totale Entfremdung, und die Niederreißung aller bestimmten einseitigen Zwecke als Aufopferung des Selbstzwecks unter einen ganz äußren Zweck. Daher erscheint einerseits die kindische alte Welt als das Höhere.“
    Auf der folgenden Seite gibt es auch Beziehungen zum Antisemiten Proudhon, den Marx persönlich kannte, sich dann polemisch von ihm trennte, wegen seines Sozialismus für Kleinbürger, den Fredéric Krier in gleichnamingen Buch detailiert darstellte.
    Der Wert, so wird noch S. 387 deutlich, ist „bloßes Kommando über fremde Arbeit“, ein Relationsbegriff, der zum Substanzbegriff entfremdet bzw. verdinglicht wurde. Als Selbstzweck erscheint der Reichtum in der Alten Welt (traditionale Gesellschaften) an der Stelle bei Handelsvölkern, wobei er die Juden in dermittelalterlichen Gesellschaft als Beispiel nimmt, nicht als das Ganze, ohne judenfeindliche Konnotationen, die es früher bei ihm leider gab.
    Reichtum ist also freie Zeit, deren reale Möglichkeit durch die technischen Produktivkräfte geschaffen wird, aber in einer Form der völligen Entleerung des menschlichen Inneren. Gelobt wird der Wert, weil er diese Möglichkeit schafft, kritisiert, weil zugleich der Reichtum entfremdet wird und niemanden zu Gute kommt.
    Auch Eigentum wird bei Marx – bevor er als juristischer Begriff (Besitz und Eigentum) genommen wird als Verhalten zu den Bedingungen der Produktion verstanden, die Trennung von Mensch und Natur ist Voraussetzung des kapitalistischen Privateigentums (sei es staatlich sei es einzelbetrieblich). Das alles war Marx mögliech weil die Politische Ökonomie noch ein Utopie des Reichtums hatte, während die Vulgärökonomie, heute ist alles das, was er so bezeichnete, darauf verzichtet und im Neoliberalimus die Gesellschaft zum Unbegreiflichen erklärt.

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    Da ist dem Renegaten wohl der Gaul durchgegangen.
    Wenn ein philosophisch Geschulter von „erscheint“ spricht, meint er die Erscheinungsform nicht das Wesen einer Sache.
    Beispiel: Die Erscheinungsform des Tagesanfangs ist „Sonnenaufgang“, das Wesen Erddrehung.

    Die Erscheinungsform des Kapitalismus, die Ware/Warenmenge wird dann bei Marx auf ihr Wesen befragt und analysiert.

    Das mag man kritisieren, veraltet nennen, für unbrauchbar halten, als wissenschaftlich überholt bezeichnen.

    Der anfang des Artikels in seiner begrifflichen Schlichtheit ist enttäuschend.

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      Nein, lieber Werner Koenig, ich weiß sehr wohl, obwohl ich Renegat bin, dass in der deutschen idealistischen Philosophie das Wort „erscheint“ einen Unterschied zum „Wesen“ signalisiert. Auf den idealistischen Grundzug der angeblich materialistischen Philosophie des Marxismus will ich noch bei der Diskussion der Werttheorie eingehen. Das „erscheint“ hat jedoch im vorleigenden Fall gar nichts zu bedeuten. Marx behauptet ja nicht: der Reichtum „erscheint“ als Warensammlung, ist aber in Wirklichkeit – etwa – das Humankapital, wie Piketty meint. Er sagt: der Reichtum erscheint als Warensammlung; und durch die Analyse der Ware als „Elementarform“ dieses Reichtums erkenne ich das Wesen der Ausbeutung, nämlich die Aneignung des Mehrwerts durch den Produktionsmittelbesitzer. Das schreibe ich auch. Sie hängen sich am Begriff „erscheint“ auf, ohne sich mit dem „Wesen“ meiner Argumentation zu beschäftigen. Und das nennen Sie „begriffliche Schlichtheit“. In solchen Fällen gilt die Regel: Wer auf andere mit dem Finger zeigt … Na, Sie wissen schon. Setzen Sie sich mit meinem Hauptargument auseinander, dann haben auch Sie mehr davon, nämlich einen Erkenntnisgewinn.

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    Ich lese gerade am Kapital, auf Originallsprache, bin am Ende des ersten Buches und kann nicht glauben dass 150 Jahre Geschichte darum sich drehten. Mit dem Zweck die These dass Arbeit die ureinzige Wertquelle ist macht er immer phantasievolleren Arabesken…Wert ist wie eine göttliche Substanz die durch die Zeit schleicht, von der Maschine in die Ware von der Ware zum Arbeiter, wie ein Plasma, und unabhängig von den Preisschwankungen, dafür unterscheidet Marx zwischen Sein und Schein. Zum ersten mag er alleine einen Pass zu haben…Aber ich finde die Lektüre echt amüsant, da ist Goethe, hier die Grimms usw. Und die Denunziation der Ausbeutung im frühkapitalismus ist bei drückend.

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      Sehr gut beobachtet, Herr Speyer. Zur Werttheorie komme ich noch, Sie nehmen mir den Hauptpunkt der Kritik aber vorweg.

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    Ad acta legen. Es ist als Handlungsanweisung im Jahre 2017 genauso wenig zu gebrauchen wie der Koran. Mit dem Unterschied, dass dieser fatalerweise gerade Hochkonjunktur hat, das Kapital verdienterweise nicht.

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      Wenn man nur nach „Handlungsanweisungen“ sucht, kann man freilich die ganze Ideengeschichte der Menschheit links liegen lassen. Allerdings wüsste ich nicht, woran man dann seine kulturelle/politische/philosophische/etc Urteilskraft bilden sollte.

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