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Was Palästina mit Pommern, Gaza mit Danzig zu tun haben

Plakat der Vertriebenenverbände. Urheber: CDU. Quelle: Wikimedia Commons

Als ich 1962 nach Deutschland kam, entdeckte ich, dass die Deutschen, anders als ich es in meiner Heimat gelesen hatte, Opfer waren. Opfer des alliierten Bombenkriegs etwa. Von „Dresden, Hiroshima und Auschwitz“ war die Rede, wenn es um die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs ging: Zwei der Alliierten zu einem von uns.

Die Städte waren im Westen wieder aufgebaut worden. Aber ein schwärendes Unrecht – neben der Teilung natürlich – blieb: die ethnische Säuberung der deutschen Ostgebiete, die auf unserem Diercke-Schulatlas als „zur Zeit unter polnischer Verwaltung“ gekennzeichnet waren. Königsberg „z.Zt. unter sowj.. Besatzung“. Man sprach damals nicht von ethnischer Säuberung, obowohl es sich darum gehandelt hatte. Man sprach auch nicht von der hunderttausendfach verübten sexuellen Gewalt gegen ost- und mitteldeutsche – die „so genannte DDR“ hieß damals noch „Mitteldeutschland“ – Frauen, weil das sie und ihre Männer (und älteren Kinder) beschämt hätte. Aber die Vertriebenenverbände waren mächtig, gegen sie war kein Staat zu machen, und „Dreigeteilt nie!“ war auch die Losung der CDU. Vertriebenenfunktionäre hielten Reden an der Schule, und wir sammelten fleißig für das „Kuratorium Unteilbares Deutschland“.

Es war in der Tat ein Menschheitsverbrechen, die Enteignung, Verfolgung und Vertreibung von zehn Millionen Deutschen aus Schlesien, Ostpreußen und Pommern, und durch nichts zu rechtfertigen. Außer durch die Realpolitik. Winston Churchill hatte Josef Stalin versprochen, dass die im Hitler-Stalin-Pakt an die Sowjetunion abgetretenen Gebiete Polens sowjetisch bleiben und dass die Polen dafür im Westen entschädigt würden. Dass dies je rückgängig gemacht werden könnte, glaubten selbst unter den Vertriebenenfunktionären nur wenige.

Darum wuchs in den 1960er Jahren der Unwille gegen die Losungen der Vertriebenenverbände. Selbst wir Schüler witzelten über das „Krematorium Unheilbares Deutschland“. Es gab aber gute Gründe, realpolitische und andere, auf die Ostgebiete zu verzichten.

  1. war deren Wiedergewinnung ohne Krieg unrealistisch. Und die Westalliierten hätten niemals einen Krieg riskiert, um die Dreiteilung Deutschlands zu beseitigen. Selbst nach einem siegreichen Krieg gegen die Sowjetunion, sollte es je soweit kommen, hätte man vermutlich die Oder-Neiße-Grenze nicht angerührt. Noch einmal die dort ansässigen Polen vertreiben, um die Wiederansiedlung der Vertriebenen und ihrer Nachkommen zu ermöglichen? Nein.
  2. standen die Forderungen der Vertriebenenverbände nach Nichtanerkennung der polnischen Westgrenze und nach Anerkennung ihres Rechts auf Rückkehr, das sie „Recht auf Heimat“ nannten, der Entspannung mit der Sowjetunion, der Verständigung mit Polen und den anderen osteuropäischen Ländern und der Aussöhnung mit den slawischen Völkern, die Deutschland einst hatte kolonisieren und versklaven wollen, im Weg.
  3. meinten einige auf der Linken, zunächst nur eine radikale Minderheit, bald aber die Mehrheit in der SPD und im linken Bürgertum, das der Verlust der Ostgebiete eine vielleicht nicht legitime, aber verdiente Strafe für den begonnenen Krieg, die Annexion Westpolens, die Zerstörung polnischer Staatlichkeit, die Liquidierung der polnischen Elite und den Völkermord an den europäischen Juden gewesen sei.

In den Jahren nach 1966, als die erste „Große Koalition“ in Deutschland gebildet worden war, verloren die Vertriebenenverbände rasch an Einfluss, und das Interesse an den Gebieten östlich der Oder und am Schicksal der deutschen Flüchtlinge verschwand. Oder sagen wir: das Trauma der Flucht wurde verdrängt. Der Zeitgeist war links, und zum Linkssein passte es nicht, auf un gelöste nationale Fragen zu verweisen.

Doch das Verdrängte, das lehrt uns Freud, kehrt wieder. Kaum hatten Linke und Linksliberale die nationale Frage in Deutschland und das Schicksal der deutschen Flüchtlinge aus dem nationalen Bewusstsein vertrieben, kehrte sie wieder in Gestalt der Parteinahme für „Palästina“ und des Mitgefühls mit den aus Israel vertriebenen oder geflüchteten Arabern. Freund nannte den Vorgang „Verschiebung“. Die Wut gegen die Besatzer, die Trauer über die verlorene Heimat, die Verbindung von Blut und Boden, das nationale Pathos, kurz all die gefährlichen Emotionen, die sich die Bundesrepublik nach 1966 kollektiv verbot, verschob sich auf den Konflikt im „Nahen Osten“; der Begriff ist übrigens verräterisch, denn der „nahe Osten“, das waren ja die deutschen Ostgebiete. Israel aber ist fern.

Dabei galt für die Araber, die sich bald „Palästinenser“ nannten, obwohl historisch Juden und Araber Palästinenser waren, also Bürger des britischen Mandats Palästina, was für die deutschen Vertriebenen galt:

  1. war und ist eine Rückkehr nach Israel unrealistisch. Und zwar war sie 1967, mit Israels zweitem Sieg gegen die vereinigten arabischen Staaten, endgültig unrealistisch geworden. Also gerade zu dem Punkt, da die deutsche Linke sie als Projektionsfläche deutscher Traumata entdeckte.
  2. stehen die Forderungen der Hamas und anderer Gruppen nach Auslöschung Israels durch Rückkehr der Flüchtlinge und ihrer inzwischen in die Millionen gehenden Nachfahren der Entspannung zwischen dem jüdischen Staat und den arabischen und muslimischen Staaten in der Nachbarschaft im Weg.
  3. wissen jene Araber, deren moralischer Sinn halbwegs intakt ist, dass die Vertreibung der Araber aus Gebieten wie Galiläa, die ihnen im UN-Teilungsplan zugesprochen wurden, Ergebnis eines geplanten Vernichtungskriegs gegen die Juden war, und dass im Gegenzug erheblich mehr Juden aus den arabischen Ländern, vom Irak über den Jemen und Ägypten, bis nach Marokko, vertrieben wurden, als Araber aus jüdischen Gebieten im ehemaligen Palästina.

Doch hatte Palästina als Projektions- und Verschiebungsobjekt für eigene Traumata einen gewaltigen Vorteil. Der Feind war derselbe. Der Jude. Denn den Deutschen war ja 12 Jahre lang eingebläut worden, hinter den Sowjets stehe der Kreml-Jude, hinter den Amis der Wallstreet-Jude, und Bomben, Vergewaltigungen, Enteignungen und Vertreibungen zeugten, wie der Morgenthau-Plan, von „Hass und Rache von alttestamentarischem Charakter“, vom Wunsch, einen Genozid – das Wort gab’s damals noch nicht – an den Deutschen zu vollstrecken.

Nun wird diese Wahnvorstellung, diese Täter-Opfer-Umkehr, die in Nachkriegswestdeutschland durchaus üblich war, wie mein Vater in seinem Bericht „In Deutschland 1945 bis 1946“ (und noch einmal 1948) feststellte, auf den jüdischen Staat und sein Verhältnis zu den Arabern übertragen, deren Führer ja mit Hitlerdeutschland verbündet waren.

Mir wäre lieber, die Deutschen gewännen ein Verhältnis zu ihren eigenen Kränkungen und Traumata zurück, erlaubten sich Trauer und Zorn über die an ihnen begangenen Verbrechen, allen voran der ethnischen Säuberung der ehemals deutschen Ostgebiete, wenn sie dafür ihre neurotische Obsession mit Israel und den „Palästinensern“ abschütteln könnten.

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