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Nazis blieben Nazis

Der Autor Harald Flint-Stoelting

Aufgewachsen als Sohn eines schwarzen US-Besatungssoldaten musste ich in der Nachkriegszeit die Überreste des 1000jährigen Reichts erleiden. Aber es gab auch Menschen, die sich dem mutig entgegen stellten. Teil 2 meiner Lebenserinnerungen. Teil 1 finden Sie hier, Teil 2 hier.

„Nun waren die frühkindlichen Erfahrungen in den frühen Nachkriegsjahren nicht meine letzten Zusammenstöße mit den Relikten der Ideologie des Tausendjährigen Reiches. Es war die Straßenbahnlinie 3 (in Bremerhaven), in die meine Pflegeeltern, Otto und Sophie Flint, den Kinderwagen hievten. Ein Fräulein, welche noch wöchentlich Tränen weinte, weil die Treffen ihres BdM-Klubs seit einigen Jahren ausfielen, dieses M…stück beugte sich zu mir hernieder, stockte, schaute Sophie, meiner lieben Pflegemutter ins Gesicht und gab dem ganzen Abteil der Linie 3 folgendes zu Protokoll:

‚Neger-Hure‘

Jedoch kaum hatte sie diese Anmerkung freigesetzt, trat mein Pflegevater, 1,65cm , Polsterer und Dekorateur, in ihr armseliges Leben, und warf das BdM-Fräulein mit wohl einem Jiu-Jitsu-Schwung aus der offenen Tür der Linie 3.

Ich musste diesen Vorfall in dieser Weise in meinen Lebenslauf so einbauen – jedoch stocke ich jetzt. Sehe diese ganz Szene vor meinen Augen, die Zeit; ich denke: Oh verdammt, was habt ihr für mich gelitten, gekämpft…

Nun möchte ich euch die ersten Jahre erklären, meine ersten Jahre in diesem Land, was damals weder Fisch noch Fleisch war, weder Deutsches Reich noch Deutschland, noch West-Deutschland noch Bundesrepublik Deutschland.“

„Du willst sagen, dass das Land deiner Geburt zu Anfang ein Mischwesen, ein Wesen ohne Identität war?“, so fragte ich, Hein Lück, erstaunt. „Ja, Lieber Hein, so genau war es, und hör dir an, was meine Gedanken und Erlebnisse dazu sind.

Staatsangehörigkeit Trizonesier

In meinem Geburtsjahr 1947 hatte das Deutsche Reich seit zwei Jahren aufgehört zu existieren. Ich wurde in einer der drei westlichen Besatzungszonen geboren, in Trizonesien. Warum ist es mir wichtig, zu betonen, dass es nicht Deutschland war in den ersten vier Jahren; zu betonen, dass ich in der Dreier-Zone geboren wurde?

Also, bekommt man den Anfang, seinen Anfang, nicht richtig erzählt, läuft alles auf einen Einheitsbrei hinaus. Das Land in dem Du lebst, in dem ich lebe, hat einen Anfang. Wenn man diesen Anfang nicht erzählt bekommt, fehlt etwas in deiner Gestalt.

Ich wurde unter Deutschen geboren, die die Niederlage und den Verlust Adolf Hitlers nicht verwinden konnten. Und sie drückten diese ‚Trauer‘, diesen Verlust in bester Karnevals-Art aus. In

einem Sarkasmus und Zynismus schrieben sie 1948 den Karnevalsschlager Die Eingeborenen von Trizonesien.

Ab Ende 1948 verbreiteten Rundfunksender in den drei Westzonen des besetzten Deutschland mit Karl Berbuers Die Eingeborenen von Trizonesien einen Karnevalsschlager, der in Ermangelung einer neuen Nationalhymne zur informellen Hymne der Deutschen avancierte und etwa beim ersten

internationalen Radrennen in Köln 1949 zur Siegerehrung – nach den Hymnen Belgiens und der Schweiz – gespielt wurde.

Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien
Mein lieber Freund, mein lieber Freund.
Die alten Zeiten sind vorbei.
Ob man da lacht, ob man da weint,
die Welt geht weiter, eins, zwei, drei.
Ein kleines Häufchen Diplomaten
macht heut‘ die große Politik.
Sie schaffen Zonen, ändern Staaten,
Und was ist hier mit uns im Augenblick?
(…) Wir sind zwar keine Menschenfresser,
doch wir küssen umso besser.
Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien (…)
Doch fremder Mann, damit du’s weißt,
Ein Trizonesier hat Humor.
Er hat Kultur, er hat auch Geist,
Darin macht keiner ihm was vor.
Selbst Goethe stammt aus Trizonesien,
Beethovens Wiege ist bekannt.
Nein, so was gibt’s nicht in Chinesien,
Darum sind wir auch stolz auf unser Land.

Hiermit schließe ich meine bisherigen Erkundungen über meinen Anfang und die Zeit, in der alles sich abspielte “

Liebe Leser , ich werde sie auf dem laufenden halten über den weiteren Verlauf des Lebens dieses ach so traurigen Bürgers unseres deutschen Gemeinwesens.

Schon bald werde ich ihn in seinem Wohnsitz in einer anderen Seestadt , welche sich (wohl aus kulinarischen Gründen) Hamburg nennt, aufsuchen – allein schon um diese Speise zu goutieren.

Auch hab ich vernommen, daß Herr Clark, dieser Bäckerselle aus der Rickmersstrasse zu Bemerhaven, über kurzweilige kurze Geschichten verfügt, welche in Amerika short stories und in Deutschland Kurzgeschichten genannt werden.

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Über Harald Flint-Stölting

Harald Flint-Stölting, geboren 1947 als Sohn einer deutschen Mutter und eines schwarzen US-Besatzungssoldaten, wuchs bei einer Pflegefamilie in Bremerhaven auf. Er war Bäcker, Schiffskoch und Taxifahrer, studierte Sozialpädagogik in Berlin während der Studentenbewegung und arbeitete als Streetworker in London.

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