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„Wenn du mit dem schwatten Dübel naar Hus kommst, schloch ik di dood“

Harald Flint-Stölting alias William Clark als Student in West-Berlin in der 68er Zeit

Der Autor, Sohn eines schwarzen US-Besatzungssoldaten und einer deutschen Mutter, erinnert sich an frühkindliche Erfahrungen mit den Überresten des Nationalsozialismus nach dem Krieg. Und an ein Gedicht von Heinrich Heine. – Teil 2 seiner Lebenserinnerungen. Den 1. Teil finden Sie hier.

Am nächsten Morgen begannen wir unser erstes Gespräch mit einem ausgiebigem Frühstück. Meta, seine Ehefrau, rief fragend aus ihrem Reich „Was wollt ihr trinken?“, „Tee“, rief ich und sagte nach einer kurzen Pause: „William, ich hab deine erste Autobiographie, die du ‚Stolpersteine‘ nanntest, gestern abend noch gelesen habe. Ich fand sie nach längerem Suchen unter Academia.edu, William Stoelting, Stolpersteine. Was bewog dich zu dem Titel, der ja eigentlich für das Schicksal der jüdischen Opfer der Nazis und der Sinti und Roma gedacht ist?“

Mit blitzenden Augen schaute er mich verärgert an. „Auch Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Kommunisten und Homosexuelle haben gelitten. Ottje Flint, mein Pflegevater, war mit Leidenschaft Gewerkschafter; zusammengetrieben im ehemaligen SPD-Verlagshaus Friedrich-Ebertstr. 1 in Bremerhaven. Die Frauen standen vorm Haus und hörten die Schreie ihrer gefolterten Ehemänner.

Zwei Weltkriege, den ersten als Kind, den zweiten als Erwachsene, mussten Ottje und Sophie miterleben. Mehr dazu, mein lieber Hein, später.“

William setzte sich wieder. Dieses Thema hatte ihn offensichtlich so erregt, dass er aufgestanden war und im Zimmer auf und ab ging, während er sprach. „Es scheint mir, dass dich ein heftiges Trauma niederdrückt“, sagte ich, ihm in die Augen schauend.

Nachdem wir uns vom Küchentisch in Williams Arbeitszimmer zurückgezogen hatten, bat ich ihn: „Beginne einmal in einem kurzem Abriss, dein Anliegen darzulegen.“

„Nee, Hein Mück, mit einem kurzen Abriss ist es nicht getan; du weißt doch, was kurze Erklärungen gemacht haben mit der Situation im Lande. Nee, nee man muss schon den Menschen, den Bürgern und auch den -*innen reinen Wein einschenken.“

Nun begann William seinen Lebenslauf in Form von losen Notizblättern vor sich auszubreiten, meist referierte er frei, manches Mal nahm er Bezug zu seinen handschriftlichen Notizen: „In dem großen zeitlichen Abstand zu den ersten Jahren meiner Kindheit, sehe ich, dass ich anfänglich die Welt um mich herum gar nicht verstehen konnte. Erst als ich die vielen Informationen angesammelt hatte, gab es die Möglichkeit, mehr über Otto und Sophie Flint, meine Pflegeeltern, und Anneliese Stölting und James Clark, meine leiblichen Eltern, zu erfahren. Und sie letztendlich mit anderen Augen zu sehen“.

„Wie kamst du dazu, dich an mich zu wenden?“ „Nun, ich hörte, dass du an der Geestemünder Universität die Abteilung ‚Neuere Deutsche Geschichte‘ leitest. Berliner Freunde warnten mich jedoch, bei diesem zweiten lebensläufigen Anlauf nicht zu stürmisch vorzugehen. Sie rieten mir, nein, man muss sagen, sie verdonnerten mich dazu, einen Lektor mit nordseeischen Erfahrungen an meine Seite zu nehmen. So willigte ich diesem zu und ein.“

Nun war es Zeit den Grünpack zu genießen. Williams ghanaische Ehefrau Meta Meier kam leise in die Privatbibliothek, schwebte über den dicken Perserteppich, stellte das Tablett in die Mitte und entschwand wieder in den gastronomischen Teil ihres Lebens, um Fische zu enthaupten.

„Wenn ich zurückblicke, fehlen Stücke, Ereignisse, die die Erinnerung nur preisgab, als ich einzelne Stücke im Internet recherchierte. Die Zeit, 50-er und 60-er Jahre und noch weiter bis in die 90-er Jahre, gab Informationen über meinen Anfang und die Anfänge um mich herum nur stückchenweise heraus. Erst jetzt, im Alter, wurde mir klar, dass meine Pflegeeltern und meine leiblichen Eltern mehr Beachtung und Anerkennung verdienten.

Sie sind lange tot; Sophie Flint 1910 bis 1965, Otto (Ottje) Flint 1910 bis 1966. Meine leibliche Mutter Anneliese Stölting, am 22. August 1925 in Wesermünde geboren, bis in die Neunziger. Mein leiblicher Vater – James Clark 1900 bis 7. May 1987 – hat bei mir in den letzten Jahren noch einmal eine kritischere Bewertung erfahren.“

Wir nippten an unserem noch heißen Grünpack und William fuhr fort. „Anneliese wurde, wie auch meine Pflegemutter Sophie Flint, als junges Mädchen in Stellung gegeben. Später Geborene wissen mit dem Begriff ‚in Stellung sein‘ nichts anzufangen. Es handelt sich um eine Zeit, in der große Familien, Arbeiterfamilien, oft gezwungen waren, ihre Kinder schon früh in ein Arbeitsverhältnis zu schicken. Mädchen wurden mit vierzehn Jahren dann oft zum Bauern ‚in Stellung‘ gegeben.

Welches Dorf? Bei Anneliese Oesenhorst, Kreis Bremervörde. Aber für meine Pflegemutter Sophie Flint, da weiß ich es nicht mehr genau; in Tischgesprächen erwähnte sie Namen – Rechtenfleth, Sandstedt, Hagen. Welches von diesen Dörfern genau, ich weiß es nicht.

Begegnung mit der leiblichen Mutter

Irgendwann 1972, meine Pflegeeltern Otto und Sophie Flint waren schon gestorben, da habe ich Anneliese gesucht und über die Meldestelle in Bremerhaven gefunden. Sie wohnte damals in Leherheide, ich glaube Hans-Böckler-Straße. Es war wohl im 2. oder 3. Stock. Als ich klingelte, keine Antwort. Ich ging zurück zur Bushaltestelle und schaute noch mal hinauf zu dem Fenster, wo ich ihre Wohnung vermutete, und ich sah wie sie hinter der Gardine hervorlugte und schnell zurückschreckte, als ich zu ihr nach oben blickte.

Ich ging dann noch mal hoch. Ihre erste Frage, als sie die Tür öffnete, drückte Abwehr aus, ‚Was willst Du?‘ Dachte sie, ich wäre in Geldnöten und wolle sie um Unterstützung fragen? Sie bat mich einzutreten. Seitdem hatten wir einen ersten Kontakt, worauf später sporadische folgten. An diesem Tag erfuhr ich vieles, was ich vorher nicht wusste. Als sie hörte, dass ich in West-Berlin lebte und Sozialpädagogik studierte, war sie doch stolz.“

Hier unterbrach ich seinen Redefluss. „William, ich weiß, dass du vor dem Studienbeginn in West-Berlin noch ein Gespräch hattest mit deinem ehemaligen Amtsvormund, Herrn Mertin, in Bremerhaven. Er hatte dir davon abgeraten Sozialpädagogik zu studieren.“

„Ja, das ist richtig, Herr Mertin war Jugendamtsleiter und mein Vormund. Er war der Meinung, dass ich eher eine Erzieherausbildung hätte machen sollen“, erwiderte er und fügte etwas bemerkenswertes hinzu: „In späteren Jahren, während meines Studiums und besonders in der Zeit meiner Arbeit in London, child-protection-teams, habe ich Erfahrungen gesammelt, was meine Selbsteinschätzung bestätigte. Ich wurde mit zehn Jahren für ein Jahr in ein Heim gegeben. Meine Pflegeeltern schienen überfordert. Zu dem Zeitpunkt gab in Deutschland noch keine Zuordnung dieser Symptome. Erst viel später, 1968, wurde ADHS im Diagnose-Manual festgelegt.

Und ich leide auch an Depressionen. Bei dieser meiner Lebensgeschichte kein Wunder.“ Er fuhr nun mit seiner Erinnerung an das erste Gespräch mit seiner leiblichen Mutter Anneliese fort.

„An diesem Tag erfuhr ich, wie es für sie war, als sie mit mir schwanger war. Der Stiefvater hatte ihr gedroht. Mit einem Wortschatz wohl aus der Reichsschrifttumskammer (RSK). Solltest du versuchen, diese Worte im Nachlass der RSK wiederzufinden, wirst du es auch nicht mit Hilfe deines Zeitungsarchivs finden. Sie sind tief in mir eingegraben. Ich werde sie dir gleich verkünden.

Nach der Entbindung hat Anneliese wohl erstmal auf der Parkbank geschlafen. Ich bin dann mit drei Wochen zu Otto und Sophie Flint gekommen. Die Eheleute Flint konnten keine eigenen Kinder haben und boten Anneliese an, sie auch bei sich aufzunehmen. Aber Anneliese, meine Mutter, lehnte dies ab.

Anneliese erzählte später, James Clark, mein Vater, sei vor meiner Geburt schon nach Süddeutschland versetzt worden. In den letzten Wochen war es ein Armeefreund meines Vaters, der sich um Anneliese gekümmert hat – Mr. William. Das sollte mein zweiter Vorname sein. Doch der Standesbeamte war der nationalsozialistisch qualifizierten Meinung, dass es solches in Deutschland nicht gebe: Willy hat dieser Mensch in meine Geburtsurkunde eingetragen.

So hatte ich schon in frühester Kindheit mit den Nachwehen der Nazis und ihrer gotterbärmlichen Ideologie zu tun. Das erste dieser zwei Erlebnisse war im Bauche meiner Mutter. Es war diese Göbbels-artige Ansprache von diesem Stiefvater Stölting. Anneliese konnte sich nicht wehren.

„Wenn du mit dem schwatten Dübel naar Hus kommen deist, denn schloch ik di dood.“

Ich, hätte ich da schon sprechen können, hätte ihn wohl angeschrien, aber ich hab wohl nur geheult, geheult vor Angst im Bauch meiner Mutter Anneliese.

"Das gibt's hier nicht"

Das zweite Erlebnis erwischte mich auch sprachlos. Es waren meine ersten Wochen, als Anneliese mit mir zum Standesamt ging. Wenigstens wollte sie mich mit zwei reinen Vornamen ins Leben schicken. Harald, der Name ihres Lieblingsbruders, und William, den Namen vom Armeekameraden meines Vaters. Mr. William.

„Das gibt’s hier nicht! – Das gibt’s hier nicht“

Das war die Antwort eines Bremerhavener Standesbeamten im Oktober 1947.

Auch hier konnte ich noch nicht sprechen. Heute wünsche ich mir an so manchem Tag, meine Mutter hätte, da auf dem Amtsbürotisch, meine Windeln gewechselt und diesem Überbleibsel der sauber-dreckigen NSDAP-Ideologie meine dreckige Windel in sein unanständiges Gesicht geworfen.

Und ich kann mir vorstellen, dass, wenn er nach Hause gekommen wäre, seine Frau kopfschüttelnd gesagt hätte: „Kannst du es nicht lassen Karl-Heinz, im Büro immer noch deine alten Bemerkungen von vor `45 zu machen? Hör auf damit, denn eins will ich Dir sagen: Dein Beamten-Gehalt ist nicht

genug, um täglich wieder eine neue Packung Persil zu kaufen.“

Ich jedoch, mit Wut im Bauch, sage hier und jetzt: Verdammt und verflucht soll er sein. Mein jüdischer Bruder im Geiste Heinrich, der Heine, hat die richtigen Worte für diesen Bremerhavener Rest-Überbleibsel-NSDAP-ler geschrieben.

Here’s to You my dear, Nazi:

Nicht gedacht soll seiner werden!
Aus dem Mund der armen alten
Esther Wolf hört’ ich die Worte,
Die ich treu im Sinn behalten.
Ausgelöscht sein aus der Menschen
Angedenken hier auf Erden,
Ist die Blume der Verwünschung —
Nicht gedacht soll seiner werden!
Herz, mein Herz, ström’ aus die Fluten
Deiner Klagen und Beschwerden,
Doch von ihm sei nie die Rede —
Nicht gedacht soll seiner werden!
Nicht gedacht soll seiner werden,
Nicht im Liede, nicht im Buche —
Dunkler Hund im dunkeln Grabe,
Du verfaulst mit meinem Fluche!
Selbst am Auferstehungstage,
Wenn, geweckt von den Fanfaren
Der Posaunen, schlotternd wallen
Zum Gericht die Todtenschaaren,
Und alldort der Engel abliest
Vor den göttlichen Behörden
Alle Namen der Gelad’nen —
Nicht gedacht soll seiner werden!

So schrieb mein Freund Heine.“

Noch heute kann Mensch, so sie ein gerüttelt Maß an Ethik und Moral, die noch nicht von J.D. Vance infiziert ist, besitzt, an der Stirnseite des Gebäudes Am Alten Hafen 118 in großen Lettern die Anfangszeile meines Freundes Heine lesen:

Nicht gedacht soll seiner werden!
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Über Harald Flint-Stölting

Harald Flint-Stölting, geboren 1949 in Ostfriesland als Sohn einer deutschen Mutter und eines farbigen US-Besatzungssoldaten, wuchs bei einer Pflegefamilie in Bremerhaven auf. Er war Bäcker, Schiffskoch und Taxifahrer, studierte Sozialpädagoge in Berlin in der Zeit der Studentenbewegung und arbeitete als Sozialarbeiter in London.

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