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Mr. Trump und eine deutsch-amerikanische Nachkriegskindheit

Harald Stölting in jungen Jahren, als er als Schiffskoch arbeitete

Der Autor Harald Stölting wuchs als Sohn einer deutschen Mutter und eines GI nach dem Krieg und dem Ende des Nationalsozialismus bei Pflegeeltern in Bremerhaven auf. Er arbeitete als Bäcker, Schiffskoch, Taxifahrer und als Sozialpädagoge in Berlin und London. Hier schaut er als William Clark in literarischer Form auf sein bewegtes Leben zurück. Teil 1

Ich, Hein Mück, emeritierter Professor für Neuere Deutsche Geschichte an der Geestemünder Universität sowie ehemaliger Redakteur der Nordmeerzeitung bin zuständig für die Geschichte dieser leidgeprüften Stadt Bremerhaven. Ernst Reuter sagte einstmals:

„Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!“

Karl, dieser Rheinländer Marx, schrieb:

„Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“

Was 1948 Ernst Reuter zu seiner Rede veranlasste, veranlasst mich, Hein Mück, mahnend den Zeigefinger zu erheben und zu sagen: „Auch du mein Sohn Amerika?“ So haben uns denn mit dem 24. Februar 2025, dem Wiederamtsantritt von Trump, die U.S.A. verlassen. Es war nicht zu vergleichen mit Elvis Presley’s Ende seiner Dienstzeit und Abschied in Bremerhaven.

Einige junge Leser mögen mich noch nicht kennen. Dies sei ihrer tik-toxischen Jugend geschuldet. Deshalb stelle ich mich hier mit einem kurzen Satz vor:

„Ganz da hinten wo der Leuchtturm steht, wo das weite Meer zu Ende geht, da ist mein zuhause.“ (Hans Albers)

Viel hab ich in der Vergangenheit, bevor ich fristlos entlassen wurde, in unserer wohlgerühmten Zeitung die Menschen dieser Stadt portraitiert. Jedoch will Mensch heutzutage nichts Geschichtliches mehr hören – nur noch Bunte, Pralinen und am Besten nen ganzen Kessel davon.

Bevor ich ihnen jedoch einen weiteren Bürger dieser Stadt vorstelle, möchte ich noch einmal auf die Misere unserer amerikanischen Freunde Bezug nehmen.

Damals, nach der schlimmen Hitlerei, war unsere Stadt, unser Land, am Boden zerstört.

Menschen stehen im zerstörten Bremerhaven für Lebensmittel an

Aber die Menschen in dem großartigen Amerika, schickten Hilfe. Sie schickten CARE Pakete.

Erinnern wir uns: Am 15. Juli 1946 fährt der amerikanische Frachter „American Ranger“ in Bremerhaven ein. An Bord sind die ersten 35.700 CARE-Pakete, die an deutsche Familien adressiert sind.

Kinder öffnen ein Care-Paket aus den USA

Jetzt aber, zu diesem genauen Zeitpunkt sind unsere amerikanischen Freunde in großer Gefahr. Herr Trump, ihr deutsch-amerikanischer Präsident, ordnete im März 2025 die Schließung des Bildungsministeriums an. Sie, liebe Mitbürger, fragen: „Wie können wir helfen‘?“Lassen sie mich kurz überlegen. Also Bildung ist wichtig. Lesen und Schreiben ganz besonders. Ich hab’s: Wir, und ich meine alle hier in Bremerhaven, schicken jedem Amerikaner einen Brief, und zwar täglich, mit folgendem Inhalt, damit unsere leidgeprüften Freunde am anderen Ende des Atlantik der Bildung nicht verlustig gehen:

ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ.

Bitte keine Umlaute in das Päckchen legen, die englische Sprache kennt keine Umlaute.

Ein weiterer Bürger wird in unserer Zeitung vorgestellt

Nun aber zu meinem Vorhaben ihnen lieber Leserschaft einen Menschen vorzustellen, der in besonderer Weise mit unserer kleinen Stadt und dem großen Amerika verbunden ist. Es handelt sich um William Clark. Ich habe ihn seit dem Herbst des letzigen Jahres in seinem Alterssitz in der Stadt besucht, die sich ausgibt, das Tor zur Welt darzustellen. Als Bremerhavener jedoch behalte ich mir die Schlüsselgewalt vor.

Harald Flint-Stölting alias William Clark

Herr William steht in einer besonderen Beziehung zu seiner Heimatstadt und zu dem Vereinigten Staaten. Sein Vater James Clark diente in der U.S. Armee bis in das Jahr 1965. Erst im Jahr 2004 sah er seine Virginia-Familie von Angesicht zu Angesicht. James Clark, seinen Vater, jedoch konnte er nur an dessen Veteranen-Grab besuchen.

Der gute Herr William ist der einzige Sohn der Frau Anne-Liese Stölting, die ihren Sohn mit drei Wochen zu den Eheleuten Sophie und Otto Flint in Pflege gab. Bei unserem ersten Gespräch gab William Clark, ich nenne ihn fortan William, dieses in mein Uher-Report 4200; in späteren Jahren wurden William und ich die besten Freunde. Aber nun zu diesem ersten Interview:

„Ich habe vor ungefähr vier Jahren meine Autobiographie angefangen, sie durchsetzt mit Ironie, Lebensfakten und ein Teil Bitterkeit, Trauer, Wut, Enttäuschung.

Es sind jetzt wohl vier Jahre vergangen und ich bin jetzt 76 Jahre alt. In zwei Monaten bin ich 77 und ich kann nicht mehr. Diese Flut von Erinnerungen überkommen mich und lassen mir keine Möglichkeit, da Ordnung reinzubringen. Ich meine Struktur!“.

Hier machte er eine Pause, schaute mich an und fragte, ob ich einen Tee trinken möchte, denn, so sagte er, pünktlich zu dieser Uhrzeit trinke er immer seinen Tee, Bünting-Grünpack. Ich nickte zustimmend, denn man muss wissen, ich liebe Bünting Grünpack, seit ich ihn immer bei meiner Oma auf Borkum getrunken habe. So rief William zur Küche hin: „Meda, min Deern!“ Aus der Küche rief es fragend zurück, – „koton-kwa , peanut-butter sauce und Fu-Fu?“.

„Meine mir angetraute Ehefrau, Meta Meier“, erklärte er. Und nun erschien auch die Ehefrau in das Studierzimmer. „Wi wüllen nu noch nich eeten, jümmers wat drinken“, sagte William. „Wöt jie noch een Kann Gröönpack“, woraufhin ich freudig nickte.

Seit einiger Zeit schon wollte ich ihn fragen, warum er seine ghanesische Ehefrau Meta Meier nennt, und dieser Augenblick schien mir passend, ohne aufdringlich zu wirken. „Ja, weißt du Hein Mück, ich habe Schwierigkeit ungewohnte Wörter auszusprechen; ich glaube Ärzte nennen es Lexographie.“

In diesem Augenblick fühlte ich, es wäre unpassend, ihn hier zu verbessern, denn wahrscheinlich meinte er wohl Dyslexia.

„Und wie, lieber Nordsee-Freund, ist Meta’s wirklicher Name?“

„Meda, komm mol eben röber un verklar Hein Mück wo du op twi heten deist,“rief er zur Küche hin.

„Ye fre me Wiredu“, rief sie aus der Küche.

William fügte erläuternd hinzu: „Wenn meine Frau Wiredu – ihr Twi-Vorname – in der Küche, nein, in ihrem Reich ist, dann ist es sehr, sehr laut. Besonders wenn sie mit Fischgerichten aufwartet. Enthauptungen, werden dann vorgenommen.

Meda“, sagte William , „wird es Meta geschrieben, jedoch niederdeutsch Meda gesprochen.“ Er sagte also: „Meda, nich groot wat koken“, woraufhin sie erwiderte: „Ik weer nen dübel doon un wat koken, kook du jümmers sölms wat.“

Es entspann sich, wie es in einer multikulinarischen Ehe immer so, ist ein Dialog, den William nach einer Weile beendete, indem er sagte: „Meda, min Deern wi kunnen man jümmers Tee drinken.“

„Mok wi“, klang es aus dem Reich der Sinne.

Frühe Kindheit

„William “, sagte ich ihn anblickend, „erzähl etwas über den Anfang, aus der frühesten Zeit, die du erinnern kannst.“

„Ich weiß nicht warum mir gerade dieser Heilig Abend in Erinnerung geblieben ist. Ich muss wohl vier oder fünf gewesen sein. An dem Abend war ich schon ganz aufgeregt. Muddi blieb in der Stube, die ich nicht betreten durfte; so nahm mich Vaddi bei de Hand und ging mit mir durch die Hinterhöfe, um den Weihnachtsmann zu suchen; denn, der musste ja am Heiligen Abend unterwegs sein. Lange gingen wir ums Eck, es war dunkel, keine Beleuchtung auf den Hinterhofwegen, aber Vaddi hielt mich an de Hand.

Was ich, lieber Hein, erst jetzt erfahren habe, warum Vaddi vor der Straße Lister Tief Nummer 69 kurz stehenblieb und zu einem beleuchteten Fenster schaute. Jetzt weiß ich, dass dort sein älterer Bruder mit seiner Frau wohnte. Sein Bruder Herbert, der am 1.Mai 1937 in die Partei, die NSDAP eingetreten war und Ottje Flint, Vaddi, im Keller des Gewerkschaftshauses von der SA zusammengeschlagen worden ist, während Muddi und andere Frauen auf der Straße davor standen und die Schreie ihrer Männer hörten. Übrigens hatte sein Bruder Herbert das gleiche Geburtsdatum wie ich, William Clark.

Jetzt verstehe ich warum „Onkel“ Herbert nie auf einer Familienfeier erschienen ist. Schweigen, Schweigen – Großes Deutsches Familienschweigen.

Als wir zurückkamen war der Tannenbaum geschmückt, Kerzen leuchteten und Wunderkerzen am Baum verteilt zischten ihre kleinschnellen Sprinkelsprühsternchen in unsere Stube.

Es klingelte und da war er, der Weihnachtsmann, weißer lockiger Bart, roter Mantel, Sack über der linken Schulter, in der rechten Hand eine Rute aus Weidenzweigen, und aus der Manteltasche lugte eine Liste (nach meinem heutigem Wissensstand, die Wunschliste der Kinder). Ich sagte, nachdem Muddi mir wohl mehrmals in den Arm kniff, den Spruch auf, den sie mich seit Tagen oft genug gelehrt hatte:

„Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an, stecke deine Rute ein – Ich will auch immer artig sein.“

Wenn ich es jetzt bedenke, was ich damals versprochen habe, muss ich ehrlich sagen: Ich hab mein Versprechen nicht gehalten. Konsequenzen? Ich hatte eine ganze Weile Angst vor dieser Konsequenz, aber ein guter Bekannter, ein Richter, dem ich dies erzählte, meinte ich sei zu dem Zeitpunkt nicht strafmündig gewesen und solle mir keine Sorgen machen. Aber seit diesem Tag wusste ich und trug es unter meinem Herzen – ich werde Schriftsäzzer. So lebe ich denn sorglos bis zum heutigen Tag.“

„Schriftsteller, wolltest du wohl sagen, William “, verbesserte ich. „Naja, so richtig auch nich, nur so’n bisschen“, meinte er. Wir beschlossen für den heutigen Tag unsere erste Gesprächsrunde zu beenden.

Wird fortgesetzt

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Über Harald Flint-Stölting

Harald Flint-Stölting, geboren 1949 in Ostfriesland als Sohn einer deutschen Mutter und eines farbigen US-Besatzungssoldaten, wuchs bei einer Pflegefamilie in Bremerhaven auf. Er war Bäcker, Schiffskoch und Taxifahrer, studierte Sozialpädagoge in Berlin in der Zeit der Studentenbewegung und arbeitete als Sozialarbeiter in London.

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