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Was waren, was taten „die mächtigen Vertriebenenverbände“?

Eine Erwiderung auf Alan Posener

Wie wird man mächtig in der Demokratie? Durch markige Sprüche und und öffentlich aufgeführte schlesische Volkstänze?

Mitnichten. Macht erlangt „man“ in der Demokratie durch das Aufstellen einer Interessenvertretung und deren Einzug in die Parlamente. Der 1950 in Schleswig-Holstein gegründete Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) zog noch im selben Jahr mit 23,4 % der Wählerstimmen in den dortigen Landtag ein. Das war noch wenig, angesichts der Tatsache, dass in jenem Jahr jeder zweite Einwohner Schleswig-Holsteins ein Vertriebener war.

Und wo in späteren Jahren der Flensburger Klempnermeister Rörich seinen Gesellen „Eckat“ losschickt, ob bereits „die Russen im Keller“ seien (Bild oben).

Auch in Hessen war der Vertriebenenanteil so hoch, dass der BHE 1950 in einer gemeinsamen Liste mit der FDP mit 31,8 % in den Landtag einzog. In Bayern errang er 1950 stolze 12,3 %.

Nicht überall gab es einen großen Vertriebenenanteil in der Bevölkerung. Die französische Besatzungsadministration hatte (bis 1949) gar keine Vertriebenen aufgenommen, das von Paris aus verwaltete Saarland sowieso nicht.

Bei der Bundestagswahl 1953 gewann der BHE deshalb bundesweit „nur“ 5,9 % der Stimmen. Aber immerhin, das genügte für den Parlamentseinzug. Adenauers CDU ging mit ihm eine Koalition ein, der BHE stellte zwei Minister.

Weitblickende Strategen in der SPD und der CDU warben später dem BHE die fähigsten Köpfe ab, was aber dessen Anliegen nicht zum Erliegen brachte. Es zog vielmehr auch in diese Parteien als deren Anliegen ein.

Was wollten „die Vertriebenen“ machen mit der Macht?

„Wiedergewinnung der Heimat“? Ach geh! Vertriebenenpolitiker vertraten zuvörderst eine soziale Bewegung. Vertraten ein Klientel, das bettelarm seinen Platz im Parlament erkämpft hatte und nun etwas haben wollte vom Frühstückstisch.

Mit beachtlichem Erfolg:

Das bereits 1952 erlassene Lastenausgleichsgesetz bestimmte, dass jeder, der noch verwertbares Vermögen besaß, die Hälfte (!) dessen Wertes in einen Lastenausgleichsfond, vor allem zugunsten der Vertriebenen und Geflüchteten, einzuzahlen hatte (§§ 16 bis 90),

Aus diesem Fond erhielten dann diejenigen, die alles verloren hatten, einen Ausgleich. Diese „Hauptentschädigung“ (§§ 243 ff.) wurde nach der Höhe des anerkannten Schadens und sozial gestaffelt gezahlt.

§ 246 gewährte den Grundbetrag nach Schadensgruppen.

In der Schadensgruppe 1, der Schäden bis 5000 RM erfasst, wurde fast der ganze Schadensbetrag als Lastenausgleich in DM berücksichtigt.

In der Schadensgruppe 30, der Schäden bis 2.000.000 RM erfasst,war ein Grundbetrag von 25.750, zuzüglich 10 % des 110.000 RM übersteigenden Schadensbeitrags vorgesehen.

Diese Beträge wurden dann noch nach anderen Regelungen des Gesetzes bezuschlagt (§ 248) oder gekürzt (§ 249)

Das Gesetz galt zunächst nur für diejenigen, die zum genannten Stichtag, dem 31. Dezember 1952, in der Bonner Republik Aufnahme gefunden hatten.

Die Anerkennung als „Sowjetzonenflüchtling“ nach § 3 des Bundesvertriebenengesetz – BVFG (Im Bild oben mein Nachweis meiner Eigenschaft als ein solcher.) eröffnete allerdings Lastenausgleichsansprüche über diesen Stichtag hinau.

Wenngleich auch auf dem Gebiet der Bonner Republik Menschen einen totalen Vermögensverlust wie z.B. im ausgebombten Hamburg erlitten hatten:  und anspruchsberechtigt waren: Hauptsächlich Vertriebenen und Flüchtlinge waren die Empfänger der Leistungen.

Was für eine gigantische Umverteilung von Vermögen!

Da wird doch jeder Marxist blaß vor Neid!

Und wirtschaftlich musste es endlich aufwärts gehen. Das oben schon genannte Bundesvertriebenengesetz – BVFG schuf umfangreiche Beweiserleichterungen für die Berufszugangsvoraussetzung als Arzt, Apotheker (§ 70), Handwerksmeister (§ 71) und sonstige Berufsabschlüsse.

Für diejenigen, die diese Abschlüsse nicht hatten erwerben können, gab es bevorzugte Unterbringungen in Ausbildungseinrichtungen ( § 78 Abs. II ) und es gab Kredite für Unternehmen, die Vertriebene einstellten ( § 79, § 72 Abs. 2 bis 3 ). Bei der Vergabe öffentlicher Aufträge waren Vertriebene bevorzugt zu berücksichtigen ( § 74 ).

Und dann noch die Kriegsheimkehrer

Aber nicht nur ca. 8 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene hatte die Bonner Republik unterzubringen, sondern auch 7 ½ Millionen bis 8 ½ Millionen heimkehrende Kriegsgefangenen. Die meisten von ihnen waren sehr jung und ohne berufliche Erfahrungen zur Wehrmacht eingezogen worden. Wer direkt vom Gymnasium an die Front gerufen war, verfügte über gar keine Berufsausbildung.

Ausbildungs- und Fortbildungsbeihilfen gewährte diesem Personenkreis das 1950 erlassene Heimkehrergesetz, HkG.

Und nicht nur nebenbei: Für in die alte Bundesrepublik freigekaufte politische Gefangene der DDR (also für mich) galten alle Regelungen des Gesetzes analog. Was wiederum eine Bundesbeauftragte für die Opfer der DDR-Diktatur offenbar nicht weiß.

Was bewirkten also „die mächtigen Vertriebenenverbände“?

Zuerst bewirkten sie, dass die Vertriebenen fest einwurzeln konnten in der neuen Heimat. Und dieses ist ein anderes Ziel als das Ziel einer Rückkehr. Es ist das Gegenteil.

Heimatweh? Vertriebenenschmerz?

Ach geh. Ab Ende 1947 hatten die Vertreibungen in zum Beispiel Polen sich in ihr Gegenteil verkehrt. 700.000 Deutsche in Oberschlesien wurden nun nicht mehr herausgelassen aus dem Land. Polen brauchte sie als Bergleute in den Kohlengruben, als Landwirte und Handwerker, als Arbeiter, die eine Volkswirtschaft nun eben braucht.

Der Begriff des „Spätaussiedlers“ beschreibt den Deutschen, der erst spät und nach langem Warten das „Vertreibungsgebiet“ verlassen durfte.

Joschka Fischer überraschte mich 1998 als Bundesaußenminister, als er sagte, seine Eltern, Vertriebene aus Ungarn, hätten den ganzen Tag von nichts anderem als dem Vertriebenenleid gesprochen. Und dabei seien doch sie es gewesen, die das große Los gezogen hatten. Und es sei doch die Tante gewesen, die nicht vertrieben wurde und in Ungarn blieb, die ganz tief in den Matscheimer griff.

Donnerwetter!

So viel Realismus hatte ich diesem Revoluzzer gar nicht zugetraut.

………………………………………….

P.S.:

Und was hat das alles mit den Arabern im Gaza zu tun?

Na jedenfalls war es unter uns Deutschen 1945 nicht mehrheitsfähig, die „Ungarndeutschen“ als Nicht-Deutsche einzutüten.

Als Österreicher zum Beispiel.

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Über Bodo Walther

Bodo Walther, geboren 1960 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt, studierte 1985 bis 1991 Rechtswissenschaften in Tübingen und Bonn. Er war aktiver Landes- und Kommunalbeamter in Sachsen-Anhalt, ist heute im Ruhestand und Anwalt in der Nähe von Leipzig.

2 Gedanken zu “Was waren, was taten „die mächtigen Vertriebenenverbände“?;”

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    „Festung Breslau“ – Buch von Paul Peikert, Pfarrer Zentrum-Partei-Abgeordneter. CDU/CSU sind die Nachfolgeparteien des Zentrums.
    „Printed in Poland, Zaklad Nwrodowy Ossolinskich – Wydamnictwo 2000, Drukarnia TINTA, Wroclaw“

    Paul Peikert, geb. 1884 war ab 1932 Erzpriester in Breslau.
    Peikert war ein entschiedener Anhänger der Zentrumspartei, die im Industriegebiet von Waldbrych ein Gegengewicht zu der kommunistischen und sozialdemokratischen Bewegung bildete.

    Nachfolgend wichtige Aufzeichnungen aus dem Tagebuch von Paul Peikert von Januar – Mai 1945
    Ich zitiere:

    …. setzte eine ungeheure Propaganda ein, auch die Grossstadtbevölkerung aus Breslau zu entfernen.
    Diese Propaganda arbeitete mit Schauermärchen über die Greueltaten der Bolschewiken, denen besonders die Frauen- und Mädchenwelt ausgesetzt sein würde. Dann wiederum wurde der schärfste Druck, ja sogar Terror ausgeübt, indem jede Familie von Abgesandten der Ortsgruppenleiter besucht und unter scharfen seelischen Druck gesetzt wurde, mit Kindern und älteren Leuten zu flüchten. Es wurde angedroht, dass die Zurückgebliebenen keine Lebensmittelkarten erhalten würden oder dass die betreffenden Häuserblocks, in denen sie wohnten, gesprengt würden. Es wurde sogar gedroht, wie mir zuverlässig berichtet wurde, dass unsere eigene SS unsere jungen Mädchen der Schändung preisgeben würde.
    Mir wurde berichtet, dass auf dem Hauptbahnhof allein gegen 60— 70 Kinder zu Tode erdrückt oder zertreten wurden. Wohin die Züge die ungeheure Zahl der Flüchtlinge gebracht haben, konnte bis heute nicht festgestellt werden.
    Das ganze Elend dieses furchtbaren Krieges erreicht wohl seinen Höhepunkt in der Zwangsevakuierung der Bevölkerung der östlichen Provinzen.
    Jetzt jedoch wurden die grossen landwirtschaftlichen Gebiete des Ostens zwangsweise evakuiert.
    Schon jetzt verhungern und erfrieren so viele Menschen unterwegs. Um die Bevölkerung zu beschwichtigen, um den Zorn und Unmut der Menschen über derartige Zwangsmassnahmen der Parteiführung zu beruhigen, bringt die Presse immer wieder eine Greuelpropaganda über angebliche Schandtaten der Russen an der wehrlosen Bevölkerung. Bis jetzt hat man fast allgemein gehört, dass die eindringenden Russen anständig gehandelt haben gegen die Bevölkerung der besetzten Städte und Ortschaften. Sie fahnden nur nach den Parteigrössen, die allerdings nichts Gutes zu erwarten haben. Was aber hat auch diese Partei für ein namenloses grauenhaftes Elend über das deutsche Volk gebracht? Es mögen vielleicht einzelne Fälle barbarischer Taten seitens der Russen vorkommen, jedoch denken wir daran, was seitens unserer Waffen-SS und Gestapo gegen die Überfallenen Völker geschehen ist. Denken wir an deren Greueltaten und unmenschliche Grausamkeiten gegenüber den eigenen Volksgenossen in den Konzentrationslagern. Denken wir an die Massenmorde an der jüdischen Bevölkerung aller Länder. Denken wir an die unmenschliche Grausamkeit gegen die Bevölkerung der überfallenen Völker. Darum war es auch nur möglich, die ländliche Bevölkerung durch brutalen Zwang, oft mit vorgehaltenem Revolver, zu solcher Verzweiflungstat zu zwingen und durch eine Bolschewistenpsychose, in die eine unverantwortliche Greuelpropaganda besonders die Frauenwelt versetzte. Die Zwangsevakuierung ist eine Völkerwanderung unerhörten Ausmasses, die Verzweiflungstat einer von jedem Sittengesetz losgelösten Staatsführung und die Elendsbilanz eines zwölfjährigen Hitlerregimes.
    Wenn die Russen etwas derartiges auf unseren Friedhöfen angerichtet hätten, da würde eine Greuelpropaganda einsetzen unerhörter Art. Jedoch ich glaube, die Russen würden das gar nicht in dieser Weise fertiggebracht haben, wie es deutsche Gründlichkeit an dieser Stätte des Todes besorgt hat.
    Die Verluste der Zivilbevölkerung während der Belagerung werden von Festungsärzten auf etwa 80 000 Personen geschätzt.
    Diese Evakuierung wird von Seiten der Waffen-SS mit einem unerhörten Terror und Zynismus vorgenommen. Mit vorgehaltenem Revolver — so geschieht es tatsächlich — werden die zurückgebliebenen Menschen gezwungen unter Zurücklassung ihres ganzen Hausrates zu flüchten, während der Revolver vorgehalten wird, sucht ein anderer — so ist es tatsächlich geschehen — nach den Wertsachen unter dem Hausrat, um sich das Wertvollste anzueignen.
    Den zurückkehrenden Eigentümern in ihre Landhäuser nach Leerbeutel, Zimpel, Bischofswalde bieten sich grauenhafte Bilder des Raubes, des Diebstahls und der Verwüstung durch unsere eigenen Soldaten.
    Die Frau sagte mir, nicht die Russen fürchtet sie. sie fürchtet die eigenen Deutschen. Sie glaube nicht, dass der Russe so unmenschlicher Regungen fähig sei.
    Aus aller Lippen kann man fast hören, dass unsere Feinde nicht die Russen sind, sondern dass unser grösster Feind die Partei sei.
    Ohne die Zwangsevakuierten, die noch in Breslau sind, zu benachrichtigen, dringt man in die Wohnungen ein, wirft alle noch vorhandenen Möbelstücke, Gefässe, Bilder und anderen Hausrat auf die Strasse hinunter. Auch religiöse Gegenstände, Familienandenken, die dem Einzelnen so teuer sind, alles wird auf die Strasse geworfen, u.a. auch die jetzt so kostbare Wäsche. Auf der Strasse wird alles übergossen mit brennbarem Stoff und bald lodern die Feuer auf. Wahrscheinlich soll diese Strassenseite zum Unterschlupf dienen für die kämpfenden Soldaten.
    Ja wirklich, hier erreicht der Militarismus seinen Höhepunkt. Das ist Zerstörungswahn….

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      Hoch interessant. Leider waren die „Gräuelmärchen“ über die Russen wahr. Allein in Berlin wurden zwischen Frühsommer und Herbst 1945 110.000 Frauen von sowjetischen Soldaten vergewaltigt. Lew Kopelew hat in „Aufbewahren für alle Zeit“ die Verbrechen der Roten Armee in Ostpreußen geschildert. Verbrechen, von denen man in Breslau natürlich gehört hatte. Da brauchte die SS nicht viel zu übertreiben. Und es stimmte ja auch: Breslau lag in dem Gebiet, das zur ethnischen Säuberung vorgesehen war, um die aus Ostpolen (heute Weißrussland und die Ukraine, z.T. Litauen) vertriebenen Polen wiederanzusiedeln. Da gibt es nichts zu beschönigen.

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