Ein Beitrag zum 100. Geburtstag einer Diva

Als eine ungeheure Vertiefung unserer Wahrnehmung erschien Walter Benjamin der Film. Vergleichbar nur mit der Bedeutung von Freuds Klassiker Psychopathologie des Alltagslebens mit seiner bahnbrechenden Interpretation scheinbar nebensächlicher Fehlleistungen und Ticks. Mit seinen Techniken wie etwa Zeitlupe, Zeitraffer sowie mikroskopischen close ups rücke der Film das „Optisch-Unbewusste“ erstmalig ins Licht des Bewusstseins.
Dies mag der Hintergrund sein, warum der Medienwissenschaftler Hektor Haarkötter seinen Beitrag zum Marilyn-Jubiläumsjahr in Form eines Drehbuches gestaltet hat, das einen blinden Fleck in der Beziehung Marilyns zu ihrer Therapeutin Anna Freud ausleuchtet. Kurz nach der Hochzeit mit dem Dramatiker Arthur Miller begibt sich Marilyn im Sommer 1956 für Dreharbeiten nach London. The Prince and the Showgirl soll entstehen – eine Rolle, die sie ein weiteres Mal auf das Klischee festlegt, das längst zu ihrem globalen Branding gehört.
Doch hinter den Kulissen der Filmset-Routine spielt sich eine weitaus faszinierendere, psychologische Dynamik ab. Geplagt von Versagensängsten und dem enormen Druck der Öffentlichkeit sucht Monroe die Nähe einer der prägendsten Figuren der damaligen Psychoanalyse: Anna Freud.
Haarkötters Rekonstruktion dieser bislang unterbelichteten Episode fußt auf akribischer Recherche: Er wertet Archivmaterial, Briefe und zeitgenössische Berichte mit wissenschaftlicher Präzision aus. Diese Vertrautheit mit den zeitgeschichtlichen Details ist es, die seiner Doku-Fiction ihre Plausibilität verleiht. Die Wiedergabe der intimen Couch-Gespräche, in denen Monroe offen über ihre Traumata, ihre Identität und eben auch über ihre Sexualität spricht, ist geschickt in den historischen Kontext jener Tage montiert.
Ungeschützt begibt sich der Autor dabei zwischen alle Fronten: So befasst sich Haarkötter etwa mit einigen Klassikern des Freud-Bashings. War das Konstrukt einer Krankheit namens „Hysterie“ ein Komplott alter weißer Männer zur fortgesetzten Unterdrückung der Frau? Oder war es vielmehr umgekehrt ein erster Weg, bislang unergründete Symptome nicht mit untauglichen Mitteln wie Elektroschocks zu behandeln, sondern mit der Bewusstmachung mittels einer talking cure? Diese Kontroverse wird vom Autor mit einer Nonchalance und Schnoddrigkeit abgehandelt, die dazu angetan ist, die Vertreter*innen beider unversöhnlicher Lager gegen sich zu mobilisieren.
Das close up auf diese in Zeitlupe erzählte Episode erhellt den blinden Fleck einer einzigen Woche im Leben der Ikone, die zu den bekanntesten Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts zählte. Haarkötter vertieft unsere Wahrnehmung der „echten“ Marilyn, einer intellektuellen und hochgradig sensiblen Frau. Anna Freud fungiert dabei als kongeniale Resonanz, deren anfängliche Skepsis gegenüber dem Hollywood-Export einer tiefen psychologischen Einsicht und schließlich, so Haarkötter, gar der Liebe weicht. Dabei ist diese Geschichte so leichtfüßig erzählt, dass der Band noch als sommerliche Strandlektüre taugt – oder als Drehbuch für die nächste Netflix-Dokufiction.
Hektor Haarkötter – Marilyn Monroe liegt auf der Couch. Sieben außergewöhnliche Tage mit Anna Freud. Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2026. 212 Seiten. 28.-€